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UNGARN / CSSR-BESATZER Wink von oben

aus DER SPIEGEL 45/1968

Magyarische Hilfstruppen, die in der Nacht zum 21. August gegen die CSSR marschierten, stießen auf Magyaren. Denn jenseits der Grenze siedelt eine Minderheit von 650 000 Ungarn.

Eine Panzerdivision aus dem Raum Balassagyarmat verteilte sich fächerförmig in Richtung Kaschau. Eine zweite Division setzte mit Sturmbooten über die Donau und rollte bei Komorn über eine Brücke, die tschechoslowakische Interventions-Panzer vor zwölf Jahren in umgekehrter Richtung benutzt hatten -- um den Russen gegen die Ungarn zu helfen.

Nun intervenierten die Opfer von 1956. Den Befehl führte General Mikes, der damals als Korpskommandant in Stuhlweißenburg die Revolution seiner Mitbürger niedergeschlagen hatte.

Konterrevolutionär Mikes marschierte an der Spitze parteitreuer Eliteverbände, darunter einer »Garde« aus dem 37. motorisierten »Revolutionären Schützenregiment«, in die Ost- und Südslowakei ein und besetzte Gebiete, die (zwischen 1938 und 1944) dem Ungar-Staat angegliedert waren.

Seine Soldaten erfüllten laut Sprachregelung ihrer Polit-Instrukteure eine »internationale Pflicht«, aber intervenierten auch im Nationalinteresse -- »zum Schutz der ungarischen Minderheit«. Denn die Ungarn in der Slowakei hatten gegen Benachteiligung durch die Slowaken aufbegehrt.

Doch die CSSR-Ungarn wollten sich jetzt nicht von Okkupations-Ungarn schützen lassen. Sie zeigten keine ungarischen Fahnen, sondern flaggten die der CSSR mit Trauerflor.

»Alle Unstimmigkeiten sind begraben«, meldete die Prager Parteizeitung »Rudé právo«, »und Tausende von Ungarn, die in der Süd-Slowakei leben, hören nicht mehr auf Radio Budapest, das wenig objektive Nachrichten gebracht hat, sie hören jetzt dem slowakischen Rundfunk zu.« Ungarns Parteiorgan »Népszabadság« aber beklagte sich über mangelnde Zusammenarbeit der Besetzten mit den Besatzern gleicher Sprache. Die Budapester vermuteten »einen Wink von oben«.

In der Tat winkte Untergrund-»Radio Freie Tschechoslowakei« auf ungarisch: »Im Ersten Weltkrieg kämpften die Ungarn auf seiten der Habsburger und verloren. Im Zweiten Weltkrieg traten sie auf Hitlers Seite und verloren am Don ihre ganze Armee. Und nun sind sie gegen uns marschiert ...«

Jetzt zogen die ungarischen Truppen aus der Slowakei wieder ab. Sie werden in der Heimat gebraucht: Arbeiter in Györ und Miskolc, Bergleute aus Salgótarjan, Pecs und den transdanubischen Uranfeldern veranstalteten Kundgebungen gegen die ungarische Intervention in der Tschechoslowakei.

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