Zur Ausgabe
Artikel 19 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Wie soll die Staatsvitrine aussehen?

SPIEGEL-Redakteur Karl Heinz Krüger über den Hauptstadt-Planer Helmut Kohl *
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 46/1986

Bonn baut: Das klingt wie ein Witz, über den keiner mehr lachen kann. Zu lange haben die Bonner mit immer neuen Planungen das Volk erst aufgeregt, dann hingehalten und schließlich angeödet.

Man ist auch Helmut Kohls überdrüssig und seiner Äußerungen über Zeitgeschichte. Zu oft hat sich der Bundeskanzler zum Narren gemacht.

Und doch verdienen die Hauptstadtplaner von Bonn und der Chefhistoriker Kohl die Aufmerksamkeit aller. Die Nachrichten sind alarmierend. Sie lauten: Kohl baut. Da gibt es nichts zu lachen. Der Patriot gibt kein Pardon. Der Kanzler will partout Geschichte machen - und sei's als Bauherr.

Auch als Bauherr schwebt der Kanzler über den Niederungen des politischen Alltags. Er ignoriert den Streit um das Parlament, um den Plenarsaal und die Bundestagsneubauten für nunmehr 450 Millionen Mark; den überläßt er den Fraktionen (in denen die Rechte nicht weiß, was die Rechte tut). Er schert sich auch nicht um die An-, Um- und Neubauten der Ministerien, diese traurigen Beamtenbehälter für weitere 700 Millionen Mark. Profanes Zeug.

Kohl hat Höheres, das Ewige im Sinn, will der Hauptstadt »angemessene Bauten zukommen lassen«, will Staat machen im Regierungsviertel. Das Schlimme dabei ist: Er will es nach seinem Geschichts- und Kunstverstand.

Das Regierungsviertel bekommt ein neues »Zentrum«, das hauptsächlich aus einem Vakuum am Bundeskanzleramt besteht, einer »parkartig zu gestaltenden« Freifläche zwischen dem Bundeshaus und der B 9 (Adenauerallee). An den Rändern sollen »einerseits das Regierungshandeln« und »andererseits die historischen Wurzeln und kulturellen Zeitströmungen«

(Bundesbaudirektion) deutlich werden.

Für diesen Komplex und andere Projekte hat Kohl »Prioritäten« gesetzt:

Direkt an der Adenauerallee, in Sichtweite zum Kanzleramt, soll das »Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland« entstehen, erklärtermaßen als »Schaufenster des Staates« und als Vehikel für die »politische Bildung«. Am Ideenwettbewerb haben sich 170 Architekten beteiligt; das Preisgericht tagt Ende November.

Gleichfalls diesen Monat wollen die Preisrichter endgültig über die Entwürfe für die »Kunst- und Ausstellungshalle des Bundes« entscheiden, die zwei Blocks weiter südlich errichtet werden soll, mit dem Zweck, »den geistigen und kulturellen Reichtum der Bundesrepublik darzustellen«.

Schon fast vollständig abgerissen ist das Sanierungsobjekt Hotel Petersberg, das als vertraute Kulisse wiedererstehen soll, als Gästehaus der Bundesrepublik wird es dann, so Bauminister Oscar Schneider, zu den eindrucksvollsten Bonner Staatsbauten zählen«.

Schreckliches droht in der Rheinaue, wo die »Zentrale Mahn- und Gedenkstätte für die Toten der Kriege und der Gewaltherrschaft« vorgesehen ist. Kommenden Sonntag, am Volkstrauertag, werden die Traditionsverbände der Republik Kanzler Kohl an sein Versprechen erinnern, er wolle die Errichtung des Mahnmals »in jeder Weise fördern«.

Kohl spart nicht mit großen Worten, sobald er von seinen Topvorhaben dem Haus der Geschichte und dem Mahnmal, spricht dann quillt er über vor Erbe Würde, Versöhnung, Solidarität. Doch beide haben in der Republik eine Kluft aufgerissen, sorgen für böses Blut, provozieren Protest und Widerstand - zu Recht: Es sind die peinlichsten Projekte in der an Peinlichkeiten gewiß nicht armen Bonner Planungspolitik.

Aber der Kanzler und seine Freunde sind nicht zu bremsen. Kohl & Co. betonen bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Dringlichkeit ihrer Staatsbauten.

