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STALIN-KULT Wir alle machten Fehler

aus DER SPIEGEL 13/1956

In großen Kongreßsaal des Ministeriums der Finanzen der Sowjetzone, der mit rotem Samt feierlich ausgeschlagen ist - es ist das Gebäude der ehemaligen Reichsbank - saßen am vorletzten Wochenende einige hundert nervös tuschelnde SED -Genossen, die sich zur Delegiertenkonferenz des Bezirks Groß-Berlin der SED versammelt hatten. Zwischen den nervösen Funktionären spielte ein 40jähriger kleiner korpulenter Mann entspannt und still zufrieden mit seiner Sitzungsmappe: Hermann Axen, 2. Sekretär der Berliner SED -Organisation.

Nur wenige der Konferenz-Teilnehmer wußten, daß Axen, abgehalfterter Agitationschef des SED-Zentralkomitees, durch einen glücklichen Umstand um die schwierigste Rede seines Parteilebens herumgekommen war: Walter Ulbricht, 1. Sekretär des SED-Zentralkomitees, hatte sich überraschend entschlossen, selbst jene »Fragen« zu beantworten, die tags zuvor auf der Groß-Berliner Delegierten-Konferenz aufgeworfen und ihm zugetragen worden waren.

Ulbricht war mit einer Erkältung vom 20. Parteitag der Sowjet-Kommunisten aus Moskau zurückgekehrt. Er hatte vom Krankenbett aus unmittelbar nach seiner Ankunft einen Bericht für das SED -Zentralorgan »Neues Deutschland« diktiert. Darin spricht er als erster und bisher einziger aller Ostblock-Satelliten dem Josef Stalin den Rang eines »Klassikers« des Marxismus-Leninismus ab, beläßt ihm jedoch noch erhebliche Verdienste um den Aufbau der Sowjetmacht und den militärischen Sieg über Deutschland.

Als bald darauf einiges über die zunächst geheimgehaltene Anti-Stalin-Rede Chruschtschews bekannt wurde, glaubte Ulbricht, nicht zurückstehen zu dürfen. Er konzipierte eine neue, schärfere Erklärung, die eine Woche nach der Delegierten-Konferenz der Berliner SED auf der »3. Parteikonferenz« der SED der gesamten Sowjetzone veröffentlicht werden sollte, die am Sonnabend letzter Woche in Ostberlin begann.

Dieser Fahrplan war jedoch nicht einzuhalten. Denn in Ulbrichts eigenem Parteiapparat taten sich unversehens Risse auf. Die jüngeren Parteijahrgänge vermochten die ihnen eingepaukten Treuebegriffe nicht einfach über Bord zu werfen. »Wir haben von Stalin als Jugendliche gelernt und seine Werke gelesen. Jetzt kommt eine solche Kritik an seiner Arbeit. Wie ist das zu verstehen?« So wurde vor einem Berliner Jugendforum der FDJ gefragt.

Nach Prügeleien bei Diskussionsvorbereitungen für die Parteikonferenz im Ostberliner Bezirk Lichtenberg und anderen Hiobsbotschaften über unerwartete Stalin -Treue der Junggenossen faßte eine Vorkonferenz der Berliner Parteileitung den Entschluß, den Ideologie-Spezialisten Axen in der Berliner Bezirks-Delegiertenkonferenz vorzuschicken. Er sollte mit einem Grundsatzreferat die Stimmung abtasten. Das Ergebnis sollte Ulbricht als Handhabe dafür dienen, wie er in der eine Woche später folgenden Hauptkonferenz der Zonen-SED zu taktieren habe.

Allein, schon die Diskussion am ersten Tage der Bezirkskonferenz erwies sich als ungutes Omen für Hermann Axens Testaufgabe. Frisch von der Parteihochschule entlassene und jahrelang im Leninismus -Stalinismus gedrillte Funktionäre, unter ihnen ein 22jähriger Regierungsangestellter im Rang eines Ministerialrats, rollten an Hand eines lückenlosen theoretischen Wissens die ihnen eingetrichterte Form der Parteigeschichte auf, vor allem aber die Geschichte der letzten Jahre seit Stalins Tod.

