Zur Ausgabe
Artikel 65 / 85

Martin Morlock WIENER BLUT

aus DER SPIEGEL 46/1965

Er könnte in diesem Lande vieles: Alter Herr einer Burschenschaft sein, beim Jahres-Thing des »Deutschen Kulturwerks Europäischen Geistes« das Lied »Horch auf, Kamerad!« anstimmen oder, falls Curd Jürgens verhindert wäre, in einem »Peer Gynt«-Film die Titelrolle spielen. Nur etwas könnte er, bei aller Blauäugigkeit, mitnichten: als Kanzlerkandidat einen Wahlkampf gewinnen.

Denn Ascher Ben Nathan, 44, Israels erster Botschafter in Bonn, hieß nicht immerzu Ascher Ben Nathan.

Schon sein Vater, ein Wiener Kaufmann und Zionist mit einem »langen slawischen Namen«, benannte sich in Nahum ("der Trostreiche") Nathan um, was dem Sohne Anlaß bot, hinfort auf den Namen Ben Nathan ("Sohn des Nathan") zu hören. Doch nicht genug: Als die Zeitumstände es forderten, unterzeichnete Ben Nathan mit »Arthur Pier« oder, in Decknamenkürze, mit »Arthur«.

Hieraus schon erhellt eine zwischenstaatliche

Besonderheit, welche

auch der »New York

Times« nicht entging: Anstatt, schrieb sie, »Spitzendiplomaten wie üblich aus den Reihen der Professoren, Rechtsanwälte, Wissenschaftler und Journalisten zu rekrutieren, schickte Israel als ersten Botschafter einen seiner berühmtesten Geheimagenten nach Bonn«.

In der Tat, Ben Nathans Leben verlief, gelegentliche Erholungspausen in Orangenhainen abgerechnet, etwas außerhalb der jeweils ortsgültigen Legalität, zumindest aber im Verborgenen.

1938, kurz nach Österreichs Heimkehr ins Hitler-Reich, emigrierte er unauffällig ins Heilige Land. Seit Kriegsausbruch horchte er in Haifa osteuropäische Flüchtlinge aus. 1944 erlernte er das heimliche Fallschirmspringen. 1945 sicherte er in Wien als »Arthur« Naziverbrecherspuren und organisierte den illegalen Transport von Hunderttausenden überlebender Juden nach Palästina; öffentlich firmierte er als Korrespondent jüdischer Nachrichten-Agenturen und Zeitungen. »Ich konnte Neuigkeiten nicht nur melden, sondern auch verursachen; eine beneidenswerte Situation, für einen Journalisten.«

Tarnung war auch sein Titel »Direktor der Inkodeh-Fleischexportgesellschaft": Ben Nathan sollte in dieser Funktion gute Beziehungen zu Äthiopien knüpfen. Eine »geheime Sondermission« hieß sein erfolgreiches Bemühen um deutsche Waffenlieferungen.

Nur sein Agrément als Botschafter entbehrt jeder Geheimklausel.

Ja, solcher Stellungswechsel behage ihm durchaus, sagt der Repräsentant Israels mit deutlichem Wiener Akzent, und er erklärt mir wohlgelaunt, wie er dieses Idiom zuwege bringe: Im Gegensatz zum Sächsischen, das ein Vorschieben des Unterkiefers erfordere, lasse sich das Wienerische durch Herabsenken der Mundwinkel erzielen.

Unsere Rede, wie könnte sie anders, mündet bald in das deutsch-jüdische Verhältnis, auch »Problem des Antisemitismus« genannt. Ist Ascher Ben Nathan in seiner kurzen Amtszeit schon Juden-Feinden begegnet?

Bisher sei er hauptsächlich mit Diplomaten in Berührung gekommen, aber es laufe da recht interessante Post ein. Er gibt mir ein Muster zu lesen: »Ich darf vorausschicken«, beginnt es, »daß ich nie Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen ...«

Wenn man, erläutert der Botschafter ohne Zorn und Eifer, die Briefe Geistesgestörter

und anonyme Schmähungen außer acht lasse, könne man die Schreiber in zwei Gruppen einteilen: Die eine erhoffe sich eine späte Belohnung für philosemitische Handlungen zur Nazizeit, die andere glaube, »endlich die Instanz gefunden zu haben, an die sie sich wenden kann, wenn ein jüdischer Kaufmann sie übers Ohr gehauen hat«.

Bei Gesprächen auf Bonner Parkett sei vor allem das nebenhin Gesagte für ihn aufschlußreich; Von-Mann-zu-Mann-Geständnisse wie »Ich hatte sogar mal eine jüdische Freundin« oder der Hinweis »Es sind ja nicht nur Juden umgekommen im Krieg«. Derartiges, meint der Sohn des Nathan, lasse sich »in dieser Generation wohl nicht mehr ändern«.

»Ich bin äußerst sensibel; ich spüre genau, ob mein Gesprächspartner Ressentiments oder Komplexe hat.« Unter seinen Brauen schießen zwei hellblaue Laserstrahlen hervor und tasten mich neugierig ab.

»Und wie steht es mit Ihnen, Herr Botschafter?«

»Ich habe keinerlei Komplexe«, sagt der vormalige Geheimagent.

Vielleicht liegt es daran: Als 1938 eine Kolonne des zionistischen Jugendbundes »Makkabi Hatzair«, darin der 17jährige Ascher, durch den Wienerwald marschierte, begegnete ihr ein gleich starker Trupp Hitlerjugend. Es kam zu Nasenblutvergießen, und »Makkabi Hatzair« trug den Sieg davon.

Ben Nathan

Marin Morlock
Zur Ausgabe
Artikel 65 / 85
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.