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WIEDERGEBURT IN ES-DUR

aus DER SPIEGEL 48/1967

Von einem Engländer gefragt, ob er den Vornamen Adolf als politischen Vorteil empfinde, reagierte Adolf von Thadden belustigt, fast geschmeichelt. Schließlich, so wich er aus, sei er nicht, wie jener andere Adolf, Träger der Mitgliedsnummer sieben, sondern, auf eigenen Wunsch, der Nummer 13.

Jetzt, am Ziele seines Kampfes um die Alleinherrschaft über Deutschlands extreme Rechte, von 93 Prozent der Delegierten zum Oberhaupt der NPD erkoren, verbirgt er es kaum noch, daß er sich berufen fühlt, Führer zu sein. Aus einem nationalistischen Cicero, der die Register vaterländischer Aufwallung selbst in Wahlkämpfen nur selten überzogen hat, wurde bei diesem Wahlgang vom 11.11.67 ein Besessener, der sich und die Seinen mit übermäßigem Geschrei trunken machte. Einer seiner kleinen Nachahmer, der Münchner Verkehrsrichter Jochem Kotzias, erklärte sich diesen Sprung durch die Schallmauer der Demagogie entzückt als die richtige Reaktion auf eine generelle Gefühlsanreicherung in der deutschen Innenpolitik: »Wir müssen unseren Vorsprung wahren.«

Wider alle von ihm selber letztes Jahr nach unten gegebenen Parolen der Mäßigung bemächtigte der adelige Adolf sich nun der Tonart des schrecklichen Namensvetters. Jetzt übt »politischen Landesverrat«, wer die DDR als einen Staat betrachten möchte (dessen Staatspartei SED Thadden allerdings zur Zulassung in der Bundesrepublik empfiehlt). Die jungen Linken im Lande handeln »im Auftrag fremder Mächte ... unser Volk von innen her zu zerstören«, sie besorgen »die Geschäfte des Kremls durch ... Zersetzung unserer gesellschaftlichen Ordnung« (von der Thadden andererseits überzeugt ist, daß sie gar nicht Ordnung genannt werden kann). Entgegen allen Empfehlungen seiner eigenen Partei-Zeitung glaubt der Hüne mit dem eisigen blauen Blick und den satten Hüften auf einmal wieder ringsum »Verzichtpolitiker, Kulturbolschewisten, Pornographen, halbstarke Politiker und Funktionäre« am Werk. Und sie liefern »den Brennstoff, durch den Volk und Nation und Vaterland bis zur Kernspaltung gebracht werden«.

Die Meßgeräte der Lautsprecheranlage im Keller der Niedersachsenhalle schlugen aus wie Seismographen beim Ausbruch eines Vulkans, während dieser Führer mit einer Stimme voll Haß und Heiserkeit seiner gerade noch selber von Kernspaltung bedrohten, nun aber völlig hingerissenen Partei suggerierte, sie sei »das Sammelbecken für die Wiedergeburt der Deutschen Nation« und habe »vor der Geschichte den Beweis zu liefern, daß Deutschland nicht willenlos in seinen Untergang hineingetaumelt ist«.

Thaddens Stuttgarter Vasall Peter Stöckicht, der als NPD-Redner schon einmal behauptet hat, in den USA habe man die Indianer mittels vergifteter Wolldecken ausgetilgt« versank später in den Fußstapfen seines Vorsitzenden: Er sprach sogar vom »Volk, dessen einzige Repräsentanten wir im Grunde sind«.

Auch der Schöpfer wurde durch Thadden im Zusammenhang mit der nationaldemokratischen Sache erwähnt. Der Führer der NPD hält es für eine Schuld der bereits weitgehend zersetzten Bundesbürger, daß »eine österreichische Nation erfunden werden kann«. Und er machte diesem Bundesvolk auch Vorwürfe hinsichtlich der Südtirol-Frage, weil es »nicht mehr bereit ist, sich zum gemeinsamen Bluterbe zu bekennen«.

