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Umwelt Wieder Weltmeister

Das ostdeutsche Müllsammelsystem Sero hat die DDR überlebt - und entwickelt sich zur profitablen Aktiengesellschaft.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Mit der Wende kam der Wohlstandsmüll«, sagt Werner-Günter Lange, und er meint das gar nicht klagend, sondern voller Dankbarkeit. Denn Ostler Lange, 63, gelernter Verpackungsingenieur, macht mit Abfall Profit.

Ihm nützt seine in der DDR erworbene Kunst, aus Müll »strategische Rohstoffe« (Politbüro-Auftrag) wie Blei, Plaste oder Zink zurückzugewinnen. Lange: »Wir waren doch schon immer Weltmeister im Sammeln und Verwerten.«

Als die Mauer noch stand, leitete Lange ein Kombinat für Rohstofferfassung in Frankfurt an der Oder, das zum flächendeckenden Sammelsystem Sero gehörte. Das ehemalige DDR-Unternehmen hat in einer Variante als Sero-AG überlebt. Laut Umfragen kennen 93 Prozent aller Ostdeutschen das Unternehmen, eine Marke so bekannt wie »Rotkäppchen«-Sekt.

Die ostdeutschen Lumpensammler profitieren von dem jüngst in Kraft getretenen Kreislaufwirtschaftsgesetz, das republikweit eine nahezu vollständige Verwertung von Altmaterialien vorsieht. Für die Wertpapieranalysten der Dresdner Bank operiert die Berliner Sero, seit 1995 an der Börse, denn auch in einem »Markt mit großartigem Potential«.

Als eine der wenigen Ostfirmen hat Sero mit heute 800 Mitarbeitern sogar den Sprung in den Westen geschafft - mit westlicher Hilfe: Der Vorstandsvorsitzende Thomas Wagner stammt aus Münster, das Startkapital haben Geldgeber aus Westfalen investiert. In supermodernen Recyclingzentren, etwa in Hamburg, Essen oder München, nehmen Sero-Mitarbeiter ausgediente Computer, TV-Geräte oder Mikrowellen auseinander. Mit dem Siemens-Konzern kooperiert Sero bei der Verwertung von Elektronikschrott.

Wer etwa einen kaputten Farbfernseher zur Sero-Annahmestelle bringt, zahlt 28 Mark Gebühr. Funktioniert das Gerät noch, sind nur 5 Mark fällig. Sero nimmt auch Laptops, Staubsauger oder Kühltruhen ("5 Mark laufender Meter") an.

»Das Geschäft mit dem Müll läuft immer«, glaubt Sero-Sprecher Lange. Die stets devisenklamme DDR verkaufte beispielsweise Altglas aus der ostdeutschen Provinz zur Wiederverwertung in den Westen. Mit einer Glasfabrik im Schwarzwald hätten sie damals, sagt Lange, »schöne Geschäfte« gemacht. Gebündelte Altkleider, gesammelt von Jungen Pionieren, gingen nach Italien; wertvolle Metalle aus ostdeutschen Haushalten kassierte der große Bruder Sowjetunion ein.

In der Prominentensiedlung Wandlitz bei Berlin, Wohnort von Erich Honecker und anderen SED-Größen, kümmerte sich ein verschwiegener Müllkutscher um die diskrete Abfuhr westlicher Flaschen und Zeitschriften. In Ost-Berliner Ministerien gab es eine interne Entsorgung von »dienstlichen Schriftstücken«. Insgesamt klaubten einst über 15 000 haupt- und nebenberufliche Sero-Sammler alles Verwertbare zusammen.

Neue Zeiten, neue Kunden: Mit einem eigenen Behältersystem entsorgt Sero heute etwa Berliner Gastronomen und Fast-food-Ketten den täglichen Abfall.

Als Subunternehmer arbeitet Sero zudem für das Duale System Deutschland, das Verpackungsmüll mit dem Grünen Punkt erfaßt und verwertet. Allerdings beurteilen Sero-Manager das erst 1991 eingeführte Westsystem höchst skeptisch. »Der Grüne Punkt bringt nur mangelhafte Ergebnisse«, sagt Lange. Den Westkonsumenten fehle ein Anreiz, Müll sauber getrennt in die Tonne zu geben. Tatsächlich führen sogenannte Fehlwürfe in den gelben Sack zu einem Müllmix, der dann kostspielig sortiert werden muß.

Sero dagegen bekommt von den weiterverwertenden Papierfabriken oder Rohstoffhändlern gute Preise für sein sortenreines Material. Das Ergebnis ist frappierend. Während jeder bundesdeutsche Haushalt über die gestiegenen Produktpreise das milliardenteure Duale System mit rund 250 Mark jährlich finanzieren muß, gibt es bei Sero noch Geld zurück.

Ob Alttextilien (zwölf Pfennig pro Kilogramm), Wellpappe (ein Pfennig), Zeitschriften (fünf Pfennig), Metalle (Tagespreis) oder Glas (ein Pfennig) - das Umweltbewußtsein zahlt sich aus.

Als Sammelansporn für Kinder verteilt das Unternehmen eine Klubkarte. Damit können die Kids Punkte für Schlauchboote, Skateboards oder andere Spielsachen sammeln. »Icke spar' auf den Sattelschlepper«, sagt Raik Bauermeister, 9, aus Brandenburg.

Insgesamt gibt es mehr als 100 Annahmestellen - in Ostdeutschland. In Strausberg ist der Sero-Service gleich in den Supermarkt »Kaufland« integriert. »Die Kundschaft«, sagt die dortige Sero-Leiterin Kerstin Klinnert, »bringt ordentlich Material.«

Deshalb überlegen Sero-Manager derzeit, wie sie ihr Unternehmen auf ganz Europa ausweiten können. Einziges Hindernis ist aus Sicht des alten Ostunternehmens die »Monopolmacht« der Entsorgungskonzerne. »Aber das«, sagt Lange unbeeindruckt, »kennen wir von früher.«

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