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Costa Rica Wie Tarzan im Busch

Eine Seilbahn transportiert Touristen durch den Regenwald - Ökotrips durch die grüne Hölle.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Sanft taucht die kleine Gondel in das Grün der Baumkronen. Die Urlauber verstummen respektvoll, 20 Meter über dem Erdboden gleiten sie durch eine fremdartige Welt.

Lautlos schwebt das Gefährt zwischen Bäumen mit Stacheln wie Pfeilspitzen. Kilometerlang ranken sich Lianen durch den Dschungel. Im dichten Grün blitzen feuerrot Brennende Lippen auf - Urwaldblüten, die Frauenmündern gleichen. Riesenameisen, lang wie Streichholzschachteln, krabbeln über die Zweige. »Ihr Biß schmerzt tagelang und kann Menschen in den Wahnsinn treiben«, versichert Urwaldführer Marvin.

Sein Walkie-talkie wispert. Über einer Lichtung schwingt die Gondel leise aus. »Tukane«, flüstert Marvin und weist auf einige mächtige Schnabelvögel in der Ferne. Die Besucher zücken aufgeregt die Feldstecher.

Marvin behält unterdessen das Laubwerk unter den Touristen im Auge. Eine graue Schlange hat sich auf einem großen Blatt zusammengerollt. »Eine Lanzenotter«, warnt der Experte. »Ihr Biß tötet in zwei Stunden.« Die Besucher empfinden es als beruhigend, daß die Zivilisation nicht weit entfernt ist: Ein knapper Befehl mit dem Walkie-talkie genügt, um die Gondel im Notfall zu beschleunigen.

Bislang war es nicht nötig, die erste Urwaldseilbahn der Welt in Höchstgeschwindigkeit durch den Dschungel zu treiben, um einen Schlangenbiß zu behandeln. Tropischer Regenwald sei nicht zum Anfassen, schärfen die Führer ihren Gästen ein.

»Ich sorge mich nur, daß mal ein Tourist abstürzen könnte«, sagt Donald Perry. Behaglich rekelt sich der Erfinder der Urwaldseilbahn auf der Bank einer Gondel. Ringsherum dampft der Dschungel. Aufgeregte Besucher könnten schon mal aufspringen vor Begeisterung über einen Kolibri oder ein paar Brüllaffen und über Bord fallen, befürchtet Perry.

Seine »Don Perry Aerial Tram« bietet den ersten komfortablen Ökotrip durch den Dachstuhl der grünen Hölle: Die Besucher schweben über eine 2,6 Kilometer lange Strecke nahezu unberührten Regenwalds.

»Viele Touristen halten den Regenwald für eine Art Zoo«, sagt Perry. »Doch die meisten Tiere und Pflanzen leben über der Erde und sind vom Boden aus kaum zu sehen. Auf Wanderungen erleben die Urlauber daher nur einen Bruchteil des biologischen Reichtums, den der Dschungel bereithält.«

Frustrierte Amazonas-Touristen können das bezeugen: Stundenlang stapfen sie auf schlammigen Pfaden durch den Regenwald, aber die Begegnung mit der tropischen Fauna beschränkt sich zumeist auf einige Moskitostiche. Die scheuen Säugetiere bekommt der neugierige Eindringling nicht zu sehen, und die bunten Vögel und Schmetterlinge tummeln sich in den oberen Stockwerken des Waldes.

In der tropischen Wipfelwelt kennt Perry sich aus wie kein anderer. Anfang der siebziger Jahre war der Biologe aus Kalifornien zum erstenmal nach Costa Rica gekommen. Perry entwickelte ein eigens patentiertes System, um das Blätterdach zu erforschen: An einem ausgeklügelten Netz aus Seilen und Rollen hangelte er sich wie Tarzan von Baum zu Baum. Auf einer Plattform übernachtete er in den Zweigen, um das Leben in den Baumkronen zu erforschen.

Er schrieb ein Buch über seine Erfahrungen und veröffentlichte zahlreiche Reportagen. Freunde und Bekannte bedrängten ihn, sie auf seine Baumhütte mitzunehmen. So reifte die Idee, eine Seilbahn durch das Blätterdach zu bauen, die Reisenden die Möglichkeit bieten sollte, Fauna und Flora zu beobachten, ohne sie zu beschädigen.

Eine Autostunde von der Hauptstadt San Jose entfernt, am Rande des Nationalparks Braulio Carrillo, fand der Amerikaner die Landschaft, die er suchte: 450 Hektar Regenwald mit sechs verschiedenen Ökosystemen.

