Zur Ausgabe
Artikel 24 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wir beenden hier den Weltkrieg«

aus DER SPIEGEL 48/1989

Petra Kopecz, 29, hatte genug. »Es wird Zeit«, drängte sie ihren Mann, »daß wir eine Bürgerinitiative gründen.«

Lange schon hatte sich das Paar Sorgen um seine vier Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren gemacht, die oft in einem kleinen Wäldchen spielten, das von der niedersächsischen Garnisonsstadt Munster als Naherholungsgebiet ausgewiesen ist. Dort, nur zwei Kilometer vom Wohnhaus der Kopeczs in Trauen entfernt, liegt Gift im Heideboden.

Nachdem das Fernsehen im Mai berichtet hatte, unter dem Wäldchen, einer ehemaligen Kieselgurgrube ("Dethlinger Teich") lagerten 200 000 Granaten mit den todbringenden Kampfstoffen Phosgen und Lost, gründete Petra Kopecz mit anderen besorgten Eltern die »Bürgerinitiative gegen Rüstungsaltlasten«.

Was die Anrainer des ehemaligen Dethlinger Teiches seitdem über die Hinterlassenschaft des Krieges in ihrer Heimaterde herausgefunden haben, übersteigt, so Petra Kopecz, »unsere schlimmsten Befürchtungen«. Tatsächlich ist das Gebiet nur ein »besonders drastisches Beispiel einer Rüstungsaltlast«, so die Einschätzung des niedersächsischen Umweltministeriums. Verborgene Giftgräber sind über das ganze Bundesgebiet verteilt.

An mindestens 25 Orten, die auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik liegen, hatte Hitler in den letzten Kriegsjahren Giftgasfabriken errichten lassen. Ihre Hinterlassenschaft ist weit verstreut: Wissenschaftler und Politiker haben bis heute keinen Überblick, wo Tausende Tonnen chemischer Kampfstoffe in den Wirren der Nachkriegszeit geblieben sind. Die Bundesregierung geht davon aus, daß bei Kriegsende mindestens 70 000 Tonnen Kampfstoffe in den Nazi-Arsenalen vorhanden waren.

Milliarden würde die Bergung und Vernichtung der Stoffe kosten. Doch Bund, Länder und die Rechtsnachfolger der damals beteiligten Industriebetriebe schieben sich die Verantwortung zu. Sie verdrängen nachkriegstypisch die Entscheidung, wer für die Entsorgung der Nazi-Altlast aufkommen soll.

Doch viel Zeit bleibt nicht mehr: Aus den verrotteten Kanistern und Granaten tröpfeln tödliche Gifte wie Tabun oder Sarin bereits ins Grundwasser. Und auf hoher See fanden dänische Fischer in ihren Netzen Klumpen von Senfgas, die, durch Salzwasser hart geworden, aus alten Fässern vom Meeresgrund nach oben geschwemmt worden waren.

Welche Bedrohung von solchen Lagerstätten ausgehen kann, zeigt das Beispiel Dethlinger Teich. Dort, im Norden von Munster, hatten bereits zu Kaisers Zeiten bis zu 6000 Menschen in riesigen Hallen und Bunkern Gasmunition aller Kaliber produziert, vor allem die Atmungsgifte Phosgen, Perchlorameisensäure und Chlorpikrin.

Auch Lewisit, Lost und Zählost wurden hergestellt - Gelbkreuzkampfstoffe mit hautschädigender, bisweilen tödlicher Wirkung. Dazu Clark und Adamsit, Gifte, die als sogenannte Maskenbrecher eingesetzt wurden: Sie verstopften die Filter der Gasmasken, die Soldaten rissen sich den Schnorchel vom Kopf und atmeten dann ungeschützt andere Gifte ein.

