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KRIMINALITÄT Wie Wasser

Amerikanische Gangster rüsten auf Mini-Maschinenpistolen um. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Sie wiegt nur etwa sieben Pfund und paßt in jedes Handschuhfach, aber auch in ein Schulterholster. Mit aufgesetztem Schalldämpfer macht sie kaum mehr Lärm als eine Nähmaschine im Nebenzimmer. Ihre Feuergeschwindigkeit liegt bei 1200 Schuß in der Minute.

Kein Wunder, daß sie ein Statussymbol der Unterwelt und die Traumwaffe jedes Gangsters in den USA ist: die Mini-Maschinenpistole Mac 10 und ihre noch kleinere, noch leichtere Schwester, die Mac 11.

Die Hochrüstung der amerikanischen Bürger mit privaten Feuerwaffen hat beängstigende Ausmaße angenommen. Schon immer gab es ungezählte Millionen von Revolvern, Pistolen und Gewehren in den Haushalten des Landes. In den vergangenen Jahren aber wurden die privaten Waffenarsenale um 130 000 offiziell registrierte Maschinenwaffen aufgestockt, darunter mindestens 35 000 Mac und »Zehntausende« israelischer Uzi-Maschinenpistolen, wie die Importfirma angab. Die private Feuerkraft der US-Bürger wurde weiter verstärkt durch mehr als 300 000 Kopien des auch in der Nato gebräuchlichen Sturmgewehrs M-16.

Im Chicago der Bandenkriege der zwanziger Jahre hatten sich die Gegner noch mit großformatigen Maschinenpistolen beharkt, die wegen ihrer sperrigen Trommelmagazine im Koffer oder allenfalls im Baßgeigenkasten transportiert werden mußten. Seither gehörten automatische

Waffen mit hoher Schußfolge kaum noch zum Arsenal der amerikanischen Unterwelt. Sie waren wegen ihrer Auffälligkeit zu riskant für die Benützer.

Erst neue Entwicklungen in der Waffenschmiede von Wayne Daniel im Bundesstaat Georgia lösten Ende der siebziger Jahre einen neuerlichen MPi-Boom aus, der von einer staatlichen Behörde noch richtig angefacht wurde.

Die Bundesbehörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (BATF) stufte die Mac 10 bei ihrem Erscheinen auf dem Markt als halbautomatische Waffe ein, deren Verkauf in den USA zumeist nur laxen Beschränkungen unterliegt. Eine Waffe gilt dann als halbautomatisch, wenn der Abzug für jeden Schuß gedrückt werden muß, Dauerfeuer also trotz eines großen Magazins nicht möglich ist.

Was die BATF-Prüfer jedoch übersahen oder nicht zur Kenntnis nehmen wollten: Durch Einfügen eines kleinen Plastikteils in den Abzugsmechanismus kann die halbautomatische Mac in eine Waffe verwandelt werden, aus der die Kugeln spritzen »wie Wasser aus einem Schlauch«, so der Polizeioffizier Robert P. Davis aus Miami.

Der relativ geringe Preis ab 360 Dollar (etwa 1000 Mark) machte die Mac für jeden einigermaßen gut verdienenden Gangster erschwinglich. Das schwerere und wesentlich zielgenauere israelische Importmodell ist mit 700 Dollar fast doppelt so teuer und kann überdies nicht so einfach zu einer vollautomatischen Waffe umgebaut werden.

Als »Mercedes der Maschinenpistolen« gilt die MP-5 des renommierten deutschen Herstellers Heckler & Koch im schwäbischen Oberndorf, mit der auch der Secret Service und die Antiterroreinheit Delta Force ausgerüstet sind, das amerikanische Gegenstück zur Bonner GSG 9. Mit Schalldämpfer kostet das Stück aber 2000 Dollar und empfiehlt sich deshalb nur für die Geld- und Gangster-Elite.

Erst 1982 kassierte der amerikanische Waffen-TÜV seine ursprüngliche Entscheidung und stufte beide Mac als vollautomatische Waffen ein. Deren Verkauf ist in mindestens vierzehn Staaten der USA gänzlich untersagt. In den anderen müssen sich die Käufer bei lokalen und Bundesbehörden registrieren, ihre Fingerabdrücke nehmen lassen und 200 Dollar Sondersteuer entrichten.

Die Mac-Macher umgingen das Hindernis, indem sie für 300 Dollar einen Baukasten für ihr Modell 10 auf den Markt brachten. Der gewitzte MP-Freund brauchte nur wenige Komponenten aus dem Angebot einer anderen Waffenfirma hinzuzukaufen und hatte im Handumdrehen eine Schnellfeuerpistole. Erst im Juni dieses Jahres stoppte ein Gericht in Kalifornien den Versand der Bastelkiste.

Da war es freilich längst zu spät, die Interessenten hatten sich bereits versorgt. Und die Spur der Mordwaffen zieht sich mittlerweile fast durchs ganze Land.

In einem Hotel in Miami Beach schoß sich ein Drogenhändler mit einer automatischen Mac 10 gegen vier Polizisten frei. Im kalifornischen San Jose wurden zwei Polizisten, die einen Verdächtigen in dessen Wohnung überprüfen wollten, mit einem Kugelhagel aus einer Uzi empfangen. Ebenfalls mit einer Uzi tötete ein Geistesgestörter im Juli vergangenen Jahres 21 Besucher eines Schnellrestaurants in San Ysidro, Kalifornien. Ein lokaler TV-Star in Denver (Colorado) wurde mit einer Mac erschossen, die Tat einem Neo-Nazi zur Last gelegt.

Als Hauptstadt des illegalen Maschinenpistolen-Besitzes gilt Miami, zugleich Zentrum des amerikanischen Drogenhandels. Von den 3038 illegalen Waffen, die seit 1982 von Bundesbehörden in Süd-Florida beschlagnahmt wurden, zählte etwa die Hälfte zu den Maschinenwaffen. Und jede dritte MPi trug einen Schalldämpfer, was sie nach Meinung der Polizei klar als Mörderwaffe auswies.

Während die übermächtige Waffenlobby des Landes, die National Rifle Association, auch den Besitz von Maschinenpistolen zu den verfassungsmäßigen Rechten des Bürgers zählt, hat der demokratische Kongreßabgeordnete Robert Torricelli einen Gesetzentwurf eingebracht, der den Besitz einer leicht manipulierbaren Waffe wie der Mac unter Strafe stellt. Diese Waffe, so der Abgeordnete, diene »ausschließlich dem Zweck, Menschen zu töten«.

Für die in der National Coalition to Ban Handguns vereinigten Waffengegner gibt es denn auch keine sportlichen Gründe für den Besitz von Mac, Uzi sowie Heckler & Koch. Coalition-Direktor Michael Beard: »Niemand geht auf die Jagd mit einer Waffe, die 20 Schuß in der Sekunde feuert.«

Allenfalls auf Schießständen unter Aufsicht wollen sie die Ballermänner dulden, wenn schießwütige Amerikaner ihrer neuesten Freizeitbeschäftigung nachgehen: In immer mehr Waffenläden des Landes können sie Maschinenpistolen ausleihen und - brrrp - auf Kegel oder anderes totes Inventar schießen. 50 Schuß vom Kaliber neun Millimeter kosten 10,75 Dollar. _(Bei Beamten der Anti-Terrortruppe GSG 9. )

Bei Beamten der Anti-Terrortruppe GSG 9.

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