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ITALIEN Wilder Pyjama

Über 300 »freie« Fernsehsender und fast alljährlich eine neue Tageszeitung: Die italienische Medien. landschaft wird immer bunter.
aus DER SPIEGEL 44/1979

Der römische Grundstücksmakler Roberto Carbone saß mit fünf Freunden eines Abends zu Hause vor dem Bildschirm. »Da kam uns«, erinnerte er sich, »eine verrückte Idee: Wir wollten selbst beim Abenteuer Fernsehen mitmachen.«

Zusammen mit seinen Partnern, von denen zwei schon Erfahrungen bei privaten Radiostationen gesammelt hatten, gründete Carbone Anfang dieses Jahres die Fernsehgesellschaft Tele Radio Centro Musica (TRCM).

Für rund drei Millionen Mark richtete TRCM hochmoderne Studios im Dorf Ciampino bei Rom sowie eine Relais-Station auf dem nahe gelegenen Monte Cavo ein. Seit März sendet TRCM täglich von 13 Uhr bis Mitternacht in Farbe: Spielfilme, Sport und Werbespots, besonders von Firmen aus der Umgebung.

TRCM ist der jüngste unter den 23 privaten Fernsehsendern in der Provinz Rom. In ganz Italien gibt es schon über 300 »TV libere« (freie TV-Stationen), außerdem etwa 2000 lokale Rundfunksender. Allesamt machen sie dem Staatsunternehmen Radiotelevisione Italiana (RAT) Konkurrenz.

Der Boom der Privatsender begann 1976. Damals entschied das italienische Verf assungsgericht: Unabhängig vom RAT-Monopol für den landesweiten »nationalen Dienst« seien Privatstationen mit lokalem Ausstrahlungsbereich zulässig.

Bald entstand Gedränge im Äther. Industrielle und Verleger, Kirche und Parteien, Radioamateure und Plattenprofis alle mischen mit. Manche wohlhabenden Bürger gründen TV-Studios und treten gelegentlich selbst dort auf, weil sie typisch italienisch -- eitle Freude an der Selbstdarstellung haben. Andere hoffen aufs große Geschäft durch Fernsehwerbung.

In Trient zum Beispiel betreibt der Fabrikant für Fertigbauteile Mariano Volani den Sender »Televisione delle Alpi«. Der Älpler ist überzeugt, daß kommerzielles Fernsehen »eine grandiose Zukunft hat«.

Ebenfalls ins TV-Geschäft stieg der Mailänder Großverleger Angelo Rizzoli ein, dem unter anderem der »Corriere della Sera« gehört. Zu seinem Medien-Konzern zählen zwei Sender in Mailand und Neapel.

Während in der RAI Christdemokraten, Sozialisten und (vereinzelt) Kommunisten den Ton angeben, kommen die kleinen Parteien eher bei Privatsendern zum Zug. So gilt »Teleroma 56« als Sprachrohr der in Bürgerrechtsfragen einflußreichen Radikalen Partei, die im italienischen Parlament 18 Abgeordnete stellt. Vor den Europawahlen im Juni beantwortete Radikalenführer Marco Pannella übers Fernsehen 35 Stunden lang Zuschauerfragen.

Die meisten TV-Manager freilich haben nicht Politik, sondern Profit im Sinn. 1979 werden die »TV libere« schätzungsweise 130 Millionen Mark Werbeeinnahmen kassieren. Dennoch operieren vermutlich die meisten bislang noch in den roten Zahlen.

Um die Zuschauerquoten und mithin die Werbeeinnahmen zu steigern, organisieren die TV-Sender viele Quiz-Sendungen -- und immer häufiger locken sie mit Sex.

So wünscht der Sender »New-Telefantasy« seinen Zuschauern um 0.15 Uhr »Gute Nacht mit Emmanuelle« -- eine Strip-Show mit der kaffeebraunen Agyta Wilson.

