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STRAFJUSTIZ Wie versteckt man Entsetzen?

Ein Professor aus Kanada bekennt, dass er bei der Waffen-SS war - und beschuldigt seinen ehemaligen Vorgesetzten des Mordes. Von Gisela Friedrichsen
aus DER SPIEGEL 10/2001

Julius Viel ist im Februar 83 Jahre alt geworden. Er hat Krebs. Nur die Einnahme schwerer Medikamente richtet ihn dazu her, stundenweise verhandlungsfähig zu sein. Über die Verhandlungsfähigkeit alter Menschen befinden immer Personen, die ihre Kinder sein könnten.

Viel soll vor 56 Jahren, im März oder April 1945, als Untersturmführer (Leutnant) der Waffen-SS an einem Panzergraben zwischen Theresienstadt und Leitmeritz sieben Häftlinge des Gestapo-Gefängnisses Kleine Festung »mutwillig und unter Ausnützung des Rassenhasses der Nationalsozialisten« erschossen haben. Es muss gegen ihn verhandelt werden. Denn 1979 beschloss der Deutsche Bundestag, dass Mord und Völkermord nicht verjähren. Es ist nach den Regeln des Strafprozesses zu verhandeln, auch

wenn der Angeklagte ein NS-Täter gewesen sein sollte.

1960, Adolf Eichmann war aus Südamerika nach Israel gebracht worden, und sein Prozess stand bevor, überschrieb Rudolf Augstein unter dem Namen Moritz Pfeil einen Kommentar mit den Worten: »Recht auch noch für den Henker«. Auch der leiseste Anschein sollte vermieden werden, mahnte Moritz Pfeil, »als hätten sich die Juden an ihrem Henker und Mörder gerächt«.

Der Prozess gegen den Organisator des Holocaust wurde nicht zum Schauprozess. Und als ein Vierteljahrhundert später der Exil-Ukrainer John Iwan Demjanjuk, 66, angeblich der Oberhenker »Iwan der Schreckliche« im KZ Treblinka, in Jerusalem vor Gericht kam, bewies die israelische Justiz eine Unabhängigkeit, die in die Geschichte eingegangen ist.

Demjanjuk wurde 1988 zum Tode verurteilt, legte Berufung ein und wurde am 29. Juli 1993 mangels Beweisen freigesprochen. »Iwan der Schreckliche« war offensichtlich ein anderer gewesen.

Dem Prozess vorausgegangen war eine öffentliche Diskussion darüber, dass die Erinnerung der jungen Generation in Israel wieder geweckt und geschärft werden müsse. Denn »erschütterndes Unwissen« über die Gräueltaten der Nazis habe sich breit gemacht. Dem sollte der Prozess abhelfen.

Der Freispruch löste in aller Welt Proteste von Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten aus. Doch das Oberste Gericht in Israel stand zu seiner Entscheidung. Demjanjuk konnte in die Vereinigten Staaten zurückkehren, die ihn an Israel ausgeliefert hatten.

Im Sinn von Moritz Pfeil ist heute davor zu warnen, aus dem Prozess gegen Viel ein Fanal des Abscheus über die NS-Verbrechen zu machen. Ein Strafverfahren darf nicht als Beleg dafür herhalten, mit welcher Entschlossenheit NS-Täter in Deutschland verfolgt und bestraft werden und dass dafür kein Preis zu hoch ist.

War Viel, sollte ihm die Tat nachgewiesen werden, ein Exzesstäter? Hat er aus Mordlust gehandelt, aus Mutwillen, wie es die Anklage beschreibt? Der Begriff Exzesstäter kam auf in der heillos verspäteten Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Dritten Reiches. Er stiftete das Gefühl, alles, vielleicht sogar die »Endlösung der Judenfrage«, wäre vernünftig abgelaufen, hätte es nur nicht die Exzesstäter gegeben.

