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Bundeswehr Windiger Dienst

Lösen Radarstrahlen Krebs aus? Die Familie eines Soldaten streitet seit über zehn Jahren mit der Hardthöhe.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Der Soldat Herbert Grafberger diente dem Vaterland treu, wenn auch unter abenteuerlichen Bedingungen. In den Aufbaujahren der Bundeswehr tat er Dienst in provisorischen Luftraumüberwachungsstellungen in Bayern: Sein Arbeitsplatz war ein altes Zelt, das noch die amerikanischen Besatzer errichtet hatten.

Nur wenige Meter von dem Soldaten entfernt rotierte die Antenne des Rundsuch-Radars. Nebenan nickten die Antennen der Höhenmeßgeräte.

Von der Zeltwand ungebremst pulsten gefährliche Hochfrequenz-Strahlen auf die vom Schichtdienst gestreßte Mannschaft an den Bildschirmen. Sechs Jahre lang ging das so. Niemand kümmerte sich um die Folgen.

Erst viel später, Mitte der siebziger Jahre, machten die Ärzte eine alarmierende Entdeckung: Der Radar-Soldat Grafberger litt unter Morbus Hodgkin, einem Krebs der Lymphknoten.

Truppenärzte, welche die extremen Verhältnisse ("nicht strahlengeschützte Alt-Anlagen") kannten, billigten dem Offizier eine »Wehrdienstbeschädigung« zu. Er sollte deshalb Versorgungsleistungen erhalten - gemäß einer Regelung im Soldatenversorgungsgesetz, wonach der Bund unter bestimmten Umständen zahlen kann - wenngleich nicht zahlen muß.

Die zivile Wehrverwaltung indes lehnte die Anträge immer wieder ab. Herbert Grafberger starb 1982, als er 44 Jahre alt war. Seither ringen seine Witwe Hilde, die als Lebensmittelverkäuferin arbeitet, und Sohn Georg, 32, ein Physiklehrer, mit der Wehr-Bürokratie. »Was der Papa ang'fangt hat«, sagt Hilde Grafberger, 57, bayerisch trotzig, »wollen wir auch zu Ende bringen.«

Mehr als zehn Jahre währten die Prozesse um die Jugendsünden der Bundeswehr - dann gab es im September 1993 immerhin eine kleine Chance: Die Wehrverwaltung, so ein Vergleich vor dem Münchner Landessozialgericht, müsse den Fall neu bewerten - sofern die Grafbergers innerhalb von drei Jahren »neue Beweismittel vorlegen«.

Doch gerade daran hängt es. Welche Folgen der abenteuerlich leichtfertige Umgang mit Radarstrahlen in den fünfziger Jahren hatte, ist heute medizinisch kaum noch aufzuklären. Bislang erkennt die Militär-Bürokratie nur Gesundheitsschäden an, die durch »thermische« Wirkung der Radar-Mikrowellen entstanden sind: Menschliches Gewebe kann von den Strahlen ähnlich verändert werden wie Fleisch im Mikrowellen-Gerät. Doch thermische Beeinträchtigungen waren bei Grafberger nicht nachweisbar.

Daß Radar auch andere Schäden auslösen kann, so die Bundeswehr, sei unbewiesen. Die Hardthöhe beruft sich auf Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation. Professoren wie Günter Käs von der Münchner Bundeswehr-Universität, die vor Risiken durch »nicht-thermische« Effekte der Strahlen warnen, werden als »Exoten« hingestellt.

Eigene Forschung hat die Bundeswehr offenbar nicht betrieben. »Wenn doch, dann hält sie die Ergebnisse unter Verschluß«, argwöhnt Grafberger-Anwalt Rainer Apel.

Die Recherchen des Grafberger-Sohns Georg ergaben etliche Indizien für »nichtthermische« Gesundheitsstörungen, etwa den Verdacht auf Hodgkin-Fälle nahe Radaranlagen in den USA. Grafberger junior entdeckte eine polnische Studie, die ein vermehrtes Auftreten von Lymphknoten- und Leukämie-Erkrankungen bei Radar-Truppen ausmacht - und das, obwohl im Warschauer Pakt um den Faktor 1000 strengere Grenzwerte galten als bei der Nato.

Viele Kilogramm Akten hat Grafberger zusammengetragen. In Norddeutschland fand er einen ehemaligen Radar-Mechaniker, der eine lange Liste von »Betroffenen« zusammenstellte, die diverse Erkrankungen auf den Einsatz an Radar-Anlagen zurückführen - vom Kopfschmerz bis zum Hodenkrebs.

Bei der Bundeswehr, sagt Anwalt Apel, »rennen die Betroffenen vor die Wand«. Die spricht tatsächlich immer nur von »Einzelfällen«.

Das Verteidigungsministerium behauptet, niemand im Hause habe einen genauen Überblick über die Zahl der bei Gerichten anhängigen Prozesse mit mutmaßlichen Strahlenopfern. Statistiken über »Arbeitsbedingungen von Soldaten, die Strahlung ausgesetzt waren, und deren Krankheitssymptome« gebe es nicht - »auch aus Gründen des Datenschutzes«.

Zwar leisten sich die Streitkräfte ein »Institut für Wehrmedizinalstatistik«. Das registriert indes, kaum zu glauben, nur die »Gesamthäufigkeit bestimmter Erkrankungen in der Bundeswehr«, nicht aber »das Umfeld insbesondere des Arbeitsplatzes«.

Der Versuch, herauszufinden, wie hoch die Strahlenbelastung Grafbergers und seiner Kameraden in den fünfziger Jahren tatsächlich war, scheiterte: Die Radargeräte sind längst Schrott; die Militärs finden keine aussagekräftigen Unterlagen über technische Details.

Allerdings hatte der Stab der damaligen 2. Luftwaffendivision 1981 offen mitgeteilt, daß die »zulässige Strahlungsgefährdung mit Sicherheit überschritten wurde«. Denn »erst bei späteren Untersuchungen wurde festgestellt, welche Strahlungsgefährdungen in den Luftverteidigungsstellungen vorlagen«.

Dem Vorwurf, die Bundeswehr habe womöglich der Fürsorgepflicht nicht genügt und die Soldaten bei ihrem windigen Dienst im Zelt vor Strahlenrisiken unzureichend geschützt, hält das Ministerium eine erstaunliche Logik entgegen: Schon 1958 sei eine Zentrale Dienstvorschrift zur »Verhütung von Unfällen bei Arbeiten an Radargeräten« erlassen worden. Weil Vorschriften generell »strikt« angewendet würden, sei die Einhaltung der Grenzwerte somit »sichergestellt«.

Die Wehrverwaltung messerscharf: »Deshalb gibt es in der Bundeswehr keine Arbeitsplätze, an denen Bundeswehrangehörige einer unzulässigen Strahlung ausgesetzt sind.«

Ob das früher auch so war, ist fraglich. Doch statt bei der Aufklärung des Falles zu helfen, verschanzen sich Grafbergers einstige Dienstherren hinter Formalien: In der Berufskrankheiten-Verordnung der Berufsgenossenschaften sei eine »Erkrankung durch Hochfrequenzstrahlung nicht aufgeführt«; auch in den »Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht« werde Radarstrahlung nicht als Ursache für (Grafbergers tödlichen) Morbus Hodgkin genannt. Das sei nun mal die »Rechtslage«.

Die »Anhaltspunkte« stammen vom Bundesarbeitsministerium. Dort, immerhin, fand Georg Grafberger jetzt Beistand. Die Richtlinie umfasse hauptsächlich »Schädigungstatbestände, die häufiger vorkommen«, konstatiert das Arbeitsministerium im Unterschied zu den Juristen im Wehrressort. Bloß weil Gesundheitsstörungen nicht ausdrücklich genannt würden, seien die »nicht generell von einer Versorgung ausgeschlossen«.

Für den Radar-Experten Käs ist der Fall eindeutig: Der Sohn habe mit seinen Vorwürfen recht. Eine andere Frage allerdings sei es, so der Bundeswehr-Professor zu Grafberger, »ob Sie recht bekommen«.

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