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KONGO »Willkommen im Wahnwitz«

Ungehemmt geht das Gemetzel im Bezirk Ituri weiter, auch wenn jetzt französische Soldaten eingetroffen sind. Statt die Gewaltorgien zu beenden, fährt die Eingreiftruppe Streife.
aus DER SPIEGEL 25/2003

Die Vereinten Nationen bieten wieder mal ein Bild des Jammers. Seit Stunden bereits liefern sich durchgeknallte Kindersoldaten mit Kalaschnikows, Mörsern und 82-Millimeter-Kanonen in Bunias Stadtzentrum ein wüstes Gefecht. Und die Uruguayer von der Uno? Sie kriechen blau behelmt und in schusssicheren Westen schildkrötengleich auf dem Fußboden ihres Hauptquartiers herum und beten das Ave-Maria.

Gerade einmal zehn Mann karren sie im Verlauf dieses unheimlichen Vormittags zur Verstärkung heran, obwohl 700 bewaffnete Uno-Soldaten am Flughafen kampieren. Dass der Schießerei schließlich nicht mehr als ein Dutzend Beteiligte zum Opfer fallen, verdankt der von knapp 400 Lendu-Kindern angegriffene Hema-Nachwuchs lediglich seinen besseren Waffen. Die Vertreter der Weltgemeinschaft bleiben praktisch tatenlos.

Oberst Daniel Vollot, französischer Chef der Uno-Mission, doch zu seinem Leidwesen weitgehend ohne Befugnisse, flüchtet sich angesichts der schier unaufhörlichen Gewaltexzesse im Osten des Kongo schon lange nur noch in Zynismus. Wie beim Tennis woge die Schlacht hin und her, erklärt er im Garten des Uno-Hauptquartiers: »Mal von links nach rechts, dann wieder umgekehrt. Wie langweilig!« Und dazu lacht der Fallschirmjäger, während durch die Nachbarstraße Salven von Schnellfeuergewehren peitschen.

Er genieße nun die Sonne, sagt Vollot; das Krachen der einschlagenden Granaten, das Rattern der MG sei für ihn wie Musik. Ändern könne man ohnehin nicht viel: »Wer Krieg will, der bekommt ihn auch.« Ungläubig starrt einer vom »Uru-Batt«, dem Uno-Bataillon aus Südamerika, herüber, der sich hinter einem Mäuerchen verschanzt hat.

Auch Johannes Wedenig vom Kinderhilfswerk Unicef kann die Ungeheuerlichkeiten des Kriegsalltags nur noch schwer ertragen. »Willkommen im Wahnwitz«, stöhnt er. Wedenig hat sich Jugendarbeit zum Ziel gesetzt, aber der Mann kann froh sein, dass ihn noch keines der kongolesischen Kinder ermordet hat, die von afrikanischen Kriegsherren gewissenlos instrumentalisiert werden. Denn das Gemetzel geht unvermindert weiter - allen gut gemeinten Resolutionen und allen zusätzlichen europäischen Soldaten zum Trotz, die unter französischem Kommando jetzt in Bunia einrücken.

Ihre Mission ist zwar nach der griechischen Jagdgöttin Artemis benannt, und die vermag der Mythologie zufolge außer Pest und Tod auch Eintracht und ein langes Leben zu bringen. Doch das EU-Mandat ist an Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Den Flugplatz und die Stadt, einschließlich ihrer zwei Flüchtlingslager, sollen die Franzosen sichern. Mehr nicht. Dabei ist Bunia längst unter der Kontrolle der Hema, nur wenige Lendu halten sich noch im Ort auf. Unvorstellbare Gräuel ereignen sich unterdessen in den Bergen Ituris - außerhalb des kleinen Radius der Friedenstruppen.

So sind Zehntausende längst nach Süden geflüchtet: 150 Kilometer zu Fuß durch den Urwald bis in die Stadt Beni, die von regierungstreuen Soldaten kontrolliert wird. Sie sind dem Horror ihrer Heimat Ituri entronnen und könnten doch bald wieder in der Falle sitzen. Denn von Süden rücken ruandische Soldaten vor und attackieren Beni. Sie sind Verbündete der Hema-Milizen und beuten für ihre Regierung in Kigali die Bodenschätze des Kongo nach Kräften aus.

»Wenn in den riesigen Flüchtlingslagern die Cholera ausbricht, könnten wir schnell eine Katastrophe erleben«, befürchtet Pascal Vignier von Ärzte ohne Grenzen: »Es sind zu viele Menschen auf zu engem Raum, und wir haben zu wenig Wasser.« Die Seuchengefahr steige mit jedem Ankömmling. Die ersten sechs Cholera-Verdachtsfälle sind bereits gemeldet worden.

In einem Zelt am Rande des Lagers dokumentieren Vignier und seine Kollegen, was die aus Ituri Vertriebenen berichten. Es sind Protokolle, die an den Genozid in Ruanda 1994 erinnern. Von »systematischem Morden« erzählen die Menschen, von ganzen Familien, die mit Buschmessern ("Pangas") zerstückelt wurden, von ritualisiertem Kannibalismus und abgeschnittenen Genitalien. »Sie essen die Herzen ihrer Feinde, um sich deren Kraft anzueignen«, sagt der Franzose. Er hat erkennbar Mühe, Worte für diesen Irrsinn zu finden.

Im Lager von Eringeti sind bis Ende vergangener Woche 55 275 Flüchtlinge registriert worden. Michelle Brown von der Hilfsorganisation Merlin schätzt die Gesamtzahl in der Region auf 130 000. Der Helfer Eugène Kasongo von World Vision, seit Jahren in der Gegend aktiv, glaubt: »Die Menschen sind nur vorübergehend in Sicherheit. Das hier ist erst der Anfang.«

Der Familienvater Jean-Pierre Lubondo zum Beispiel ist zweimal auf der Flucht von Hema-Milizen überfallen worden. In einem Dorf, 15 Kilometer von Bunia entfernt, hat er ein Massaker überlebt. Er sah die zerstückelten Leichen seiner Nachbarn. Jetzt versucht er, sich und seine Familie im Lager zu ernähren und nebenbei noch zwei Kinder, die ihre Eltern verloren haben und im Wald herumirrten. »Die Hema haben gesagt, dass sie uns alle töten wollen. Niemand geht so schnell zurück.«

Doch schon bald könnte Lubondo in den mörderischen Strudel zurückgeworfen werden. Schon werden aus Butembo Kämpfe gemeldet. Das ist nur 40 Kilometer entfernt. Sollten die ruandischen Soldaten und ihre kongolesischen Verbündeten Beni einnehmen, dann würden die Flüchtlingsmassen wieder nach Norden getrieben, direkt vor die Kalaschnikows der Killer von Ituri.

Derartige Sorgen scheinen den Sonderbeauftragten der Europäischen Union für das Gebiet der zentralafrikanischen Großen Seen, den Italiener Aldo Ajello, noch nicht umzutreiben. Er landet zur Stippvisite auf dem Flughafen von Bunia, lässt sich von den Kanonen des 3. französischen Marineinfanterie-Regiments beschützen und droht den kongolesischen Milizionären mit einem internationalen Kriegsverbrechertribunal.

Wie die demnächst 1400 Mann starke EU-Friedenstruppe das Morden beenden kann, wenn sie nur die Straßen und den Flughafen Bunias sichert, will er nicht verraten.

Lieber erzählt Ajello, wie stolz er darauf sei, dass »dieser Einsatz unter der Flagge der Europäischen Union« zu Stande gekommen ist. Europa unterstütze mit dem ersten militärischen Auftritt auf einem anderen Kontinent jetzt einen Friedensprozess, an dem sich auch die Nachbarländer und Kriegstreiber Uganda und Ruanda beteiligen wollten.

Viel mehr ist auch dem einsilbigen Kommandeur der internationalen Eingreiftruppe, General Jean-Paul Thonier, nicht zu entlocken. Sicher sei lediglich, dass man Bunia nicht verlassen werde und nicht daran denke, die Milizen zu entwaffnen. Außerdem sei die Truppe erst in einigen Wochen vollzählig, und in drei Monaten laufe das Mandat schon wieder aus. Blauhelme aus Bangladesch, so ist es geplant, sollen dann die kongolesischen Bürgerkriegsregionen befrieden.

Trübe Aussichten sind das trotz des martialischen Auftriebs auf dem Flughafen von Bunia, über den ostentativ »Mirage«-Kampfflieger donnern. »Die Hema sind dabei, die Lendu auszulöschen, und nichts wird dagegen unternommen«, sagt Rüdiger Sterz von der Deutschen Welthungerhilfe. Sollten die Lendu nämlich erneut Versuche unternehmen, die Stadt wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen, würden die Franzosen wohl im Zweifelsfall die Hema-Milizen des Führers Thomas Lubanga unterstützen müssen und so einen schrecklichen Status quo aufrechterhalten.

80 Zivilisten sollen an diesem Tag massakriert worden sein in einem Dorf nur 20 Kilometer von Bunia entfernt. Zur gleichen Zeit haben die Franzosen ihre Unterkünfte errichtet und sind in der Stadt Streife gefahren. Einen Auftrag, gegen das Morden einzuschreiten, hatten sie nicht. THILO THIELKE

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