Das Ravensburger Verfahren beruht auf den Angaben des Donauschwaben Adalbert Lallier, 75, der 1951 nach Kanada auswanderte. Auch er war bei der Waffen-SS, als Junker, also Offiziersanwärter an der Nachrichtenschule Leitmeritz Untergebener von Viel. Zweimal hat Lallier vor dem Landgericht Ravensburg als Zeuge erscheinen müssen. Verteidiger Ingo Pfliegner fragte ihn, ob sich die Opfer, die im Panzergraben standen, nicht geduckt hätten, als die ersten Schüsse fielen. Pfliegner ist völlig unverdächtig, rechtsgesinnt zu sein, als Verteidiger aber muss er fragen. Ob die Häftlinge wie Zielscheiben stehen geblieben und nicht davongelaufen seien?

»Sie fragen schändlich!«, schrie der Zeuge Lallier. »Sie sprechen über einen Moment in der Geschichte des deutschen Volkes, in dem sechs Millionen Juden umgebracht wurden! Und Sie fragen mich, warum sechs Millionen Juden nicht davongelaufen sind!«

Im überfüllten Gerichtssaal brach daraufhin Beifall aus. Der Vorsitzende ließ es geschehen. Jedermann durfte seine fabelhafte Gesinnung demonstrieren. Im Schatten des Rechtsradikalismus denn doch eine erbauliche Kundgebung, mag der Vorsitzende gemeint haben.

Der Lebenslauf Viels, einer von unzähligen ähnlichen. Er war überall dabei, wo es brannte: im Polenfeldzug, an der Westfront, im Russlandfeldzug. Im September 1944 Bauchschuss im Kampf gegen die Amerikaner. Dann die Nachrichtenschule in Nürnberg, bis die Stadt zerbombt wurde. Danach die Nachrichtenschule in Leitmeritz. In den letzten Kriegstagen wurde er nach Linz abkommandiert, doch da war schon alles vorbei.

Die Zugehörigkeit zur Waffen-SS verschwieg er später. »Damals war das üblich«, sagt er vor Gericht. Wie wahr. Es herrschte das große Schweigen von Globke bis Maunz.

Lalliers Lebenslauf ist unübersichtlicher. Er sagt, er sei im Juni 1942 mit 17 gegen seinen Willen zur Waffen-SS gekommen. »Ich sprach sehr wenig Deutsch. Einmal führte ich einen Befehl nicht aus, weil ich ihn nicht verstand. Dafür wurde ich zum Muliführer degradiert.« Wie wurde er vom Muliführer zum Offiziersanwärter?

Nach dem Krieg geriet Lallier in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde. Er landete beim US-Militärgeheimdienst CIC und bekam dort auch Spezialaufträge: »Ich ging in die Schweiz und entdeckte dort ein Kloster, das hohen Nazis als Schleuse nach Südamerika diente«, sagte er der »Süddeutschen Zeitung«. Gegenüber der »Neuen Zürcher Zeitung« spricht er von »höheren Waffen-SS-Offizieren«.

1948 habe er in Bamberg zu studieren begonnen, dann folgten Wien und Paris, New York und London. Er lehrte später an der Columbia University Volkswirtschaft und internationale Politik.

Damals, 1950, habe er vom kanadischen Generalkonsul in Salzburg ein Visum bekommen, »da ich christlich war und gegen die Bolschewisten, okay«. Nur Juden und Kommunisten waren unerwünscht.

Der Vorsitzende: »Hat man Ihnen geraten, Ihre Waffen-SS-Zugehörigkeit zu verschweigen?« »Herr Vorsitzender! Wir reden jetzt über etwas, was kanadische Staatsräson ist! Ich bin nicht befugt, über die Einwanderungsräson zu sprechen!«

1997 wurde Lallier als Professor emeritiert. Just in jenem Jahr flammte in Kanada die Diskussion darüber auf, dass Nazis problemlos Unterschlupf im Land gefunden hätten. In den Zeitungen erschienen Berichte über den umstrittenen amerikanischen Privatdetektiv und Nazi-Jäger Steven Rambam, kein Mann von der Integrität Simon Wiesenthals. Rambam, hieß es, habe bereits zahlreiche Kriegsverbrecher in Kanada aufgespürt. Am 2. Februar 1997 lief im kanadischen Fernsehen ein Film über Nazi-Verbrecher in Kanada mit entsprechender Resonanz in der Presse.