Was am Ende des Ersten Weltkrieges noch nicht auf den Schlachtfeldern verbraucht war, flog im Oktober 1919, ein Alptraum, bei einer Explosion in die Luft: 42 Gebäude der Chemiefabrik auf dem »Gasplatz Brehloh« wurden damals zerstört, 1000 Tonnen Kampfstoff freigesetzt. Eine Million Kampfstoffgranaten, Zünder und Kartuschen, 230 000 Kampfstoffminen und der Inhalt von 40 Kesselwagen verseuchten die Heide im Umkreis von vielen Kilometern.

An gleicher Stelle begannen 1935 auch die Nazis chemisch aufzurüsten. Beim Truppenübungsplatz Munster legten sie einen Chemiewaffen-Versuchsplatz an, dazu ein Areal für Schieß- und Sprühexperimente der Luftwaffe. In drei Munitionsanlagen produzierten bis zu 6000 Menschen alle damals bekannten chemischen Kampfmittel, auch die gerade erfundenen Nervengifte Tabun und Sarin.

Tausende Tonnen der tödlichen Kampfstoffe, die im Zweiten Weltkrieg nicht zum Einsatz kamen, wurden nach 1945 von den britischen Besatzern gefunden. Doch die gingen mit dem Zeug so nachlässig um, als hätten sie die Überreste einer Party zu entsorgen.

Was die Briten nicht in ihre eigenen Bestände überführten, verbrannten sie an der Luft in eisernen Wannen. Kampfstoffmunition wurde einfach gesprengt, tonnenweise versickerte die lebensgefährliche Chemie im Boden.

Erst 1950 begannen bundesdeutsche Polizisten, die Überreste wenigstens zentral zu sammeln. Kanister, Fässer, Minen, Granaten und Bomben wurden in eine Grube des Kieselgurtagebaus geworfen: den Dethlinger Teich. »Tag und Nacht«, berichteten Zeitzeugen, seien die Lastwagen von der Munitionsanlage zu dem Tümpel gerollt.

Mindestens 200 000 Objekte landeten im Heidewasser, darunter Kampfstoffgranaten, Phosgenbomben und Hunderte von Fässern mit Phosgen und Lost. Was nicht gleich unterging, wurde »durch Gewehrbeschuß zum Versenken gebracht«, weiß Hauptmann Robert Zellermann, der den »Kampfmittelbeseitigungsdienst« der Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Munster leitet.

Weil Anwohner nach Abschluß der Aktion versuchten, wiederverwertbares Metall aus der Brühe zu holen, wurde der Teich schließlich mit Schutt aufgefüllt und dann bepflanzt.

Welche chemischen Prozesse seither unter dem Beton abgelaufen sein mögen, ist unbekannt. Experten vom nahe gelegenen Truppenübungsplatz registrierten bereits »einige unterirdische Explosionen« - welche Gefahr für Menschen und Umwelt von dem Giftgrab ausgeht, ist noch gar nicht abzuschätzen.

An eine Sanierung des Gebietes ist deshalb vorerst nicht zu denken: Noch ist ein probates Mittel zur Entschärfung der Grube nicht entwickelt, und die Kosten für eine solide Entsorgung taxiert die niedersächsische Landesregierung auf 500 Millionen Mark.

Wie viele ähnlich gefährliche Lagerstätten noch entsorgt werden müssen, ist weder Experten noch Politikern bekannt, der Wissensstand über die tödlichen Hinterlassenschaften ist lückenhaft. Ursache dafür ist die vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) Anfang 1945 befohlene Operation »Zunft": Als die Alliierten näher rückten, befahl das OKW, das gesamte Gaskriegszeug verschwinden zu lassen.

So geriet das Gift in das Chaos des Zusammenbruchs. Es wurde in Bunker gesteckt, auf Flußkähnen gelagert, mit der Bahn verschickt, heimlich verbuddelt. Ganze Wagen- und Eisenbahnladungen verschwanden. So notierte einer der verantwortlichen Offiziere: »1 Zug mit Spitzenkampfstoff aus Lübbecke vermißt.« Und ein Generalquartiermeister vermerkte: »Nordenham 4 Züge verladen, davon 1 verschollen.«

Nur wenige Karteien, Transportpläne und Protokolle sind erhalten. Der Münchner Militärforscher Franz Seidler: »Niemand weiß, wo die Kampfstoffbestände der deutschen Wehrmacht hingekommen sind.«

Immerhin existieren Berichte und Unterlagen darüber, wie die Alliierten nach Kriegsende mit dem deutschen Gift verfuhren: Sie kippten es in die Meere.

