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Wieder beten lernen

aus DER SPIEGEL 48/1971

Publik« ist tot. Es ist, wie sein Chefredakteur bei der Liquidation sagte, »am katholischen Milieu« gestorben. Die deutschen Bischöfe haben für klare Verhältnisse gesorgt. Wer sich am Zeitungskiosk informieren will, was katholisch ist, dem gibt künftig allein die katholische Milieu-Presse Auskunft: der »Rheinische Merkur«, die »neue bildpost« und die »Deutsche Tagespost«, die sich dazu noch einmal monatlich das rechtsextreme »Deutschland-Magazin« beilegt.

Was also ist von jetzt an katholisch?

Katholisch ist, wer in Brandts Außenpolitik »abenteuerliche Züge« sichtet. Wer sich erkundigt: »Wie lange geht der Ausverkauf Deutschlands und damit auch der Ausverkauf europäischer Hoffnungen und Rechte noch weiter?« ("DT"). Wer durch Brandt den »Untergang der Demokratie« ("bildpost") kommen sieht.

Katholisch ist, wer enthüllt, daß »Breschnew den deutschen Bundeskanzler mit Pfiff nach Oreanda befahl« und daß »Brandt gehorchte« ("DT"). Wer herausfindet: »Brandts gespenstischer Krim-Besuch lastet den Deutschen schwer auf der Seele« ("bildpost").

Katholisch ist, wer nach Gehlens Bormann-Entdeckungen die Frage stellt: »Wenn es den Sowjets sogar gelungen ist, jahrelang einen Spion von größtem Einfluß an die Seite des tausendfach und raffiniert abgeschirmten Hitler zu bringen, wie mag es dann erst in Bonn aussehen? In welchem Ausmaß hat Moskau bereits heute Einfluß auf die Regierungstätigkeit in Bonn?« ("bildpost"). Wer kurz entschlossen formuliert, »Brandt wird sich wegen seiner Ostpolitik allmählich »Kanzler der Sowjets« titulieren lassen müssen« ("DT").

Katholisch ist, wer zwischen Brandt ("müde und schlaff") und Barzel ("wie frischgebadet« ganz ausgeruht") zu unterscheiden weiß ("bildpost"). Wer an die »entschlossene Union unter Rainer Barzels Führung« appelliert, »das Abgleiten der Bundesrepublik Deutschland in den sowjetischen Einflußbereich zu verhindern« ("Rheinischer Merkur"). Wer Barzel zuruft: »Sie, Herr Dr. Barzel, haben jetzt das von unmittelbarer Zerstörung bedrohte Werk Adenauers mit unser aller Hilfe zu retten ... Andernfalls erlöschen die Lichter der Freiheit auch zwischen Rhein und Ebbe.« Wer vor den Versuchungen des Antichrist warnt: »Willy Brandt ging mit dem sowjetischen KP-Chef Breschnew im Schwarzen Meer »baden. Lassen Sie sich, Herr Dr. Barzel, demnächst in Moskau nicht von Breschnew im Sinne des Neuen Testamentes auf die Zinnen des Kreml führen und von der Vision der Macht verführen« ("bildpost").

Katholisch ist« wer immer schon wußte, daß »die Niederlage der NPD mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit zu der rosaroten Regierung in Bonn, der ersten Probe für künftige Volksfrontbündnisse« führen müsse«. Wer zugleich den »nüchternen Sinn von Franz Josef Strauß« lobt, der »den Schwindel nicht abnimmt, daß die im Hintergrund bereits sichtbar werdende Guillotine in Wahrheit nur ein Godesberger Kirchtürmchen sei ("DT").

Katholisch ist, wer die Mitbestimmung als »leistungsfeindlich« denunziert. Wer den Glaubenssatz aufstellt, daß »nicht Demokratie und Kapitalismus. sondern Demokratie und Sozialismus sich ausschließen« ("Rheinischer Merkur").

Katholisch ist, wer Südafrika als »ein sicheres Investitionsland« rühmt, in dem »die schwarze Bevölkerung« ein »großes Reservoir an guten Hilfs- und angelernten Arbeitskräften« darstellt ("DT"). Wer die bekannte »brasilianische Methode sozialer Verbesserungen« lobt ("Rheinischer Merkur"). Und wer Schweden als »Schreckgespenst« schildert: »Verkommener, dekadenter und degenerierter als die schwedische Jugend ist keine andere in der Welt« ("bildpost").

Katholisch ist, wer bekennt: »Wenn ich das Wort 'Kunst' höre, binde ich mir die Gasmaske vor« ("DT"). Und wer zur Unterstützung eines Missionars aufruft, dem nach einem Erdbeben in Chile die Formulierung gelingt: »Etwas Gutes hat jedenfalls diese Naturkatastrophe: Viele Menschen haben wieder beten gelernt« ("DT").

So und nicht mehr anders stellt sich weltumspannender Katholizismus von nun an auf dem bundesdeutschen Zeitungsmarkt dar. Aber vielleicht werden auch die deutschen Bischöfe wieder beten lernen, wenn sie eines Tages erkennen. was sie taten, als sie »Publik« liquidierten und ihrer Milieu-Presse allein das katholische Feld überließen.

Otto Köhler
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