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MEDIEN Willfährige Helfer

Für Unruhe sorgt eine Studie der Technischen Universität Dresden über die Stasi-Tätigkeit von DDR-Journalisten in ehemaligen SED-Zeitungen.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Die Atmosphäre war fast wie in alten Zeiten. Mißtrauen, Wachsamkeit, nervöse Blicke und verkrampftes Lächeln. Als am vergangenen Montag, Punkt 12 Uhr, knapp zweihundert Mitarbeiter der berliner zeitung in den Großen Saal des Verlagsgebäudes an der Karl-Liebknecht-Straße strömten, stand fast der gesamte Betriebsrat an der Tür Spalier und musterte das Publikum.

»Wir bitten freie Mitarbeiter und Betriebsfreunde, den Raum zu verlassen, dieses ist eine interne Versammlung.« Die Lautsprecherdurchsage war klar und unmißverständlich. Man wollte unter sich sein, schließlich ging es um »Stasi-Vorwürfe im Betrieb«.

Die Dringlichkeit, so hatte es in »Neues vom Betriebsrat 2/97« geheißen, »ergibt sich daraus, daß mit Peter Venus auch der Betriebsratsvorsitzende von Vorwürfen betroffen ist«. Der hatte sich zwar krank gemeldet, seinen Kollegen aber einen Brief geschrieben. Darin gab er Gespräche mit der Stasi zu, dann folgte die Standardfloskel aller enttarnten IM: »Ich habe zu keiner Zeit einen anderen Menschen bespitzelt, denunziert und mir entgegengebrachtes Vertrauen mißbraucht.«

Ansonsten will er nur »über die aktuelle politische Situation in der DDR« gesprochen haben, über »die Ignoranz der SED-Führung« und »all das, was uns genervt hat«. Peter Venus alias IM »Horst Trepte«, ein Widerstandskämpfer im Geiste, der den Mut hatte, den Mächtigen via Stasi die Leviten zu lesen. Eine Geschichte, die wohl niemand bei der berliner zeitung drucken würde.

Sein Anwalt Thomas Gerchel machte dann auf der Versammlung klar, worum es seiner Ansicht nach geht.

Der Stasi-Hammer als Rationalisierungsinstrument, das leuchtete vielen ein. »In den nächsten Wochen«, menetekelte er, »wird das Unternehmen eine Vielzahl von Redakteursarbeitsverhältnissen auflösen.«

Anlaß für die Alarmstimmung ist eine Studie, die ein Autorenteam der Technischen Universität Dresden unter Leitung des Historikers Ulrich Kluge mit Unterstützung des Verlages Gruner + Jahr erstellt hat.

Neben einer systematischen Analyse der Parteipresse enthält das Werk exemplarische IM-Akten zu einzelnen Fällen. Unter anderem auch Stasi-Unterlagen zum Betriebsrat Peter Venus.

Untersucht wurde das Verhältnis von »Staatssicherheit und Bezirksparteizeitungen« an sieben Beispielen in Berlin, Dresden und Frankfurt (Oder). Der Verdacht des Venus-Anwalts, die Entschlüsselung von 50 IM-Decknamen in der Studie diene lediglich als Vorwand für Entlassungen, scheint wenig plausibel. Denn die hätte man Anfang der neunziger Jahre problemloser über die Bühne bringen können. Zu einer systematischen Aufarbeitung der Vergangenheit ihrer Neuerwerbungen waren Gruner + Jahr und andere westdeutsche Verlage nur sehr zögerlich bereit.

Erst 1993 schickten die berliner zeitung und die sächsische zeitung gemeinsam mit der märkischen oderzeitung den Dresdner Historiker Kluge zu Recherchen in Parteiarchive und in die Gauck-Behörde. Bis dahin hatte es keine generellen Überprüfungen auf Stasi-Tätigkeit gegeben. Die neuen Eigentümer hatten nach der Übernahme der Parteiblätter signalisiert, entsprechende Fälle seien unter den Teppich zu kehren. Die Leser in Ostdeutschland sollten nicht durch Siegerallüren verschreckt werden. Die Auflage der Neuerwerbungen war wichtiger als die Vergangenheit der Mitarbeiter.

Und so blieb auch Betriebsrat Peter Venus der berliner zeitung erhalten. Der aus München stammende ehemalige DKP-Mann war 1982 im Alter von 34 Jahren in die DDR übergesiedelt. Dort entwickelte er sich in Windeseile zum Klassenkampfstreber. Für die Stasi klärte er die Ost-Berliner Jugend- und Kulturszene auf.