Geleitzugweise versenkten die Besatzer Tausende von Fässern mit den tödlichen Giften Lost, Tabun, Phosgen und Sarin auf See. Allein auf den Grund des Skagerrak vor der norwegischen Küste wurden 26 Ladungen geschickt, einige komplett mit Schiff. Auch vor Gotland und Bornholm liegen die giftigen Waffen, vor Flensburg und im Kleinen Belt.

Vor Jahren bereits wies der damalige dänische Umweltminister Christian Christensen darauf hin, daß Senfgasklumpen »bis zu 80 Kilometer vom Ort der ursprünglichen Versenkung gefunden« worden seien. Er fürchte den Tag, so Christensen, »an dem die ersten Giftklumpen an die Strände von Bornholm treiben«.

Was an Kriegsgift im Boden oder in Verstecken gefunden wird, landet bei Robert Zellermann in Munster. Dort leitet der Bundeswehroffizier die Vernichtung von Kampfstoffen in der modernsten Delaborierungsanlage Europas. »Wir beenden hier«, so Zellermann, »den Zweiten Weltkrieg.«

Die Kosten sind gewaltig. Durchschnittlich 8500 Mark fallen für die Bergung und Entschärfung einer einzigen Giftgasgranate an. Hinzu kommt die Verbrennung des Giftes bei hoher Temperatur in einem Ofen der Wehrwissenschaftlichen Dienststelle der Bundeswehr, ebenfalls in Munster.

Doch nicht nur die Überreste aus den Kampfstofflaboratorien, auch Chemikalien aus Hitlers gigantischer Munitionsproduktion gefährden noch heute Menschenleben. Ungenutzte Ausgangsstoffe, oft gefährliche Zwischen- und Endprodukte der Sprengstoffindustrie, verseuchen an fast allen ehemaligen Standorten der Fabriken den Boden und das Wasser.

Im Boden der Bundesrepublik sei »im Wortsinne Sprengstoff vergraben«, stellte der Chemiker Michael Braedt von der Uni Göttingen fest. Der Sprecher der bundesweiten »Initiative gegen Rüstungsaltlasten« weiß, daß »große, teilweise noch unbekannte Gefährdungspotentiale« im Boden lagern. Eine »ständige Verseuchung des Grund- und Trinkwassers« sei »nicht nur zu befürchten«, sondern »auch schon nachgewiesen«.

»Kein einziger Standort« der Rüstungsproduktion, kritisiert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sei »bis heute saniert«. 72 Areale ehemaliger Munitionsfabriken ermittelte der BUND quer durch die Republik, zum Beispiel in Sennelager, Schneverdingen, Traunreut und Ingolstadt. Eine vollständige Liste der Gefahrenherde existiert noch immer nicht.

Dazu kommen noch rund 90 Munitionsanstalten, staatliche Rüstungsbetriebe, in denen Kampfmittel und Munition zusammengesetzt und gelagert wurden, und eine nicht genau bekannte Zahl von Anlagen der »Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft«. Sie betrieb riesige unterirdische Tanklager für Treibstoffe und Chemikalien und stellte Ausgangsstoffe für Rüstungsprodukte wie Salpeter- und Schwefelsäure her (siehe Grafik Seite 79).

Akten, die eine präzise Erfassung des Rüstungsmülls ermöglichen würden, sind häufig vernichtet oder lagern in Archiven bei den Alliierten, aber auch in deutschen Verwaltungsregalen. Das Wissen über die Hinterlassenschaft der Waffenproduktion für den Endsieg schien lange verbuddelt und vergessen - wie das explosive Material selbst.

