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INDIEN Wildes Crescendo

Weil die Eunuchen Nachwuchssorgen haben, helfen sie dem Schicksal gewaltsam nach. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Nadschma tanzt. Lasziv wiegt sie sich in den Hüften, spreizt die Finger und wirft den Kopf aufreizend in den Nacken. An ihren Gelenken bimmeln Silberglöckchen, ihre kräftigen Füße stampfen zum Rhythmus der Dholak, der indischen Trommel. Aber irgendetwas ist verwirrend an der Tänzerin.

Dann setzt auch noch das Harmonium mit einer schwülstigen indischen Filmmusik ein. »Ein Sohn ist da, ich werde tanzen«, singt Nadschma mit ihren sechs stämmigen Begleiterinnen ungebeten vor dem Haus eines Neugeborenen in Neu-Delhi. Sie wirbelt wie ein Derwisch im Kreis, bis sich ihre rosa Sari über den Fesseln lüftet.

Spätestens dann wirft der genervte Kindsvater zwischen 100 Rupien (25 Mark) und 500 Rupien heraus. Sonst wird die Tänzerin nämlich grob und beschimpft ihn mit kehliger Stimme als »motherfucker« und Mistkerl. Wenn sich der Hausherr immer noch ziert, weiß Nadschma ein unfehlbares Mittel, ihn zu erweichen: Sie lupft ihre rosa Sari höher, übers Knie, über die Schenkel, bis zum Bauchnabel - kein normaler Mensch erträgt gern den Anblick eines nackten Eunuchen.

Die unheimliche Begegnung mit der dritten Art, den Eunuchen, findet in Indien auf fast allen Festen statt, bei Moslems und bei Hindus. Das schmatzend-lüsterne Klatschen mit den hohlen Handflächen, Gruß und Erkennungszeichen des Kastrierten-Clans, hört man bei jeder Hochzeit.

Die bizarre Gesellschaft, unfruchtbar, ohne männliche Insignien, das glauben die Inder noch heute, bringe dem Paar Glück und Fruchtbarkeit ins Haus, aber noch mehr fürchtet es deren Fluch. Wird ein Sohn geboren, schenkt die Mutter den tingelnden Emaskulierten sogar ein Teil ihres Silberschmucks, damit sie böse Geister vertreiben. Wird es ein Mädchen, ist die Freude der Eltern geringer, fallen die Geschenke kleiner aus.

Ein Festtag beginnt für Nadschma und ihre »Schwesterngemeinschaft«, wenn das Baby mit anomal entwickelten Genitalien zur Welt kommt. Dann schwatzen sie es den Eltern ab und ziehen es selber auf. Denn die Eunuchen, eine der geheimnisumwittertsten Kasten des indischen Subkontinents, haben stets Nachwuchssorgen.

Männer wurden von Männern seit Jahrtausenden kastriert, aus magischen, religiösen, machtpolitischen oder sadistischen Gründen, obwohl die Erfinderin der Entmannung angeblich eine Frau, die assyrische Königin Semiramis, war.

Doch die hohe Zeit der Eunuchen (griechisch: Betthüter) in Antike und Mittelalter ist abgelaufen. Damals lag im alten China die Kastrationsanstalt direkt

gegenüber dem Kaiserpalast. Die Ägypter ließen Tausende Knaben von koptischen Mönchen kastrieren. Auch in den christlichen Kirchenstaaten wurde die Tradition gepflegt. Weil Frauen in katholischen Gotteshäusern nicht singen durften, mußten die Jungen dran glauben: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts tönten die herzerweichenden Stimmen der verschnittenen Sängerknaben in der Sixtinischen Kapelle.

Als Haremswächter, Erzieher, Wissenschaftler, Minister, Berater und Spione am Hofe der osmanischen Sultane und indo-islamischen Großmoguln waren die Eunuchen geachtete Persönlichkeiten. Mit dem Untergang der feudalen Welt starben sie aus, nur in den Nischen der indischen Gesellschaft, dem unübersehbaren Kastensystem, haben sie im Zwielicht überlebt.

Die »Hidschra«, auf Hindi: Eunuchen, sind eine geschlossene Gesellschaft. Sie haben ihre eigenen Gesetze, verehren ihren Guru, regeln alle Streitigkeiten untereinander, ohne jemals die Polizei einzuschalten. »Sie sind eine Mafia im Untergrund«, sagt Rajeshwar Nath Gupta, Arzt in Delhi, der auch Eunuchen unter seinen Patienten hat, »sie haben ein besseres Spitzelsystem als mancher Geheimdienst.«

Der Selbsterhaltungstrieb der Eunuchen ist stark, und ihr größtes Geheimnis ist ihre Vermehrung. Gab es vor zehn Jahren in Indien etwa 50 000 Hidschra, so schätzen Experten sie heute auf 150 000. Und da Hermaphroditen, zweigeschlechtliche Wesen, seltene Wechselfälle der Natur sind, helfen die Eunuchen dem Schicksal wie eh und je nach.

Wissenschaftler von der Universität Delhi bestätigten jetzt nach langjährigen Recherchen, daß die Tradition der gewaltsamen Entmannung nicht ausgestorben ist: Von 100 befragten Eunuchen waren 76 kastriert, meist im Knabenalter, als sie nicht wußten, auf was für eine Verstümmelung sie sich einließen. 40 Kinder, so erfuhren die entsetzten Wissenschaftler, wurden im untersuchten Zeitraum in Delhi für die Kastration vorbereitet. »Sie waren gut bewacht und hatten keinerlei Kontakte mehr nach außen«, heißt es in der Studie.