Die Voraussetzungen schienen ideal: Keine Region weist auf so kleinem Raum eine so reiche Artenvielfalt auf wie Costa Rica. Der mittelamerikanische Kleinstaat ist eines der niederschlagsreichsten Länder der Erde. Das Land ist politisch stabil, relativ preiswert und nur zwei Flugstunden von Miami entfernt.

Zehntausende Ökotouristen aus aller Welt strömten in den vergangenen Jahren in die zahlreichen Nationalparks. Ökologie ist ein glänzendes Geschäft für Costa Rica. Hotels und Reiseagenturen werben mit dem Anspruch, »ökologisch korrekt« geführt zu werden. Die Regierung fördert Costa Ricas Image als umweltfreundliches Paradies nach Kräften. Aber sie verschweigt, daß auch die vielgelobte »Schweiz Mittelamerikas« längst ökologisches Notstandsgebiet ist.

Nur in wenigen Urwaldgebieten wird noch mehr Holz geschlagen. Bananenplantagen verseuchen die Flüsse mit Unkrautvernichtungsmitteln. Rinderzüchter roden den Dschungel für Weideland.

Auf dem Weg zu Perrys Urwaldseilbahn kommen dem Besucher Dutzende von Sattelschleppern mit Tropenholz entgegen. Die riesigen Stämme sind numeriert und mit Plaketten versehen - angeblich werden nur ausgewählte Bäume gefällt. Man könne den Regenwald kontrolliert ausbeuten, ohne ihn zu zerstören, verbreitet die Regierung.

Unter dem Vorwand der schonenden Nutzung werde mehr Raubbau getrieben als je zuvor, behaupten dagegen costaricanische Umweltschützer: »Die Forstbehörde, die den Baumschlag kontrollieren soll, ist korrupt«, klagt der Naturführer Jose Segovia.

Für sein Projekt erwarb Perry ein Gelände in der Übergangszone zwischen Urwald und Farmland. Es bildet einen wirksamen Puffer gegen die Abholzung. Der Plan, eine umweltverträgliche Seilbahn im Dschungel zu bauen, war eine Herausforderung für die Ingenieure. Die meisten der zwölf Tragepfeiler haben die platzsparende Form eines F; herkömmliche Sessellifte hängen an T-Trägern. So schweben die Gondeln übereinander und nicht nebeneinander - sie benötigen weniger Raum. Insgesamt brauchten nur zehn Bäume gefällt zu werden, das Blätterdach blieb nahezu unberührt.

Das Baumaterial schafften die Arbeiter mit einem handbetriebenen Seilzug, wie er auf Bananenplantagen eingesetzt wird, in den Busch. Deshalb brauchte Perry keine Lichtung zu schlagen. Als Problem erwiesen sich vor allem die hohen Stahlpfeiler: Nur Hubschrauber sind imstande, sie möglichst schonend in dem Urwald abzusetzen. Doch in Costa Rica gab es keinen Piloten, der sich die waghalsige Aktion zutraute.

Rettung brachte die sandinistische Luftwaffe aus dem benachbarten Nicaragua. Die kriegserprobten nicaraguanischen Piloten machten sich zwar zunächst über die verrückten Gringos lustig. Aber Perry zahlte gut; mit einem alten russischen Hubschrauber setzten die Nicaraguaner Pfeiler um Pfeiler in den Dschungel.

Im Oktober vergangenen Jahres eröffnete Perry die Seilbahn, nur zwei Jahre nach Baubeginn in dem schwierigen Gelände. Seither schleusen die 16 Gondeln täglich bis zu 100 Touristen durch die Baumkronen, zumeist naturbegeisterte Europäer und Amerikaner. Vor dem zweistündigen Trip geleiten kundige Führer die Besucher auf einem Naturpfad durch die Wildnis, populärwissenschaftliche Vorträge über die Biologie des Regenwalds schließen sich an.

Perrys Projekt hat etwa 50 Einheimischen Arbeit verschafft. In dem nahen Dorf La Union leben die meisten Familien direkt oder indirekt von der Seilbahn. Viele Touristenführer gingen früher im Wald jagen. Erst in den vergangenen Jahren haben sie entdeckt, daß sich auch mit Naturschutz Geld verdienen läßt.

Perry träumt unterdessen davon, Umweltschutz und Tourismus auch in anderen Ländern harmonisch zu verbinden. In Südamerika und Asien sucht er nach Standorten für neue Seilbahnen. Vorher will der eigenwillige Unternehmer seine Erfahrungen in einem neuen Buch verwerten: »Ich will beweisen, daß die menschliche Evolution auf den Bäumen begann.« Y

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