Erste Anstöße zu einer systematischen Analyse gingen 1984 von Wolfram König und Ulrich Schneider aus, damals Ingenieurstudenten an der Gesamthochschule Kassel. Ihre Diplomarbeit befaßte sich mit dem Industriegebiet Hirschhagen südöstlich von Kassel.

Dort hatte die Verwertchemie, ein Tochterunternehmen der Dynamit-Aktien-Gesellschaft, in einem Werk mitten im Wald 1936 mit der Herstellung des Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT) begonnen.

Nach dem Krieg nutzten Industrieunternehmen und Familien die Bunker, auf deren Dächern zur Tarnung gegen Luftangriffe Bäume gepflanzt worden waren, als Produktionsstätten und Wohnhäuser. Sie ahnten nicht, daß ihre »Bunkerlows« auf einem Pulverfaß standen.

Das Wasser, mit dem sie den Rasen sprengten, war verseucht. Erst nachdem 1963 ein Hund den Sturz in ein Betonbecken mit einer übelriechenden Flüssigkeit nicht überlebt hatte, wurden erste amtliche Wasserproben entnommen. Befund: eine für Tiere tödliche Konzentration von Monotritoluolen.

Seitdem gab es Warnungen, das Gift könne ins Trinkwasser gelangen. 1967 wurden erstmals Nitrokörper, eindeutig Substanzen aus der TNT-Produktion, nachgewiesen, sechs Jahre später mußte ein Brunnen stillgelegt werden. Jahrelang hatten Verbraucher ihr Trinkwasser aus verseuchten Quellen bezogen.

Seit 1981 reinigen zwar Aktivkohlefilter das Wasser, doch die Vergiftung breitet sich weiter aus. »Immer mehr Brunnen«, so Ulrich Schneider, der heute im Kasseler Planungsbüro »Boden und Umwelt« forscht, »fördern verseuchtes Trinkwasser.«

Mittlerweile weist schon Wasser in 200 Metern Tiefe Giftspuren auf. Wie die Chemie dorthin gelangt, ist bekannt: Regenwasser spült Rückstände von einer alten Sprengstoff-Abfallhalde und aus undichten Kanälen in die Tiefe.

Die örtliche Initiative »Bürger für giftfreies Trinkwasser« kämpft seit Jahren für eine »umfassende und vernünftige Sanierung« des gesamten Geländes der alten Sprengstoffabrik. Geschätzte Kosten: 100 Millionen Mark.

Angst um das Wasser haben auch 20 000 Bewohner im mittelhessischen Stadtallendorf. Die Kommune wurde lange nach dem Krieg, von 1968 bis 1977, als »Junge Stadt im Grünen« in den Herrenwald bei Allendorf gebaut.

Auf diesem Gelände hatte die Dynamit AG für Hitlers Heer und Luftwaffe Bomben und Granaten produziert. Das Werk war, zusammen mit dem benachbarten Betrieb »Herrenwald« der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff AG (Wasag), die damals größte und modernste Sprengstoffabrik Europas. Bis zu 25 000 Menschen hantierten dort mit gefährlicher Chemie, um Minen, Torpedos, Fliegerbomben und die Fernlenkwaffen V 1 und V 2 mit Sprengstoff zu beladen. In 650 Gebäuden, Hallen und Bunkern, viele unterirdisch, wurden bis 1945 rund 220 000 Tonnen Explosivstoff hergestellt, überwiegend TNT.

Das findet sich auch heute noch im Herrenwald - in enormen Konzentrationen. »Dicke Klumpen« des Sprengstoffs fand eine Arbeitsgruppe des Gießener Regierungspräsidiums an der Erdoberfläche, 250 Gramm TNT pro Kilogramm Erde wurden gemessen. Stellenweise, so der Bericht, seien 25 Prozent des Bodens »mit TNT kontaminiert«.

