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TOTEN-GLOCKEN Wir bimmeln einfach mal

aus DER SPIEGEL 13/1956

Der Polizeimeister außer Diensten Franz Rogalla, 68, konfessionslos, schloß am 16. Februar in dem Städtchen Pfeddersheim bei Worms die Augen für immer; seine Hinterbliebenen schickten zum Bürgermeisteramt, damit die Stadt die ihr gehörenden Glocken im ihr gehörenden Pfeddersheimer Kirchturm zum Begräbnis läute, wie es früher üblich gewesen war.

Um der Stadt einen Prozeß mit der Evangelischen Kirche zu ersparen, mußte Bürgermeister Heinrich Schmitt, 57, diese Bitte jedoch abschlagen. So kam es, daß bei dem Begräbnis Franz Rogallas kein Glockenklang die schmerzliche Stunde kundmachte.

Pfeddersheim besitzt einen recht ungewöhnlichen Kirchenbau: Eine Brandmauer in der Mitte der Kirche trennt den evangelischen Teil von dem katholischen. Das größere Schiff dient den Protestanten, das kleinere den Katholiken als Gotteshaus. Der 45 Meter hohe Turm neben dem evangelischen Schiff ist Eigentum der politischen Gemeinde Pfeddersheim.

Das Geläut im Turm ist dreigeteilt: zwei Glocken gehören der evangelischen, zwei der katholischen Kirche und zwei sind Eigentum der Stadt. Sonntags, zum Kirchgang, läuten sie alle gemeinsam. Nur bei Begräbnissen erklingen - je nach der Konfessionszugehörigkeit des Verstorbenen

- die evangelischen oder die katholischen Glocken allein.

Nun gibt es in Pfeddersheim, dessen 4200 köpfige Einwohnerschaft zu knapp zwei Dritteln aus Protestanten und zu knapp einem Drittel aus Katholiken besteht, auch noch gut 300 Bürger, die keiner der beiden Konfessionen angehören, Freireligiöse, Dissidenten, Baptisten, Zeugen Jehovas und andere. Und es war vor dem Kriege in Pfeddersheim Brauch, daß der Bürgermeister, wenn einer von diesen Menschen starb, die zwei der Gemeinde gehörenden Glocken in Gang setzen ließ.

Allein, heute ist die Pfeddersheimer Geistlichkeit dagegen. Ein Totengeläute sei nur in Verbindung mit einer gottesdienstlichen Feier denkbar und im übrigen Sache der Kirche.

Bürgermeister Schmitt war anderer Meinung, und als jahrelange Verhandlungen nichts fruchteten, griff er zur Selbsthilfe; »Wir bimmeln einfach mal!«, sagte er seinen Stadträten, als im Februar vergangenen Jahres die konfessionslose leberkranke Spenglersfrau Luise Gerbisch in Pfeddersheim das Zeitliche gesegnet hatte. Als Luise Gerbisch zu Grabe getragen wurde, klang auch wirklich das Geläute der beiden städtischen Glocken vom Kirchturm über die Stadt.

Nicht anders war es, als vier Wochen später die Pfeddersheimerin Helene Schall starb, die auch keiner der beiden Konfessionen angehörte. Am 4. April letzten Jahres, zum Begräbnis des Kraftfahrers Martin Ross, läuteten die Gemeindeglocken allerdings das letzte Mal einem Toten zum Gruß.

An diesem Tage sandte das Wormser Landratsamt ein Protestschreiben der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau nach Pfeddersheim, in dem die Kirchenleitung eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Bürgermeister Schmitt erhob. Darin hieß es, »daß die politische Gemeinde Pfeddersheim zur Benutzung der dortigen Kirchenglocken nur insoweit berechtigt ist, als dies die allgemeinen Gemeindezwecke erfordern, und zur Anordnung des Läutens bei Beerdigungen auf jeden Fall nicht befugt ist.«

Um ihren Standpunkt zu untermauern, hielt die Kirchenleitung dem Bürgermeister das »Hessische Gesetz betr. das Eigentum an Kirchen, Pfarrhäusern usw.« vom 6. August 1902 vor, dessen Artikel 17 das Benutzungsrecht an Kirchenglocken durch politische Gemeinden - ohne Rücksicht auf irgendwelche Eigentumsrechte - auf »allgemeine Gemeindezwecke« beschränkt, also etwa auf das Mittags-, Abend-, Sturm und Feuerläuten.