Ist es verwunderlich, dass sich Lallier ausgerechnet in jenen Tagen an den Rechtsanwalt Steven Korda in Montreal wandte, der zugleich Mitglied einer alten jüdischen Loge ist? Offensichtlich war Lalliers Vergangenheit bereits bekannt, denn als Zeuge sagt er: »Ich hatte berufliche Nachteile, ich wurde als Kriegsverbrecher bezeichnet! Ich sollte von der Universität entfernt werden! Ich habe nie ein festliches Abendessen zum Abschied gekriegt!« Er weint fast bei diesen Worten.

Nach dem Gespräch mit dem Anwalt setzt bei Lallier plötzlich ein Erklärungsbedürfnis ein. Er bekennt seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS fortan immer im Zusammenhang mit Viels angeblicher Untat. Die jüdischen Gemeinden sind tief beeindruckt. Er trifft mit Rambam zusammen: »Es war für mich der Moment des Erwachens meines Gewissens.« Er lässt sich interviewen, beschreibt mit kakanischem Redeschwall, wie ihn mehr als ein halbes Jahrhundert lang Alpträume plagten, wie das Gewissen an ihm nage, wie Scham und Schmerz über das Verbrechen Viels sein Herz beschwerten. Ein literarischer Stoff.

Als Zeuge in Ravensburg nennt er einen anderen Grund für die seltsam späte Offenbarung: Er habe nicht gewusst, ob er noch an den Treueid der Waffen-SS gebunden sei. »Ich fragte mich, ob ich nicht moralisch-intellektuell darüber hinausgewachsen bin. Als Mensch und Akademiker habe ich Pufendorf gelesen - sollte ich ein Verräter sein oder schweigen? Ich entschied, als moralischer Mensch im Pufendorfschen Sinn mich vom Eid und dem Schweigegebot zu befreien.«

Keiner bestätigt Lalliers Geschichte: Wie Viel am Panzergraben, an dem die Junker Häftlinge beim Graben zu bewachen hatten, ohne jeden Anlass einen Karabiner nahm und sieben Menschen nacheinander buchstäblich abknallte. Der »Süddeutschen Zeitung« sagte Lallier: »Ich habe das Entsetzen auch bei den Kameraden gesehen. Denn: Wie versteckt man Entsetzen?«

Lallier als Zeuge: »Wir sahen zu, wie die halb verhungerten Menschen - ein schrecklicher Anblick für einen, der Offizier werden sollte - starben. Wir konnten nicht glauben, was da geschah. Ein edler deutscher Offizier! Viel war ein sehr geehrter Vorgesetzter! Wir gingen zum Chef. Der sagte, wenn der Krieg gewonnen werde, rede keiner mehr drüber. Wenn nicht, müsse lebenslang geschwiegen werden.«

Die Verteidigung hat eine Fülle gravierender Widersprüche in Lalliers Aussage herausgearbeitet. Das beginnt mit dem Tatzeitpunkt. Erst nannte Lallier den 6. oder 7. April 1945. Nachdem er mit einem Fernsehteam in Theresienstadt war und die Todeslisten einsehen durfte, korrigierte er sich. Es müsse Ende März gewesen sein (denn am 6. und 7. April sind nicht mehrere Tote eingetragen).

Er variiert Entfernungsangaben, beharrt darauf, dass ohne Unterbrechung zehnmal mit dem Karabiner 98 geschossen wurde (der nur fünf Schuss hatte), er will den Leichenkarren mal am Grabenrand, mal im Graben gesehen haben. Er nennt Augenzeugen, die aber damals gar nicht vor Ort waren, er zitiert Mitglieder der Delegation zum Chef, die als Zeugen vehement bestreiten, dass es etwas Derartiges gegeben habe. Und so fort.

Er schwelgt vom »edlen deutschen Offizier« und muss sich von Verteidiger Pfliegner vorhalten lassen: »Nach allem, was wir wissen, haben deutsche Offiziersanwärter Häftlinge als Ziele bei Schießübungen gebraucht!« Wieder braust Lallier auf: »Nein! Das gab es nicht bei der Waffen-SS!«

Er stellt Viel als einzelnen, einzigen Exzesstäter dar und erinnert sich an düstere Todesgesänge der Häftlinge. Andere Zeugen beschreiben ein tägliches Inferno am Panzergraben. Wie Häftlinge in aller Öffentlichkeit bei sadistischen Spielen abgeschossen wurden von den Jungen der Nachrichtenschule, wie sie erschlagen und malträtiert wurden, auch von Kapos, mit Stöcken und Gewehrkolben ins kalte Grundwasser getrieben und ertränkt. Als der Gestapo in Prag die Zustände zu Ohren kamen, wurden am 28. März die Häftlinge abgezogen.

