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GROSSBRITANIEN Wilde Katzen

aus DER SPIEGEL 13/1966

In einem Straßengraben bei Oxford

fanden Passanten den Automobilarbeiter Walter Talbot, 61. Der Entkräftete hatte zuvor mit Arbeitskollegen zusammengesessen, jedoch nicht beim Bier, sondern vor einem Femegericht.

Zwölf militante Gewerkschaftsfunktionäre hatten ihm und sieben weiteren Arbeitern der »British Motor Corporation« (BMC) in Cowley bei Oxford den Prozeß gemacht: Die Automobilwerker wollten sich nicht an einem eintägigen wilden Streik beteiligen. Boß der Feme -Jury war John Power, 27, Betriebsrat der »Amalgamated Engineering Union«, der zweitgrößten Gewerkschaft Großbritanniens. Am Schluß der Verhandlung fragte Power standesgemäß: »Bekennen Sie sich schuldig?« Die Angeklagten verneinten.

Unter den Schlachtrufen von 300 beisitzenden Kollegen ("Hängt die Schweine auf!") verdonnerte das Arbeitergericht die »Streikbrecher« zu je 33 Mark Geldstrafe. Über den Delinquenten baumelte ein Henkerstrick. Für Talbot war das Spektakel zuviel. Geschockt verließ er das Tribunal, marschierte 20 Kilometer ziellos durch die Nacht, bis er erschöpft niedersank.

Der gleichfalls verurteilte Kesselflikker Bell, 35, ein kräftiger Junggeselle, schlug Alarm. Er verpetzte die sonderbaren Praktiken an die Presse. Den britischen Oppositionsparteien kamen Bells Enthüllungen gerade recht. Sie lieferten den Liberalen und Konservativen für die Parlamentswahlen am 31. März den ersehnten Schlager: Englands Gewerkschaften in den Klauen skrupelloser Labour-Funktionäre.

Tatsächlich ist einer der Feme-Richter bei der British Motor Corporation, Herbert Stevens, Labour-Ratsherr in Abingdon. Oppositionsführer Edward Heath kündigte eine Reform der Gewerkschaften an, falls die Konservativen die Wahlen gewännen.

Die britische Arbeiterpartei ist von alters her noch enger mit den Gewerkschaften verfilzt als ihre kontinentaleuropäischen Schwesterparteien. Auf den Kongressen der Labour Party verfügen die Arbeitnehmer-Syndikate über 80 Prozent der Stimmen. 70 Prozent der Partei-Einnahmen fließen aus Beiträgen von 5,5 Millionen Gewerkschaftlern. Mehr als ein Drittel der 316 Labour -Abgeordneten sind Gewerkschaftler.

Gewaltig ist die Macht der etwa 250 000 Betriebsräte in Albions Wirtschaft. Nach dem »Trade Disputes Act«, einem Gesetz aus dem Jahre 1906, können weder die Gewerkschaften noch ihre Funktionäre ersatzpflichtig gemacht werden, wenn sie anderen einen Schaden zugefügt und dabei im Namen ihrer Organisation gehandelt haben.

Unter dem Schutz dieser Immunität verfahren die Funktionäre nach der Devise des ehemaligen Transportarbeiter-Bosses und heutigen Labour -Ministers Frank Cousins: »Jeder hole sich, was er kann.«

Um ihre Lohnforderungen durchzusetzen, entfesseln die Arbeiterfunktionäre alle Jahre wieder wilde Streiks, die sogenannten »wildcat strikes«. Immer wieder versuchen Betriebsobmänner, sich und ihren Kollegen mit Wildkatzereien außer der Reihe Lohnerhöhungen zu erkämpfen.

Während der Durchschnittsverdienst britischer Arbeiter bei wöchentlich 225 Mark liegt, bringt es beispielsweise jene Betriebs-Clique, die bei BMC Femegericht hielt, auf 330 bis 500 Mark. Im letzten Jahr gingen dem Automobil-Unternehmen durch Streiks mehr als fünf Millionen Arbeitsstunden verloren. Seine Lohnkosten stiegen um 34,5 Prozent, der Umsatz erhöhte sich hingegen nur um 4,4 Prozent.

