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KAMBODSCHA Wild und brutal

Vietnamesisches Trommelfeuer auf Flüchtlingslager, über 100 000 Khmer retten sich ins nahe Thailand: Die jährliche Strafaktion der vietnamesischen Besatzer droht zum Dauerkrieg zu werden. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Das Verhängnis für das kambodschanische Partisanen- und Flüchtlingslager Nong Samet begann kurz nach Mitternacht.

Granateinschläge jagten die Erde in Fontänen hoch. Während die Fetzen ihrer leichten Bambus-Hütten durch die Luft wirbelten, rannten alle, die noch konnten, in Todesangst davon, Richtung Westen, über die nur wenige Kilometer entfernte thailändische Grenze.

»Meine Beine befahlen, nur zu laufen«, berichtete später die Kambodschanerin Sok Ni, 23, »mein Mund schrie.«

Einige Stunden nach dem Feuerüberfall am 25. Dezember drangen etwa tausend vietnamesische Infanteristen im Schutz von sowjetischen T-54-Panzern in das Lager ein, versuchten, den Widerstand der dort verharrenden Partisanenverbände zu brechen, das Lager selbst dem Erdboden gleichzumachen.

Ähnliche Angriffe gab es auf Nong Tschan, Ampil und O'Bok und andere der gut 20 Lager, in denen ebenfalls Tausende von Kambodschanern Zuflucht gesucht hatten. Sie wollten dem Herrschaftsbereich der Vietnamesen entkommen, die seit ihrer Invasion von 1979 mit massivem Militäreinsatz versuchen, das Land unter Kontrolle zu bringen und dabei zwischen Zivilisten und Kämpfern nicht groß unterscheiden.

Für Kambodscha, während des Vietnam-Kriegs völkerrechtswidrig von US-Bombardements heimgesucht, dann gequält vom Regime der Roten Khmer, die den Genozid am eigenen Volk versuchten, scheint eine neue Leidens-Phase angebrochen.

Über 100 000 Männer, Frauen und Kinder aus Nong Samet sind in den letzten Wochen schon ins benachbarte Thailand geflüchtet, die Zahl der Toten und jener Verwundeten, die zur Flucht nicht mehr fähig waren, ist unbekannt.

»Grausam, wild und brutal«, bezeichnete Sawanit Kongsiri, Sprecher des Außenministeriums in Bangkok, das Vorgehen der Vietnamesen, die mit Artillerie und Panzerkanonen auf Zivilisten, auf Frauen und Kinder geschossen hätten.

Die Wucht der vietnamesischen Angriffe läßt die Kambodschaner befürchten, daß es sich diesmal um mehr handeln könnte als um die üblichen Trockenzeit-Offensiven. Denn immer wenn Ende November die Sümpfe im kambodschanisch-thailändischen Grenzgebiet austrocknen und passierbar werden, pflegten die Soldaten Vietnams und der von den Vietnamesen in Pnom Penh installierten Regierung Heng Samrin die Flüchtlingslager heimzusuchen.

Dort haben drei kambodschanische Gruppierungen ihre Kommandozentralen des Widerstands gegen die vietnamesischen Eindringlinge organisiert. Seit 1981 kämpfen die rund 25 000 Streiter des einstigen Roten-Khmer-Diktators Pol Pot, die 12 000 Partisanen der

»Nationalen Volksbefreiungsfront der Khmer« (KPNLF) unter dem einstigen Premier Son Sann und die etwa 5000 Männer des ehemaligen Regenten und späteren Rote-Khmer-Präsidenten Prinz Norodom Sihanouk Seite an Seite.

Wenig Erfolg haben bisher die mit den Sowjets verbündeten Vietnamesen mit ihrer Invasion in Kambodscha. Im Gegenteil, die Khmer-Guerrilleros kämpften immer erfolgreicher.

