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»Wir bekämpfen die Briten überall«

SPIEGEL-Interview mit »Patrick«, einem Mitglied des Oberkommandos der IRA
aus DER SPIEGEL 15/1980

SPIEGEL: Das neue Jahr hat mit einer Serie von IRA-Anschlägen auf Angehörige der britischen Armee in der Bundesrepublik begonnen. Führt die IRA neuerdings ihren Krieg auch in Deutschland?

PATRICK: Die Angriffe in Deutschland haben bereits 1978 begonnen. Sie stellen nur einen Wechsel in der Strategie, nicht aber in unserer Politik dar. Diese Politik ist es, die britische Armee überall dort zu bekämpfen, wo wir sie finden können.

SPIEGEL: Warum gerade in der Bundesrepublik?

PATRICK: Dafür gibt es in der Tat einen besonderen Grund: Fast alle Soldaten, die in Nordirland eingesetzt werden und dort unser Volk unterdrücken, sind bei der britischen Rhein-Armee in Deutschland stationiert. Nach einem Rotations-System werden sie für eine gewisse Zeit in Ulster stationiert und kehren dann nach Deutschland zurück.

Vor allem aber: Sie werden dort gezielt für ihre dreckige Arbeit in den Straßen unserer Städte und Dörfer ausgebildet. Das geht so weit, daß in der britischen Garnison Munster in Deutschland mehrere Straßenzüge Belfasts in Originalgröße nachgebaut wurden, wo die »Brits« im Straßenkampf und sogar dafür ausgebildet werden, wie sie Demonstrationen von Republikanern zerschlagen können.

SPIEGEL: Haben Sie dafür Beweise?

PATRICK: Natürlich, die besten, die man sich denken kann: In dem halboffiziellen Buch »The British Army in Ulster«, Band 3, finden Sie sogar Bilder, die diese schamlose Verletzung der deutschen Gastfreundschaft demonstrieren.

SPIEGEL: Heißt das, daß Sie auch in Zukunft in Deutschland bomben werden?

PATRICK: Sicher.

SPIEGEL: Haben Sie deutsche Helfer? Angeblich sollen Restbestände der RAF Ihre Kommandos unterstützen.

PATRICK: Wenn Sie damit andeuten wollen, daß wir materielle oder physische Unterstützung von der RAF oder ähnlichen Organisationen bekommen, dann heißt die Antwort kategorisch nein. Wir sind eine Befreiungsarmee, die allein vom unterdrückten Volk Irlands getragen wird. Wir haben grundsätzlich nichts zu tun mit solchen Bewegungen, die andere Ziele verfolgen als wir. Wir sind allerdings verbündet mit solchen Gruppen, die genau wie S.148 wir das eigene Volk von der Fremdherrschaft durch eine andere Nation befreien wollen.

SPIEGEL: Zum Beispiel mit der baskischen Eta?

PATRICK: Ja, und mit einigen anderen.

SPIEGEL: Was geschieht, wenn die Deutschen einen oder mehrere Ihrer Leute festnehmen? Werden Sie dann auch deutsche Einrichtungen zum Ziel Ihrer Anschläge machen?

PATRICK: Auf keinen Fall, keiner unserer Angriffe gilt den Deutschen. Wir wissen, daß die Sympathie der Deutschen auf der Seite des irischen Freiheitskampfes liegt. Wir hoffen aber gleichzeitig, daß Ihre Landsleute durch unsere Angriffe auf die Briten in Ihrem Land die Fadenscheinigkeit der britischen Propaganda durchschauen: Es ist ein dummer Witz, wenn Margaret Thatcher sich über die Gegenwart russischer Panzer in Afghanistan beschwert und zur gleichen Zeit britische Panzerwagen bei Tag und Nacht durch die Straßen von Belfast und Derry rumpeln, morgens um fünf unsere Mitbürger aus dem Schlaf gerissen werden und in die Mündung britischer Maschinenpistolen starren, wenn die Besatzer in ihrer Kolonie meine Landsleute quälen.

SPIEGEL: Sind Ihre Überfälle in Deutschland nicht eher ein Zeichen von Schwäche, trauen Sie sich nicht mehr, in der Höhle des Löwen selbst, in England, zuzuschlagen?

PATRICK: Schwäche? Sie machen wohl Witze: An einem einzigen Tage im August des vergangenen Jahres haben wir in Warrenpoint 18 britische Soldaten getötet, wir haben Lord Mountbatten hingerichtet ...

SPIEGEL: ... und dabei unschuldige Zivilisten getötet.

PATRICK: Unsere Kampagne ist sehr viel effizienter geworden: Wir können Landminen drahtlos über mehrere Kilometer Entfernung zur Explosion bringen, unsere Scharfschützen vergeuden keine Munition mehr -- ein Schuß genügt, und ein Brite ist tot.

SPIEGEL: Was nun: Trauen Sie sich nicht mehr, in England selbst anzugreifen?

PATRICK: Doch, doch, aber wir haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Wir haben den Briten vorher gesagt, was wir tun, wir haben sie gewarnt. Jetzt provozieren sie uns, damit wir erkennen lassen, was wir vorhaben. Wir haben auch früher gesagt, daß wir unseren Kampf in ein oder zwei Jahren gewinnen werden ...

SPIEGEL: Und das sagen Sie jetzt nicht mehr?

PATRICK: Nein, wir sagen nicht mehr, daß der Kampf schnell vorbei ist. Aber wir werden ihn gewinnen. Ich lehre schon jetzt meine Kinder, die Briten zu hassen, und wenn wir Generationenlang S.149 kämpfen müssen, wir werden Irland von der Fremdherrschaft befreien.

SPIEGEL: Im vergangenen Frühjahr wurde Airey Neave, der Irland-Experte Margaret Thatchers, im Unterhaus ermordet, aber nicht von Ihnen ...

PATRICK: Nein, das war die Irish National Liberation Army (INLA).

SPIEGEL: Arbeiten Sie mit der INLA zusammen, wo Sie doch dasselbe Ziel verfolgen?

PATRICK: Nein, aber wir kennen die Leute, und wir koordinieren uns auch. Die INLA ist vom marxistischen Flügel der IRA, den »Officials«, abgesplittert, die seit 1971 nicht mehr gegen die Briten kämpfen. In den ersten Jahren seit 1971 haben dieselben Leute, die heute in der INLA sind, auch gegen uns gekämpft, und das haben wir noch nicht vergessen. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis diese Wunden verheilt sind. Es ist möglich, daß wir uns später zusammenschließen.

SPIEGEL: Wie hoch sind die Verluste der IRA bis jetzt?

PATRICK: Seit Beginn der gegenwärtigen Kampagne 1970 sind etwa 180 unserer Freiwilligen gefallen. Aber wir betrauern alle Toten in diesem Kampf als einen Verlust.

SPIEGEL: Auch die britischen Soldaten?

PATRICK: Später, wenn der Kampf vorbei ist, werden wir möglicherweise auch die betrauern.

SPIEGEL: Nach der »Hinrichtung« Lord Mountbattens, wie Sie es nennen, stellt sich die Frage, ob Sie auch in Zukunft prominente Briten umbringen werden.

PATRICK: Jeder Politiker oder Prominente, der die Unterdrückung Irlands öffentlich gutheißt oder sich gegen die Wiedervereinigung Irlands stellt, muß mit dem Tode rechnen.

SPIEGEL: Wer zum Beispiel?

PATRICK: Peter Jay, der Schwiegersohn von James Callaghan, der bis vor einem Jahr Botschafter in Washington war. Er hat in Washington den Propagandafeldzug der Briten gegen die IRA organisiert und besitzt, ebenso wie sein Schwiegervater, ein Wochenendhaus in Irland, in der Grafschaft Cork. Dort war er auch, als wir Mountbatten hinrichteten. Er ist aber blitzschnell abgereist und seither nicht wiedergekommen. Wir warten auf ihn.

SPIEGEL: Wer noch?

PATRICK: Seit dem 29. März vor allem der frühere Labour-Schatzkanzler Denis Healey. Der hatte sich bisher jedes Wort zu Irland verkniffen, aber vor einer Woche hat er sich in Dublin gegen die Wiedervereinigung gewandt. Er wird dafür zahlen.

SPIEGEL: Wie lange werden Sie genug Zulauf haben, um Ihren Krieg in S.151 dem Umfange weiterführen zu können wie bisher?

PATRICK: Wir können gar nicht so viele aufnehmen, wie zu uns kommen. Das hohe Niveau unserer militärischen Einsätze allein ist Beweis dafür, daß wir erhebliche Unterstützung in der Bevölkerung finden. Sonst wäre es nicht möglich, über zehn Jahre lang den Kampf gegen einen so mächtigen Feind fortzusetzen.

Wir sind nicht eine kleine Gruppe von Einzelkämpfern. 1500 unserer Leute sitzen derzeit in Gefängnissen. Über 2000 wurden interniert, viele von ihnen gefoltert, wie der Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt hat.

Es liegt auf der Hand, daß ich Ihnen nicht sagen darf, wie stark wir wirklich sind. Nur soviel: Ein Dokument des britischen Geheimdienstes, das uns im vergangenen Jahr in die Hände fiel, schätzt unsere Stärke allein in Belfast auf 900 Männer. Glauben Sie es ruhig, denn wir werden es beweisen: Unsere Kampfstärke ist so groß wie eh, wenn nicht größer.

SPIEGEL: Wie rechtfertigen Sie den Tod so vieler Menschen, das Leid, das Sie verursacht haben?

PATRICK: Viel mehr Menschen sind hier gestorben, gequält worden, ausgebeutet worden -- seit Jahrhunderten und lange bevor wir unseren ersten Schuß abfeuerten. Unser Volk leidet unter der britischen Fremdherrschaft. Für viele Menschen ist die IRA die letzte Hoffnung, nachdem der friedliche Widerstand, die Bürgerrechtsbewegung, Ende der 60er Jahre brutal niedergeschlagen wurde. Es gibt nur ein Ende: Die Briten müssen gehen, und das irische Volk muß seine Zukunft allein und in Freiheit selbst bestimmen dürfen.

S.145Ausriß aus »The British Army in Ulster«, Band 3. Oben: NachgebauteStraße aus Belfast. Unten: Mit britischen Soldaten nachgestelltesIRA-Begräbnis.*

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