Zur Ausgabe
Artikel 45 / 74

NACHRUF WILLIAM FAULKNER 25.IX.1897 - 6.VII.1962

aus DER SPIEGEL 28/1962

Als durchs Telephon die Nachricht kam, daß er den Nobelpreis bekommen habe, war er beim Düngen auf dem Feld. Und als er aus Stockholm wieder zurückkam

- nicht der schwedische Botschafter, nicht die Akademie hatte ihn herumbekommen, den Preis abzuholen, sondern seine hübsche Tochter (Faulkner: »Jedes junge Mädchen sollte die Chance haben, Paris zu sehen") -, gaben sie in seiner Mississippi-Stadt Oxford ihm zu Ehren ein Frühstück. Der Vorschlag, den der Chevrolet-Händler des Ortes gemacht hatte - am Wasserturm eine Inschrift anzubringen -, war abgelehnt worden.

Faulkner, Gutsbesitzer und Herr eines weißen Parkhauses mit Säulenfassade, war ein Südstaaten -Farmer, er hat es selbst oft genug so gesagt. Aber noch vor zweieinhalb Jahren mußte die »New York Herald Tribune« ihre Leser energisch daran erinnern, daß er eben nicht bloß ein Farmer, daß er nicht bloß ein Mann sei, der schreibt, wenn die Landarbeit ihm gerade Zeit läßt, sondern daß er von französischen, englischen, deutschen Kritikern als der größte amerikanische Romancier

dieses Jahrhunderts nominiert worden sei.

Der gescheiterte College-Schüler, der Weltkriegspilot Faulkner hatte 1925 angefangen, Prosa zuschreiben, weil ihm die Lebensgewohnheiten seines Freundes Sherwood Anderson gefielen. Morgens Arbeit, abends Zeit für die eine oder andere Flasche Whisky - wenn so der Arbeitstag für Schriftsteller aussah, fand Faulkner, war Schriftstellerei für ihn der passende Beruf, und, wahrhaftig, sie war der passende Beruf für ihn, auch wenn bei ihm die Gezeiten später sehr viel langsamer wechselten, wochenlang Schreibarbeit, aber auch wochenlang Whisky.

Obwohl die Art, wie er schrieb -

die langen, labyrinthischen Sätze, die Spiralen der Handlung, in denen Gegenwärtiges und Vergangenes durcheinanderkreisten, die Redensarten und Slangschlenker mitten darin und die Interpunktion draußen -, für modern, für neuartig genommen wurde, war Faulkner Traditionalist, konservativ, jedenfalls von einer aggressiven Skepsis gegenüber dem, was als Daseinsform und Temperamentsäußerung moderner Industriemasse andrängte.

Die Reklamepraktiken der Gegenwart fand er unmoralisch, ja obszön. Daß die Mehrheit recht habe - Glaubenssatz der Demokratie -, konnte ihm niemals einleuchten; er jedenfalls möchte auf keinem Schiff reisen, sagte er, über dessen Navigation die Matrosen und der Schiffskoch abstimmten. Und er - als Romancier des Negerproblems der humanste, und wirksamer vielleicht, Licht in diese Sache zu bringen, als sonst einer - erklärte, wenn es wegen der Farbigenfrage zu einem Bürgerkrieg käme, würde er auf seiten des Südens kämpfen.

Der Süden mit seinen provinziellen Städten und der von Sonne bedrückten Unendlichkeit der Baumwollfelder, ein Land, erobert und geprägt von den Weißen, getränkt vom Schweiß der Neger, wird in Faulkners Romanen zu einer fast mythischen Landschaft, über der wie Gewitterschwüle ein schwerer Fluch zu lasten scheint. Über 30 Jahre lang, vom »Sartoris« bis zum »Haus«, hat Faulkner die Ausbreitung einer Sippe beschrieben, der »Snopes«, deren am Ende fast zahllose Mitglieder und deren rüde, rücksichtslose, verbrecherische wie legale Praktiken sich wie eine Krankheit, wie klebrige Ölpest am Mississippi ausbreiten - der Anstand der alten Familien ist ihr nicht gewachsen.

Das Recht, das die Öffentlichkeit auf sein Privatdasein anmeldete, als der Ruhm kam, hat er niemals akzeptiert, und als es den Leuten von »Life« dennoch gelang, Daten und Details seiner eigensten Sphäre publik zu machen, hat er mit fast Zolaschem J'accuse-Pathos zornige Anklage gegen eine Verschwörung des schlechten Geschmacks erhoben, die sich ungestraft beim Publikum Immunität verschaffe, »um im Schutz dieser Immunität dem einzelnen Gewalt anzutun«.

Über Fachliches hat er sich später dann doch hier und da ausgelassen, über Schriftstellerei insgesamt und zögernd auch über seine eigene, deren beträchtlichen Umfang er damit erklärte, daß ein Schriftsteller ein neues Buch nur deshalb anfange, weil er hoffe, es diesmal zu schaffen: »Natürlich schafft er es nicht.«

Daß ein Schriftsteller wirtschaftliche Unabhängigkeit brauche, glaubte er nicht, und schon gar nicht mochte er hören, daß andere Arbeit - auch andere Schreibarbeit, zum Beispiel für die Filmindustrie - einen Schreiber aus dem Tritt bringen könne, falls er eben ein wirklicher Schreiber sei.

Das einzige, sagte Faulkner, was dem wirklichen Schriftsteller wirklich etwas anhaben könne, sei der Tod.

Zur Ausgabe
Artikel 45 / 74
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.