»Das Läuten der Kirchenglocken zu Beerdigungen ist aber keineswegs als bürgerliches, sondern als kultisches Läuten aufzufassen, zu welchem ihrer Natur nach nur die Kirchengemeinden berechtigt sind«, kommentierte das rheinhessische Regierungspräsidium dieses nach wie vor gültige Gesetz.

Die Kirchenleitung holte noch mehr hervor. Sie pochte auf einen Vertrag, mit dem die beiden großen Kirchen und die Gemeinde Pfeddersheim am 21. Oktober 1910 die Kompetenzverteilung im Pfeddersheimer Gotteshaus geregelt hatten. »Hiernach haben die beiden Konfessionsgemeinden das Nutzungsrecht an den beiden Gemeindeglocken für kirchliche Zwecke«, konstatierte die Kirchenleitung.

Bürgermeister Heinrich Schmitt, vom Landrat zu einer Stellungnahme aufgefordert, war fest entschlossen, nicht klein beizugeben.

Wenige Monate später aber kapitulierte er doch. Den letzten Anstoß dazu gab ein Schreiben des rheinland-pfälzischen Unterrichts- und Kultusministeriums, das ihm eines Morgens auf den Tisch kam und in dem aus einem neuen Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Koblenz zitiert wurde: »Die Befugnis zu bestimmen, wann und mit wieviel Glocken geläutet wird, also die Regelung des Läuterechts, ist ausschließlich Sache der Kirchengemeinde. Der Eigentümer der Glocken, soweit er nicht identisch ist mit der zuständigen Kirchengemeinde, ist zur Regelung des Läuterechts nicht berechtigt.« Damit war der Streit entschieden.

Schmitt: »Als ich das sah, habe ich gesagt: Jetzt hat es keinen Zweck mehr. Es müßte eben jemand kommen, der das Gesetz ändert.«

Resigniert weist er ein Exemplar des »Rheinhessischen Bürgerfreundes« vom 17. Juni 1874 vor. Aus dem gleichfalls bei Worms gelegenen Osthofen wurde damals berichtet, was 1956 im bundesrepublikanischen Pfeddersheim unmöglich ist:

»Heute wurde die Hülle der verstorbenen achtbaren Bürgerswitwe Fanny Lösemann geborene Kahn hier unter Glockenklang zu Grabe getragen. Mit der größten Bereitwilligkeit gaben der Großherzogliche Bürgermeister und der evangelische Geistliche mit dem gesamten evangelischen Kirchenvorstand auf die Bitten des leidtragenden Sohnes und des israelitischen Vorstandes die Bewilligung hierzu, und zum erstenmal erthönten bei dem Begräbnisgang eines Israeliten zu Osthofen die drei Glocken des Thurmes der evangelischen Bergkirche in ihren ergreifenden Accorden und in ächt christlicher Liebe und Duldung.«

Weil es daran heute offenbar mangelt, hat sich Bürgermeister Schmitt etwas Besonderes ausgedacht: »Wir haben auf dem Friedhof eine neue Kapelle gebaut, mit einem Turm drauf. Auf diesen Turm werden wir jetzt gerade so viel Glocken hängen, wie wir wollen. Sie werden für alle Toten läuten, auch für die, die in der Kirche waren.

»Die kriegen dann eben zweimal geläutet.«

Geteilte Kirche in Pfeddersheim: Dreierlei Glocken

Pfeddersheimer Bürgermeister Schmitt

Für Christen wird zweimal gelautet

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