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FINNLAND Wilde Deutsche

Von Stalin gezwungen, griffen 1944 die Finnen ihre deutschen Waffenbrüder in Lappland an, das daraufhin verwüstet wurde. Dafür fordert Helsinki von Bonn und Ost-Berlin -- bislang vergebens -- Entschädigung.
aus DER SPIEGEL 15/1974

Deutsche Offiziere hatten sich in einem Haus der Stadt Tornio verschanzt und sich geweigert zu kapitulieren. Die Finnen schossen das Haus in Brand, zehn Überlebende ergaben sich. Im Lyzeum kapitulierten 32 deutsche Soldaten nach drei Tagen ohne Wasser. Die Finnen hatten die Wasserleitung gesperrt.

Das meldete die Helsinkier Zeitung »Hufvudstadsbladet« am 5. Oktober 1944 aus Nordfinnland, wo Deutsche und Finnen plötzlich so erbittert gegeneinander kämpften wie sie bis dahin auf der finnischen Ostfront drei Jahre lang miteinander gegen die Rote Armee gekämpft hatten.

Ein finnischer Träger hoher deutscher Orden -- EK I und II beider Weltkriege, Ritterkreuz mit Eichenlaub -hatte den aussichtslosen Kampf gegen die Russen Anfang September 1944 eingestellt und ihn auf Moskauer Befehl Ende September gegen die deutsche Lappland-Armee eröffnet: Feldmarschall Gustaf Mannerheim, Finnlands Oberbefehlshaber und seit dem 4. August 1944 zugleich Staatspräsident.

Für diesen nur wenige Wochen dauernden deutsch-finnischen Krieg fordert heute -- 30 Jahre danach -- Finnlands Staatschef Urho Kekkonen vom gespaltenen Deutschland Reparationen: Die Deutschen hatten bei ihrem Rückzug nach Norwegen Nordfinnland verwüstet.

Als Mannerheim damals gegen die Lappland-Armee antrat, war Finnland ausgeblutet und ausgehungert. Und er sah die deutsche Niederlage sowie den Tag kommen, an dem Deutschland seine Lieferungen an Kriegsmaterial und Lebensmitteln einstellen müsse. Längst hatte sich Helsinki, das mit Deutschland nie ein Bündnis eingegangen war, via Stockholm um einen leidlichen Frieden mit Moskau bemüht.

Im Februar 1944 stellte Stalin außer großen Gebietsforderungen eine Bedingung, die Finnlands Regierung als unerfüllbar ansah: Sie sollte die deutsche Lappland-Armee internieren und an Rußland ausliefern. Finnland beschloß weiterzukämpfen.

Doch Anfang September akzeptierte das Vier-Millionen-Volk, dem die Auslöschung drohte, Stalins Waffenstillstands-Diktat mit der Auflage, die Deutschen zu internieren oder zu vertreiben, falls sie Lappland nicht bis Mitte September geräumt hätten. Das »war peinlich«, bekundete Mannerheim später in seinen Memoiren, »aber wir hatten keine Wahl«.

Immerhin bestand die deutsch-finnische Waffenbrüderschaft seit 1917, als die deutsche Ostfront dem bis dahin russischen Großfürstentum Finnland zur Loslösung von Rußland verhalf. Damals drillte Deutschland (seit 1915) finnische Freiwillige als »Königlich-Preußisches Jäger-Bataillon Nr. 27« für Finnlands Unabhängigkeitskrieg und ließ 1918 zur Unterstützung eine deutsche Division in Finnland landen.

Daß Hitler 1939 mit Stalin paktiert, ihm freie Hand für den »Winterkrieg« (1939 bis 1940) gegen die Finnen gelassen und denen die Zufuhr italienischer Waffen via Deutschland versagt hatte, vergaßen sie 1941: als deutsche Divisionen eintrafen, um ihnen bei der Rückeroberung der 1940 von Rußland annektierten Gebiete zu helfen.

So schien fraglich, ob finnische Offiziere gegen die Wehrmacht kämpfen würden -- doch Hitler selbst löste den Loyalitätskonflikt. Ein deutscher Mannöverband forderte am 15. September den finnischen Kommandanten des Leningrad-Sperriegels Suursaari im Finnischen Meerbusen auf, ihm die Insel zu überlassen, und stürmte sie zugleich.

Die Finnen wiesen die Deutschen blutig ab, machten 700 Gefangene, und die Sowjets debütierten als neue Waffenbrüder -- ihre Luftwaffe griff in die Kämpfe ein.

Stockholms »Dagens Nyheter« tags darauf: »Der Angriff auf Suursaari befreite Finnland von der nach Ansicht vieler schmerzlichen Pflicht, den ersten Schritt zu tun. Gewissensbisse braucht es jetzt nicht mehr zu haben.«

Drei Tage später wurde ein vollbesetztes finnisches Verkehrsflugzeug auf dem Flug nach Stockholm von deutschen Jagdflugzeugen beschossen. Und die finnische Presse druckte täglich »offizielle Berichte« aus Nordfinnland über Zerstörungen durch die abrückenden Deutschen.

Den Befehl dazu hatte Hitler erteilt, und die über den »finnischen Verrat« empörte Truppe führte ihn gründlich aus. Sie sprengte die Straßen- und Eisenbahnbrücken, brannte ganze Dörfer und Flecken nieder.