Die Hidschra ziehen über Land und kaufen Kinder von verarmten Bauernfamilien, für 50 bis 125 Mark. Sie lesen verwahrloste oder entlaufene kleine Jungen in den großen Städten auf und versprechen ihnen ein besseres Leben: gutes Essen, Kleidung, ein Dach überm Kopf und Geld zum Tanzen und Musizieren - alles für einen kleinen Messerschnitt.

Die rituelle Operation führen die Eunuchen selbst durch. Der geweihte Knabe wird geölt und gebadet. Der Guru, in dessen Haus das Entmannungsfest gefeiert wird, schenkt dem zukünftigen Sektenmitglied eine rote Brautsari und Silberschmuck. Wie bei einer Hochzeitszeremonie essen die 20 oder 25 Mitglieder

des »Toli«, der Eunuchen-Stadtteilgruppe, Kokosnüsse und Süßigkeiten zur Feier des Tages.

Der Junge wird entkleidet, von zwei derben Eunuchen festgehalten, und unter seine Geschlechtsteile wird ein Brett gelegt. Wenn alle Hidschra klatschen und sich die Trommeln und Zimbeln zu einem wilden Crescendo steigern, setzt die Dai Ma (Hindi für Hebamme), ein erfahrener Eunuch, das scharfe Messer an.

In Indien ist die Kastration total: Ein einziger Schnitt, und die »Hebamme« trennt Hoden, Penis und Scrotum ab. Dann vergräbt die Dai Ma die Zeichen der Männlichkeit unter dem Gejohle der früher genauso gepeinigten und verstümmelten Gemeinschaft feierlich im Erdboden.

40 Tage lang wird das Opfer mit Kräutern und Wundsalben behandelt. »Es gibt keine spezielle Heilmethode«, sagt der Mediziner Dr. Upadhajaja, »die Wunde heilt von selbst, wenn sie richtig ausgewaschen wird und keine Infektionen entstehen. Aber wenn der Junge viel Blut durch die rohe Hackmessermethode der Eunuchen verliert, stirbt er natürlich.«

Am 41. Tag bekommt das neue Kastenmitglied seine neue Identität, einen Mädchennamen. Von nun an singt und tanzt es sein Leben lang für die Gruppe. »Wenn du einmal in ihren Klauen bist, lassen sie dich nie wieder los«, sagt Kiran, ein 22jähriger Eunuch.

Kiran ist ein Abtrünniger auf der Flucht vor seinem Toli. Seit Wochen versteckt er sich in der Unterwelt von Delhi. »Die Mistkerle haben mich reingelegt«, erzählt Kiran mit Tränen in den reichlich geschminkten Augen. Er ist kein Kind armer Leute, sondern stammt aus der gehobenen Brahmanen-Kaste in Bombay. Vor drei Jahren kam er mit seinen Brüdern nach Delhi, um sich die Hauptstadt anzusehen.

Erst war er von den Eunuchen fasziniert. Um die sechs Mark Übernachtung für sein schäbiges Hotel zu sparen, zog er zu seinen neuen Freunden, für ein paar Tage, wie er meinte. Plötzlich waren sein Geld und seine Papiere verschwunden. Die Hidschra versprachen, ihm etwas zu leihen, wenn er noch ein Weilchen bei ihnen bliebe. Dann forderten sie ihn auf, sich doch einer »kleinen Operation« zu unterziehen, bevor sie ihm endgültig Geld für die Heimreise borgen würden.

Kiran wurde von einem Arzt, nicht von einer Dai Ma verschnitten. Vorher mußte er unterschreiben, daß er aus freien Stücken, nicht unter Zwang handele. Erst am 6. Tag nach der Extraktion, als er wieder zur Besinnung kam, so behauptet Kiran, erkannte er, was mit ihm geschehen war.

»Die Kastration von richtigen Männern ist immer noch häufig in Indien, dadurch wird unsere Gemeinschaft am Leben erhalten«, gestand Hadschi

Muschtak, mit 84 Jahren einer der ältesten Eunuchen und Guru in Delhi, dem SPIEGEL. Der alte Mann sitzt halbblind in einem dreckigen kleinen Raum in der Nähe des Basars von Sirkiwalan und läßt sich von jüngeren Hidschra bedienen.

»Da ich bald vor meinem Schöpfer stehe, muß ich die Wahrheit sagen«, Hadschi Muschtak schlägt sich auf die Brust. »Die Polizei tut nichts, und Frau Gandhis Regierung will gar nicht, daß die Kastration gestoppt wird. Warum? Weil sie der sicherste Weg zur Geburtenregelung ist.«

Wenn Hadschi Muschtak stirbt, wird der Eunuchenrat von Delhi seinem Toli einen neuen Guru vorsetzen. Zur Beerdigung sind nur Kastrierte zugelassen. Kein gewöhnlicher Sterblicher hat die unheimliche Zeremonie je gesehen, aber die Eunuchen erzählen, sie seien die einzigen Menschen, die in ihr Grab laufen.

Sie kleiden den Toten ganz in Weiß, dann stützen sie den Körper durch ein Holzkorsett, an den Gliedern werden Seile befestigt. Nachts zwischen zwei und drei nehmen die Hidschra ihren Toten aufrecht zwischen sich und lassen ihn wie eine Marionette zur letzten Ruhestatt laufen.

Tränen gibt es keine, der Totentanz ist ein letzter Hohn für die Welt, in der sie Ausgestoßene waren. »Und der Tod ist eine Erlösung«, sagt Nadschma.

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