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NICARAGUA Wilde Tiere

Der Vatikan fordert vier linke Priester auf, von ihren Regierungsämtern zurückzutreten. Die aber weigern sich. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Tausende winkten begeistert; blauweiß-blaue und schwarz-rote Fahnen, die National- und die Sandinistenfarben, wehten über Managuas neuem Carlos-Fonseca-Platz. Nicaraguas Junta-Chef Daniel Ortega hatte seine Anhänger soeben gebeten, der Ernennung des Jesuitenpaters Fernando Cardenal, des Organisators des »Kreuzzugs gegen den Analphabetismus« von 1980, zum Erziehungsminister zuzustimmen.

Damit ist »Nicaragua das einzige Land«, so Ortega, »in dem katholische Priester vier Schlüsselpositionen in der Regierung innehaben": neben Fernando Cardenal dessen Bruder Ernesto, Kulturminister und Trappistenmönch, Außenminister und Maryknoll-Priester Miguel D'Escoto sowie Edgard Parrales, Nicaraguas Botschafter bei der »Organisation Amerikanischer Staaten« (OAS).

Doch »einige begrüßten Cardenals Berufung nicht«, bedauerte die sandinistische Parteizeitung »Barricada«. Der Heilige Stuhl verwies auf den Kanon 285 des Kirchenkodex, der Klerikern verbietet, »öffentliche Ämter anzunehmen, die eine Teilhabe an der Ausübung weltlicher Gewalt mit sich bringen«, und betonte, dies sei »ein eindeutiges Verbot«.

Jesuitengeneral Peter Hans Kolvenbach beauftragte den zuständigen Provinzialoberen, gegen Cardenal auch die »schmerzlichsten Konsequenzen« zu ziehen. Und der Erzbischof von Managua, Obando y Bravo, setzte den vier Priestern in der linken Regierung eine Frist bis zum 31. August, ihre Ämter niederzulegen.

Cardenal konterte: »Wegen der Verpflichtung, die Christen gegenüber den Armen haben, sind wir bereit, alle Sanktionen auf uns zu nehmen.«

Schließlich griff der streitbare Bruder aus der Gesellschaft Jesu auch seinen Bischof an: Ein Heiliger aus den ersten Jahrhunderten habe schon geschrieben, »daß die Menschen, gottesfürchtig und gehorsam den Geboten des Herrn, sich selbst von einem sündigen Bischof trennen« müßten.

Der Streit zwischen der konservativen Kirchenhierarchie auf der einen Seite sowie der revolutionären »Volkskirche« und der Regierung auf der anderen Seite, der seit der Machtübernahme der Sandinisten (1979) schwelte, spitzte sich in den letzten Wochen zu.

Bei einem Besuch in den USA erklärte Erzbischof Obando y Bravo freimütig, »seine Kampagne sei die bestorganisierte Opposition in Nicaragua«, und bemühte sich laut »New York Times« um Unterstützung vor allem des Unternehmenschefs Peter Grace, eines Führungsmitgliedes des katholischen Opus-Dei-Ordens, um der »marxistisch-leninistischen Politik der Sandinisten zu begegnen«.

Im Juni eskalierte der Konflikt: Der sandinistische Geheimdienst filmte in Managua aus einem Versteck den Priester Luis Amado Pena im Gespräch mit Pedro Espinoza, einem Chef der in Honduras stationierten Konterrevolutionäre. Als der Pater das Haus verließ, stellten ihn Beamte des Sicherheitsdienstes und leerten seine Tasche, die Handgranaten und Sprengstoff enthielt. Seither wartet Amado Pena im Hausarrest auf seinen Prozeß.

Pablo Vega, der Präsident der nicaraguanischen Bischofskonferenz, war sichtlich betroffen, als ihm Innenminister Borge das Belastungsmaterial vorführte. Dennoch rief Obando y Bravo zu einer Solidaritätskundgebung mit Amado Pena auf, an der schließlich ein Bischof (von neun), 27 Priester (von etwa 170 in Managua) und rund 250 Gläubige teilnahmen.

Nur wenige Stunden später verwies das Innenministerium zehn ausländische Priester, die an der Demonstration teilgenommen hatten, des Landes, weil sie, so die offizielle Begründung, »die Gesetze unseres Landes verletzt haben und an Plänen teilnahmen, die eine Konfrontation zwischen der katholischen Hierarchie und der sandinistischen Revolution zum Ziel hatten«.

Obando y Bravo schimpfte die linken Comandantes »Lügner« und »wilde Tiere« und sah in dem Vorgang »ein weiteres Indiz dafür, daß der Marxismus die Kirche zu zerstören versucht«. Die Vatikanzeitung »Osservatore Romano« fand die Ausweisung ebenfalls »maßlos« und »ungerechtfertigt«.

Der aus Panama stammende Jesuitenpater Xabier Gorostiaga, Leiter des nicaraguanischen »Instituts für Wirtschafts- und Sozialforschung«, hingegen warf dem Erzbischof »Heuchelei« vor. Im Fall des Paters Amado Pena lägen »eindeutige Beweise« für dessen Zusammenarbeit mit konterrevolutionären Gruppen vor. Die Kirchenleitung habe außerdem in den vergangenen Jahren über 50 zumeist ausländischen Priestern und Nonnen die Arbeit unmöglich gemacht und sie gezwungen, Nicaragua zu verlassen.

Der Generalobere der Gesellschaft Jesu hatte bei »einem brüderlichen Besuch« in Nicaragua nach einer »dem Geist der Kirche entsprechenden Lösung« gesucht. Ergebnis: Cardenal müsse zurücktreten. Doch aus Kreisen des römischen Sitzes der Gesellschaft ist zu hören, diese Entscheidung habe der Heilige Stuhl erzwungen, obwohl es »innerhalb des Ordens großes Verständnis« für die Haltung der Priester gebe. Erzbischof Achille Silvestrini von der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika gab in Rom zu, die Mahnung an die Priester-Minister in Managua sei eine Reaktion auf die Ausweisung der zehn Padres.

Und der italienische Priester Gianni Baget Bozzo verkündete: »Auch der Papst ist ein politischer Führer.« Bozzo ist erst kürzlich als Abgeordneter für die Sozialistische Partei des italienischen Ministerpräsidenten Craxi ins Europaparlament nach Straßburg gezogen.

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