Das Mahnmal »muß jetzt endlich Gestalt annehmen«, so der Kanzler. Das Haus der Geschichte, »ist auf den Weg gebracht«. Die Kunsthalle solle »ohne Verzug zur Bauphase kommen«.

Dabei ist die Kunsthalle ein ganz alter Hut. Sie wird seit einem Vierteljahrhundert gefordert und diskutiert. Vor allem die Länder blockierten den Bau; sie pochten auf ihre Kulturhoheit und drohten mit der Verfassung.

Sie gaben nach, als die Bezeichnung korrigiert, als aus der »Bundeskunsthalle« eine »Ausstellungshalle in Bonn« wurde, die inzwischen aber wieder, unbeanstandet, »Kunst- und Ausstellungshalle des Bundes« heißt: deutsche Kulturpolitik.

Die Halle bildet, gemeinsam mit dem gleichfalls noch zu errichtenden Städtischen

Kunstmuseum, einen Komplex an der Friedrich-Ebert-Allee. Das Museum soll »Schatzkammer«, die Halle »Markt und Forum« sein. Auf dem »Markt« sollen Bund, Länder und Gemeinden wechselnde Ausstellungen veranstalten, das »Forum« ist für einen »Dialog zwischen Kultur und Politik« gedacht. Essentielle Forderung beim Architektenwettbewerb: »Angemessene Vorfahrt für Staatsbesuche«.

Von den insgesamt 40 geladenen Architekten erteilten die ausländischen Stars Richard Meier, James Stirling und Kenzo Tange den Bonnern eine Absage; sie waren an der Gestaltung einer Markt-Halle wohl nicht interessiert. Die drei Sieger mußten nachsitzen; auch an ihren Entwürfen hatten die Preisrichter zu mäkeln.

Bei dem Wiener Gustav Peichl befremdeten Spitztürme auf dem Dach »durch ihre morgenländische Erscheinungsform«, so die Jury. Bei dem Hamburger Gespann Gerkan-Marg sei das Gebäude »lediglich als Dach und nicht als erfahrbarer Baukörper« dargestellt worden. Der IBA-Designer Josef Paul

Kleihues habe sogar die wichtigste Vorgabe ignoriert: Sein Entwurf »verzichtete bewußt darauf, Kunstmuseum und Kunsthalle zu einem geschlossenen Ensemble zu gestalten«.

Da darf man auf das Ergebnis jenes anderen Wettbewerbs gespannt sein, der Ende des Monats entschieden werden soll, des Ideenwettbewerbs für das »Haus der Geschichte der Bundesrepublik«. Da hatten die Teilnehmer kaum architektonische Auflagen zu berücksichtigen, um so mehr aber ein Ideenpapier mit »Überlegungen« aus Friedrich Zimmermanns Innenministerium, ferner ein »Gutachten« und die Marginalien einer dem Kanzler ergebenen Historiker-Riege (Bracher, Hillgruber, Morsey, Schwan, Stürmer).

Wie mag, in der Phantasie der Architekten, eine solche Staatsvitrine aussehen? An ihrem vorläufigen Sitz in der Kurt-Schumacher-Straße begnügt sich die Stiftung noch mit einer Ausstellung einigermaßen paritätisch geklebter Wahlkampfplakate. Verräterischer ist schon das Vademekum aus dem Innenministerium, das den Architekten als Denkhilfe verpaßt wurde.

Kohls Traumhaus, heißt es da, sei »gewidmet der Geschichte unseres Staates und der geteilten Nation«. Es soll ein »Schaufenster des Staates« sein. Es soll »Kenntnisse vermitteln«, damit »das Geschichtsbewußtsein der Bürger gefördert und gefestigt« werde. Es »erhebt nicht den Anspruch einer umfassenden und vollständigen Dokumentation«. Vielmehr sollen »Schwerpunkte unter dem Vorzeichen der politischen Bildung gegenwartsorientiert vertieft« werden - offenbar solche: »die immer lauter werdende Forderung nach einer Wende« (so das Historiker-»,Gutachten").

Bonnoir. Da sehen nicht nur Rote und Grüne schwarz.

Sozialdemokraten und Alternative blieben denn auch demonstrativ fern, als sich letzten Monat unter dem Vorsitz von Bauminister Schneider das Kuratorium konstituierte. Sie sehen keine Chancen für sich und ihre Wähler in dem rechtslastigen Gremium, das sich aus je sechs Vertretern von Bundesregierung und Bundestag sowie der Länderregierungen zusammensetzen soll.

