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»Willkommen, edler, erhabener Führer!«

Drei Jahrzehnte Stroessner in Paraguay: Eine Reise in die Republik des Schreckens / Von John Vinocur John Vinocur ist Korrespondent der »New York Times« in Paris. _(The New York Times. ) *
Von John Vinocur
aus DER SPIEGEL 2/1985

In Paraguay ist das so: Ein Mann parkt sein Auto, und weil er Angst hat, es könne gestohlen werden, bindet er es an einem Strick fest, den er sich um die Taille wickelt. Als er über die Straße geht, wird er verhaftet und wegen ungeziemenden Verhaltens in der Öffentlichkeit und Verletzung der nationalen Würde angeklagt. Schließlich weiß jedermann, daß die nationale Würde Paraguays vor dreißig Jahren von El Excelentisimo, dem Präsidenten der Republik, General des Heeres und Obersten Richter des Landes, Don Alfredo Stroessner, wiederhergestellt wurde.

Der verhaftete Autobesitzer wird von der Polizei verprügelt, bestohlen, erniedrigt; schließlich schafft er es, sich aus dem Gefängnis freizukaufen. Er findet sein Auto bei einem Gebrauchtwagenhändler wieder, dem er die ganze Geschichte erzählt. »Da haben Sie aber Glück«, sagt der Händler, »Sie wissen sogar, daß der Tachostand stimmt.«

Paraguay lebt mit derlei Legenden der vollkommenen Niedertracht und der nahezu vollkommenen Resignation. Manche sind Visionen wie jene, in der General Stroessner abdankt und sich auf ein Landgut am Itaipu-See zurückzieht, wo er neben Dr. Josef Mengele im Schaukelstuhl sitzt und die Piranhas mit Eidechsen und lebenden Küken füttert. Manche sind ganz normale Berichte aus dem Alltag, wie die Geschichte, die ein Geschäftsmann beiläufig einem Besucher erzählte. Der Haushälterin eines Kunden hatte man auf einem Polizeirevier die Fingernägel ausgerissen.

»Irgend so eine kleine Diebstahlsaffäre«, meinte er achselzuckend: Letzten Endes, so schien er zu sagen, hätte es ja auch etwas Schlimmeres sein können.

Dreißig Jahre General Stroessner in Paraguay: Das heißt ein ununterbrochener Ausnahmezustand, in dem der Präsident im wörtlichen Sinne über den Gesetzen steht; Menschen, die gelegentlich den Drang nicht unterdrücken können, mit gefesselten Armen und Beinen in Flüsse zu fallen oder aus Flugzeugen zu springen; Platzkonzerte vor dem Präsidentenpalast mit Hits wie »Vorwärts, Herr General« und »Meinen Glückwunsch, großer Freund«; ausländische Diebe, Schläger und Verbrecher, die gegen Bezahlung ein Versteck im Lande finden; eine Wirtschaft, die so korrupt verwaltet wird, daß man das offiziell als den »Preis des Friedens« erklären muß; ein Abstimmungsverhalten in sogenannten Schlüsselfragen in der Uno, das den USA mehr Sympathie zeigt als dasjenige irgendeines anderen »Verbündeten«; und eine Parteizeitung, die täglich auf dem Titelblatt sechs Farbporträts des Generals bringt.

Als sich Mitte der siebziger Jahre das Gerücht vom schnellen Gewinn im Bauboom von Wasserkraftwerken verbreitete, wetteiferten amerikanische Banken darum, in Paraguay ins Geschäft einzusteigen; und dann entdeckten sie plötzlich, daß sie ihre Außenstände in dem Land nicht eintreiben konnten.

Gerechtigkeit: Das ist hier die winzig kleine Statue einer nackten Frau mit einer Waage in der Hand, die im Schatten des riesigen neuen Gerichtsgebäudes steht, eines Gebäudes im architektonischen Stil Mussolinis, finanziert von Südafrika. Eine Theaterpremiere wird angekündigt und dann wieder abgesagt, weil irgend jemand mit den Kostümen und den Kulissen verschwunden ist. Ein europäisches Land stiftet der Forstverwaltung von Paraguay drei Lastwagen. Sie erreichen das Land, aber sie kommen nicht vom Hafengelände herunter. Erst nach einem Jahr versteht die Botschaft des Landes, was hier gespielt wird: Die Zollbeamten müssen bestochen werden, damit die Spenden ins Land kommen können.

Aber Paraguay ist kein Operettenstaat, und Präsident Stroessner ist kein Papa Doc, kein Idi Amin; seine Herrschaft beruht nicht auf der Flut des Irrationalen. Die wenigen in Paraguay, die sich dem Präsidenten offen widersetzen, schildern ihn als einen außergewöhnlich gerissenen Mann, einen Meister in dem schwierigen Spiel, das Ausmaß der Gewalt und Korruption im Lande wie die Flamme eines Gasherds größer und kleiner zu drehen. Niemand kann in irgendeinem Land 30 Jahre an der Macht bleiben, ohne einen gewissen _(Am 15. August 1984 in Asuncion bei der ) _(Militärparade anläßlich des 30. ) _(Jahrestages seiner Machtübernahme. )

Sinn für Maßstäbe zu entwickeln.

Die Leichen treiben nicht mehr im Paraguay-Fluß wie vor 20 Jahren; die Folter findet statt, aber nicht mehr systematisch; die Zahl der politischen Gefangenen hat abgenommen; und Dr. Mengele, der »Todesengel von Auschwitz«, scheint im Lauf der letzten vier, fünf Jahre verschwunden zu sein - entweder nach einer kosmetischen Operation oder, wie es der ehemalige amerikanische Botschafter Robert E. White ausdrückt, »nachdem ihm endlich jemand in eigener Münze heimgezahlt hat«.

Argentinien, Brasilien und Uruguay nähern sich demokratischen Verhältnissen, Paraguay bleibt erschreckend. Sein Regime tritt den Beweis dafür an, daß man nicht sehr viel Terror einsetzen muß, um ein Volk zu unterdrücken und sich ein Land anzueignen. Neben General Stroessner, sagt Aldo Zuccolillo, Herausgeber der verbotenen Zeitschrift »ABC Color«, war Präsident Somoza von Nicaragua ein blutiger Anfänger.

Aldo Zuccolillo und ein paar andere wie er sind Ausnahmen in Paraguay: Frauen und Männer, die in einem Land bereit sind, zu ihrem Wort zu stehen, in dem fast nichts beweisbar und die Leistungsfähigkeit der Polizei das einzig Sichere ist. Ein anderer, gewiß ebenso aufrechter Mann, der es vorzieht, seinen Namen nicht gedruckt zu sehen, meint, wenn man alles einmal mit der Distanz des Historikers betrachten könne, werde Don Alfredo Stroessners Paraguay wohl weniger durch das Ausmaß des Terrors als durch die perversen Einzelheiten bemerkenswert erscheinen.

»Nimmt man all den Schrecken als Ganzes«, sagt er, »kommt eine beachtliche Menge an Scheußlichem zusammen. Aber bemerkenswert, man könnte sagen einmalig, ist die Tatsache, wie man nach 30 Jahren ein Land mit einem reinen Extrakt der Furcht regieren kann. Heute ist nur noch eine Geste, eine Andeutung nötig: Ein Mann verschwindet, eine Frau wird gefoltert, mehr nicht. Das ist genug, und Stroessners Leute wissen es. Es ist eine beklemmende Wahrheit, aber mancher von uns wartet nur darauf, davon zu hören; und zu viele unter uns sind erleichtert, wenn wir davon hören, weil wir dann an die Gitterstäbe unseres Käfigs stoßen und wissen, wo wir stehen.«

Das Leben in Paraguay heute ist von Vorsicht geprägt, und so mancher versucht, die Umrisse einer Situation zu ertasten, die vielleicht dabei ist, sich zu wandeln. Als die Armee am 15. August 1984, dem dreißigsten Jahrestag der Machtergreifung General Stroessners, im Stechschritt durch die Straßen von Asuncion paradierte, fragten sich mehr als ein Zuschauer: »Wie lange noch?«

Nach den Trujillos und Somozas ist der 72jährige General Stroessner so etwas wie der letzte Vertreter jener aussterbenden Spezies lateinamerikanischer Diktatoren, die - anders als Fidel Castro oder Augusto Pinochet - offen zugaben, daß sie ihr Land für ihren Privatbesitz hielten und es nach ihrem Gutdünken ausbeuteten.

In seiner seltsamen Art hat sich General Stroessner ein Reich der Absurdität gebaut, in dem er konkurrenzlos dasteht. Für den Präsidenten, der unter dem permanenten Ausnahmezustand der Hauptstadt Asuncion jedermann ohne Gerichtsverfahren und ohne weitere Erklärung verhaften, ins Gefängnis werfen oder in die Verbannung schicken kann, hat Paraguay den Zustand vollkommenen Friedens und vollkommener Demokratie erreicht. Paraguay ist nach des Generals eigenen Worten der beste Freund der Vereinigten Staaten. Das Wort »Demokratie« besudelt jedes offizielle Schriftstück, jede amtliche Verlautbarung, Hunderte von Seiten der offiziösen Tagespresse. Selbst General Pinochet verspricht für eine ferne Zukunft die Rückkehr zur Demokratie; auch Fidel Castro versichert, sein »Sozialismus« strebe nach einem reineren kommunistischen Leben. Nur General Stroessner in Paraguay hat sich selbst auf den Sockel der göttlich verehrten Demokratie erhoben.

Für die Menschen, die sich bemühen, die Gitterstäbe ihres Käfigs zu ertasten, sind die kleinsten Anzeichen von Bedeutung. Sie beobachten den General, und sie sehen die zu Klauen verkrampften Hände, den starren Blick seiner Augen, die Versteifung seiner Bewegung als Vorboten des kommenden Endes. Doch in einem Land, dessen ganze Geschichte allenfalls ein oder zwei Jahre der Rechtsstaatlichkeit kennt, erwecken Zeichen des Wandels ebensoviel Furcht wie Hoffnung.

Der General steht morgens um fünf Uhr auf. Seit Somoza 1980, ein Jahr nach seinem Sturz, im paraguayischen Exil ermordet wurde, weiß niemand genau, wo General Stroessner die Nächte verbringt.

Seine offizielle Residenz, ein Gebäudekomplex mit einem eigenen Polizeikrankenhaus - es heißt, im fünften Stock gebe es eine eigene Station für die Wiederbelebung von Folteropfern -, befindet sich in peinlicher Nähe zur Botschaft der Vereinigten Staaten, direkt auf der anderen Straßenseite.

Der Arbeitstag des Generals beginnt mit Telephongesprächen. Es heißt, wenn eines der 82 000 Telephone, über die ein Land von über drei Millionen Einwohnern verfügt, morgens zwischen sechs und sieben klingelt, melde sich der Besitzer automatisch mit »Si, Senor Presidente.«

Von sieben Uhr an zieht sich der Strom der Besucher durch das Präsidialbüro. Gegen acht Uhr abends weiß jedermann, wer gekommen ist, weil die Besucher beim Präsidenten den ersten Platz in den Nachrichten beider Fernsehprogramme einnehmen. Es kann sich um den chilenischen Botschafter oder den südafrikanischen Militärattache handeln; aber meist dient die Besucherparade nur dem Versuch, respektabel zu erscheinen, indem man jedermann einlädt, der gerade in der Stadt ist. Mitte August begannen die Nachrichten mit Präsident Stroessner, der einem durchreisenden Tierarzt die Hand reichte; es soll sich um den Abteilungsleiter der Besamungsstation einer Rinderzucht in Westdeutschland gehandelt haben.

Dann macht der General selbst Besuche. Er eröffnet Banken, verteilt Diplome, weiht Telephonzellen ein. Er ist sich seiner öffentlichen Wirkung voll bewußt. Einer seiner Adjutanten hat darauf hingewiesen, daß er niemals Bänder in den Farben Paraguays, Rot, Weiß und Blau, durchschneidet; er knotet sie auf - ein Mann, der sich ums Detail kümmert.

Die Nachmittage des Generals sind weniger klar. An eine Pressekonferenz Stroessners kann sich niemand erinnern, und Interviews gibt er selten. Einige professionelle Beobachter, die schon lange behaupten, der General baue ab und das Land fliege mit automatischer Steuerung weiter, meinen, er verschlafe den größten Teil des Tages. Ein guter Nährboden für skurrile Gerüchte. Der Sohn eines ausländischen Diplomaten erfuhr von der Köchin, der Nachmittag sei die Zeit, »wo der alte deutsche Doktor kommt und dem General frisches Blut spritzt«.

Ein Mann wie General Stroessner kann kein historischer Zufall sein. Der erste Herrscher Paraguays nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1811 war ein Diktator »auf Lebenszeit": Jose Gaspar Rodriguez de Francia, bekannt als El Supremo, verbot alle Reisen ins Ausland, den Handel mit fremden Ländern, öffentliche Versammlungen und den Postverkehr. Seine Nachfolge traten allerlei verschiedenartige Despoten an. Paraguay erhielt die erste Eisenbahnlinie in Südamerika und konnte sich mit Francisco Solano Lopez eines Herrschers rühmen, der das Kunststück fertigbrachte, gleichzeitig einen Krieg gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay vom Zaun zu brechen. Als der Krieg vorbei war, waren 60 Prozent der 1,2 Millionen Einwohner des Landes tot.

In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts endete ein irrwitziger Krieg mit Bolivien um den Gran Chaco - einen Landstrich, in dem das Erdöl, auf das beide Seiten es abgesehen hatten, so gut wie gar nicht existierte - mit noch einmal 100 000 Toten.

Allein zwischen 1904 und 1936, dem Ende des Chaco-Krieges mit Bolivien, in knapp 32 Jahren, wechselten sich nach zahlreichen Bürgerkriegen und Staatsstreichen 22 Präsidenten in der Regierung des Landes ab. Der nächste Bürgerkrieg brach 1947 aus, und bis Ende 1949 waren innerhalb von 16 Monaten sechs weitere Präsidenten aufgetaucht und wieder in der Versenkung verschwunden. 1954 zettelte dann General Alfredo Stroessner, Sohn eines bayrischen Einwanderers und einer paraguayischen Mutter, seinen eigenen Militärputsch an.

Die Macht des Generals ruht auf dem Militär und der Colorado-Partei, einem Sammelbecken für Bauern und Einzelhändler, die er in eine funktionierende Basisorganisation umbaute. In jeder Kleinstadt gibt es eine eigene Sektion der Colorados als Umschlagplatz für Jobs und Privilegien und örtliche Neuigkeiten. Weder die Blockkomitees der Sandinisten noch die Betriebskampfgruppen der DDR haben je so effektiv gearbeitet.

Die Parteimitgliedschaft ist ebenso Voraussetzung für die berufliche Laufbahn eines Volksschullehrers wie für die Ernennung zum Offizier im Wachbataillon des Präsidenten. Die Loyalität des Militärapparats ist durch die Beteiligung gesichert, die den Generalen und Obristen an der sogenannten illegalen Ökonomie garantiert wird: an Schmuggel, Bestechung und einfachem Diebstahl, an einer Untergrund-Wirtschaft, von der selbst regierungsfreundliche Zeitungen behaupten, sie umfasse rund die Hälfte des Bruttosozialprodukts. Generale mit einem offiziellen Sold von 550 Dollar monatlich leben in einem unfaßlichen Luxus.

An Straßen, die niemals ganz gepflastert wurden, liegen Häuser, die aussehen wie das Weiße Haus, das Chateau de Chambord oder die Bungalows einer Luxushotel-Kette.

Für General Stroessner war es ein glücklicher Zufall, daß er die Macht in einem so unglaublich zerstörten, mit so viel Elend geschlagenen Land übernehmen konnte. 1954 gab es in der Hauptstadt kein fließendes Wasser, und das Land war noch kaum elektrifiziert. Im Lauf der Jahre hat er es geschafft, jede Glühbirne in ein Ereignis zu verwandeln, das wie das »General-Don-Alfredo-Stroessner-Erleuchtungsprogramm« wirkt; jedem Kanalisationsrohr konnte er den Glanz des Vaterländischen Hygiene-Bundes unter dem Vorsitz von Don Alfredo Stroessner verleihen.

Das Talent des Kleinstadtpolitikers - »Stroessner sieht aus wie ein Bayer und

denkt wie ein Guarani-Indianer«, sagt ein europäischer Botschafter - fand eine glückliche Ergänzung. Aus dem Bau des brasilianisch-paraguayischen Itaipu-Staudamms an der brasilianischen Grenze hat Paraguay von 1975 bis 1983 einen Reinerlös von 1,8 Milliarden Dollar bezogen. Das Wasserkraftprojekt - angeblich das größte der Welt - verschaffte dem Land vorübergehend die höchste Wachstumsrate der südlichen Hemisphäre. Das Geld, besonders der kleine Teil davon, der bis zur einfachen Bevölkerung herabsickerte, machten einen Teil der Brutalität unnötig, die Stroessners Regime bis dahin für unerläßlich gehalten hatte.

Nach Jahrzehnten des Terrors, nach der Flucht von etwa einer Million Bürgern ins Ausland, ließ sich mit dem einströmenden Bargeld eine Art nationaler Fügsamkeit erkaufen, und die Herrschenden konnten die Peitsche gelegentlich aus der Hand legen.

Als das Regime 1983 die paraguayische Datenbank auflöste, eine Gruppe, die versuchte, regierungsunabhängige Statistiken über das Nationaleinkommen und seine Verteilung zu erstellen, beschwerten sich nur zwei der 30 Verhafteten über Folterungen. »Gemessen an den hierzulande traditionell üblichen Maßstäben«, sagt ein ausländischer Diplomat, »geradezu ein aufgeklärt niedriger Prozentsatz.«

Diesen Sommer berichtete ein Geschäftsmann über zwei Paraguayer, die in einen Erpressungsversuch der Polizei gerieten und verhaftet wurden. Sie mußten sich nackt ausziehen und neun Stunden lang kniend eine weiße Wand anstarren. Jedesmal wenn sie sich bewegten oder die Augen schlossen, wurden sie geschlagen. »Nichts richtig Hartes«, meinte der Geschäftsmann.

Der Innenminister Sabino Montanaro, den die katholische Kirche wegen unerträglicher Übergriffe exkommuniziert hat (und der kürzlich wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen wurde), erzählt irgend etwas über subversive Elemente, wenn man nach der Folter fragt. In einem Interview verkündete er: »Wir lehnen jede Form von Einschüchterung ab.«

Don Alfredo schätzt dergleichen unerfreuliche Gesprächsthemen nicht. Unter den Ausländern, die ihn regelmäßig sehen, gibt es zwei Gruppen. Die einen berichten, er sei unfähig, auf exakte Fragen zu antworten, und könne nur Erinnerungen an den Krieg im Chaco und unzusammenhängende Klagen über Kommunisten, Subversive, moralisierende Besserwisser und mangelnde Anerkennung von sich geben. Diese Besucher glauben fest daran, daß er auf dem absterbenden Ast sei - alt, sagen sie, manchmal gerade noch klar genug bei Sinnen, um die Einfuhrlizenz für einen Volkswagen oder eine Wurstschneidemaschine zu widerrufen, aber schon recht verkalkt, der letzte südamerikanische Dinosaurier, langsam dabei, zu versteinern.

Die andere Gruppe behauptet, der General sei geistig voll präsent, wenn es darauf ankomme. Ein häufiger Besucher, ein Sammler von Präsidentenreminiszenzen, hat eine kleine Auswahl von Aussprüchen des Generals zusammengestellt: »Sogar Carter fand, daß ich gute Arbeit leiste. Er war ein Trottel, er hat das Vertrauen in Amerika ruiniert. Ich bin einer der besten Freunde Amerikas, aber die USA behandeln ihre Feinde besser als ihre Freunde.«

»Pinochet ist ein Versager. Er hat es nie geschafft, eine Organisation, eine Art von Demokratie aufzubauen, an der sich das Volk beteiligt fühlen konnte.«

»Somoza war arrogant. Ein Säufer.«

»Ich kann verstehen, warum Reagan mich nicht sehen will. Es wäre politisch nicht gut für ihn.«

»Hier verhungert keiner.«

»Manche Länder - das wahre Volk - sind politisch nicht reif für eine Demokratie wie in den USA. Paraguay ist so ein Land.«

»Ich bin kein Diktator.«

Asuncion ist ein schäbiger Ort, der nach Orangenblüten riecht. An südamerikanischen Maßstäben gemessen, bietet er nur wenig deprimierende Seiten: Ein paar Kinder schlafen auf dem Bürgersteig. Doch im großen ganzen ist Asuncion der Verelendung entgangen. Am Samstagabend sitzt die neue Mittelschicht, soweit es sie gibt, in Freizeitanzügen aus Miami in den parrilladas, um zu essen, zu sehen und gesehen zu werden. Wer genau hinhört, kann noch immer die Harfen und Gitarren ausmachen, die Paraguays süße und traurige Volksmusik spielen.

Der Anschein ist trügerisch und verführerisch. Doch Paraguayer sind oft entsetzt darüber, wie bereit manche Ausländer sind, Reglosigkeit mit Gewaltfreiheit in einer Stadt zu verwechseln, in der Soldaten mit dem Gewehr auf Kinder zielen, wenn sie sich dem Haus eines Generals nähern.

Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland verbringt einen großen Teil ihrer Zeit damit, wenig erfolgversprechende Auslieferungsanträge für Steuerflüchtige und Gauner zu übergeben, die Paraguay als einen sicheren Hafen betrachten. Die vorsichtigen Formulierungen des Flugblattes, das sie an Besucher aushändigt, treffen die Stimmung recht exakt:

»Die Restaurants schließen durchgehend um ein Uhr früh. Die Polizei verfügt über weitgehende Rechte und zögert im allgemeinen nicht, sie extensiv anzuwenden. Es wird dringend empfohlen, sich nicht auf Diskussionen mit der Polizei oder sonstigen offiziellen Stellen einzulassen. Ausländer sollten möglichst keine Meinungen über paraguayische Politik äußern. Aufgrund des leistungsfähigen Informationssystems der Polizei kommt es anschließend häufig zu Schwierigkeiten ... Besucher, die verhaftet werden, sollten darauf bestehen, daß die Botschaft informiert wird.«

Weil hier alles einen Preis hat - eine Daueraufenthaltsgenehmigung kostet 200 Dollar, eine Staatsbürgerschaft das gleiche, ein Paß vielleicht 700 Dollar -, braucht niemand unnötig lange im Gefängnis

zu schmachten; es sei denn, das Militär gewinnt den Eindruck, es sei bei irgendeinem Geschäft übers Ohr gehauen worden. Dann kann man, wie dies kürzlich einem armen Deutschen namens Gandermann geschehen ist, in einem Gefängnis weit draußen im Chaco landen, außerhalb der achselzuckenden Ohnmacht der Gerichte.

Es gibt geschriebene Gesetze, aber über alles herrscht mbarate, wie der Fausthieb in der Sprache der Guarani-Indianer heißt. Zwei irregeleitete Steuerprüfer, die auf unerklärliche Weise in ein Geschäft des Generals Andres Rodriguez gerieten, des Militärkommandeurs von Asuncion, zugleich einer der reichsten Generale im Land, und überdies noch mit einem Sohn gesegnet, der mit einer Tochter des Präsidenten verheiratet ist, bekamen eine deutliche Demonstration dessen, was mbarate ist: Sie wurden verprügelt, man schor ihnen die Köpfe kahl und warf sie auf die Straße, berichtete ein Amerikaner.

Über Korruption wird mit der gleichen unbeteiligten Sachlichkeit wie über Brutalität gesprochen. Ein Diplomat erzählt von einem Minister, der eine Beteiligung von zwei Millionen Dollar an einem Zwölf-Millionen-Dollar-Auftrag für sich verlangt. Ein Bankkaufmann erklärt, daß er 100 Guaranis pro Dollar an die Angestellten der Zentralbank zahlen muß, um Dollar zu einem Wechselkurs von 240 zu eins, etwa der Hälfte des Schwarzmarktkurses, exportieren zu können.

Ein Ausländer berichtet über den Bau eines Zementwerks mit einer jährlichen Produktionskapazität von 650 000 Tonnen, obwohl im ganzen Land nur 200 000 Tonnen verbraucht werden; die Größe des Projekts - erklärt er - vergrößert die Sahneportion, die oben von den Bossen abgeschöpft wird.

Das beste Land befindet sich in den estancias der Generale und Obristen. Nach amerikanischen Berechnungen sind fast drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche in den Händen von drei Prozent der Grundbesitzer.

»Paraguay ist ein Puff«, sagt ein Geschäftsmann, »die Größe, Intensität und Offensichtlichkeit der Korruption ist einzigartig. An manchen Tagen stinkt hier einfach jeder einzelne Dollar.«

In Graham Greenes Roman »Die Reisen mit meiner Tante« trifft Tante Augusta in Paraguay einen armseligen Typ namens Visconti, der bei dem Versuch, einen neuen Paß zu kaufen und die Polizei zu bestechen, sein ganzes Geld verloren hat. »Gott weiß, wie Dr. Mengele zurechtkommt«, sagt Tante Augusta, »aber ich nehme an, er hat ein Nummernkonto in der Schweiz.«

Dr. Mengele, der Arzt von Auschwitz, ist in der Tat hier gewesen und hat 20 oder 25 Jahre lang für seine paraguayische Staatsbürgerschaft bezahlt. Die Dokumente wurden nach öffentlich zugänglichen Quellen von einem gewissen Oberst Alejandro von Eckstein beglaubigt, einem etwa 70jährigen Paraguayer mit europäischem Akzent, dem - wie Diplomaten berichten - von General Stroessner ein Offizierspatent »ehrenhalber« verliehen wurde und den man oft in den Vorzimmern des Präsidentenpalais sieht.

Die Israelis, die eine Botschaft in Asuncion haben, glauben, Mengele sei tot oder verschwunden; die Amerikaner sind der gleichen Meinung. Ein Indiz dafür, daß Dr. Mengele in der Tat nicht mehr im Land ist, bietet eine Anekdote, die in ausländischen Kreisen in Asuncion kolportiert wird:

Als die Bolivianer 1983 Klaus Barbie, den ehemaligen Gestapochef von Lyon, angeblich als Gegenleistung für französische Waffenlieferungen an die bolivianische Polizei, an Frankreich auslieferten, soll ein paraguayischer Oberst den anderen gefragt haben: »Was meinst du, ob wir ihnen Eckstein als Mengele andrehen können? Was wird der wohl wert sein, 200 000 Dollar oder so?«

Das Land war schon immer eine Zufluchtstätte für Rechtsextremisten, für normale Betrüger, Defraudanten und Schwindler. Auf der offiziell bestätigten Liste finden sich Namen wie Georges Watin, der seinerzeit einen Mordversuch auf de Gaulle unternommen hatte, Gaetano Orlando, italienischer Neofaschist, dessen Auslieferung wegen krimineller Delikte abgelehnt wurde, Auguste-Joseph Ricord, internationaler Drogenhändler französischer Abstammung, der vor zwei Jahren nach seiner Entlassung aus einem amerikanischen Gefängnis nach Paraguay heimgekehrt ist.

Solche Leute - viele davon sind Deutsche, die sich darauf verlassen, daß etwa ein Zehntel der Bevölkerung Paraguays deutscher Abstammung ist - wissen normalerweise, daß Erbarmen seinen Preis hat. Manche finden Erbarmen, andere nicht: Deutsche Quellen berichteten von einem Vertreter für zahnmedizinischen Laborbedarf, der mit 110 Kilo Gold im Koffer anreiste. Zu dem Gold war er durch gefälschte Kundenaufträge gekommen. Erst verschwand der Koffer, dann der Vertreter.

Zu den Neuankömmlingen der letzten Zeit in Asuncion gehörte auch »Konsul« Hans Hermann Weyer, der sich darauf spezialisiert hatte, prestigesüchtige Gebrauchtwagenhändler mit unechten Titeln zu beliefern. In Paraguay, dessen Behörden drei Auslieferungsbegehren nicht zur Kenntnis nahmen, konzentrierte er seine Tätigkeit auf Führerscheine und Grundbucheintragungen (heute meldet er sich auf Briefen aus Asuncion als »Sonderbotschafter").

In den Tageszeitungen gibt es für Auslieferungsbegehren ebenso feste Rubriken wie für das Kinoprogramm. Mal sind es ein paar argentinische Bankiers mit einer Neigung zur Unterschlagung, mal ist es ein falscher spanischer Priester. Die lokalen Spielregeln sind einfach und klar: Wer nicht zahlen kann, muß gehen.

Zwei in Nevada wegen Bankraubs gesuchte Amerikaner mußten das letzten August entdecken: Die Verhaftung von Richard Cochran und Janet Krebs wurde offiziell bekanntgegeben. In einer weiteren

Zeitungsmeldung war die Rede von einer beschlagnahmten Beute in Höhe von 900 000 Dollar.

Dann erschien ein zweiter Bericht, demzufolge es sich eher um die Summe von über eine Million Dollar plus Juwelen gehandelt hatte. Ein dritter Bericht, der ein paar Tage später erschien, meldete die Verhaftung eines Anwalts und korrigierte die wirkliche Summe auf 2,7 Millionen Dollar.

Was nach ausländischen Quellen vor sich gegangen war, war einfacher: Verschiedene Gruppen innerhalb des Polizeiapparats hatten sich nicht auf die Höhe der Erpressungssumme einigen können, und die Angelegenheit war außer Kontrolle geraten. Paraguay machte das Beste aus der Affäre: Das Geld wurde in einer feierlichen Zeremonie der Zentralbank zur Aufbewahrung übergeben, und dem Begehren der Vereinigten Staaten auf Auslieferung von Mr. Cochran und Mrs. Krebs wurde stattgegeben.

General Stroessner macht aus allem immer das Beste; und er folgt dabei immer den Regeln, die er selbst entworfen hat: aufkaufen oder zusammenschlagen. Normalerweise funktioniert das eine so gut wie das andere. Seine zusätzliche Verfeinerung, seine besondere totalitäre Entdeckung besteht darin, daß man nur die Ehre eines Volkes lange genug zerstören muß, damit viele sich endgültig für zerstört halten. Hier sprechen Studenten von sich selbst in einer für junge Menschen ungewöhnlichen, schockierenden Sprache, im Tonfall grenzenloser Selbstverachtung.

»Ich habe keine Hoffnung. Wenn er stirbt, kann es noch schlimmer werden. Er hält die Dinge wenigstens in der Schwebe.«

»Es gibt politisch keine andere Wahl. Die Jugend ist verwahrlost. Es gibt keine moralischen Werte mehr. Wenn er abtritt, bleibt alles beim alten.«

»Man kann nicht verändern; vielleicht mit Gewalt, vielleicht durch eine Revolution, aber das Volk ist passiv.«

»Wir hassen ihn.«

»Was wir wollen, ist, eine richtige Demokratie werden. Aber das ist zu schwer. Wir müssen vorsichtig sein.«

Carmen Lara Castro, die Vorsitzende der paraguayischen Menschenrechtskommission, eine Frau, deren ganze Familie eingekerkert, gefoltert oder ins Exil getrieben wurde, bezeichnet Indifferenz und Furcht als die bestimmenden Faktoren des Lebens in Paraguay.

Die Oppositionsparteien, sagt sie, sind an ihrer Schwäche zum größten Teil selbst schuld. »Sie haben sich verantwortungslos und kleinlich gezeigt, sich selbst in ständigen Querelen zerstört.«

Die Wahrheit ist: Die Opposition, der es erlaubt wird, innerhalb der Grenzen manipulierter Wahlen zu einem Pseudoparlament und unter der Kontrolle und Patronage der Colorado-Partei zu arbeiten, hat keine Bedeutung, und wo sie nicht käuflich ist, wird sie zerschlagen.

Einer Gruppe von Dissidenten innerhalb der Colorado-Partei, den sogenannten »Mopocos«, wurde, wohl um sie besser unter Kontrolle zu bringen, die Rückkehr aus dem Exil erlaubt - und sie gingen in die Falle strenger Beschränkungen und vollständiger Überwachung. Der Kommunismus ist verboten, aber verboten ist auch die Christlich-Demokratische Partei, deren Führer im Exil lebt.

Jeder hat das Recht, eine neue politische Organisation zu gründen: Man braucht dazu bloß 10 000 Unterschriften, eine Bedingung, die so undenkbar ist wie die, der Oberste Gerichtshof werde General Stroessners Ausnahmezustand aufheben.

Die wirksamste Kraft der Opposition in Paraguay ist die katholische Kirche, deren Zeitung »Sendero« (Pfad) heute die einzige anständige Lektüre im Lande ist. Vielleicht der mutigste unter den Dienern der Kirche ist Melanio Medina, Bischof von Benjamin Aceval, einer Stadt, die aus einer Handvoll Läden und einer Zuckerraffinerie unweit von Asuncion besteht.

Für »Patria«, die Parteizeitung der Colorados, ist Bischof Medina der »Rote Bischof«. Hochwürden antwortet auf die Beschimpfung mit einem mild-verächtlichen Lächeln, aber von Paraguay spricht er im gleichen Tonfall der Trauer wie die jungen Leute.

»Der Diktatur ist es gelungen, uns zu zähmen. Die Furcht durchdringt alles. Die Jugendlichen haben keinen politischen Ehrgeiz. Wer denkt, gerät unter Druck. Wer nicht denkt, hat keine Probleme. Kein wirklicher Oppositioneller könnte hier überleben. Das Land ist im wesentlichsten Punkt ausgeblutet: in seiner Menschlichkeit.«

Die Beschimpfung als »Roter Bischof« ist für Monsignore Medina die hysterische Reaktion der Regierung auf seine Predigten über Menschenrechte und Ungerechtigkeit. »Der Antikommunismus der Regierung ist lächerlich, eine Fassade, hinter der sie ihre eigenen Interessen verbirgt. Der Mangel an Respekt vor dem Individuum, das Denunziantentum, die Polizei - in diesen Dingen gleichen wir den Kommunisten, sind wir gar nicht weit von ihnen entfernt.«

Einmalig in Lateinamerika ist wohl die Tatsache, daß das Hauptziel des Angriffs in oppositionellen Kreisen nicht die USA sind. Im Vergleich zu den arroganten großen Brüdern Argentinien und Brasilien, deren Kapital in der Landwirtschaft, in den Dienstleistungsbetrieben und in der Leichtindustrie Paraguays steckt, wirft der Nordamerikaner allenfalls einen schwachen Schatten.

Die amerikanische Unterstützung Paraguays, die sich von 1942 bis 1984 auf technische und ökonomische Hilfe in einer Gesamthöhe von 187 Millionen Dollar belief, betrug im vergangenen Jahr 190 000 Dollar. In letzter Zeit bieten die Vereinigten Staaten General Stroessner weder Waffen noch sehr viel Geld an, ja nicht einmal mehr Gelegenheiten, sich mit hohen US-Politikern photographieren zu lassen. Andererseits tut die Regierung auch wenig, um General Stroessner auch nur symbolischen Widerstand zu leisten.

Keine von den Schwierigkeiten, die man dem Chile-General Pinochet gemacht hat, werden auf Paraguay übertragen; die Vereinigten Staaten drücken die Augen zu, wenn bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank oder dem Internationalen Währungsfonds über Geld für Paraguay gesprochen wird.

»Was ich den Amerikanern immer wieder erzähle, ist, daß Paraguay nicht vor der Wahl zwischen dem Regime und den Kommunisten steht«, sagt Aldo Zuccolillo, der Herausgeber der Zeitschrift »ABC Color«, »aber es muß hier irgendwie politische Entwicklung stattfinden - irgend etwas. Wir sind verkrüppelt. Sonst sind die Alternativen, wenn der alte Mann einmal abtritt, nicht die besten.«

Obgleich Zuccolillo sie nicht ausdrücklich nennt, sind die Alternativen klar genug. Die eine ist der Kampf zwischen den Parteifraktionen der Colorados und den Militärgruppen; eine neue, schwächere, instabilere und deshalb brutalere Diktatur; Rache, Aufruhr, Blutvergießen: der Mutterboden der Revolution.

»In Paraguay«, sagt Humberto Rubin, Besitzer einer kleinen Rundfunkstation, die von der Regierung geschlossen wurde, »hat es noch nie einen friedlichen Machtwechsel gegeben.«

Paraguayer, die auf Anzeichen warten, daß die Kraft des Generals nachläßt, die voll Hoffnung auf das nahende Ende blicken und zugleich sein Nahen fürchten, die sich nach einem neuen, anderen Leben sehnen und doch vor der Zukunft eines Landes zittern, das keine politische Struktur besitzt und seinen Stolz verloren hat, sehen die Zukunft düster: nach Stroessner noch einmal Stroessner.

Ich wollte das Land beobachten, wie es seinen Präsidenten beobachtet, und bin ins paraguayische Hinterland geflogen.

An einem Ort namens Capitan Bado weihte der General ein Postamt, eine Erste-Hilfe-Station und, so schien es, alles andere ein, was in den letzten zehn Jahren gebaut worden war. Die Hauptstraße, ein breiter ungepflasterter Weg, der an ein ausgetrocknetes Flußbett erinnert, bildet zugleich die Grenze zu Brasilien. Keine Grenzformalitäten, keine Zollbeamten, nur ein paar Soldaten in Feldmütze mit Kinnriemen und ein Wanderzirkus, der »Fantastico Circo Koslov«, der direkt aus Fellinis »La Strada« zu stammen schien. Es hieß, auf dem Lande sei der General beliebt, und die roten Banner an dem kleinen Kiosk widersprachen dem nicht: »Stroessner, Stroessner - das ist der Jubelschrei, der sich unserer paraguayischen Seele entringt«, und »Willkommen edler, erhabener Führer, Herrscher über das Herz von Amerika«.

Man gab mir eines der roten Parteiabzeichen der Colorados und entband mich zugleich großzügig von der Pflicht, es zu tragen. Ich erhielt einen Tribünenplatz drei Reihen hinter dem General. Der Gedanke an das gewaltsame Ende Anwar el-Sadats auf einer Tribüne in Kairo begann mich plötzlich zu beunruhigen. Es wurden ein paar Reden gehalten; dann zogen wir hinter dem General die schmutzigen Straßen entlang.

Die Schulkinder trugen weiße Kittel, die Erwachsenen standen in kleinen Gruppen herum. Wir liefen und liefen, und Schweigen begleitete uns. Vorbei an den alten Männern in den weißen Hemden, vorbei an den Jugendlichen mit ihren Cowboy-Hüten, vorbei an den Kindern mit ihren frisch geputzten Schuhen - wir bewegten uns durch eine Wand des Schweigens. 30 Jahre, und das war das Ergebnis.

Endlich brachte jemand einen Hochruf aus. »Viva Stroessner«. Es war ein schwacher Ruf, aber er war hörbar. Der General trat aus dem Glied, überquerte die Straße und schüttelte die Hand des Rufers.

[Grafiktext]

BOLIVIEN BRASILIEN CHACO PARAGUAY Pilcomayo Concepcion Paraguay Asuncion Wasserkraftwerk ITAIPU Parana ARGENTINIEN PARAGUAY Kilometer

[GrafiktextEnde]

Am 15. August 1984 in Asuncion bei der Militärparade anläßlich des30. Jahrestages seiner Machtübernahme.

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