In Stadtallendorf, berichtet der Marburger Experte Rainer Haas, müsse »ein Chemiker dabeisein, wenn die Post Telefonkabel verlegen will«. Wenn Lösungsmittel auf den Boden tropfen, so Haas, dann »brennt die Erde«.

Haas hält das Gelände für »nicht sanierbar«. Besonders belastet ist die sogenannte Trihalde, 225 Meter lang, 50 Meter breit und mit einem Volumen von 100 000 Kubikmetern so groß wie ein mittlerer Staudamm: die Mülldeponie der Sprengstoffabrik, total verseucht mit TNT-Rückständen.

Was sonst noch drin steckt, weiß niemand genau. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Chemikalien unkontrolliert neu verbunden. Bis zu 100 verschiedene Giftsubstanzen unbekannter Art werden dort vermutet. Besonders erschreckend: Die monströse Halde liegt auf dem Gelände der Stadtallendorfer Wasserwerke, aus denen 250 000 Menschen in Mittelhessen versorgt werden.

Noch ist das Wasser einwandfrei. Doch das kann sich rasch ändern, wenn das Gebiet nicht wenigstens gesichert wird. Die Kosten schätzt Naturwissenschaftler Haas auf »1 bis 10 Milliarden Mark« - eine gigantische Summe.

Weshalb ehemalige Standorte der Rüstungsproduktion ausnahmslos als tickende Umweltbomben angesehen werden müssen, hat der Kasseler Ingenieur Schneider zusammengefaßt: *___Zur Produktion von Sprengstoff werden große Mengen ____Wasser verbraucht, deshalb lagen die Werke oft in ____wasserreichen Gebieten, die auch heute noch als ____Trinkwasserreservoirs genutzt werden. *___Produziert wurde unter Kriegsbedingungen - Umweltschutz ____spielte keine Rolle. Zudem haben Bombenangriffe, aber ____auch hausgemachte Explosionen in den Betrieben oft zur ____Verseuchung des Bodens geführt. *___Die Herstellung des explosiven Materials begann oft, ____bevor Klär- oder Neutralisierungsanlagen fertig waren. ____Die giftigen Abwässer wurden meist ungereinigt in Bäche ____gepumpt, auf den Boden gekippt oder durch spezielle ____Schluckbrunnen in die Tiefe geleitet. *___Festere Abfälle wurden meist ungesichert auf Halden ____beim Werk gelagert. *___Bei der Demontage oder Sprengung der Anlagen nach ____Kriegsende wurden Chemikalien unsachgemäß beseitigt.

Die Vergiftung der Umwelt wurde vielerorts schon während der Munitionsproduktion vor 50 Jahren sichtbar. In Stadtallendorf führte die Einleitung von Abwässern in Bäche und Flüsse zu einem Fischsterben und zur Vergiftung ufernaher Trinkwasserbrunnen auf etwa 50 Kilometer Gewässerstrecke.

Auch im Harz wurde giftiges Abwasser einfach in die Natur gekippt. Das Mittelgebirge, Wasserversorger für große Gebiete in Nordwestdeutschland, war im Krieg eines der Zentren der Sprengstoffproduktion.

In der Bombenfabrik »Tanne« bei Clausthal-Zellerfeld wurden die monatlich bis zu 300 000 Kubikmeter Abwasser zunächst auf dem Werksgelände verschüttet. Das wurde bald aufgegeben, weil die Giftbrühe die natürliche Tarnung der Kriegsfabrik vernichtete: Die Bäume starben ab.

Deshalb wurde eine Pipeline ins nahe gelegene Osterode gebaut. Dort fiel die tiefrote, dampfende Flüssigkeit über Kaskaden zu Tal und wurde in die Harzflüsse Söse und Rhume geleitet. Folge: Fischsterben, dann Badeverbot. Selbst das 80 Kilometer entfernte Wasserwerk in Hannover-Ricklingen mußte stillgelegt werden, nachdem sich die Verbraucher über »cognacfarbenes Wasser« beschwert hatten.