Bou Thong, Verteidigungsminister der Vietnam-hörigen Regierung Heng Samrin, erklärte im August vor der Nationalversammlung in Pnom Penh, im ersten Halbjahr 1984 seien zehntausend Partisanen ausgeschaltet worden. Die Verluste unter den eigenen Leuten hätten 2850 betragen.

Ob Bou Thongs Zahlen stimmen, steht dahin - seine Angaben lassen jedenfalls den Schluß zu, daß den 140 000 vietnamesischen Soldaten im Lande und ihren kambodschanischen Verbündeten ernst zu nehmende Gegner gegenüberstehen. Verteidigungsminister Bou Thong gestand sogar ein, der »Feind« habe mehrere erfolgreiche »Versuche« unternommen.

Die verbündeten Partisanen vermochten mit reichen Waffenlieferungen, die sie von Helfern verschiedenster Couleur bezogen, ein ansehnliches Kriegspotential anzuhäufen. Die Roten Khmer munitionieren sich hauptsächlich aus China. Peking versprach nicht nur genügend Ausrüstung, um weitere 6000 Kämpfer aufstellen zu können, sondern noch je 400 000 Dollar in bar für jede der drei Gruppen.

Son Sann holt sich seine Waffen auf dem Umweg über die Asean-Staaten Thailand, Singapur, Malaysia, Indonesien und Philippinen aus dem Westen. Beobachter vermuten eine rege Waffenvermittlertätigkeit von Amerikas CIA im Hintergrund.

Prinz Sihanouk, der schwächste Widerstandspartner, bezieht das Kriegsgerät für seine Männer ebenfalls aus China, neuerdings auch knüpfte er Verbindungen nach Singapur und nach Frankreich.

Die Asean-Staaten fürchten immer noch, die Domino-Theorie - mit dem Fall Südvietnams sei der Sturz aller anderen regionalen, nicht-kommunistischen Regierungen eingeleitet - könnte wahr werden. Auf diplomatischem Wege versuchten sie, solche Möglichkeiten einer friedlichen Lösung der Kambodscha-Frage zu erkunden, die auch der Widerstandsfront eine Chance gäben.

Doch Hanois Außenminister Nguyen Co Thach winkte ab. Vietnam ist derzeit an Verhandlungen über einen Truppenabzug und freie Wahlen in Kambodscha nicht interessiert. Statt dessen attackierte die Volksarmee die Partisanen der KPNLF - diese nationalistischen, betont antikommunistischen Kämpfer auszuschalten, erscheint den Vietnamesen aus politischen Gründen vordringlich. Denn in ihren Reihen haben die Männer Son Sanns viele jener Angehörigen der ehemaligen kambodschanischen geistigen Elite gesammelt, die es geschafft hatten, die Schreckensherrschaft der Roten Khmer zu überleben.

Für den Westen ist die KPNLF erster Favorit. Sie zu zerschlagen, bedeutet für Vietnam, auch die Gefahr zu beseitigen, daß in Kambodscha je ein Regime ans Ruder gelangt, das unter westlichem Einfluß steht.

Mit den kommunistischen Roten Khmer könnte sich das kommunistische Vietnam trotz aller Gegensätze eher verständigen. Daß sich der Westen mit einem vom Makel der blutigen Vergangenheit behafteten Roten-Khmer-Regime arrangieren könnte, ist unwahrscheinlich. Dabei scheinen die Roten Khmer von 1985 nicht vergleichbar mit den Schreckensherren der Zeit von 1975 bis 1978 - wenngleich Pol Pot, Stifter der Massenmorde, immer noch Chef der Streitkräfte ist.

Die Killer geben sich heute liberal. Auf vorehelichen Sex steht bei ihnen nicht mehr wie früher die sofortige Exekution, sondern der Sünder darf auf mildes Verzeihen hoffen. Aus den Verächtern jeder Art von kapitalistischem Gebaren wurden begabte Schwarzhändler und Schieber, die thailändische Lieferanten übers Ohr hauen.

