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Wie Sokrates

aus DER SPIEGEL 12/1964

Zweiunddreißig Jahre lang war Robert Hans Günther Havemann Kommunist, siebzehn Jahre lang Professor in Ostberlin. Letzten Freitag wurde er von seiner Partei verstoßen, von seiner Regierung aus dem Lehramt gejagt.

Damit wurde der 54jährige Träger des sowjetzonalen »Nationalpreises« und des »Vaterländischen Verdienstordens« zum dritten Male aus politischen Gründen gemaßregelt:

▷ 1943 verhaftete ihn die Gestapo wegen Widerstandes gegen das NS-Regime. Das Todesurteil des Volksgerichtshofes überlebte der Kommunist Havemann, weil der Chemiker Havemann im Labor des Zuchthauses Brandenburg unentbehrlich schien.

▷ 1948 enthoben ihn die Amerikaner seines Direktorenpostens im Westberliner Kaiser-Wilhelm-Institut, weil er kommunistische Parolen verbreitete.

Über eineinhalb Jahrzehnte lang war der renommierte Gelehrte seinen proletarischen Spitzengenossen nützlich gewesen. Seit dem Gründungstage gehörte er dem Kulturbund, dem Friedensrat und der Volkskammer an. Bei Albert Schweitzer in Lambarene und in Westberliner Bierlokalen warb er für Partei und Staat. Adenauer wünschte er als »den Großvater aller Füchse zum Teufel«, Stalin lobte er einst als »den größten Wissenschaftler unserer Zeit«.

Der Aufstand am 17. Juni 1953 in der DDR war für Havemann eine »Provokation«, und über seine gelehrten Kollegen in der Bundesrepublik berichtete der Ostberliner Professor für physikalische Chemie, sie seien »schon wieder in der gleichen Situation wie 1933« und dürften sich in ihrem »angeblich so freien Land nicht frei äußern«.

Eine freie Äußerung Havemanns genügte den SED-Oberen in der vergangenen Woche als Anlaß, ihm den Lehrstuhl abzunehmen. Havemann habe sich - so das DDR-Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen - »mit seinen Veröffentlichungen in der Westpresse ... vor den Karren jener Kräfte spannen lassen, die gegen die DDR den kalten Krieg und eine ununterbrochene großangelegte Hetzkampagne führen«.

Die »Westpresse«, auf die das DDR-Staatssekretariat anspielte, war durch einen Nichtjournalisten repräsentiert worden: durch das Hamburger SPD-Mitglied Karl-Heinz Neß, 31. Am 6. März dieses Jahres stellte sich Neß in Havemanns Ostberliner Universitätsinstitut als Jurist vor, offenbarte aber journalistische Ambitionen: Er wolle über sein Gespräch mit Havemann berichten.

Freimütig erläuterte der SED-Professor dem SPD-Gast die Ansichten, die er in Vorlesungen an der Humboldt-Universität vertreten hatte. Der Hamburger machte sich Notizen und ließ sich einzelne Äußerungen »teils dem Sinne nach, teils wörtlich bestätigen« (Neß). Nach zwei Stunden transportierte der Ost-Chemiker den West-Juristen in einem »Wartburg« ab.

Daheim in Hamburg machte Neß aus dem Zwei-Stunden-Gespräch ein »Interview« mit zwölf Fragen und 98 Zeilen Havemann-Antworten, die er aus seinen Notizblättern auslas, und gab den gerafften Dialog an das Hamburger SPD-»Echo am Abend«. Dort erschien das Kurzinterview unter der Spitzmarke »Der große Bericht«. Havemanns wichtigste Antworten laut Neß:

▷ »Den Bürgern der DDR muß mehr Freiheit gegeben werden, als sie Bewohner westlicher Länder genießen ... Wäre man von vornherein diesen Weg gegangen, hätte die DDR-Führung sich manches ersparen können.«

▷ »In der DDR denken die meisten kommunistischen Funktionäre dasselbe, was ich gesagt habe. In den anderen sozialistischen Ländern sprechen sie es auch aus.«

Der Text schlug »wie eine Bombe« ("Echo am Abend") ein: Er wurde von fast allen deutschen Zeitungen ausführlich zitiert. Interview-Autor Neß selbst wurde von deutschen und englischen Rundfunkreportern interviewt.

Vergebens distanzierte sich Havemann von dem »angeblichen Interview«, das er »in dieser Form nicht gegeben« habe: Seine wachsamen Genossen im Politbüro und im Staatssekretariat nutzten die Chance, den bei Studenten und Genossen beliebten Professor mundtot zu machen und die DDR-weite Debatte über seine Thesen zu stoppen.

Dazu hatten sie sich nicht entschließen können, solange Havemanns Kritik DDR-intern geblieben war. Gerügt hatte der Politbüro-Kandidat Horst Sindermann die Havemann-Kollegs, zu denen monatelang jeden Freitag Studenten auch aus Leipzig und Jena nach Ostberlin kamen, schon Anfang Februar. Ein Film, den die sowjetzonale Defa bei der letzten Havemann-Vorlesung im Januar gedreht hatte (siehe Photo), verschwand deshalb im Archiv.

Havemann-Kritiker Sindermann hatte sich allerdings kaum an den Text des Partei-Kritikers Havemann gehalten.

▷ Havemann: Der »dialektische Materialismus« müsse »zu voller Wirkung gebracht« werden. Er sei »die höchstentwickelte Form der Philosophie unserer Zeit«. Sindermann: »(Havemanns) Vorlesungen gipfeln in der Schlußfolgerung, daß . . . der dialektische Materialismus über Bord gehen müßte.«

▷ Havemann: »Der XX. und der XXII. Parteitag der KPdSU waren große entscheidende Schritte auf (dem) Wege zur Wiederherstellung der sozialistischen Demokratie.« Sindermann: »(Havemann) geht an den tiefgreifenden Veränderungen vorbei, die mit dem XX. und XXII. Parteitag der KPdSU eingeleitet wurden.« In einem Kommentar zur Sindermann-Rede sagte Hanna Wolf, Direktorin der SED-Parteihochschule, das Schicksal Havemanns voraus: »Warum müssen wir zulassen, daß er wie Sokrates - er ist nicht so klug wie Sokrates - unsere Jugend verdirbt?«

Fünf Wochen später wurde dem roten Sokrates der Giftbecher gereicht.

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