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UMWELT Wind von gestern

100 000 Tonnen Pestizide lagerten in hessischem Erdreich und verseuchten die Kuhmilch -- fur das Umwelt-Ministerium jahrelang kein Grund, gegen das Gift anzugehen.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Fast täglich warb der Minister für ein agrarisches Landprodukt hessische Milch, so ließ Willi Görlach, zuständig für Landwirtschaft und Umwelt, von Amts wegen verbreiten, »macht munter«, »weckt Talente«, »ist o. k.« und überhaupt sehr »wertvoll«. Sogar Viren, so des Ministers Spruch, »mögen keine Milch«.

Womöglich hat sie denen nicht sonderlich gut geschmeckt. Zumindest die Milch von Kühen, die auf südhessischen Weiden grasen, enthält seit Jahren einen speziellen Wirkstoff -- das Insektengift Hexachlorcyclohexan (HCH), ein Pestizid aus der berüchtigten Gruppe der chlorierten Kohlenwasserstoffe.

Das Zeug gilt als hochgefährlich. Es reichert sich im Körperfett an und steht im triftigen Verdacht, in zu hoher Konzentration bei Mensch und Tier als schleichendes Gift Leber und Nervensystem zu schädigen, Krebs hervorzurufen und Mißbildungen bei Ungeborenen. Deshalb ist der Schadstoff in Schweden ganz verboten; in der Bundesrepublik ist der Hexa-Gebrauch durch Höchstmengen-Verordnungen scharf eingeschränkt.

In der südhessischen Milch aber wurde die höchstzulässige Dosis jahrelang bis zum 32fachen überschritten. Diese Erkenntnis stammt aus den Laboren der Landwirtschaftlichen Untersuchungsanstalt Darmstadt, einer nachgeordneten Behörde des Görlach-Ministeriums. Seine Lebensmittelchemiker hatten schon im Sommer 1976 bei Routinestichproben erstmals unzulässig hohe Giftmengen in dem vielgerühmten Naturprodukt entdeckt. Doch der Verkauf der verseuchten Milch lief weiter -- bis vor wenigen Tagen.

Der Minister will von dem brisanten Befund erst jetzt, am Ende eines zweieinhalbjährigen Dienstweges, erfahren haben. Immerhin dann hat es bei ihm »eine mittlere Explosion« ausgelöst.

Daß Giftgefahr bestand, wußten die Verantwortlichen indessen längst, bevor die Chemiker den Unrat in der Milch gefunden hatten. Denn bereits 1974 war vom SPIEGEL berichtet worden, daß am Rheinbogen bei Gernsheim im Werksgelände des Pharma-Unternehmens E. Merck AG 90 000 Tonnen Hexachlorcyclohexan vergraben sind, Abfälle früherer, inzwischen eingestellter Produktionen; weitere 10000 Tonnen auf dem Betriebsgrundstück der Firma in Darmstadt -- riesige Flöze bis zu sechs Meter mächtig, »ganz schöne Briketts«, wie damals schon Professor Herbert Buß staunte, seinerzeit wie heute Präsident der Landesanstalt für Umwelt.

Im Umkreis eben dieser Giftflöze leben die unglücklichen Kühe mit der zweifelsfrei vom Merck-Pulver verdorbenen Milch.

Hilflos erörtern jetzt die Akteure, wie die »Auffüll-Materialien« (Merck) verbreitet wurden, ob bei gelegentlichen Grabungen auf dem Werksgelände durch »Herbststürme in die Luft gewirbelt« (so ein Merck-Mann) und verweht, ob durch »Ausgasung« (Görlach) oder durch Verunreinigung des Wassers. Bislang hält sich die Umweltbürokratie an den am wenigsten greifbaren Verdächtigen, an den Wind von gestern. Die andere Alternative, daß die Chemikalien durch eine unsachgemäße Lagerung in die Luft oder ins Wasser kamen, halte er, so teilte Umwelt-Präsident Buß seinem Minister mit, »für nicht möglich«.

Der gelernte Chemiker Buß war allerdings schon früher nicht immer ganz mit dem neuesten Stand der Wissenschaft vertraut. Obwohl vor mehr als vier Jahren, als die riesigen Giftlager am Rhein publik wurden, wissenschaftliche Arbeiten des renommierten Münchner Universitätsinstituts für Wasserchemie vorlagen, wonach Hexachlorcyclohexan in Luft und Wasser eindringt, behauptete Buss strikt das. Gegenteil: »Ich kann mitteilen, hier passiert nichts. Die Dinge bleiben liegen, weil keine Gefahr ist.«

Das indessen war, wie einer der Münchner Forscher befindet, »der Stand der Wissenschaft vor fünfzig Jahren«. Zehnjährige Beobachtungen und Messungen der Spezialisten zwischen Westerland auf Sylt und Schauinsland im Schwarzwald hatten ergeben, daß »chlorierte Insektizide schon bei den üblichen Außentemperaturen mit Wasser verdampfen und auf diesem Weg in die Atmosphäre gelangen« -- so eine Untersuchung der »Kommission zur Erforschung der Luftverunreinigung« unter Leitung des international renommierten Chemikers Professor Karl-Ernst Quentin.

Was zudem an der Uferböschung am Gernsheimer Rheinknie eingegraben liegt, ist nach Erkenntnis der Experten in München der »wasserlöslichste aller chlorierten Kohlenwasserstoffe«, mit dem »nur mit äußerster Vorsicht in Wassereinzugsgebieten umgegangen werden darf«.

Doch noch letzte Woche ließ Umweltminister Görlach verbreiten, seine Fachleute sähen »keine Gefährdung, da HCH nur sehr gering wasserlöslich ist, also praktisch nicht in Grundwasser gelangen kann«. So ähnlich hatte sich auch schon die Firma Merck eingelassen, der Verursacher: »wasserunlöslich und hart wie Mörtel«.

Daß seine naturwissenschaftlichen Fachberater vielleicht nicht zu den sachverständigsten zählen, diese Idee ist dem Minister bisher nicht gekommen. Immerhin, in seiner Verwaltung erkannte er »Schlamperei« und »Schlendrian« und fand dafür auch einen Schuldigen. Er ließ seinen Referenten für Biozide, Ministerialrat Erich Schröder, strafversetzen; er selber, so wurde vom Ministerium verbreitet, sei »draußen vor, weil er so spät informiert wurde«.

Freudig verantwortet der Minister freilich, wie die verseuchte Milch jetzt zum finanziellen Wohl der Erzeuger aufgearbeitet wird. Nach Görlachs Anordnung wird den Bauern der Seuchen-Trank weiterhin abgekauft und zu Trockenmilch verdampft, die aus gesundheitspolitischen Gründen nicht in den Handel kommen soll.

Jedoch: Das Milchgift, die Chlor-Kohlenwasserstoffe, ist nach den Untersuchungen der von Professor Quentin geleiteten Kommission für Pflanzenschutz »wasserdampfflüchtig«. Sie werden bei der Herstellung von Trockenmilch entweichen -- in die Umwelt. Perfektes Recycling.

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