Veranstaltungen der Kirche oder Buchlesungen mit Heiner Müller, so Venus laut Stasi-Treffprotokoll, »sollten nicht toleriert werden«. Später berichtete er über interne Vorgänge bei der berliner zeitung. Sein Eifer ging soweit, daß er sich selbst in der Zeit der Maueröffnung, im November 1989, noch mit seinem Führungsoffizier traf.

Beispiele wie diese fanden die Autoren der Studie mehrere Dutzend. Für den DDR-Journalismus sind sie typisch, aber nicht flächendeckend repräsentativ. Wer im selbsternannten Arbeiter-und-BauernStaat eine Medienkarriere anstrebte, hatte von vornherein keinen Hang zur Opposition.

Allein die Auswahlkriterien für die Zulassung zum Journalistikstudium am »Roten Kloster« in Leipzig garantierten Linientreue. SED-Kommissionen überprüften jeden Kandidaten auf seine Tauglichkeit im Sinne des Systems.

Die Stasi, so die Autoren der Studie, mußte »nicht allzu viele Ressourcen aufbieten«. Denn durch das Einwirken und die Regularien der SED hatte das MfS unter Ostjournalisten ein »bereits im Vorfeld entschiedenes Heimspiel«. Mielkes Leute brauchten in den Ostredaktionen »nur die halbe Mannschaft«, da die andere Hälfte ohnehin »lediglich beabsichtigte, Eigentore zu schießen«. Der Geheimdienst, heißt es lakonisch, »komplettierte« nur die »völlig störungsfreie Funktion der Presse« in einem Land, in dem es die vornehmste Aufgabe der Journalisten war, die DDR so darzustellen, wie die Partei sie zu sehen wünschte.

Zusammenfassend kommen die Autoren der Dresdner Studie zu dem Schluß: »Die Angehörigen des Mediensystems hatten nicht nur zu großen Teilen das Herrschaftsgefüge verinnerlicht, sondern standen auch der Unterstützung staatstragender Maßnahmen entweder offiziell oder inoffiziell häufig aufgeschlossen gegenüber. Das System hatte mit den 'sozialistischen Journalisten' seine medialen Multiplikatoren gesucht und gefunden.«

Bei soviel vorauseilendem Gehorsam geraten diejenigen, die als Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi das Soll übererfüllt haben, in zusätzliche Erklärungsnot.

Mathias Heinrich alias IM »Andreas« (Reg.Nr. XV/4257/79), früher bei der neuen berliner illustrierten und heute beim berliner kurier, ist in der Studie gar nicht erwähnt, weil er zu DDR-Zeiten nicht bei einem der von den Dresdnern untersuchten Blätter arbeitete. Seine Berichte füllen zehn Aktenordner, freiwillig outen will er sich an seiner Arbeitsstelle nicht: »Ich muß meinen Sekretärinnen nicht sagen, daß ich in der DDR Linksradikale aufgeklärt habe. Die wissen doch gar nicht, daß es so etwas gab.« Für ihn reicht es, daß er als Zeichen der Buße nicht mehr schreibt, sondern im Layout arbeitet. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der sich Heinrich einer Kollegendiskussion über seine Vergangenheit entzieht, prägte schon seinen Einsatz für die Stasi. In einer »Einschätzung des IM auf Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit« heißt es:

»Beispielhaft ... seien die operative Bearbeitung des OV 'Linde' mit der Inhaftierung seines bearbeiteten Jugendfreundes sowie die Informationen über seinen Vater, der in die BRD übersiedelte.« Belohnt wurde der Musterjournalist unter anderem mit gebrauchten Ladas von der Stasi und einem konspirativen zweiten Gehalt von 700 Mark monatlich - für seine »qualifizierte inoffizielle Tätigkeit«.

Als besonders wichtig erachteten seine Führungsoffiziere die Bespitzelung des Bürgerrechtlers Reinhard Schult und der in der Operativen Personenkontrolle »Komitee« bearbeiteten Silvia M. Was man dem IM in Sachen M. alles zutraute, notierte ein Major Rudolph in der »Einsatzkonzeption« für »Andreas« vom 14. Dezember 1982: »Der gegenwärtige Kontakt ist zu einem Vertrauensverhältnis auszubauen und durch den IM/B intime Beziehungen mit der M. einzugehen.«

Ob die in der Studie ausgewerteten Fälle in den entsprechenden Zeitungen für Diskussionen über das journalistische Selbstverständnis der gewendeten Parteiblätter führen werden, ist fraglich.