Ihre Empörung hat guten Grund: Kohls Nationalmannschaft zieht das schwarze Haus zielstrebig auf administrativem Wege durch, unter Umgebung des Parlaments - als handele es sich um ein Stück Autobahn (Spatenstich: 1988; Übergabe: 1991).

Ähnlich rigoros würden Kohl und seine Hiwis am liebsten auch ihr anderes Paradestück betreiben: das Mahnmal am Rhein. Tatsächlich denkt Oscar Schneider längst über einen Ideen- und Gestaltungswettbewerb nach. Aber das wagen die Unionschristen denn wohl doch nicht: sich über eine Öffentlichkeit hinwegzusetzen, die auf das Vorhaben - in

der geplanten Form - betroffen und erschrocken geantwortet hat.

Kohl will, das ist klar, eine erhebende Kranzablage für das Staatsprotokoll. Er will aber auch, und das ist ebenso klar, ein für allemal Schluß machen mit dieser leidigen deutschen Vergangenheit. Er will sein Bitburg nun auch in Bonn.

Das provisorische Mahnmal auf dem entlegenen Bonner Nordfriedhof ("Den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft") mißfiel auch anderen Kanzlern. Die Stadt schlug dem Bund deshalb ein »Friedensmal« im Regierungsviertel vor - eine »neutrale Platte, an der alle Besucher dem Protokoll genügen« könnten.

Das schlichte Unterfangen alarmierte die Traditionsverbände; sie verlangten, jeder auf seine Weise, ihr Walhalla und Tannenberg. Pommern und Schlesier wollten ein »Mahnmal der Vertreibung« ("Für jede geraubte Provinz einen Turm"), Soldaten und Heimkehrer ein Kriegerdenkmal. Und dann passierte das Malheur: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge veröffentlichte ein »Aide-memoire«, das sich der Kanzler sofort zu eigen machte.

Federführend für die Verbände der Soldaten, der Kriegsopfer und der Heimkehrer, forderte der Volksbund (dem auch die Veteranen der Waffen-SS angehören) einen »Ort nationaler Besinnung und Identität«, eine »nationale Ehrenstätte«. Das sei nicht nur »ein Gebot der Pietät«; der Volksbund wolle damit auch »der Geschichtslosigkeit unserer Zeit entgegenwirken und einen Beitrag für die Identität unseres Volkes erbringen«.

Design-Vorschlag: 10000 Quadratmeter »für das Staatsprotokoll unter freiem Himmel«; in einer Gedenkhalle als »verbindliches Zeichen« eine »maßstäblich überzogene Dornenkrone, schwebend«. Unabdingbar: »Elemente der Weihe«.

Kohl fühlte sich angesprochen - als Staatsmann, als Christ. Eilfertig erweiterte der Kanzler den zu ehrenden Personenkreis: Ein »gemeinsames würdiges Mahnmal« müsse her für die »Opfer der beiden Weltkriege, der Gewaltherrschaft, des Rassenwahns, des Widerstandes, der Vertreibung, der Spaltung, des Terrorismus«.

Ein Mahnmal für Juden und Soldaten der Waffen-SS? Dieselbe Schleife für Anne Frank und Hanns-Martin Schleyer?

Verfolgte und Hinterbliebene von Widerstandskämpfern verwahrten sich gegen den Versuch, auf diese Weise die Vergangenheit zu entsorgen: »Wer auch die gefallenen Täter ehrt, verhöhnt deren Opfer.«

Die Jüdische Gemeinde sah sich zudem zutiefst verletzt durch die Zumutung der Dornenkrone: Dieser »böse Zynismus« mache es Juden »völlig unmöglich, an diesem Mahnmal auch nur vorbeizugehen«.

Helmut Kohl aber dankte - öffentlich, feierlich - dem Volksbund für seine Initiative, ohne sich von der Brüskierung des jüdischen Volkes zu distanzieren.

Spätestens das »obszöne Unternehmen« von Bitburg (im Mai 1985) hat Jürgen Habermas zu der Diagnose veranlaßt, daß dieser Kanzler, nach seinem geistigen Zuschnitt, »besonders ungeeignet« sei für Aufgaben, die die Identität des ganzen Volkes betreffen. Außerdem seien sie nicht Sache des politischen Systems.

Habermas' Empfehlung: »Die Öffentlichkeit sollte sich geistig-moralische Führung durch den höheren Dienst verbitten.«

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.