Er sagte Bluterbe, obwohl er das aus seinem Manuskript vor der Vervielfältigung selbst herausgenommen und durch das weniger verfängliche Wort Volkstum ersetzt hatte. Der Zustand, in den er sich unter dem Jubel von 1400 Delegierten hineingeredet hatte, ließ den Blutmythos, zu dem er sich nicht gern öffentlich bekennt, selbsttätig emporkommen wie einen befreiten Flaschengeist.

Daß die Tonmixer im Keller der Niedersachsenhalle dieser Eruption den Reitermarsch des Großen Kurfürsten nachfolgen ließen, ist angeblich nicht nach Thaddens Geschmack gewesen: »Das werden Sie meinem Gesicht angesehen haben.« Doch später glitzerten seine Augen vor Erhebung, und ein heroischer Zug kam in sein übermüdetes Gesicht, als die Männer vom Ton vor seinem nächsten Auftritt Bach heraufschickten« Orgelpräludium und Fuge Es-Dur.

Er weicht dem Kult nicht aus, der auf ihn zumarschiert. Nicht den Jüngsten, die ihn, Autogrammkarten in den Händen, wie eine bereits historische Erscheinung anhimmeln. Nicht den alten Damen und Liebedienern, die ihn »hochverehrter Herr Parteivorsitzender« nennen oder ihm -- wie der Parteiredner Maier-Dorn -- »grandiose Rede« und »Gewalt der sachlichen Argumente« bescheinigen. Folgsam legen sie alle die Hände in den Schoß, wenn er ihnen gereizt das Klatschen untersagt: »Keinerlei Akklamationen jetzt bitte!«

Rechtzeitig, wie auf höhere Eingebung, verzichteten die beiden Gegenkandidaten für die Wahl zum Parteivorsitz, von denen Thadden eigentlich schon seit September gewußt hat, daß sie nicht kandidieren würden, wenngleich ihre Namen zum Schein auf den Wahlvorschlägen stehenblieben. ("Was sollen wir denn jetzt noch auf den Stimmzettel schreiben?« fragte einer von unten, »den Herrn von Thadden oder nur einfach ja?")

Rechtzeitig stimmte dieses Fußvolk gegen einen ketzerisch und eigenmächtig vorgebrachten Programmentwurf des NPD-Historikers Udo Walendy, der von der Partei ein Bekenntnis zu der von Thadden geschmähten pluralistischen Gesellschaft verlangte. Später, in geheimer Abstimmung, wählten sie den von Thadden demonstrativ geschnittenen Kritiker in den Vorstand -- heimliches Aufmucken gegen den starken Mann, den sie offen nur bewundern.

Vor dieser Partei, die nur am Narrenseil ihrer Emotionen leicht zu führen ist, nur durch Demagogie zu bewahren vor der Dynamik ihrer zentrifugalen Kräfte, zeigt Thadden etwa soviel Hochachtung wie ein Virtuose vor einem verstimmten Instrument, das nur mit viel Pedal zum Klingen gebracht werden kann. Wenn das Instrument sich widerspenstig zeigt und gegen seinen Wunsch jetzt schon die Forderung nach der Todesstrafe ins Programm zwängt, beweist er seine überlegene Fingerfertigkeit. Er selbst .ist am Ende, als nach einem kleinen Trick mit der Satzung alles doch so bleibt, wie er es wollte, nicht sicher, ob die Kopfjäger im Saal überhaupt begriffen haben, was vorging.

Scheitern könne diese Partei nur noch, so warnte der Führer, »von innen her«. Und sein getreuer Maier-Dorn führte den Gedanken noch weiter hin zum Ohr des kleinen NPD-Mannes: »Sagen Sie nie: Wenn mein Wille nicht geschieht, gehe ich weg ...«

Peter Brügge
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