Zur Ausgabe
Artikel 41 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KIRCHE / TÜRME Wie so ein Kamin

aus DER SPIEGEL 39/1968

Ein deutscher Kirchenmann will ein Glaubenssymbol abschaffen: den Kirchturm. Der »Finger Gottes«, so proklamierte der Münchner Oberkirchenrat Dr. jur. Werner Hofmann, 37, unlängst, habe »keine sinnvolle Funktion mehr«.

* Die katholische Kirche Maria Regina Martyrum in West-Berlin.

Denn, so argumentiert der Rechts- und Finanzreferent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, »die überragende Stellung des Kirchlichen kann heute nicht dadurch dokumentiert werden, daß sie überragende Bauwerke errichtet, sondern höchstens durch Argumente«. Und überdies wirkten die Türme von Kirchenneubauten zwischen den Hochhäusern der Großstädte ohnehin »meistens wie so ein Kamin

Der Turm-Tilger empfiehlt den Kirchenbauherren als zeitgemäßes Äquivalent, an Stelle Von aufwendigen Gottesfingern (Kosten je nach Ausführung: 150 000 bis 250 000 Mark) beispielsweise Kindertagesstätten zu errichten -- ein Vorschlag, der in Hofmanns Amtsbereich bereits realisiert wird:

Die evangelische Gemeinde in München-Sendung beschloß, statt 150 000 Mark für einen Kirchturm nur 30 000 Mark für einen einfachen sogenannten »Glockenträger« auszugeben. Die gesparte Summe soll beim Bau eines Kindergartens verwendet werden. Hofmann zu dem Sendlinger Turm-Verzicht: »Eine Kirche braucht deswegen nicht wie eine Scheune auszusehen.«

Tatsächlich waren Türme keineswegs immer unabdingbare Bauelemente christlicher Gotteshäuser: Bis ins neunte Jahrhundert waren alle Kirchen turmlos.

Damals wurden in Italien die ersten Glockentürme (Campaniles> gebaut. Wenig später fingen die Deutschen an, Türme auf ihre Kirchen zu setzen, und während der Spätgotik begann dann ein wahres Turm-Wettbauen. Je höher man baute, desto näher wähnte man sich Gott.

Es entstanden meisterhafte Monumentalbauten wie der allerdings erst im 19. Jahrhundert vollendete Kölner Dom (160 Meter hoch) und das ebenfalls erst im vorigen Jahrhundert fertiggewordene Ulmer Münster, mit einem 162-Meter-Turm Europas höchster Sakralbau.

Daß der Turm zur Kirche gehört wie die Kirche ins Dorf, meinen auch heute hoch die meisten Kirchenmänner. Und so führte der Hamburger Architekt Gerhard Langmaack auf der Evangelischen Kirchenbautagung 1957 in Berlin über die Funktion des Turmes aus: »Wir wissen, daß ihm ... das Moment des Ordnens zusteht ... Wir wissen, daß ihm das Moment des Rufens zusteht ... Wir wissen, daß ihm auch das Moment des fröhlichen Verheißens inmitten der Welt zusteht, indem er durch seine Gestalt das Hinaufjubeln und den Lobgesang glaubhaft zu machen versucht.«

Hofmann findet diese für viele Kirchen-Architekten nach wie vor verbindliche Proklamation »eine rein pseudotheologische Auslegung«. Hofmann: »Hier kommt der 'Finger Gottes' zum Ausdruck ... Ich würde aber sagen, heute zeigt er nach Biafra.«

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel