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FREIZEIT Wind in der Hand

Schon eine halbe Million Deutsche suchen auf kippeligen Kunststoffbrettern »kribbeliges Hochgefühl«. Naturschützer aber attackieren Surfer als »segelnde Vogelscheuchen«.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Am Strandsaum von Scharbeutz an der Lübecker Bucht läßt Elke, die Surfinstruktorin, ihre Schüler -- darunter ein Anwaltsehepaar, eine ältere ledige MTA und ein Konditormeister -- die seitlich ausgestreckten Arme mehrmals langsam heben und wieder senken: »Das macht ihr, wenn ihr mal Hilfe braucht.«

Die rhythmischen Armbewegungen sind keine Lockerungsübung, sondern ein auf Seeschiffahrtsstraßen übliches Notsignal. Auch die zweite Lektion des Lehrgangs soll vor allem der Bewältigung möglicher Gefahrensituationen dienen:

Bäuchlings auf einem im Sand verankerten Surfgerät, dem Simulator, liegend und mit den Händen im Leeren paddelnd, wird gelernt, ein Segelbrett mit bloßer Leibeskraft wieder an Land zu manövrieren.

Die nun folgende erste Stehübung auf einem zu Wasser gelassenen Board endet, meist sofort, mit dem ersten ungewollten Abgang von der kippeligen Kunststoffplanke -- Beginn einer Serie von insgesamt 50 Stürzen, die Surfingschul-Unternehmer Klaus Gahmig bis zum Ende eines Grundkurses von zehn Doppelstunden pro Mann als Durchschnittswert ansetzt.

Danach freilich und nach reichlich blauen Flecken an Schienbein, Ellenbogen oder in der Hüftknochengegend, garantiert der Lehrmeister, habe der Kunde genügend Standvermögen und Geschick gewonnen, ein Segelbrett zumindest »bei zwei Windstärken auch an den Punkt zu kriegen, an den er es haben will«. Tröstlich für den Anfänger: Der Anteil derjenigen, die schon vorzeitig aufgeben und so der jüngsten Sparte der Freizeit-Schiffahrt wohl für immer verlorengehen, beträgt gerade »eins von 100«.

Über Zulauf brauchen sich Institute wie das von Gahmig -- eine Bretterbude im Scharbeutzer Strandhafer mit einer Bambusstange davor, auf der die Long-John genannten Surfer-Anzüge aus Neopren trocknen -- nicht zu sorgen: Der Trend aufs Kunststoffbrett hält an, und zwar, wie es Volker Thieler, Münchner Anwalt und Präsident des gerade gegründeten Deutschen Segelsurfverbandes, sieht, mit »geradezu astronomischen Zuwachsraten«.

Nach Schätzungen des Verbandes der Deutschen Windsurfing Schulen S.48 (VDWS) beispielsweise werden in dieser Saison an 245 angeschlossenen Unternehmen zwischen Fehmarnbelt und Bodensee etwa 70 000 Brettsegler-Lehrlinge die Prüfung für einen »Windsurfing Grundschein« ablegen, mit der ein Kurs an den Verbandsschulen gewöhnlich endet -- rund 10 000 mehr als noch im letzten Jahr.

Mit VDWS-Papier oder dem höherwertigen »Segelsurfschein« des Deutschen Segler-Verbandes (DSV), auf den sich Board Sailors an noch einmal fast 100 DSV-anerkannten Schulen vorbereiten können, werden in diesem Jahr schätzungsweise eine halbe Million Deutsche auf dem eigenen oder einem Leih-Brett zumindest gelegentlich zu Wasser gehen -- allein seit 1979 verdoppelte sich ihre Zahl.

Auf weitere Expansion setzen auch Hersteller und Handel, die bis einschließlich 1980 in der Bundesrepublik rund 250 000 Segelbretter absetzten. Branchenführer Fred Ostermann im saarländischen Altforweiler, dessen Produkt »Windglider« den Zuschlag als siebente olympische Segelklasse für die Sommerspiele 1984 erhielt, rechnet für dieses Jahr mit einer Steigerungsrate von 20 Prozent.

Die Firma Sailboard in Neckarsulm will 1981 rund 15 000 Geräte verkaufen (12 500 im Jahr 1980). Vertriebsleiter Edmund Bay sieht die Branche nun mit der erfreulichen Tendenz konfrontiert, daß sich Westdeutsche wie vordem einen Zweitwagen jetzt zunehmend »das Zweitbrett« zulegen. Bevorzugt wird ein sogenannter Gleiter, der wegen relativ hoher Kentersicherheit als besonders familienfreundlich gilt, zum Beispiel ein »Funboard«, auf dem Surfer, entsprechenden Wind und höhere Weihen der Brettlkunst vorausgesetzt, meterweit über die Wellen hopsen können.

Knapp ein Jahrzehnt nachdem Pioniere der neuen Freizeit-Fortbewegung erstmals über deutsche Gewässer glitten und gerade 13 Jahre nachdem die Kalifornier Jim Drake und Hoyle Schweitzer das Segelsurfbrett zur Serienreife entwickelten, ist nun vor Brettschiffern kaum noch ein Tümpel sicher.

Schwarmweise fallen sie über die oberbayrischen wie über die holsteinischen Seen her. Sie drängeln sich nach Feierabend auf der nächstgelegenen Baggerkuhle oder, wie im linksrheinischen Braunkohlenrevier, in vollgelaufenen ehemaligen Tagebauen. Und mit festgezurrtem Board sind sie, nach Beobachtungen etwa der schleswig-holsteinischen Autobahnpolizei, »merklich zahlreicher als je zuvor«, auch in dieser Urlaubssaison wieder unterwegs an die Waterkant zu manchmal außergewöhnlichen Abenteuern.

So mußte allein der in List auf Sylt stationierte Rettungskreuzer »Adolph Bermpohl« der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger diesen Sommer schon rund vierzigmal auslaufen, um Segelsurfer aus Seenot zu bergen. Revierunkundig und meerunerfahren zumeist, waren sie in die Tiefs genannten Wattenmeer-Rinnen geraten und drohten mit dem starken Strom weit ins Watt oder auf die offene See zu treiben.

Nördlich davon, an der Westküste Jütlands, wird bereits ein Surfverbot erwogen, weil sich nach Beobachtungen der dänischen Polizei insbesondere deutsche Touristen immer wieder ohne jeden Sinn für die Tücken der See mit ihren Brettern aufs offene Meer begeben.

Während den deutschen Rettungsmännern angesichts solchen Leichtsinns schon mal die »Galle überläuft« und sie am liebsten »einen Teil dieser Leute zum Teufel wünschen« würden, fällt Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Günter Flessner nur das Wort »Seuche« ein, wenn er an die Surfer-Pulks auf Binnenseen denkt.

Wie auch viele ehemalige Kiesgruben sind diese Gewässer zumeist von Uferzonen umgeben, in denen Haubentaucher, Graureiher und seltene Entenarten nisten. Oft grenzen die Gestade an naturgeschützte Regionen und sogenannte Feuchtgebiete, die wegen ihrer Artenvielfalt ökologisch wichtig sind.

Dabei muß es nicht einmal geschehen, daß Windsurfer ins Röhricht rauschen oder verbotenerweise mitten im Naturschutzgebiet kreuzen, wie es nach Beobachtungen von Gert Ziegler, Sachverständiger für Naturschutz im westfälischen Kreis Minden-Lübbecke, zum Beispiel immer mal wieder auf vier früheren Kiesgruben im Feuchtgebiet Häverner Marsch an der Mittelweser geschieht. Aufgrund von »Störungen, an denen Surfer vermutlich die größte Schuld haben, gab es dort 1981 keine erfolgreiche Brut von Graugans, Brandgans, Austernfischer und Haubentaucher« -- allesamt Vögel, die dort auf der »Roten Liste« der gefährdeten Arten aufgeführt sind.

Auch auf offener Seefläche können die »segelnden Vogelscheuchen«, so Georg M. Fruck, Naturschutz-Kreisbeauftragter in Winsen bei Hamburg, reichlich Schaden anrichten. Ein im Uferschilf brütender Haubentaucher kann unter Umständen schon durch eine 150 Meter entfernte Störquelle veranlaßt werden, sein Gehege zu verlassen.

Ein zusätzliches »Problem« sieht Hartmut Heckenroth, Leiter der staatlichen Vogelschutzwarte Niedersachsen, darin, daß »Surfer jetzt auch verstärkt in der kalten Jahreszeit auftreten«, dann nämlich, wenn Wintergastvögel, südwärts ziehende nordische Gänse und Säger, deutsche Seen als Rast- und Futterplätze nutzen. Bei Störungen am »angestammten Ruheplatz« könne so eine »ganze Population geschwächt« werden.

Kaum eine Jahreszeit oder Wetterlage, Eisgang mal ausgenommen, in der es die Segelsurfer nicht auf ihre Bretter brächte. In isolierendes Neopren vermummt, segeln sie noch, wenn andere Freizeit-Skipper längst das Absegeln begossen haben.

Die ersten Einsätze von Seenothelfern und Wasserschutzpolizisten in diesem Jahr galten denn auch sechs Sailboard-Fahrern, die aus der Ostsee gefischt werden mußten, weil sie sich bei einem Neujahrsausflug auf die Kieler S.49 Förde beziehungsweise in die Lübecker Bucht übernommen hatten.

Kein Jahrgang offenbar auch, der für den Balance-Akt auf dem Wasser, dessen Schwierigkeitsgrad Surflehrer Gahmig »zwischen Radfahren und Skifahren« ansiedelt, zu alt oder zu jung wäre. Etliche Schulen propagieren bereits Kurse für »Kindersurfen«. Der Hamburger Diplomingenieur Hans-Georg Funke wiederum war 62, als er zum erstenmal ein Segelbrett bestieg. Obenauf genießt er es nun, »mit dem Wind zu spielen, den Wind in der Hand zu haben«.

Und gelegentlich endet eine solche Spielerei auch schon mal abrupt: Einen 70jährigen Arzt ereilte vor Timmendorf an der Lübecker Bucht Ende Juli auf dem Surfbrett der Herztod.

Allein der Umstand, daß Windsurfing weit weniger aufwendig und teuer ist als fast jede andere Form der Freizeitschipperei (Preis des Geräts: um 2000 Mark; Liegeplatzprobleme löst das Autodach), erklärt den Bretter-Boom nicht.

Für den hannoverschen Angestellten Kai Schmidt, der früher Jollen segelte, ist Windsurfing »Segeln schlechthin«, und auch ihn »fasziniert« das »Gefühl der Überlegenheit, das kribbelige Hochgefühl, mit dem Wind machen zu können, was ich will, wenn ich auf dem Brett am Gabelbaum hänge«.

Nach den Vorstellungen des Surfer-Präsidenten Thieler wird sich der vielseitige Freizeitspaß über kurz oder lang »zu einer Millionenbewegung wie das Skifahren« entwickeln. Doch zumindest in heimatlichen Gewässern wird der Freiraum für die Segelbrettfahrer zusehends knapp.

Schon berief der Segelsurfverband einen »Arbeitskreis Surfjuristen«, der das »Hauptproblem Revierverbote« angehen soll. Vorwiegend aus ökologischen Gründen ist etwa auf vielen bayrischen Seen ein hundert Meter breiter Streifen vor den Ufern für Surfer und andere Bootsfahrer tabu.

Weil Surfer mit gefährdetem Getier auf Kollisionskurs geraten waren, aber auch weil Angler und Anhänger geruhsamerer Wassersportarten sich von den Geschwadern flinker Brettsegler überfahren fühlten oder Kurverwaltungen sich um das Wohl ihrer Badegäste sorgten, wurden Segelsurfer von einigen Binnengewässern schon ganz vertrieben, auf etlichen wurden sie in markierte Reservate verbannt.

Am Segeberger See etwa, wo gleichzeitig nur noch 30 Bretter auf dem Wasser sein dürfen, werden kontingentierte Zulassungen ausgegeben. Auch am Ostseestrand ließen Gemeinden schon Verbotsschilder aufstellen.

Weitere Beschränkungen werden mit Sicherheit folgen: Auf landeseigenen schleswig-holsteinischen Seen zum Beispiel will Flessners Ministerium »nächstes Jahr ordnend eingreifen«.

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