Allein in der sächsischen zeitung wurden Kluge und seine Forscher in 20 Fällen fündig. Detailliert führten die Wissenschaftler Dauer der Stasi-Mitarbeit, Decknamen und Ressortzugehörigkeit auf. In den Fußnoten erscheint der Klarname des spitzelnden Redakteurs.

Die Brisanz des Gutachtens, das erst im April veröffentlicht werden soll, war den Verantwortlichen in Dresden lange bekannt. Immer wieder führten Teilerkenntnisse zu personellen Veränderungen in der Redaktion, nicht aber zu grundsätzlichen Debatten.

Als das Gutachten schließlich in der vorigen Woche Chefredaktion und Geschäftsleitung übergeben wurde, konnte Wolfgang Schütze, Chefredakteur der sächsischen zeitung, seinen Lesern »in eigener Sache« mitteilen, daß »die Mehrzahl der im Gutachten genannten inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter« nicht mehr beim Verlag beschäftigt sind.

Dennoch mußte Schütze die Leser darüber ins Bild setzen, daß einem Redakteur infolge des Gutachtens gekündigt wurde. Zwei weitere seien sofort beurlaubt worden. Derzeit werde geprüft, »ob sie aktiv in das Wirken der Stasi verstrickt waren«.

Reagiert hat auch die märkische oderzeitung. Sechs ehemalige Stasi-Mitarbeiter wurden sofort beurlaubt. Ihre Rückkehr an den Arbeitsplatz ist unwahrscheinlich.

Wie in Dresden und Berlin auch wurde bei der leipziger volkszeitung (lvz) der Blick für Stasi-Zuträger in den eigenen Reihen erst durch ein wissenschaftliches Werk geschärft. Der Hallenser Journalist Steffen Reichert hatte sich in seiner Diplomarbeit mit dem Wandel des ehemaligen SED-Bezirksblatts zur unabhängigen Tageszeitung beschäftigt. Dabei untersuchte er auch die Zusammenarbeit von lvz-Journalisten und der Stasi.

Ganz oben wurde er fündig. Der Geschäftsführende Redakteur Wilfried Zaspel, nach Reicherts Recherchen noch zu DDR-Zeiten als potentieller Anwärter auf den Chefredakteursposten auserkoren, hatte sich als junger Mann der Stasi verpflichtet. Gegenüber dem Verlag hatte er aber versichert, nie für das MfS gearbeitet zu haben.

Reicherts Arbeit führte zu Konsequenzen. Zaspel mußte gehen. Dabei hatte die Zeitung zumindest nach außen den langjährigen Mitarbeiter schon seit Jahren verschwiegen. Im Impressum wurde er trotz herausragender Position nicht aufgeführt.

Bei der berliner zeitung rätselt die Belegschaft nun, was mit den in der Studie aufgeführten IM im Verlag geschehen wird, die meist »zur Aufklärung westlicher Journalisten und der Diplomatenszene genutzt wurden«.

Daß Entlassungen wahrscheinlich sind, bezweifelt niemand. Um dagegen Stellung zu beziehen, wird die Argumentation nicht selten ins Absurde gedreht. Was, so raunt man hinter vorgehaltener Hand, sei eigentlich mit den IMs, die für Markus Wolfs Hauptverwaltung Aufklärung gearbeitet hätten? Deren Akten sind allesamt vernichtet, und es sei doch ungerecht, diejenigen zu feuern, die das Pech hatten, daß ihre Akten erhalten geblieben sind. Als ungerecht gilt auch, daß diejenigen, die »nur« der SED zu Willen waren, als »sauber« gelten.

Peter Venus alias IM »Horst Trepte« scheint all dies geahnt zu haben. »Aus gegebenem Anlaß« hatte er kurz vor seiner Enttarnung den »Lieben Kolleginnen und Kollegen« praktische Lebenshilfe gegeben.

Im »Betriebsratsinfo« gab er Tips zum besten, wie sich Mitarbeiter im Falle eines Stasi-Verdachts verhalten sollen: »Verlieren Sie nicht den Kopf, leisten Sie keine Unterschriften. Sie brauchen bei einer Anhörung keine Aussagen zu machen.« Arbeitgeber hätten kein Recht, die gesamten Stasi-Akten einzusehen. »Wenn man Sie mit dem Stasi-Vorwurf konfrontiert, unterbrechen Sie das Gespräch, bis ein Betriebsrat zugegen ist.«

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