Verfasser und Vertreter der Anklage ist Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, zugleich der Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Er hat auch die Anklage gegen den damals 80 Jahre alten ehemaligen SS-Mann Josef Schwammberger in Stuttgart vertreten, der 1992 wegen vielfachen Mordes Lebenslang erhielt. Schwammbergers Verteidiger erinnern sich an Schrimm als einen fairen Ankläger. Warum ist er in Ravensburg so reizbar und aggressiv?

Die Anklage liest sich wie ein Geschichtsbuch. Von der Neuordnung Europas 1918 geht es über die Waffen-SS bis zu den Mindest- und Höchstmaßen beim Stellungsbau. Das historische Konvolut verdeckt, was die Anklage alles nicht weiß. Was sie sogar als nicht feststellbar zugeben muss. Was in einem normalen Strafverfahren für eine Anklage nicht genügen würde.

»Der Umstand, dass keiner der zahlreichen anderen Zeugen die Täterschaft des Angeschuldigten bestätigt und ein Teil von ihnen das Geschehen als solches in Abrede gestellt hat«, ändere nichts an Lalliers Glaubwürdigkeit, heißt es lapidar in der Anklageschrift. Kann man diese Aussagen allesamt damit abtun, dass diese Zeugen »alte Kameraden« sind?

Herr Schrimm muss sich keine Sorgen machen. Viel sitzt seit 17 Monaten in U-Haft, und das Gericht scheint der Meinung zu sein, es gebe keinen Grund für Lallier, eine Geschichte zu erfinden. Beweisanträge der Verteidigung werden mit zum Teil skurrilen Begründungen abgetan, etwa: Lallier sei immerhin Professor, Geisteswissenschaftler.

Die Medien, auch der SPIEGEL, sind in die gar zu schöne Geschichte eingestiegen. Der Berliner »Tagesspiegel« schmückte sich mit der »Enthüllung« von Viels Zugehörigkeit zur NSDAP (doch der Beleg dafür befand sich bereits in den Gerichtsakten). Die emotionalen Ausbrüche und Beschwörungen des Professors mochte man einfach nicht in Frage stellen.

Und so schreit Herr Schrimm nicht in der Sitzung, nein, »es schreit aus ihm heraus«. Er kann nicht anders, die Empörung überwältigt ihn so, wie die Geschichte von Lallier alle in ihren Bann zieht. Die Zeugen von der Waffen-SS - sie sind »unwürdige Greise«, verlogen, verstockt. Der Angeklagte - »Tag für Tag wie aus dem Ei gepellt«. Welche Unverschämtheit. Er will den Eindruck »eines vertrauenswürdigen Opas« machen. Warum trägt er nicht eine blutige Metzgerschürze?

Den Vorsitzenden beeindruckt das Interesse der Medien an der Geschichte eines Bekenners (der sich mit einer Beschuldigung bekennt, die ihn entlastet). Als Lallier in die laufende Sitzung hereingerufen wird, dürfen ihn die Kameras begleiten und den Helden mit dem Verbrecher aufs Bild bannen. Wir sind korrekt und halten uns an die Prozessordnung. Aber es gibt Situationen, da muss man eben Mut haben. Da muss man auch mal was ignorieren. Zum Beispiel die Prozessordnung, wenn es um Schuld aus der NS-Zeit geht.

Julius Viel

kam nach mittlerer Reife und Arbeitsdienst 1936 zur SS-Verfügungstruppe. Nach dem Krieg verdingte er sich als Pferdeknecht. 1948 trat Viel als Volontär bei der »Stuttgarter Zeitung« ein und blieb dort bis 1972. Dann wechselte er zur »Schwäbischen Zeitung«. 1984 ging Viel in den Ruhestand, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz.

* In der Nachrichtenschule Leitmeritz 1945.

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