Ein junger Dozent der SED-Abend -Universität erwies sich als dialektischer Artist, indem er nachwies, die jetzt verlangte Kollektivität der Parteiführung hätte die Sowjet-Union niemals zum Sieg über Hitler führen können.

Ein Kreisinstrukteur der FDJ aus dem Bezirk Weißensee berichtete, jugendliche Betriebsfunktionäre hätten ihn nach einer Versammlung aufgefordert, einen Stalin lästernden Referenten durch die Staatssicherheitsbehörden festnehmen zu lassen. Als er das ablehnte, habe er sich nur mit Mühe tätlichen Angriffen entziehen können.

Ulbricht faßte auf Grund der entsprechenden Berichte seiner zur Berliner Bezirkskonferenz entsandten Beobachter einen Entschluß. Noch am Nachmittag des unruhigen ersten Konferenztages wurde dem Hermann Axen vom Zentralkomitee mitgeteilt, daß statt seiner Ulbricht selbst diese kniffligen Diskussionsreden an Hand seines Konzepts für die noch anstehende Parteikonferenz beantworten würde.

Als Axen in einer Sitzungspause diese Nachricht erhielt, schnaufte er nach der Schilderung dabeistehender Funktionäre kurz auf und sackte dann wie ein Langstreckenläufer am Ziel erleichtert zusammen.

Besonders nachdrücklich zerzauste Ulbricht dann die Legende von »dem genialen Feldherrn, der den Hitler-Faschismus geschlagen hat und in allen strategischen und taktischen Fragen richtig entschied«. Neben dem massiven Vorwurf: »Aber geschichtlich stimmt das nicht. Das hat Genosse Stalin selbst in seine Biographie hineingeschrieben«, hängte er seinem alten Brotherrn auch noch an, er habe die Sowjet-Union nicht genügend auf den voraussehbaren Krieg mit Deutschland vorbereitet.

Von einem Platz aus, hinter dem bis vor wenigen Tagen noch eine überdimensionale Stalin-Büste stand, kanzelte Ulbricht dann die »jungen Genossen« ab, die bestimmte Dogmen und die Biographie des Genossen Stalin besser auswendig gelernt hätten als das ganze Politbüro.

Seine abschließenden Beschwörungsformeln zur Zusammenfassung aller Parteikräfte gegen das »Rüstungszentrum des Kalten Krieges in den Westberliner Sumpfstätten« sowie das Bekenntnis, der vom 20. KPdSU-Parteitag ausgehende Stoß sei für die SED sehr gesund, lösten zunächst lauten Dauerbeifall aus. Dann dauerte es drei Minuten, bis insgesamt 37 Wortmeldungen zur Diskussion eingingen.

Mit Ausnahme von zwei Diskussionsrednern, darunter Hermann Axen, wandten sich alle Sprecher gegen die Zumutung, so kurz vor der Parteikonferenz den seit Monaten auf das Hauptthema »Zweiter Fünfjahresplan« eingepaukten Parteimitgliedern binnen einer Woche noch derartige elementare ideologische Schwenkungen klarzumachen. Durch solche Manöver werde das Bewußtsein der Genossen zur falschen Zeit vom ökonomischen Schwerpunkt der Parteiarbeit abgelenkt.

Ein Sekretär der »Nationalen Front« aus dem Bezirk Prenzlauer Berg fragte den Walter Ulbricht, warum er angesichts seines nun kundgetanen Wissens zumindest alle die Jahre nach Stalins Tod untätig geschwiegen, den Stalinismus gefördert und den Stalin-Kult weiter verlangt habe und jetzt kein Wort der Selbstkritik von sich gebe.

Mit einem müden Lächeln, aber ohne sichtbare Spur von Zorn sagte Ulbricht: »Ich glaube, Genossen, wir haben in den letzten Jahren alle Fehler gemacht.«

Eingeschobener Diskussionsredner Ulbricht

Die jüngeren Parteijahrgänge...

Zurückgezogener Agitator Axen

... wollten nicht von Stalin lassen

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