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»Wir befinden uns in einem Krieg«

Ost und West verstärken ihre Rundfunkpropaganda in fremden Sprachen Fast 300 Kurzwellensender strahlen Moskaus Botschaft in alle Welt. 3000 Störsender sollen in der UdSSR westlichen Rundfunk unhörbar machen. Unter der Führung von Reagans Propagandachef Charles Wick hat nun eine westliche Nachrüstung im Äther begonnen. Die USA wollen dafür eine Milliarde Dollar ausgeben. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Die »Stimme Amerikas« aus Washington erklärt, weshalb in den USA Vorwahlen stattfinden. BBC London zitiert britische Leitartikel zum Machtwechsel in Moskau. Ein Kommentator der Kölner Deutschen Welle belehrt die Welt über Bonner Kopfschmerzen: »Umweltsorgen plagen alle Parteien.«

Dazu westliches Schlagergesäusel und nahöstliche Instrumentalklänge, exotische Sprachen, Quietschtöne und dumpfes Rauschen - die übliche Kurzwellen-Kakophonie, empfangen an einem Dienstag im Februar in Hamburg.

Ungewöhnlich gut zu hören aber war an jenem Morgen Trauermusik auf mehreren Frequenzen und fast allen Meterbändern: Das war Radio Moskau am Tag der Beisetzung Jurij Andropows. Seine Reporter berichteten live vom Roten Platz über die Trauerfeier. Moskaus Stimme klang laut und klar.

Das ist meistens so. Im Wettkampf der Systeme hinkt die Sowjet-Union zwar in den meisten Lebensbereichen hinter dem Westen her, aber technisch unangefochten führen die Russen in der weltweiten Rundfunkpropaganda: Sie produzieren wöchentlich über 2000 Programmstunden in 84 Sprachen, und fast 300 Sendestationen tragen Moskaus Botschaft um den Erdball. Wahrscheinliche Jahreskosten: rund zwei Milliarden Dollar.

Der eigentliche Gegner, die »Stimme Amerikas« (Voice of America, VOA), verfügt dagegen nur über 110 Stationen, spricht nur in halb so vielen Sprachen wie Radio Moskau und mußte jahrelang mit einem Zwanzigstel an Geld auskommen. Sendungsbewußte Amerikaner deprimierte derlei propagandistische Bescheidenheit.

»Auf dem Kommunikationssektor ist unser Rückstand gegenüber den Sowjets so groß wie der, den wir 1957 (in der Raumfahrt) hatten, als sie ihren Sputnik hochschickten«, jammert VOA-Direktor Kenneth Tomlinson. Amerikas Auslandsfunk verharrte mit seiner Technik in den 50er Jahren: Als Präsident Reagans Rede zum Jumbo-Abschuß im vorigen September über VOA-Sender auf russisch ausgestrahlt wurde, standen ihm nur die technisch uralten Anlagen zur Verfügung, die Präsident Eisenhower schon 1957 in einer Rede zum 15jährigen Bestehen der VOA benutzt hatte.

Der Grund: Amerikas Kongreßmitglieder haben jahrelang von Propaganda nichts gehalten - zumindest nicht, wenn sie von einem regierungstreuen Sender stammte. So gab es für die VOA nie genug Geld.

Den amerikanischen Rückstand gegenüber Radio Moskau konnten auch _(Bei Greenville im US-Bundesstaat North ) _(Carolina. )

Washingtons Verbündete nicht wettmachen. Englands objektive BBC genießt zwar den besten Ruf in der Rundfunkbranche, verfügt aber nur über 70 Sendestationen.

Während die Deutsche Welle beachtlich viele Sendestunden produziert, ist sie gegenüber den Sowjets dennoch weit abgeschlagen: Nur 27 Sender stehen dem Kölner Auslandsfunk für sein Programm von rund 500 Wochenstunden in 33 Sprachen zur Verfügung.

Radio Moskau kann dagegen allein für seinen englischen Weltdienst 40 Sender gleichzeitig einsetzen. Folge: Die russische Weltansicht quillt laut und dicht aus den Empfängern, während die deutsche Stimme nur an wenigen Stellen dünn piepst.