In der Stadt Kemi nahmen die Deutschen mehr als 100 Geiseln -- Stadtdirektor, Polizeichef, Apotheker, Pastoren, sogar Schwedens Konsul -- und drohten sie zu erschießen« falls die Finnen weiter angriffen.

Mitte Oktober wurden die 1000 meist hölzernen Häuser der Lappland-Hauptstadt Rovaniemi bis auf ein paar steinerne Ausnahmen dem Erdboden gleichgemacht und weit vor der Stadt die militärisch wertlosen Anlagen der Skisprungschanze vernichtet. Tuure Salo, Rovaniemis heutiger Stadtdirektor: »Die Stadt wurde zu 90 Prozent zerstört.«

Der »Deutsche General beim finnischen Hauptquartier«. Waldemar Erfurth, begründete die Zerstörungen: »Die Deutschen waren des Glaubens, daß die Russen in das finnische Territorium eindringen und Finnland besetzen würden.« Finnische Leitartikler dagegen: »Die Deutschen wußten, daß ihnen nur Finnen folgten.«

Die Deutschen zogen sich nur langsam zurück, um ihre Wintervorräte bergen zu können. Daß sie dabei Brücken, Straßen und Telephonmasten zerstörten, hält der Oberst a. D. Wolf H. Halsti, 68, in Helsinki, der als Regimentskommandeur gegen sie focht, für erklärlich. »Aber West-Lappland niederzubrennen, war Unsinn.«

Der Oberst erinnert sich -- in fließendem Deutsch, seine Mutter stammte aus Niedersachsen -. daß die Deutschen »wie die Wilden« kämpften, aber auch zahllose Gemeinheiten verübten. In Häusern. die sie intakt ließen, wurden in Schornsteinen und Öfen Sprengkörper hinterlassen. Sie zertrümmerten Möbel, Nähmaschinen, Kinderwagen, das Geschirr bis zur letzten Tasse und zerrissen Spielzeugpuppen. Sie töteten Hunde und Katzen, schlachteten Kühe und Schafe und spießten deren Köpfe auf Lattenzäune.

Finnische Gefangene, zum Beispiel der Oberleutnant Abbell aus Oberst Halstis Regiment, wurden bis zur norwegischen Grenze (500 Kilometer) als Zugtiere mißbraucht. Und auf dem Ortsschild des niedergebrannten Fleckens Muonio malten sie über »Muonio« die Worte »Das war«.

Auf einem Stück Pappe an einem Baum fand der Oberst auch persönliche Grüße vor, vom deutschen Generalleutnant Krakau, dem er einst nach gemeinsamen Aktionen zusammen mit seinem Divisionskommandeur das Finnische Freiheitskreuz umgehängt hatte. Pappen-Aufschrift·. »Herr Halsti, Du Hund! Krakau.«

Es gab auch tragische Situationen: Wenn gefangengenommene Landser vor Erschütterung weinten, weil sie von den Ex-Waffenbrüdern verhört wurden.

Oder als ein deutscher und ein finnischer Kompaniechef, die einmal nebeneinander in russischem Feuer gelegen hatten, aufeinander schossen. Der Finne traf und trug den Schwerverwundeten weinend nach hinten. Gegenseitig erhöhten die einstigen Kameraden die Zahl ihrer im Kampf gegen Rußland Gefallenen um insgesamt mehrere tausend Mann.

Dennoch machte Moskau die gefährliche Andeutung, die Finnen führten lediglich Scheinkrieg. Sie luden deshalb ausländische Journalisten ein, die nicht nur über einen deutschen Sturzkampfflieger-Angriff staunten, sondern auch über Oberst Halsti, der gegen die Deutschen kämpfte -- mit dem EK I auf der Brust.

Die nichtmilitärische Zerstörungswut der Verfolgten mag einen besonderen Grund gehabt haben: Sie standen, so Halsti, oft unter Alkohol. Auf den 115 Kilometern von Kemi nach Rovaniemi seien nur 100 Meter Straßengräben nicht voll leerer Flaschen gewesen.

Insgesamt vernichtete die abziehende Lappland-Armee in Nordfinnland unter anderem fast alle 700 Brücken, 7000 Häuser, mehrere Dutzend Fährschiffe, sogar die Schneezäune. Wert in heutigem Geld: rund 800 Millionen finnische (550 Millionen deutsche) Mark.

Als Finnland 1971 Bonn und Ost-Berlin die gleichzeitige Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot, bat es sich aus, zuvor seine Neutralität anzuerkennen, einen Gewaltsverzichtsvertrag zu schließen und seit Kriegsende offengebliebene ökonomisch-juristische Fragen sowie die Lappland-Reparationen zu regeln.

Die Bundesregierung wich aus, weil sie -- vor Abschluß des innerdeutschen Generalvertrags Ost-Berlin nicht zum ersten Botschafter eines westlichen Staates verhelfen wollte.

Die DDR hat den zwei ersten finnischen Bedingungen bereits 1972 zugestimmt, teils allerdings nicht sehr eindeutig, und über die Reparationen bis heute nur erst gesprochen. Dennoch, und obgleich es mit Westdeutschland noch gar nicht verhandelt hatte, erkannte Finnland 1972 von sich aus beide Staaten an.

Bonn paraphierte entsprechende Vereinbarungen mit Finnland erst vorletzte Woche, klammerte aber die ökonomischen Fragen unter Berufung auf das Londoner Abkommen von 1953 über Großdeutschlands Schulden aus.

Darin heißt es, daß die Prüfung von Reparationsfragen aufgeschoben bleibt: bis zum Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland.

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