Chemiker Braedt, der in Clausthal-Zellerfeld wohnt, fand beim Studium von Besprechungsprotokollen aus dem Reichsinnenministerium heraus, daß die Nazis zeitweise sogar überlegt hatten, das Wasser vom Werk »Tanne« durch eine Pipeline über 250 Kilometer direkt in die Nordsee zu leiten.

Der Plan wurde fallengelassen. Statt dessen legten die Nazi-Ingenieure nahe bei Osterode Schluckbrunnen an, durch die insgesamt drei Millionen Kubikmeter der giftigen Brühe in die Tiefe gepreßt wurden. Auf diese Weise sei, so Braedt, »ein riesiger unterirdischer Giftsee« entstanden.

Dessen genaue Lage und Ausdehnung ist noch unerforscht. »Jetzt steigen die Giftabfälle nach oben«, meldete die Zeitschrift Öko-Test schon vor drei Jahren. Und Bürgerinitiativen orteten »Sprengstoff im Harzwasser«.

Tatsächlich fand sich 1987 in einer Heilquelle bei Bad Grund einer der Basisstoffe der Sprengstoffproduktion: Dinitrobenzol. Jahrelang, so die Befürchtung der Behörden, hätten Kurgäste beim Verzehr des Mineralwassers »Grafenquelle« Sprengstoffrückstände mitgetrunken. Die Kurverwaltung Bad Grund stoppte im Juli 1987 den Ausschank des Heilwassers.

Im Frühjahr letzten Jahres mußte ein Trinkwasserbrunnen bei Osterode geschlossen werden, weil dort aromatische Amine, Zerfallsprodukte von TNT, entdeckt wurden. Auch sie, vermuten Fachleute, stammen aus dem unterirdischen Giftsee. Sicher ist jedenfalls, daß der * Auf dem Gelände des ehemaligen Sprengstoffwerks Hessisch-Lichtenau. Pfauenteich bei Clausthal-Zellerfeld deswegen nach Marzipan riecht, weil er als Deponie der »Tanne« genutzt worden war. Der süßliche Geruch verweist auf Mononitrotoluol, einen Ausgangsstoff für die TNT-Produktion.

Aus Protest schenkte Bürgerinitiativler Braedt dem niedersächsischen Umweltminister Werner Remmers zu Weihnachten ein Marzipanschwein und ein Glas, das nach der Mandelzuckermasse duftete: Es enthielt Schlamm aus dem Sediment des Pfauenteiches.

Damit sich der Minister »nicht ausschließlich auf die Nase verlassen« müsse, fügte Braedt die chemische Analyse des Giftgemisches bei. Der Schlamm enthalte jede Menge Nitrostoffe, er müsse also »schleunigst auf eine Sondermülldeponie«.

Das süßlich riechende Zeug ist hochgradig gesundheitsgefährdend. Gerade beim Zerfall und biologischen Abbau der Nitrostoffe aus dem TNT, einer Mischung aus Toluol, Schwefel- und Salpetersäure, entsteht ein »chemischer Zoo« (Fachjargon) gefährlicher Substanzen. Darin finden sich die als stark krebserregend eingestuften »aromatischen Amine«, auch das TNT-Zwischenprodukt Dinitrotoluol gilt als krebserregend.

Der Umgang mit der Bombenchemie hatte schon die Fabrikarbeiter des Dritten Reichs krank gemacht. Ein Zeitzeuge aus dem Werk »Tanne« berichtete über Arbeiterinnen in der Füllstation: »Die hatten alle verfärbte Haare, so gelbrot, der ganze Haarschopf war gelbrot.«