Bei so viel Sowjetübermacht mußte im Westen der Ruf nach Nachrüstung laut werden. Denn das Ost-West-Gleichgewicht wird von den Falken nicht nur in atomaren Megatonnen gemessen, sondern auch in Megawatt von Propaganda-Sendern.

Mit Ronald Reagan hat sich eine neue Empfindlichkeit für politische Public Relations in Washington eingestellt. »Wir haben zwei entscheidende Waffen«, jubelte kürzlich VOA-Chef Tomlinson in der konservativen »Washington Times«, »eine ist der Präsident, der versteht, wie wichtig internationale Rundfunksendungen sind; die andere ist der Direktor der (US-Informationsagentur) USIA, Charles Wick, ein wahrer Aktivist, der sich der Aufwertung der ''Stimme Amerikas'' verschrieben hat.«

Der Aktivist und sein Präsident sind in der Tat schwere Geschütze im Propaganda-Krieg der Supermächte. Reagan hatte sich seinen ersten Lebensunterhalt als Sportreporter verdient. Der Anblick eines Mikrophons rührt den großen Kommunikator. Sein kalifornischer Generationsgenosse Wick verdiente als Werbemann viel Geld. Der Technik-Freak, der unlängst Schlagzeilen machte, weil er Telephongespräche ohne Wissen der Partner auf Band nahm (SPIEGEL 3/1984), dient nun seinem Vaterland als Chefpropagandist.

Wick sieht die Welt so simpel wie sein Freund im Weißen Haus: »Wir befinden uns in einem Krieg der Ideen und der Glaubwürdigkeit«, sagt er, »unser Gegner ist die Sowjet-Union, und unsere Waffe ist die Wahrheit.«

Reagans Regierung pflegt Wicks Wahrheits-Waffe wie die US-Streitkräfte: Die USIA erhält seit 1981 viel mehr Geld, während fast allen staatlichen Institutionen der Etat zusammengestrichen worden ist. Im neuen Haushaltsjahr kassiert die Informationsagentur (8700 Mitarbeiter) 849 Millionen Dollar (28 Prozent mehr als 1983), von denen 281 Millionen an die »Stimme Amerikas« gehen. In den nächsten sechs Jahren sollen die Anlagen der Rundfunksender mit über einer Milliarde Dollar modernisiert und erweitert werden.

Bei ihrem »Gegenangriff mit den Waffen des Geistes« (Springers »Welt") stärkte die Reagan-Administration zudem die in München angesiedelten US-Sender »Radio Free Europe« (RFE) und »Radio Liberty« (RL). Reagan berief den einflußreichen früheren Senator James Buckley, einen reichen, konservativen Republikaner, zum Direktor der beiden Stationen. RFE und RL, die früher unter anderem vom Geheimdienst CIA finanziert wurden, stehen heute auf der Subventionsliste des amerikanischen Kongresses.

Der glaubt inzwischen an eine notwendige Nachrüstung im Äther-Kampf. So bewilligten die Volksvertreter 14 Millionen Dollar für einen Propaganda-Sender, der unter dem Namen »Radio Marti« von Florida aus Programme nach Kuba strahlen soll. Denn Castros Staat steht im Wellenkrieg fest an der Seite der Sowjet-Union: Radio Moskau darf für seine amerikanischen Programme Sendeanlagen in Havanna benutzen.

Hilfe im Kampf gegen den allgegenwärtigen Moskauer Rundfunk fand Reagan auch bei seiner konservativen Gesinnungsfreundin Margaret Thatcher. Letztes Jahr bewilligte die Londoner Regierung dem britischen Auslandsdienst rund 450 Millionen Mark für den Bau neuer Kurzwellensender, die »beste Kapitalbewilligung seit langer Zeit«, so BBC-Auslandsdienstchef Douglas Muggeridge.

Daß über der Sowjet-Union das Sendernetz enger wird, liegt allerdings auch an Peking: China plant eine Offensive auf allen Wellenlängen. Eine chinesische Funk-Delegation erkundigte sich Ende Januar in Europa über den Ankauf von Rundfunk-Satelliten.

Die westlichen und chinesischen Auslandsfunker nehmen die sowjetische Konkurrenz nicht nur wegen deren technischer Sendestärke ernst; auch inhaltlich halten viele sowjetische Kurzwellen-Programme den Vergleich mit dem Gegner aus.

