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FRANKREICH Wie Zorro

Das Land mit dem statistischen Weltrekord an Alkoholkonsum und hoher Verkehrsunsicherheit verschärft den Kampf gegen Trunkenheit am Steuer. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Das britische »Institute of Advanced Motorists« testete berüchtigte Rennpisten wie die Pariser Ringautobahn, den Boulevard peripherique, oder die Autoroute du soleil. Heraus kam ein vernichtendes Urteil über französische Verkehrssitten: »Selbstmörderisches Fahren, Mangel an Disziplin, Egoismus, häufige Trunkenheit und schlechter Fahrzeugzustand«.

Die Londoner »Sunday Times« warnte die rund 300000 Briten, die jährlich Frankreich-Urlaub im Auto machen: Die Gefahr, dort auf der Straße ums Leben zu kommen, sei »dreimal so hoch« wie daheim.

Doch - welche Überraschung - diesmal empörte sich Frankreich nicht über die Briten-Beleidigungen, im Gegenteil: Beinahe zerknirscht zitierten französische Medien die Schelte aus England.

Die Vorwürfe kamen nämlich zu passender Stunde. Frankreichs Regierung und Justiz führen mit nie erlebter Härte einen Kampf gegen die Heerscharen waghalsiger Autofahrer, die für ein paar Meter Straßengewinn beim Überholen ihr und anderer Leben riskieren. Am Pranger stehen plötzlich Hunderttausende, die nie etwas dabei gefunden haben, sich nach einem mit Rotwein und Cognac reichlich begossenen Essen hinters Steuer zu setzen.

10961 Franzosen starben 1986 im Straßenverkehr, über 4000 waren dabei Opfer eigener oder anderer Leute Trunkenheit. Die Presse, sonst ziemlich nachsichtig mit Verkehrssündern, schlägt neue Töne an: »Mörder« nannte der rechte »Figaro« die rasenden Trunkenbolde. Das Linksblatt »Liberation« geißelte die französische Mentalität, die es für viel verwerflicher hält, »das Auto eines anderen zu stehlen, als am Steuer des eigenen zu töten«.

Den Anstoß zu dieser Selbstkritik hatte ein besonders grausiger Unfall im Juni 1986 gegeben, der Frankreich als »Affäre Cellier« bis heute aufwühlt.

Auf der Autobahn beim Pariser Vorort Saint-Cloud war ein angetrunkener BMW-Fahrer mit 150 Stundenkilometern auf einen im abendlichen Stau feststeckenden Kleinwagen geprallt. Dessen Fahrerin, die 22jährige Anne Cellier, erlitt so schwere Verbrennungen, daß sie nach drei Monaten »entsetzlichen Leidens«, wie ihre Ärzte sagten, starb. Trotz 1,32 Promille Blutalkohol - 0,8 sind die tolerierte Höchstgrenze - kam der Todesfahrer im vergangenen Januar mit einem Jahr Gefängnis auf Bewährung davon. Empört mobilisierten

die Eltern der Toten die Öffentlichkeit. Sie gründeten eine »Stiftung Anne Cellier« zum Schutz von Opfern alkoholisierter Fahrer, das Bild des jungen Mädchens ging durch die Presse. Das Beispiel machte Schule, andere Hinterbliebene gründeten ebenfalls Hilfsgemeinschaften.

Justizminister Albin Chalandon wies die Staatsanwaltschaft an, gegen das Cellier-Urteil Berufung einzulegen. Doch das Berufungsgericht in Versailles bestätigte im April nicht nur den milden Spruch, der Vorsitzende Richter Robert Sevenier beleidigte auch noch die um Gerechtigkeit kämpfende Mutter Christiane Cellier als »diese Frau, die sich etwas zu sehr für Zorro hält«. Soviel Kaltschnäuzigkeit provozierte einen Aufschrei der Entrüstung; die Politiker fühlten sich aufgerufen, sich als Kämpfer gegen die Trunkenheit vorzuführen.

