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SCHULVERSUCHE Wie Tauben und Affen

aus DER SPIEGEL 10/1966

Die Abgangsschüler der Dörfer-Gemeinschaftsschule Adelby (Schleswig-Holstein) verbringen zwei Wochen in verschiedenen Betrieben: Sie sollen die Arbeitswelt kennenlernen.

Am Gisela-Gymnasium in München wurde ein Sprachlabor mit Tonbandgeräten, Mikrophonen und Kopfhörern eingerichtet. Vom Tonband hören die Schüler den Fremdsprachen-Text ab, sprechen das Gehörte nach und können auf diese Weise ihre Aussprache kontrollieren: Die Schüler sollen mit dieser Methode zum selbständigen Arbeiten erzogen werden.

An der Volksschule im fränkischen Städtchen Zirndorf haben im letzten Schuljahr 18 Schüler freiwillig eine zehnte Klasse besucht und die Mittlere Reifeprüfung abgelegt: Den Volksschülern soll der Besuch weiterführender Schulen ermöglicht werden.

Am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Hamburg-Harburg lernen Sextaner die Grundregeln der mathematischen Logik: Sie sollen frühzeitig an exaktes Denken gewöhnt und zu einer klaren Ausdrucksweise erzogen werden.

Im hessischen Wolfhagen wurde eine sogenannte Gesamtschule gegründet - eine Kombination von Hauptschule, Realschule und Gymnasium: Durch gemeinsamen Unterricht in den Anfangsstufen sollen die Begabtesten ermittelt und ihr Übergang in die höhere Schulform vorbereitet werden.

Das sind fünf Beispiele aus einer kaum überschaubaren Fülle von Schulexperimenten, an denen sich derzeit fast jede zweite deutsche Schule beteiligt. Diese Versuche begannen vor knapp zwei Jahren, als Westdeutschlands Kultusminister die Grundsätze einer fortschrittlichen europäischen Schulentwicklung proklamierten:

- »Anhebung des gesamten Ausbildungsniveaus der Jugendlichen durch vermehrte und verbesserte Schulbildung aller Art«;

- »Ausbildung jedes einzelnen bis zum höchsten Maß seiner Leistungsfähigkeit« und Schaffung »von Ausbildungsmöglichkeiten, die stärker auf die Befähigung des einzelnen eingestellt sind«.

Um Wege zu diesen Zielen zu erkunden, forderten die Kultusminister alle Lehrer auf, »in erhöhtem Maße neue Entwicklungslinien des Schulwesens in Schulversuchen zu erproben«. In vielen Versuchen wurden fortan erprobt

- die Neugestaltung des, Unterrichts

für Abc-Schützen,

- der Englischunterricht an Volksschulen,

- Mathematik-, Chemie- und Physik -Kurse für Volksschüler vom 7. Schuljahr an,

- Arbeitsgemeinschaften für textiles

Gestalten, Werken und Photographieren sowie

- »programmierter Unterricht« an

Volksschulen und Gymnasien.

Dr. Christoph Führ vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt: »Noch nie hat es in Deutschland so viele Schulversuche gegeben wie zur Zeit.«

Das Steckenpferd reformfreudiger Pädagogen ist die »programmierte Unterweisung«. Diese neue Unterrichtsform geht auf den Harvard-Psychologen Burrhus Frederic Skinner zurück, dem beim Abrichten von Tauben und später bei der Ausbildung der ersten US-Weltraum-Affen die Idee kam, seine Dressur-Methode auch bei Amerikas Schülern zu praktizieren.

Skinners Exerzier-Reglement wurde von Pädagogen und Psychologen weiterentwickelt. Und erstmals 1963 auf einem internationalen Pädagogen-Kongreß in West-Berlin diskutierten auch Deutschlands Erzieher diesen modernen Nürnberger Trichter. Westdeutschlands Schulbuchverlage, angeregt durch die Erfolge ihrer Kollegen in den USA, ließen entweder amerikanische Programme übersetzen oder eigene aufstellen und an heimischen Schulen erproben.

Im Gegensatz zu den üblichen Lehrbüchern wird den Schülern beim programmierten Unterricht der Lehrstoff nicht als kompaktes Ganzes präsentiert, sondern zerlegt in kleine, psychologisch ausgetüftelte Bruchstücke. Jede dieser Lerneinheiten ist im Programm ausführlich erklärt und durch Aufgaben ergänzt. Als Buch oder in einer sogenannten Lernmaschine - dabei werden die Lerneinheiten entweder auf eine Mattscheibe projiziert oder in einem Fenster der Maschine sichtbar gemacht - hat der Schüler das Lehrprogramm vor sich. Unabhängig vom Lehrer arbeitet er die einzelnen Lerneinheiten durch. Hat er die Aufgaben gelöst, geht er zur nächsten Lerneinheit über.

