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Briefe

Willig hingenommen
aus DER SPIEGEL 35/1996

Willig hingenommen

(Nr. 33/1996, Titel: Hitler: Vollstrecker des Volkswillens? Rudolf Augstein im Gespräch mit Daniel Goldhagen)

Die veränderte Denkweise von Rudolf Augstein nach dem Gespräch mit Goldhagen - vom national Denkenden zum Nachdenklichen - stellt unter Beweis, wie wichtig Aufklärung des Phänomens des Bösen ist, dem entweder ein ganzes Volk unterlag oder es willig hinnahm. Ende August 1939 unterschreibt Ribbentrop im Auftrag Hitlers den Pakt mit Stalins kommunistischer Sowjetunion, um nur knapp zwei Jahre später den gleichen Partner als »jüdisch-bolschewistische Bande« zu verteufeln und zur Ausrottung freizugeben. Die Nazi-Größen haben das Idol des »deutschen Mannes« als groß, blond, blauäugig propagiert. Tatsächlich waren die meisten von ihnen dunkel, mittelgroß oder sogar klein (Hitler, Goebbels, Streicher oder der dicke, fettleibige Göring). Das deutsche Volk hat diese penetrante, offensichtliche Lüge willig hingenommen, ohne sich darüber Gedanken zu machen oder machen zu wollen. So stellt sich tatsächlich die Frage: Waren die meisten Mitläufer oder willige, aktive Helfer der Nazi-Henker? Andernfalls hätten doch wohl nicht auf eine bestorganisierte Weise 1,5 Millionen jüdische Kinder umgebracht werden können.

Berlin ARTUR BRAUNER Filmproduzent

Goldhagen irrt, wenn er sagt, zu Weimarer Zeiten sei es »bei verbalen Attacken« gegen Juden geblieben. Ich, in Berlin geborener Schoah-Überlebender, erinnere an das Pogrom im Berliner Scheunenviertel Anfang der zwanziger Jahre. Und nach 1945? Anfang der sechziger Jahre haben wir - um nur dies anzuführen - unseren Sohn Michael wegen antisemitischer Exzesse seiner Klassenlehrerin aus der Schule Delbrückstraße (Grunewald) nehmen müssen. In der von Globke, Gehlen, Nazi-Juristen und -Beamten mitbegründeten Bundesrepublik verwunderlich? Jedenfalls brennen seit Abwicklung des Gegengewichts DDR im selbsterklärten Nachfolgestaat des Deutschen Reiches schon wieder Synagogen, und Fremde werden getötet. Auschwitz unter solchen Umständen für immer hier passé?

Berlin FRITZ TEPPICH

Es ist schon faszinierend, wie schnell sich »der Deutsche« vom Selbst-Ankläger zum Selbst-Verteidiger wandelt, sobald ein Vorwurf bezüglich des Dritten Reichs nicht von deutschem Boden - Böll, Grass, Theweleit -, sondern von fremdem - in diesem Falle Goldhagen - ausgeht.

Köln JAN-FELIX JACOBI

Ich sehe sie noch, die Ereignisse der Reichskristallnacht: das brennende Altenheim in der Nähe meiner Schule, die verwüsteten Geschäfte. Ich höre auch noch das Krachen und Splittern, das mich aus dem Schlaf gerissen hat. Ich sehe aber auch noch bildhaft die Gesichter von Menschen. Es waren nicht die Gesichter »befriedigter« Gaffer - es waren hilflose Novembergesichter.

Bonn DR. KARL WEISS

Ich habe das Gefühl, daß man Daniel Goldhagens Buch auch in den Fußnoten lesen muß. Da sieht man dann, wie unterschiedslos er die Deutschen behandelt. Eigentlich könnte er sich mit dem Stereotyp begnügen, die Deutschen seien ,,autoritätshörig«. Das aber gerade will er widerlegen, und deswegen zieht er die Weimarer Republik heran. Da hätten die Deutschen doch bewiesen, daß sie der Autorität des Weimarer Staates alles andere als blind gefolgt seien. Er war nicht dabei, aber wir wissen, daß ein Staat, der von der Mehrheit seiner Bürger abgelehnt wird, Autorität weder ausstrahlen noch beanspruchen kann.

München DR. MARGARETE KOCH

Die Qualen der Opfer lassen jede intellektuelle Argumentation unangemessen erscheinen. Oder würden Sie Ihre »Rechtfertigung«, Herr Augstein, einem KZ-Insassen auch persönlich ins Gesicht gesagt haben?

Anklam (Meckl.-Vorp.) F. UNGERER

Goldhagens These erweckt den Eindruck der Einzigartigkeit und Nichtduplizierbarkeit der Ereignisse und unterschlägt den wahren Schrecken des nationalsozialistischen Staates: die Enthumanisierung des normalen Staatsbürgers durch die vom System geschaffenen Strukturen.

Unna VOLKER BOENING

Rudolf Augstein sind im Gespräch mit Goldhagen einige sehr beachtliche Aussagen gelungen. Mich hat insbesondere der prägnante Ausspruch »ohne Barbarossa-Feldzug kein Holocaust« beeindruckt. Tatsächlich: Rechtzeitiger Pazifismus hätte Auschwitz unmöglich gemacht. Nur der Ausnahmezustand des Krieges eröffnete die »Endlösung« ohne Revolte im Innern.

Kevelaer-Kervenheim (Nrdrh.-Westf.) FRANZ NORBERT OTTERBECK

Goldhagens Aussage, daß das Bild des Juden als Feind bei vielen Deutschen seit langem existierte, ist nach meinen Forschungen nicht haltbar. Ich stimme ihm zu, wenn er sagt, daß es keinen nennenswerten Widerstand gegen die Pogrome im November 1938 gegeben hat, aber sicherlich dachte nicht die Mehrheit der Deutschen, daß diese antisemitische Gewalt den Juden recht geschah. Vielmehr spielten Indifferenz und Alltagssorgen eine große Rolle. Ein Zitat aus Klemperers Tagebüchern scheint dies zu belegen. »Die Pogrome im November 1938 haben, glaube ich, weniger Eindruck auf das Volk gemacht als der Abstrich der Tafel Schokolade zu Weihnachten.«

Hamburg DR. ANDREAS SEEGER

Goldhagens Buch kommt der Wirklichkeit im Dritten Reich sehr nahe, und das ist es wohl, was viele Deutsche stört und was man nicht wahrhaben will; denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Goldhagen hat sich nicht, wie viele andere Historiker vor ihm, der Geschichtsklitterung schuldig gemacht. Dafür gebührt ihm höchstes Lob und Anerkennung.

Krefeld GERD WAGNER Schriftsteller

Die Kernthese von Goldhagen ist so einfach wie überzeugend: Der Holocaust in seinen grauenhaften Details ist nur zu begreifen, wenn man unterstellt, daß »ganz normale Deutsche« aus den Generationen meiner Groß- und Urgroßeltern bis in die Tiefenschichten des Unterbewußtseins hinein gnadenlose, auf Auslöschung der Juden geeichte Antisemiten waren. Ob nun »die« oder »viele« Deutsche oder nur »die Mehrheit« ist dabei ebenso ohne Belang wie der Hinweis auf »kaum« oder »beträchtlichen« Widerstand.

Bonn MATTHIAS BERNINGER MdB/Bündnis 90/Die Grünen

Gerade Herr Goldhagen hätte als mittelbar Betroffener aus der Geschichte lernen und zu dem Ergebnis kommen müssen, daß jede pauschale, nicht differenzierende Schuldzuweisung zu einem verzerrten Bild der Geschichte führen muß.

München C. C. RASSO GRABER

Ortsverband Waldtrudering, Junge Union Bayern

Wenn eine Nation, eine ethnische Gruppe oder eine Religionsgemeinschaft pauschal für Verbrechen verantwortlich gemacht wird - so habe ich es gelernt - , ist man skeptisch gegenüber den Vertretern der Anklage. Die deutschen jüdischen Emigranten der Frankfurter Schule, die nach dem Krieg aus den USA zurückkehrten, haben uns das gelehrt (Adornos »Studien zum autoritären Charakter« seien Herrn Goldhagen anempfohlen).

Unna WERNER RYBA

Ob ich es noch erlebe, geboren 1938, daß ein einziger wenigstens zu dem steht, was er seinen Nachbarn und Mitmenschen »damals, in der Nazi-Zeit« angetan hat?

München HANS LAUFS

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