Obwohl die Anhänger Pol Pots während der Zeit ihrer Diktatur den Tod von etwa zwei Millionen Landsleuten verursachten, sind sie als harte Kaderpartei bei jenen jungen Kambodschanern beliebt, die kompromißloses Durchgreifen an sich schon für eine Tugend halten. Über einen Mangel an jungen Freiwilligen können sich die Kämpfer Pol Pots jedenfalls nicht beklagen.

Die kleine Gruppe Sihanouks wirkt dagegen kaum anziehend, weil der politische Standort ihres Führers schwer zu orten ist. Das Schicksal des wendigen Prinzen scheint es zu sein, daß ihm immer neue Proben seiner schier grenzenlosen Anpassungsfähigkeit abverlangt werden.

Einerseits arbeitet er, der 1953 Kambodschas Unabhängigkeit von Frankreich erhandelte, mit den antikommunistischen KPNLF-Leuten eng zusammen. Andererseits haben viele Kambodschaner nicht vergessen, daß Sihanouk von 1970 bis 1975 als entschiedener Parteigänger der Roten Khmer auftrat, und sie begegnen deshalb dem Prinzen mit Mißtrauen.

Die gemeinsame Abneigung gegenüber den vietnamesischen Eindringlingen aber scheint auszureichen, um die Gegensätze zwischen den Widerstandskoalitionären zumindest vorerst nicht aufbrechen zu lassen.

Als die Vietnamesen Weihnachten 1978 einmarschierten, wurden sie allgemein in Kambodscha als Retter willkommen geheißen, die das Land von der Pol-Pot-Herrschaft befreiten. Der anfängliche Jubel verstummte, als Vietnams Soldaten die Bauern am Reisanbau hinderten, die letzten Nahrungsmittelvorräte konfiszierten und westliche Hilfslieferungen nicht zuließen.

Nach amerikanischen Schätzungen verhungerten 1979 etwa 350 000 Kambodschaner. In Rage versetzte die Kambodschaner auch, daß Hanoi ihr Land gleichsam als Kolonie betrachtet. Hunderttausende von Vietnamesen haben inzwischen die attraktivsten Posten nicht

nur in der Verwaltung, sondern auch im Geschäftsleben an sich gerissen; sie drangsalieren die Kambodschaner nicht nur als Kommissare, sondern machen ihnen auch als Kaufleute, Cafehausbesitzer, Techniker und Mechaniker Konkurrenz.

Überdies powern sie die Nahrungsquellen des Landes aus. Der Tonle Sap (Große See), der einst ganz Kambodscha mit billigem Frischfisch versorgte, ist heute durch vietnamesische Arbeitsbrigaden fast leergefischt.

Solches Auftreten der Vietnamesen erklärt die Verbissenheit des Widerstands, die Tatsache, daß die Kambodschaner darüber ihre ideologischen Differenzen wenn nicht beigelegt, so doch zurückgestellt haben.

KPNLF-Befehlshaber General Dien Del hat jedem Kämpfer, der einen vietnamesischen Panzer abschießt, eine Prämie von 1100 Dollar versprochen.

Seit kurzem können die Partisanen wirksame panzerbrechende Waffen gegen die T-54 der Vietnamesen einsetzen. Der Krieg erhielt eine neue Qualität. Diesmal haben vietnamesische Regimenter mit ihrer Trockenzeit-Offensive schon im November begonnen, und es scheint westlichen Militärfachleuten auch nicht mehr wahrscheinlich, daß sie sich wie sonst zurückziehen werden, wenn die Monsunregen das Land wieder in einen riesigen Sumpf verwandeln. Die befestigten Stellungen und die Straßen, die sie im Kampfgebiet anlegen, deuten darauf hin.

Feinfühlig wie stets ahnt auch Prinz Sihanouk den Umschlag in der Großwetterlage. Gefragt, ob der Kleinkrieg auch diesmal wieder ablaufe wie bei den früheren Trockenzeit-Offensiven, meinte der adlige Widerstandskämpfer nur: »Ja, ja - ich hoffe es, ich hoffe es.«

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