Zu »Massenvergiftungen« führte im Werk »Tanne«, wie ein Mediziner 1944 notierte, vor allem das Abfüllen von hochgiftigem Dinitrobenzol, einer Billig-Variante des Sprengstoffs TNT, das flüssig in Bomben gefüllt wurde. Dabei, so der Mediziner, _____« kam es zu Kleidungs- und Hautkontakten. Man versuchte » _____« bei den Arbeitern, durch Vitaminpräparate und Milchgabe » _____« die Anfälligkeit zu verhindern. Milch war eher ein » _____« Vehikel für das Toxin. Die häufige akute Vergiftung » _____« sollte mit Methylenblau verhindert werden. Wir konnten » _____« zeigen, daß dies . . . die Entwicklung einer mehr oder » _____« minder schweren Anämie beschleunigte. »

Augenzeugen aus Clausthal-Zellerfeld berichten, daß die Munitionsarbeiter »nie länger als zwei Monate eingesetzt waren. Sie seien »wie Menschenmaterial bewußt verwertet« worden.

Tatsächlich war die Arbeit in Hitlers Giftküchen ein Himmelfahrtskommando. Abgestellt wurden dafür Zehntausende Zwangsarbeiter, später Kriegsgefangene und Häftlinge. Einen großen Anteil stellten Frauen, auch aus eroberten Gebieten und Konzentrationslagern. Sie »waren der ständigen Gefahr von Vergiftung und Tod ausgesetzt«, so der Rüstungsaltlasten-Experte Joe Angerer auf einem Symposion in München, »Hunderte sind bei Explosionen ums Leben gekommen«. Viele der Überlebenden hätten »bleibende Gesundheitsschäden davongetragen«.

In der Pulverfabrik Bomlitz bei Walsrode beispielsweise arbeiteten 8000 Menschen in 262 Gebäuden, viele davon in drei Stockwerken unter der Erde. »186 Brände und Explosionen« verzeichnet eine Statistik, die Anzahl der Todesopfer ist nicht bekannt.

Rund 95 Prozent der Belegschaft waren Ausländer, dienstverpflichtet oder deportiert aus zwölf Nationen. So schickte etwa im August 1944 das KZ Buchenwald 1000 ungarische Jüdinnen in die Munitionsfabrik nach Hessisch-Lichtenau. Mehr als 300 starben in den folgenden Monaten - auch dies ein verdrängtes Kapitel der Nazi-Geschichte: »Obwohl acht Monate lang abgemagerte und geschundene jüdische Frauen durch die Straßen von Hessisch-Lichtenau geführt wurden«, so König und Schneider in ihrer Untersuchung, »geriet das KZ-Außenkommando ebenso in Vergessenheit wie die zum Teil unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der im Werk Tätigen.«

Vorangetrieben hatte das Rüstungsprogramm das Oberkommando des Heeres (OKH) im Verbund mit der Industrie. Den Auftrag für die Planung und den Bau von Sprengstoffabriken erteilte das OKH an bekannte Großunternehmen wie IG Farben, Dynamit AG, Wasag und Degussa. Bauherrin und Eigentümerin wurde die reichseigene Gesellschaft Montan, die bis Kriegsende 128 Rüstungsbetriebe besaß.

Die Montan wiederum verpachtete die Anlagen an Tochterfirmen der Chemiekonzerne, die dann die Sprengstoffwerke eigenständig betrieben. Hauptproduzenten waren die zur Dynamit AG gehörende Verwertchemie, die Deutsche Sprengstoffchemie (Wasag), die Paraxol (Degussa) und die Anorgana (IG Farben).

Die verworrene Konstruktion, von König und Schneider als »klassisches Rüstungsviereck« bezeichnet, hat dazu geführt, daß sich die Verursacher der immensen Umweltschäden bis heute aus der Verantwortung stehlen können - die Rechtslage ist ungeklärt.

Betreiberfirmen wie die Verwertchemie, die rein rechtlich von den großen Muttergesellschaften abgetrennt waren, wurden nach 1945 vom Alliierten Kontrollrat ausnahmslos aufgelöst - ohne Rechtsnachfolger. Die Muttergesellschaften, die, zum Teil in neuen Formationen, weiterbestehen, lehnen jede Verantwortung für den Dreck ab.