Der sowjetische Auslandsrundfunk sendet umfassende Weltnachrichten, klassische und leichte Musik nach Hörerwünschen; eine »Moskauer Funkuniversität« vergibt gar Diplome an Hörer. In ihren Sendungen für Amerikaner erzählen die Moskauer gern von Vollbeschäftigung und sozialer Sicherheit in ihrem Staat. Für Westeuropa wiederum ist die Nachrüstung nach wie vor Moskaus Top-Thema. So kritisierte im deutschen Programm der Kommentator Wiktor Schljonow den »pathologischen Proamerikanismus des Europäischen Parlaments«, das aktiv die Stationierung der Pershings unterstütze.

Die Moskauer behaupten, daß sie allein aus der Bundesrepublik im Jahr rund 18 000 Hörerzuschriften erhalten. Als Ansager setzt das Russen-Radio in seinen Sprachdiensten vorwiegend Profis aus den Zielländern ein. Anstelle des alten Erkennungszeichens »Internationale« spielt es zur Stationsidentifizierung immer öfter den Schlagerohrwurm »Moskauer Nächte«.

Ausgerechnet als die Sowjets darangingen, ihre Botschaft geschickter zu verpacken, setzte sich bei der Stimme der westlichen Supermacht der Stil der Falken durch. »Die Menschen, die Reagan mit nach Washington gebracht hat«,

so der amerikanische Kolumnist William Pfaff, »glauben daran, daß man Propaganda mit Propaganda« bekämpfen muß. Ausgewogene Argumente und kritische Selbstdarstellung waren in Washington fortan weniger gefragt; seit 1981 galt Wicks Wahrheit, eine Mischung aus Naivität und Nationalstolz, als Rahmenrichtlinie bei der Programmgestaltung.

In Wicks Behörde kursierte eine Liste amerikanischer Prominenter, die nicht mehr zu Vorträgen der Informationsagentur eingeladen werden sollten, darunter der Ökonom John Kenneth Galbraith, die Martin-Luther-King-Witwe Coretta, Admiral a. D. Stansfield Turner, CIA-Chef der Carter-Regierung; ja sogar der demokratische Senator und Präsidentschaftskandidat Gary Hart war tabu.

Liberale Mitarbeiter der »Stimme Amerikas« mußten gehen. Wick führte den offiziellen VOA-Kommentar ein, der oft »Außenamtsmitarbeiter, die etwas auf sich halten, erschrecken« müßte, wie die Londoner »Financial Times«, zweifellos kein Fachblatt des Antiamerikanismus, feststellte. Wenn VOA von »Kubas unnatürlicher Allianz mit der Sowjet-Union und der kommunistischen Welt« sprach, war dies auf alle Fälle ein neuer Zungenschlag.

»Die VOA-Sendungen haben jetzt einen sehr scharfen Ton«, fand auch ein Stammhörer in der UdSSR, der regimekritische sowjetische Historiker Roy Medwedew gegenüber amerikanischen Korrespondenten in Moskau. Das aber würde die Mehrheit der Russen »negativ berühren, ihren Patriotismus beleidigen«. Roy Medwedew: »Früher war die VOA zurückhaltender, aber effektiver.«

Wirkungsvoll aber werden die Amerikaner und andere Auslandsfunker in der UdSSR so lange bleiben, wie das Sowjet-Reich zu Hause keine Medien- und Meinungsvielfalt zuläßt und sich gegen Informationen von draußen abschottet. Rund 40 Millionen Sowjet-Bürger, so ermittelten die Amerikaner durch Befragung von Reisenden, Auswanderern und in der UdSSR ansässigen Ausländern, sollen die VOA hören.

Solche Zahlen mögen zweifelhaft sein. Aber daß viele Millionen ihrer Bürger westliche Sender einschalten, wissen die Kreml-Führer am besten. Deshalb betreiben sie einen in der Welt einmaligen Industriezweig - Stören. Mit jährlichen Betriebskosten in Milliardenhöhe, mit mehr als 15 000 Angestellten und 3000 Störsendern versucht die UdSSR, die Programme aus der Welt von draußen unhörbar zu machen.

Derlei Störstrategie hat indes wenig zu tun mit dem Rundfunk-Offensivgeist, den Lenin einst verbreitete: »Radio ist die Zeitung ohne Papier und ohne Entfernungen, die keine Zollbeamten beschlagnahmen und keine Zensoren verbieten können.«

Am 7. November 1929, fast sechs Jahre nach Lenins Tod, strahlte Moskau im Geiste des »proletarischen Internationalismus« das erste Programm für das Ausland aus: Reporter berichteten am Jahrestag der Revolution auf deutsch von der Demonstration auf dem Roten Platz, Chöre sangen patriotische Lieder, Johannes R. Becher rezitierte proletarische Gedichte.

Der damalige Kritiker der Zeitschrift »Der Deutsche Rundfunk« hörte die Livesendung aus Moskau in Berlin »bei größter Lautstärke vollkommen schwankungsfrei«.

Dennoch hat Moskau keine Revolution per Radio ausgelöst. Allenfalls läßt die Entwicklung seiner Programme Rückschlüsse auf den Stand der internationalen Beziehungen zu: *___In den frühen 60er Jahren, als in Afrika Dutzende von ____Staaten unabhängig wurden, expandierte das Moskauer ____Afrika-Programm mit Sendungen in Sprachen wie Kisuaheli ____und Haussa. *___Als der »Prager Frühling« begann, steigerte Moskau die ____Programme für die CSSR von 7 auf 84 Stunden ____wöchentlich. *___Wochen vor dem Einmarsch in Afghanistan erweiterten die ____Sowjets ihre Propagandasendungen in den Landessprachen ____Paschtu und Dari.

Westliche Staaten haben ihren Auslandsfunk als Waffe allerdings genausooft eingesetzt wie die Russen. So begann die »Stimme Amerikas« ihre Sendungen 1942 gleich nach dem Eintritt der USA in den Krieg - auf deutsch. »Die Nachrichten mögen gut oder schlecht sein«, verlas der Sprecher in der Sprache des Feindes, »wir wollen Ihnen die Wahrheit sagen.« Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges sagte die VOA ihre Wahrheit in 40 Sprachen, als er zu Ende war, nur noch in 24.

Im Vietnamkrieg sprach Amerikas Stimme südostasiatische Dialekte; sie eröffnete einen portugiesischen Dienst, als die US-Regierung 1974 das Abdriften des Nato-Partners fürchtete. Seit Chomeinis antiwestlicher Revolution verstärkten die Amerikaner ihre Programme für die islamische Welt.

Doch »Rundfunksendungen«, so warnte einmal der Journalist und ehemalige USIA-Direktor Carl Rowan, könnten »falsche politische Entscheidungen nicht revidieren«. Unter Reagans Gehilfen Wick aber glauben die Amerikaner wieder unverdrossen an die Macht der Ätherwellen.

Sie planen Programme für Europa auf deutsch und italienisch, spanisch und französisch mit dem erklärten Ziel, die Amerikaner den Europäern wieder näher zu bringen. Denn die »europäische junge Generation«, so hatte ein VOA-Papier geurteilt, wende sich zunehmend »ab von amerikanischen Werten«.

Die Amerikaner werden die Westeuropäer über Mittelwelle ansprechen müssen. Denn anders als im Ostblock und der Dritten Welt schalten hier nur wenige ihr Radio auf Kurzwellenempfang.

Im Mittelwellen- und UKW-Bereich herrscht inzwischen jedoch noch größeres Sendergedränge als auf kurzen Wellen. Freie Frequenzen sind kaum noch zu finden - auch weil die Russen schneller waren. Radio Moskau, so meldet jüngst das Fachblatt »Kurzwelle aktuell«, hat »einen wahren Kranz von starken Sendern auf Mittelwelle um das Herz Europas gezogen«.

[Grafiktext]

SOWJET-ÜBERMACHT IM ÄTHER Kurzwellendienste im Vergleich Zahl der Sender Programmstunden je Woche Radio Moskau Stimme Amerikas BBC London Radio Peking Deutsche Welle Radio Berlin (DDR)

[GrafiktextEnde]

Bei Greenville im US-Bundesstaat North Carolina.

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