Die Wildkatzen entfesselten 90 Prozent von 2342 Streiks, die im letzten Jahr den Inselstaat beunruhigten. In den Tarifverträgen werden wilde Streiks als Kampfmaßnahme zwar ausdrücklich abgelehnt, aber diese Abkommen sind für britische Gerichte nicht bindend. Überdies geben die Firmenvorstände den Wildkatzen oft nach, um einen längeren Produktionsausfall zu verhindern.

Die Gewerkschaften wiederum schonen ihre Vertrauensleute, um sie nicht an Konkurrenz-Syndikate zu verlieren. Anders als in der Bundesrepublik, wo die Arbeiter nach Wirtschaftszweigen organisiert sind, gliedert sich die Mehrheit der britischen Gewerkschaften nach Berufen. So gibt es eine Gewerkschaft der Küfer und eine der Korbmacher; sogar die Strip-tease-Tänzerinnen des Londoner Amüsierviertels Soho sind zünftig organisiert.

Während das Volkswagenwerk beispielsweise mit nur einem Tarifpartner, der IG Metall, verhandelt, muß die »Ford Motor Company« in Dagenham mit 22 verschiedenen Gewerkschaften auskommen. In der Bundesrepublik verhandeln 37 Gewerkschaften mit durchschnittlich 220 000 Mitgliedern um Löhne und Arbeitszeiten, in Großbritannien feilschen 591 Arbeitnehmer-Organisationen, von denen 133 jeweils weniger als 500 Mitglieder haben.

Selbst kleinste Anlässe genügen den Briten, die Arbeit niederzulegen. So streikten

- in einer Autofabrik 86 Türpolierer,

weil zwei ihrer Kollegen Schrammen von einigen Türen, die sie zuvor bearbeitet hatten, entfernen sollten;

- auf der Werft von Vickers-Armstrongs 120 Arbeiter, weil sie sich nicht einigen konnten, wer von ihnen den Tee einschenken sollte;

- im Fußbodenbelag-Werk von Marley Tile 27 Schichtarbeiter, weil ihnen der Tee zu wässerig war;

- Londoner Hafenarbeiter, nachdem einer ihrer Kollegen wegen Hammeldiebstahls verurteilt worden war.

In Wales legten im vergangenen Jahr 50 000 Bergleute neun Tage lang ihre Hacken beiseite, weil sich zwei Kumpels verschiedener Couleurs beschimpft hatten. Als Prinzessin Margaret eine automatische Rotationspresse der »Birmingham Post and Mail« mit Knopfdruck einweihen wollte, protestierte die Druckergewerkschaft. Erst nachdem Margaret Mitglied der Druckerorganisation geworden war, konnte die Zeremonie beginnen.

Doch mit der Zeit wurden die Wildkatzen selbst den Briten unheimlich, die das Treiben einer Minderheit gemeinhin mit sportlichem Interesse verfolgen. Unlängst ermittelte das führende Meinungsforschungs-Institut »National Opinions Polls": 56 Prozent der Briten wünschen, daß die Gewerkschaften schärfer kontrolliert werden. Sogar 70 Prozent der Organisierten unterstützen ein Verbot wilder Streiks: Zu häufig leiden unbeteiligte Arbeiter unter den spontanen Ausständen.

Die Stimmung gegen die Funktionäre steigerte sich, als jüngst 15 Frauen und Männer in einer BMC-Kühlschrankfabrik in Theale von einem illegalen Gericht zu Geldstrafen zwischen 22 und 28 Mark verurteilt wurden. Sie hatten es abgelehnt, sich einem wilden Streik anzuschließen.

Noch schlechter erging es dem Londoner Schlachthaus-Arbeiter Alfred Davies. Der Gewerkschaftler hatte an der Sitzung eines Arbeitskomitees teilgenommen, das mit seinem Syndikat zerstritten war. Daraufhin verbrannten ihm mißgünstige Kollegen Rock und Mantel; auch das Fahrrad des Abtrünnigen wurde demoliert.

Die Labour-Prominenz versuchte, den Unmut zu beschwichtigen. Schatzkanzler Callaghan: »Ich glaube nicht, daß es einen einzigen anständigen Gewerkschaftler gibt, der das, was passiert ist, nicht verurteilen würde.«

Die Konservativen hoffen, daß noch vor den Wahlen weitere Willkürakte von Labour-Gewerkschaftlern ans Tageslicht kommen. Oppositionsführer Heath: »Die Ereignisse bei BMC waren erst die Spitze des Eisbergs.«

Daily Mirror

»Sagt, das sei zum Stullenschneiden«

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