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Waffenhandel Wilde Typen

Mitten im Kalten Krieg hat die DDR Waffengeschäfte mit westlichen Schiebern betrieben.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Die Militärs des irakischen Diktators Saddam Hussein waren höchst unzufrieden. Im Vernichtungskrieg gegen den Iran erwiesen sich die Werfergranaten, geliefert aus Jugoslawien, als Blindgänger. Da war Ramsch herbeigeschafft worden, ein neuer Produzent mußte her.

Am 15. Juni 1988 erhielt eine DDR-Firma, das Sprengstoffwerk in Schönebeck an der Elbe, den Zuschlag über die Lieferung von zweieinhalb Millionen Zündern an die Golffront im irakisch-iranischen Krieg. Vermittelt hatte das 6,4-Millionen-Dollar-Geschäft ausgerechnet ein Kapitalist aus dem Westen: der Kaufmann Werner Kobbe, 50, geboren in Braunschweig, wohnhaft in den USA.

Pro Zünder ließ sich Kobbe drei Cent Provision zusichern. Seinen DDR-Gesprächspartnern, die für die Ost-Berliner Imes Import-Export GmbH auftraten, erschien Kobbe als Mann von Welt. Der Händler mit der Wohnung am Mount Vernon Drive im amerikanischen Augusta, Bundesstaat Georgia, unterhielt seit 1985 im Ost-Berliner Internationalen Handelszentrum, hinter dem Bahnhof Friedrichstraße, ein Büro für die Firma Eurocom Ltd. Auf dem Briefkopf empfiehlt sich die Eurocom viersprachig als »beratende Gesellschaft für Fragen des Gemeinsamen Marktes (EG)«.

Auch im Nahen Osten kannte Kobbe die richtigen Leute. Weil die Imes offiziell keine Geschäfte mit den Irakern machen durfte, schaltete er als Abnehmer der Zünder das jordanische Unternehmen Arab World Supply and Services ein. Die Firma wurde, so geht aus Stasi-Schriftstücken hervor, speziell für die Abwicklung solcher Dreiecksgeschäfte mit dem Irak eingerichtet.

Weltweite Verbindungen unterhält auch Heinz Pollmann, 65. Der westdeutsche Kaufmann arbeitet abwechselnd in Spanien oder in der Schweiz. Er ist Chef der Firma Verwaltung & Finanzierungs AG mit Sitz in Genf, wo die Herren Waffenhändler gern am See friedlich promenieren. Auch Pollmann verhandelte mit den DDR-Einheitssozialisten, zu Gesprächen mit der Imes ließ er sich schon mal im Learjet nach Berlin-Schönefeld fliegen.

Das imponierte den Genossen. Pollmann beriet nicht nur die Kasseler Rüstungsschmiede Thyssen Henschel, er makelte auch mit einer Firma namens Kintex, die im Milieu als Tarnorganisation des bulgarischen Geheimdienstes bekannt war. Pollmann hatte für Kriegsgerät aller Art Bedarf - von Artilleriemunition bis hin zu Luftabwehrgeschützen.

Besonders gefiel seinen DDR-Partnern, daß er für die Imes sogar die Panzerabwehrwaffe RPG-18 weltweit an den Mann brachte - ein Kabinettstückchen: Der Schießprügel, eine sowjetische Lizenz, galt schlechthin als unverkäuflich. »Infolge der relativ geringen Treffsicherheit«, notierte ein Imes-Waffenexperte, »wird dieses Erzeugnis in der Regel von gewonnenen Abnehmern nur einmal gekauft.«

Solch bizarre Geschäfte zwischen West-Kapitalisten und Ost-Sozialisten waren, trotz Kaltem Krieg und Klassenkampf, nicht ungewöhnlich. Wie neue Stasi-Unterlagen zeigen, haben Imes-Manager für den Waffenhandel im Staatsauftrag ein dichtes Netz westlicher Vermittler und Händler geknüpft - absolute Geheimsache, auch nach innen.

»Aus Sicherheitsgründen«, steht in einer Handlungsanleitung, sollten »Vereinbarungen über eine Zusammenarbeit grundsätzlich mündlich getroffen werden«. Um die Herkunft der Provisionen an die westlichen Vermittler zu verschleiern, wurden Konten in der Schweiz und anderswo angelegt. »Weder Imes noch die DDR«, heißt es in einem Stasi-Schriftstück, sollten »als Auftraggeber identifizierbar sein«.

Bei dem heimlichen Handel setzte Ost-Berlin vor allem auf westdeutsche Partner, die ihren Geschäftssitz im Ausland hatten. Solche Kaufleute, die über das notwendige Know-how verfügten, schienen vor dem Zugriff bundesdeutscher Behörden sicher.

Gut im Geschäft war beispielsweise der lizenzierte Waffenhändler Karl-Heinz Schulz, 44. Der Spezialist für den libyschen Markt lebt in der Nähe des schleswig-holsteinischen Travemünde und arbeitet für das belgische Unternehmen Beij-Ma, Military Department.

In der Imes-Liste westlicher Kontaktleute rangiert Schulz ganz weit vorn. Noch im Juni 1989 wollte er bei den Ost-Berliner Waffenschiebern 4000 Maschinenpistolen für den Libanon kaufen und zeigte auch Interesse an sowjetischen T-72-Panzern. Schulz galt als verläßlich - und er ist es bis heute geblieben: »Die Imes-Leute waren in Ordnung.«

Auf verschlungenen Wegen und mit Hilfe westlicher Händler versuchte die DDR, an modernste Waffentechnologie zu gelangen. Von höchstem Interesse waren, wie »streng geheime« Unterlagen zeigen, alle Informationen über biologische Waffen, hochentwickelte chemische Kampfstoffe, Kombinationen biologischer und chemischer Waffen. Sogar Informationen über Laserwaffen sowie »Jagd- oder Killer-Satelliten« standen auf der Auftragsliste der ostdeutschen Generale und Manager - hochgezüchtete Systeme für einen Staat im Niedergang.

Aber auch an gewöhnlicher Nato-Technologie waren die roten Waffenhändler interessiert. So pflegten sie Kontakte zu einem Salzburger Geschäftsmann, der beim Nürnberger Rüstungslieferanten Diehl, spezialisiert auf Munition und Panzerketten, hochexplosive Ware besorgen sollte.

Vielfältige Beziehungen unterhielten die Imes-Leute auch zu der österreichischen Patronenfabrik Hirtenberger. Das Unternehmen war damals Tochter des größten alpenländischen Staatskonzerns Voest und Partner der seinerzeit bundeseigenen Fritz Werner Industrie-Ausrüstungen GmbH im hessischen Geisenheim. _(* In Kavelstorf bei Rostock. ) Munitionsmaschinen, gebaut von Fritz Werner, gelangten Anfang der achtziger Jahre über Hirtenberger in die DDR (SPIEGEL 40/1991).

Am 4. September 1988 resümierte ein Stasi-Späher über den damaligen Hirtenberger-Vorstand Heinz Träder: »Der hat in letzten Jahren so viele Geschäfte mit der DDR gemacht und bekommt auch noch so viele, daß er gar nicht mehr weg kann. Viele Dinge, die er mit uns gemacht hat, sind in Österreich Wirtschaftsvergehen.« Allerdings sei auch Vorsicht in den Beziehungen geboten: »Je besser er die DDR kennt, um so mehr bescheißt er uns.«

Noch 1989 sollte Hirtenberger helfen, in der DDR eine Produktionsstätte für Munition und Raketentreibmittel (Wert: rund 117 Millionen Mark) aufzubauen. »Als Partner sind wir uns bewußt«, heißt es in einem DDR-Vermerk, »daß wir uns voll im Embargo mit Nato-Wissenschafts-Know-how befinden. Die vorliegenden Angebote werden von Leuten erarbeitet, die von der Nato verpflichtet und Geheimnisträger der Nato sind.«

Zu den Beratern bei dem Projekt gehörte ein Ingenieur, der für den Münchner Waffenkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) die Flugabwehrrakete »Roland« mitentwickelt hatte. Enge Kontakte bestanden auch zu Consen, einer Firmengruppe ehemaliger MBB-Manager, die für den Iraker Saddam Hussein gearbeitet hatten.

Die neuen Stasi-Schriftstücke dokumentieren aber auch, daß die DDR im Waffenbusiness zum Spielball großer Mächte wurde. So war 1986 vor Panama der dänische Frachter »Pia Vesta« gestoppt worden. Das Schiff kam aus Rostock und hatte 32 Militärlastwagen, 1500 Sturmgewehre und 1440 Panzerabwehrgeschosse an Bord.

Der Wert der Ladung, rund 1,4 Millionen Mark, war gering - das internationale Echo verheerend. Bis heute hält sich die Version, Imes habe die antisozialistischen Contras in Nicaragua beliefern wollen. Kuba zeigte sich besorgt, der große Bruder in Moskau empört.

Es habe sich, so die Legende, um einen Handel zwischen dem US-Oberstleutnant Oliver North, damals Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats im Weißen Haus, und dem obersten DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski gehandelt.

Aus umfangreichen DDR-Unterlagen geht nun jedoch hervor, daß die Imes-Schieber weder wußten, für wen die Kriegswaffen bestimmt waren, noch die Hintermänner der Transaktion kannten.

Arglos hatten sie den Handel mit Heinz Pollmann gemacht, der seinerseits von dem Deutschamerikaner Kobbe ins Geschäft gebracht worden war. Was Imes nicht wußte: Der große Makler Pollmann war bei dieser Transaktion nur ein kleines Rädchen. Offenbar um Spuren zu verwischen, hatten US-Drahtzieher in der politisch heiklen Aktion eine Kette von Vermittlern aufgebaut, die vermutlich zu North führte.

Als alles aufgeflogen war, rächte sich die DDR, so gut sie konnte. Mit Kobbe wurden zwar noch Waffengeschäfte gemacht, aber fortan hatte er ständig die Stasi im Genick. Selbst wenn er nach Polen reiste, folgten ihm die Späher auf Schritt und Tritt.

Und ein Stasi-Hauptmann Habenicht warnte vor Geschäften mit solchen »wilden Typen« wie Pollmann. Im Oktober 1989 drangen Unbekannte in Pollmanns Genfer Büro ein, kopierten die Geschäftspost und entkamen unerkannt. »Das war«, sagt Pollmann, »ein komischer Einbruch.«

* In Kavelstorf bei Rostock.

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