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AGENTEN Wilde Geschichten

In der Affäre um den Verkauf von Akten des Bundeskriminalamts bringen abenteuerliche Vermerke über Mordkommandos und eine Sex-Orgie die Hausspitze in Erklärungsnot. Auch Mitarbeiter der Zeitschrift »Focus« geraten unter Druck.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Es war ein dicker Ordner, der da im Februar in seinem Bundestagsbüro landete. Wann genau das Konvolut abgegeben wurde, weiß Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, nicht - er war an jenem Tag außer Haus. Bezüglich des Lieferanten aber hat Bosbach keinerlei Zweifel, und auch an den Inhalt des Ordners erinnert er sich genau. Es war der umstrittene Agent Werner Mauss, der dem Abgeordneten da Verschlusssachen aus dem Bundeskriminalamt (BKA), dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und dem Bundeskanzleramt zukommen ließ.

Die Papiere sollen aus einem Schließfach in München stammen, das der »Focus«-Journalist Josef Hufelschulte als Versteck genutzt haben soll. Große Teile der Akten seien Hufelschulte, so Mauss, von August Hanning, ehemals BND-Chef und heute Staatssekretär im Innenministerium, über Jahre hinweg zugespielt worden - laut Mauss ein ungeheuerlicher Vorgang und eine Gefahr für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland. »Beweise für diese These«, so Bosbach, »hatte Mauss aber nicht.«

Weil der CDU-Sicherheitsexperte »nicht in eine Privatfehde des Herrn Mauss hineingezogen werden und die Unterlagen nicht für mich behalten« wollte, rief er Generalbundesanwältin Monika Harms zu Hilfe. Nur eine Stunde nach dem Telefonat ließ die ranghöchste Ermittlerin der Republik die Akten abholen.

Die Mauss-Geschichte vom angeblichen »Focus«-Informanten Hanning fand dennoch ihren Weg in die Öffentlichkeit - wenn auch auf äußerst verschlungenen Pfaden: Am Mittwoch vorvergangener Woche meldeten die NDR-Magazine »Zapp« und »Panorama«, das BKA habe, ähnlich wie der BND, jahrelang Journalisten bespitzelt, »um undichte Stellen zu finden«. In einer »geheimen Aktion« seien in den Jahren 2002 bis 2004 »Millionen von Telefonverbindungen erhoben worden, um Kontakte zwischen BKA-Beamten und Journalisten zu belegen«.

Das war richtig und ging dennoch am Kern der Affäre vorbei. Tags drauf konnte BKA-Präsident Jörg Ziercke den Vorwurf der Spitzelei gegen Journalisten entkräften, weil nachweislich nur die Anschlüsse von BKA-Mitarbeitern überprüft worden waren. Bislang unbekannte Dokumente lassen nun die Konturen einer Affäre erkennen, die in Wahrheit eine Groteske im Geheimdienstmilieu ist. Von Erpressung ist die Rede, von einer Sex-Orgie und von Bestechung. In der Grauzone der Geheimen und ihrer Geheimnisse haben immer wieder Sicherungen versagt. Bei »Focus«-Mitarbeitern, die offenbar keine Skrupel hatten, Behördenakten zu kaufen, bei Mauss und auch im BKA, dessen Beamte im Agenten-Stadl mitdilettierten.

Das Stück begann am 2. November 2002 in einer Außenstelle des Bundeskriminalamts bei Bonn. Dort erschien der einst legendäre Werner Mauss, 67, und gab angeblich Hochbrisantes zu Protokoll: Libysche Agenten trieben im Raum Bonn ihr Unwesen und wollten oppositionelle Landsleute umlegen.

Mauss' Gesprächspartner, zwei hochrangige Beamte der BKA-Staatsschutzabteilung, waren äußerst skeptisch. In einem dreiseitigen Vermerk werteten sie die Angaben als »wenig glaubhaft«. Es bestehe »vielmehr der Eindruck, dass es dem Hinweisgeber Mauss ausschließlich darum geht, auf Grund seines angeblichen Zugangs zu terroristischen Vereinigungen, diesbezüglich eine Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt anzustreben«.

Ein naheliegender Schluss, denn Mauss, den deutsche Sicherheitsbehörden lange für sich agieren ließen, gilt in den Amtsstuben deutscher Sicherheitsbehörden seit über zehn Jahren als Unperson.

1996 war er mit seiner Ehefrau in Kolumbien festgenommen worden, im Zusammenhang mit dem Freikauf einer von Rebellen entführten Deutschen. Die Regierung in Bogotá warf dem Paar vor, mit den Entführern unter einer Decke zu stecken und sie durch Lösegeldzahlungen zu finanzieren. Erst nach mehrmonatiger Haft kamen Mauss und Frau frei. Im Mai 1998 wurden sie von allen Vorwürfen freigesprochen.

Dennoch blieb bei vielen ein unschöner Verdacht, und so wollte in deutschen Sicherheitsbehörden fortan niemand mehr mit der einstigen Allzweckwaffe zu tun haben. Der Regierungswechsel 1998, der seinen langjährigen Förderer, den Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer (CDU), den Job kostete, tat ein Übriges. Eigentlich kein Problem für Mauss, denn er ist in all den Jahren zu sehr viel Geld gekommen.

Doch Geld ist nicht alles für umtriebige Menschen, und so mag es Mauss wie ein Gottesgeschenk vorgekommen sein, dass sich nur wenige Tage nach seiner Aussage Hufelschulte telefonisch bei ihm meldete. Der »Focus«-Reporter eröffnete ihm - wie sich später zeigen sollte - unfreiwillig die Möglichkeit, wieder mit bundesdeutschen Behörden Geheimes zu treiben.

»Hufelschulte erpresste den Vernommenen«, schrieb Mauss über sich selbst in einem Vermerk. Der Agent notierte: »Unglaublicherweise war er bereits zu dieser Zeit im Besitz meiner im BKA gemachten Aussage.« Weiter heißt es: »Unter der Bedingung, dass ich mich bereit erkläre, sofort 5000 Euro in bar zu bezahlen, sei er, Hufelschulte, bereit mir zuzusichern, dass der an ihn verratene Sachverhalt nicht in der nächsten ,Focus'-Ausgabe erscheint.«

Die Summe sei für einen »Nachrichtenhändler« bestimmt, der »Focus« das Material angeboten habe. »Der will Kohle von Ihnen. Ganz einfach«, sagte Hufelschulte in einem von Mauss mitgeschnittenen Telefonat. Am vergangenen Freitag wies »Focus« den Vorwurf der Erpressung zurück: »Hufelschulte versichert, weder Mauss erpresst noch sich persönlich bereichert zu haben.« Den Vorwurf, dass der »Focus«-Mann das Material gegen Geld an Mauss verzinkt hat, entkräftet dies aber nicht.

Am 14. November 2002 übergab Hufelschulte laut Mauss im Hotel Frankfurter Hof den BKA-Vermerk. Mauss notierte: »Euphorisch informierte mich Hufelschulte, dass er den von mir verlangten Betrag in Höhe von 5000 Euro auf 4000 Euro herunterhandeln konnte.«

Mit dem Papier war der seit Jahren von deutschen Behörden gemiedene Agent nun endlich wieder in der Vorhand. Schließlich konnte er mit dem internen Papier gegenüber dem BKA belegen, dass es ein Leck in der Behörde gab. Und natürlich insinuierte er, dass er helfen könne, die undichte Stelle zu lokalisieren. Damit war er, in den Augen der BKA-Führung, offenbar jenen Makel los, den die BKA-Staatsschützer ausdrücklich in ihrem Vermerk betont hatten - dass der Privatdetektiv ein Wichtigtuer sei, der mit wilden Geschichten wieder ins Geschäft zu kommen versuche.

Zwar haben Ziercke und BKA-Sprecher Michael Albertz wiederholt betont, dass Mauss »auf eigene Initiative und ohne Auftrag« gehandelt habe - doch der Sonderstatus, den das BKA ihm über Jahre einräumte, spricht eine andere Sprache.

Mit einem Leitenden Kriminaldirektor bekam der Privatermittler einen festen Ansprechpartner, der sogar mithören durfte, wenn sich der Detektiv mit Hufelschulte verabredete, um so den Verrätern im BKA auf die Spur zu kommen.

Über die Jahre, so behauptet Mauss, habe er dem Journalisten für weitere 18 000 Euro internes BKA-Material abgekauft, um den Verräter im Amt ausfindig zu machen. Hufelschulte bestreitet, Mauss weitere Akten verkauft zu haben.

Die Suche nach dem Leck im BKA verlief ergebnislos. Die Ermittlungen wurden 2004 eingestellt. Auch keine der anderen Mauss-Informationen führte zu irgendeinem handfesten Ermittlungsergebnis.

Schlecht für das BKA und sein langes Festhalten am Zuträger Mauss ist auch, dass der Agent Innenstaatssekretär Hanning für den Lieferanten all dieser Papiere hält - ausgerechnet jenen Mann, der im Innenministerium für die Aufsicht über die Bundesermittler zuständig ist. Mögliches Motiv für derlei Beschuldigungen: Es soll, so Sicherheitsexperten, Hanning gewesen sein, der nach dem Kolumbien-Abenteuer mit dafür gesorgt habe, dass der einstige Star-Agent Mauss in deutschen Sicherheitsbehörden kein Bein mehr auf den Boden bekam.

Was bleibt, ist die Verblüffung über jene BKA-Leute, die jahrelang über allerhand Stöckchen sprangen, die Mauss ihnen hinhielt. Der Umgang war sehr vertrauensvoll, mitunter informierte der Agent seinen BKA-Kontaktmann gleich nach den Treffen mit Hufelschulte telefonisch, weitere Meldungen schickte er sogar nächtens per Fax in die Privatwohnung des Beamten. »Schönen guten Abend«, grüßte Mauss etwa am 29. April 2003 und übermittelte die aktuelle Adresse eines ehemaligen »Focus«-Mitarbeiters.

Der Journalist habe Anfang der neunziger Jahre »drei Beamte vom Staatsschutz Meckenheim« eingeladen und ihnen eine Sex-Orgie mit seiner Frau ermöglicht, die so etwas möge. Die Details der vermeintlichen Orgie hat Mauss in einem am Tag zuvor verfassten Vermerk festgehalten: »Dann haben sie seine Frau von allen Seiten gebumst, und dies alles hat er mit Genehmigung der Beamten fotografiert.« Mit den Aufnahmen habe der »Focus«-Mann später von den Beamten die Herausgabe von Unterlagen erpresst.

Ein Anwalt von »Focus« bestreitet den gesamten Vorgang. Und ob Mauss seine Behauptungen vor Gericht beweisen kann, steht dahin. Klar ist nur, dass sich wenig später einer der angeblich beteiligten BKA-Fahnder erschoss. Warum, das ist bis heute ungeklärt.

GUNTHER LATSCH, HOLGER STARK

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