Während beim herkömmlichen Unterricht der Lehrer den größten Teil der Zeit mit Erklärungen des Lehrstoffs ausfüllt - in einer Unterrichtsstunde reden der Lehrer etwa 79 Prozent und sämtliche Schüler der Klasse nur 21 Prozent aller Wörter - wird der Schüler beim programmierten Lernen zum selbständigen Arbeiten gezwungen. Zusätzlicher Vorteil: Der Schüler kann den Erfolg selbst kontrollieren.

Freilich: Beim Büffeln nach dem Buch-Programm kann leicht gemogelt werden - die Schüler brauchen nur auf den nächsten Seiten die richtige Antwort nachzulesen. Bei der Lernmaschine ist das nicht so leicht. Denn erst wenn der Schüler seine Antwort in ein Fenster der Lernmaschine eingetragen oder die richtige Taste gedrückt hat, erscheint die nächste Lerneinheit.

Doch bemängeln die Pädagogen bei der Lernmaschine - abgesehen von den Kosten, die je nach Ausstattung der Maschine für eine Klasse von 30 Schülern über 100 000 Mark betragen können -, daß sie im Gegensatz zum Buch-Programm eine Verzweigung des Programms für schwächere Schüler, die zum Verständnis der Lerneinheit weitere Erklärungen brauchen, nur beschränkt zuläßt. Deutsche Pädagogen bevorzugen deshalb - wie auch ihre amerikanischen Kollegen - die Buch -Programme.

Rund 30 000 Gymnasiasten - drei Prozent aller höheren Schüler in der Bundesrepublik - eignen sich schon heute Teilgebiete der Mathematik mit Hilfe des programmierten Lehrstoffs an. Und in Bayern wurden im letzten Jahr auch an 25 Volksschulen Versuche mit Lehrprogrammen unternommen.

Während mit dem programmierten Unterricht in allen Bundesländern eifrig experimentiert wird, wirkt sich - nach den Erkenntnissen des Frankfurter Schulforschers Führ - bei anderen Schulversuchen die in elf Länder -Kompetenzen aufgesplitterte Schulhoheit der Bundesrepublik hinderlich aus. So gilt in einigen Ländern noch etwas als Schulversuch, was in anderen Ländern längst ein fester Bestandteil der Schulwirklichkeit geworden ist. In Hessen und Niedersachsen zum Beispiel werden Mittelpunktschulen nicht mehr als Schulversuch angesehen, in anderen Bundesländern hingegen wird dieser Schultyp noch als Modellfall betrachtet*.

Und während in Bayern erst für rund 1000 Volksschüler das neunte Schuljahr eingeführt wurde, ist es in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, West-Berlin und Niedersachsen seit Jahren für alle Volksschüler verbindlich.

Dafür nimmt Bayern für sich in Anspruch, beim Schulfernsehen über die Experimentierphase hinaus zu sein. Irma Wenke, Ministerialrätin im bayrischen Kultusministerium: »Wir sind gar nicht so hinterm Berg, wie man im Norden immer meint.« Tatsächlich hat Bayern als bislang einziges Bundesland ein regelmäßiges Schulfernseh-Programm.

Unabhängig von derlei föderalistischen Differenzen werden heute die meisten Schulversuche mit der Hauptschule (5. bis 9. Schuljahr) unternommen. In Bayern etwa hat im vergangenen Jahr rund ein Drittel aller Hauptschüler an 8034 Kursen teilgenommen. Neben dem Kernunterricht im üblichen Stoff der Volksschule büffelten sie zum Beispiel im Kursunterricht je nach Begabung und Interesse Englisch, Mathematik, Physik und Kurzschrift,

Hamburg erprobt die Zusammenarbeit von Haupt- und Berufsschule. Einmal in der Woche gehen Schüler des neunten Schuljahrs in die Berufsschule, um in sechsstündiger Arbeit mit der Atmosphäre ihrer zukünftigen Ausbildungsstätte vertraut zu werden. In den Werkstätten der Berufsschulen hobelten, sägten, feilten und hämmerten im vergangenen Jahr rund 100 Neunkläßler.

Die Hamburger Mädchen üben in einer Hauswirtschaftsschule an Puppen neuzeitliche Kinderpflege. Nach dem Baden und Wickeln ihrer Puppenkinder müssen die Probemütter kochen, Wäsche waschen, nähen und stricken.

Nicht immer sind Eltern und Erzieher mit diesen vielfältigen Experimenten einverstanden - sie befürchten, die Entwicklung der Kinder könnte gestört werden. Die

Schul-Minister hingegen sehen statt Gefahren nur Vorteile. West-Berlins Senator Carl-Heinz Evers: »In Schulversuchen wird ja nicht mit den Kindern, sondern mit neuen Methoden experimentiert, um Erziehung und Unterricht zu verbessern.«

* mittelpunktschulen oder Dörfer - Gemeinschaftsschulen entstehen aus dem Zusammenschluß mehrerer Zwergschulen an einem zentralen Ort und umfassen das 5. bis 9. Schuljahr.

Fernseh-Unterricht in Bayern: An jeder zweiten deutschen Schule ...

... Experimente im Lehrplan Säuglingspflege-Unterricht in Hamburg

Schulforscher Fuhr

Lehrer vor der Mattscheibe

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