Roms größte Privatstation GBR zeigt ihren zwei Millionen Zuschauern abends ein Sex-Horoskop: Neben dem Tierkreiszeichen erscheint eine üppige Blonde, splitternackt, und haucht beispielsweise: »Freut euch, Stiere, morgen werdet ihr in der Küchenecke lieben und einen Sinnesrausch erleben.«

Teleradiocity? ein Sender in der Region Piemont, verbindet Hausmacher-Sex und Rätselraten im Programm »Pigiama selvaggio« (wilder Pyjama). Dabei können Zuschauer per Telephon Fragen beantworten. Nach jeder richtigen Antwort legt das Stripgirl Marina vor der Fernsehkamera ein Kleidungsstück ab.

Der Privatsender Tele Milano International hält sein Publikum spätnachts sogar mit harten Pornofilmen wach.

»Viele Privatsender«, empörte sich deshalb der Minister für Tourismus und Unterhaltung, Bernardo D?Arezzo, »haben die Grenzen des Anstands weit überschritten.« Wie D?Arezzo bemängeln fast alle italienischen Medien-Experten, daß es noch immer keine ge. setzlichen Vorschriften für die »TV libere gibt, weder für die Frequenzen

noch für die Programme.

Dennoch: Das Privatfernsehen gilt -- trotz aller seiner Mängel und Gefahren -- in Italien als Alternative zur verknöcherten Staatsanstalt RAI und als eine Art bunter Fleck in der Medienlandschaft. Sogar Kommunisten, die einst das RAI-Monopol verteidigten, betreiben jetzt private Sender.

Besonders die Verleger wollen sich verstärkt im lokalen oder regionalen Fernsehen engagieren. Daß Italiens Presse-Manager und Journalisten finanzielle Risiken nicht scheuen, haben sie ohnedies längst bewiesen -- bei den Tageszeitungen. Fast jedes Jahr nämlich erscheint irgendwo zwischen Mailand und Messina ein neues Tagesblatt.

Zwar können sich nicht alle diese Gazetten halten. Zwei Neugründungen, immerhin, haben beträchtlichen Erfolg:

In Mailand gibt der Starjournalist Indro Montanelli seit 1974 das rechtsliberale »Giornale Nuovo« (Auflage 180 000) heraus; eine Werbeagentur bürgte für Millionenkredite. In Rom startete der »Espresso« gemeinsam mit dem Verleger Giorgio Mondadori 1976 die Zeitung »La Repubblica« (Auflage 190 000). Sie wurde zum wichtigsten Diskussionsforum der Linken. Vor knapp drei Wochen brachte der Mailänder Medien-König Angelo Rizzoli mit großem Werbeaufwand die erste Boulevardzeitung Italiens, »L?Occhio« (Das Auge), auf den Markt.

Den Redakteuren wurde eingebleut, worauf es ankommt: sehr kurze Artikel, vollgepackt mit Tatsachen, keine Fremdwörter, wenig Ideologie, dafür um so mehr Skandalgeschichten aus dem Leben der Prominenz. Der Londoner »Daily Mirror« ist Pflichtlektüre für alle »L'Occhio«-Schreiber. Ultralinke Journalisten verspotteten das neue Produkt als ein »rachitisches Kind der deutschen »Bild?-Zeitung«.

Gute Chancen rechnen sich die »L?Occhio«-Macher gleichwohl aus, vor allem in der Provinz. Denn über 20 Millionen Italiener, vornehmlich in Dörfern und Kleinstädten des rückständigen Südens, lesen selten oder nie eine Tageszeitung. »Dieses Reservoir«, erklärte ein Rizzoli-Mitarbeiter, »wollen wir anzapfen.«

Den nächsten Presseneuling will der ehemalige KPI-Abgeordnete Massimo Caprara im November in Neapel, Caserta und Salerno herausbringen: eine Zeitung mit dem Titel »Il Diario« (Das Tagebuch). Aktionäre des »Diario"Verlags sind ein Bauunternehmer, ein· sozialistischer Medien-Experte. und ein Vertreter der christdemokratischen Kooperativen.

Das »Tagebuch« ist zugleich ein weiteres Beispiel für den in Italien immer häufiger anzutreffenden lokalen Medienverbund. Denn Caprara leitet bereits den Fernsehsender Telecaserta, seine Zeitungsredaktion wird das Nachrichtenprogramm für diese TV-Station machen. Und Telecaserta wird umgetauft -- in »Tele-Diario«. ·

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