Justizminister Chalandon rief Staatsanwälte und Richter auf, Schluß zu machen mit der vorherrschenden »Nachsicht, gar Milde« gegenüber betrunkenen Fahrern. Er legte einen Gesetzesentwurf vor, der die Strafen für Trunkenheit am Steuer verdoppelte. Der Nationalversammlung war das nicht genug: Sie beschloß, daß alkoholisierte Fahrer, die einen Menschen töten, künftig mindestens einen Monat Gefängnis absitzen müssen. Gleichzeitig erweiterten die Parlamentarier ihre Kampagne gegen Alkoholmißbrauch - Frankreich hält den statistischen Weltrekord an Alkoholkonsum und kaputten Lebern. Die Bierwerbung im Fernsehen wurde verboten, die

Kulturminister Francois Leotard gerade erst genehmigt hatte, um Kauf-Interessenten bei der Privatisierung des Staatsfernsehens TF1 mit zusätzlichen Werbeeinnahmen zu ködern. Die Volksvertreter verboten auch den Champagner- und Likörfirmen Plakatwerbung bei Autorennen, Segelregatten oder Boule-Wettkämpfen.

Erste Resultate der neuen harten Welle zeigten sich bald: Aufwendig berichtet die Presse neuerdings über strenge Urteile wie gegen einen 25jährigen aus Douai, der mit 1,56 Promille im Blut drei Menschen totgefahren hatte. Er wurde zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.

Zu nationalem Ruhm brachte es der Staatsanwalt von Rennes, Michel Albared. Er ließ Autos von angesäuselten Fahrern mit der Begründung beschlagnahmen, daß mit solchen Tätern am Volant die Fahrzeuge juristisch zu »gefährlichen Waffen« würden. Das Justizministerium bestätigte seine Rechtsauffassung.

Doch eine wirklich dauerhafte Veränderung des Verkehrsverhaltens würde eine Änderung der französischen Mentalität voraussetzen. Die Franzosen sind am Steuer sicher weniger rechthaberisch als die Deutschen. Aber sie fahren so wie sie sich auch sonst im Leben, etwa in überfüllten Metros, verhalten: durchwursteln, vordrängen, »etre plus malin« - pfiffiger sein als die anderen.

Der britische Unfallexperte Murray Mackay erklärt die Unfallhäufigkeit noch mit einer anderen typisch französischen Eigenart: Sie lebten gern dicht beieinander - und »deshalb rollen sie auch dicht an dicht«.

Auch ist nicht an die Einrichtung einer Überwachungsbehörde nach Art des deutschen TÜV gedacht, obwohl das Verkehrsministerium ermittelte, daß 32 Prozent der Verkehrsunfälle durch schadhafte Autos entstehen. Solch behördlicher Eingriff in ihre Privatsphäre Auto wäre den Franzosen unerträglich.

Einer strengeren Justiz und einem Umdenken stellen sich überdies mächtige Lobbys entgegen, so der Verbund der Produzenten und Gewerkschaften in der Automobilindustrie oder die Allianz aus Weinbauern und Getränkefabrikanten.

Zu ihnen gesellen sich lautstark die Sportverbände. Sie wollen nicht auf die jährlich 300 Millionen Franc Zuschüsse durch die werbende Spirituosenindustrie verzichten. Prompt haben sich die Ministerien für Sport und Gesundheit darangemacht, mit einer neuen Definition des Sponsortums das gerade erst erlassene Verbot der Alkoholwerbung im Sport zu unterlaufen.

Am wenigsten Einsicht ist bisher dort zu erkennen, wo sie zuerst einsetzen müßte - beim Zentralverband der Automobilklubs, der »Association francaise des automobilistes«. Selbstherrlich verkündete der Verein: »Der französische Autofahrer ist besser als die anderen.«

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