Die Aufrüstungs-Gesellschaft Montan, Eigentümerin der Grundstücke, wurde bis 1951 von den Alliierten und Treuhändern verwaltet, bis sie in Bundesbesitz überging und den unverfänglicheren Namen Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG) bekam.

Die IVG, ein Konzern fürs Grobe, verwaltet immer noch heikles Gut, so etwa Depots von US-Streitkräften und Nato-Pipelines, den Transport radioaktiver Abfälle und eine Firma zur Vermietung von Wohnungen im südafrikanischen Kapstadt. Konzernumsatz voriges Jahr: 730 Millionen Mark.

Die Bundesregierung hat vor drei Jahren 45 Prozent des Grundkapitals von 110 Millionen Mark an der Börse verkauft. Mitglieder des Aufsichtsrates: der Vizepräsident des Bundestages Dieter-Julius Cronenberg (FDP), der niedersächsische CDU-Chef Wilfried Hasselmann und bis Januar dieses Jahres auch der bayerische Ministerpräsident Max Streibl (CSU).

Die IVG besitzt heute noch 17 Werksgelände der chemischen Rüstungsindustrie, in keinem einzigen Fall hat sie bisher die Haftung für Umweltschäden anerkannt. Begründung eines Firmensprechers: »Wir haben dort nie produziert, sind also auch nicht die Verursacher.« Die »eigentliche Sanierung« sei »Sache der öffentlichen Hand«.

Das sieht der hessische Umweltminister Karlheinz Weimar (CDU) anders. Er will die IVG notfalls per Gericht dazu zwingen, die bisher nicht kalkulierbaren Kosten für die Sanierung von Hessisch-Lichtenau zu tragen. Einstweilen hat er der IVG Kostenbescheide über 580 000 Mark für Untersuchungen und Gefahrenabwehr zugestellt, die Firma hat Widerspruch eingelegt.

Dennoch glauben die Hessen, erste Klopfzeichen zu vernehmen. Die IVG, * Bürgerinitiativler am Pfauenteich bei Clausthal-Zellerfeld. so Wolfgang Tiedge, Altlasten-Referent im Umweltministerium, habe »die Bereitschaft zu einem Vergleich signalisiert«.

Die Justitiare des Unternehmens befürchten offenbar, daß andernfalls Ausgaben in Milliardenhöhe auf die IVG zukommen könnten. Der Münchner Verwaltungsrecht-Professor Bernd Becker jedenfalls gutachtete, daß die Bombenfabriken als »Subunternehmen« durchaus »den Weisungen der Montan unterworfen gewesen« seien, die IVG daher als Rechtsnachfolger haften müsse.

In Niedersachsen, das unter den Rüstungsaltlasten wohl am meisten zu leiden hat, sieht auch Umweltminister Remmers »die IVG in der Verantwortung«. In seinem Bundesland ist die politische Behandlung der Rüstungsaltlasten am weitesten fortgeschritten.

Im April lud Remmers 31 Experten zu einer Tagung nach Hannover - ein erster Schritt zur Systematisierung der komplizierten Materie. Im September legte der Christdemokrat ein 50-Millionen-Mark-Programm für eine »Gefahrgutabschätzung« in Niedersachsen auf.

Die Initialzündung, räumte das Ministerium offen ein, hätten »vor allem die Bürgerinitiativen« gegeben. Und eine Anfrage der Grünen im Landtag sei »Anlaß gewesen, umgehend ein Gesamtkonzept zur Erfassung der Rüstungsaltlasten aufzustellen«.

Petra Kopecz in Munster wundert sich. Im letzten Jahr noch sei sie von Politikern und Beamten »als Nestbeschmutzerin beschimpft und bedroht« worden, als sie auf das Gift im Dethlinger Teich aufmerksam gemacht habe.

»Nun kommen die alle«, staunt die Hausfrau, und fragten bei ihr nach Unterlagen. Petra Kopecz: »Offensichtlich wissen wir mehr als die.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel