Zur Ausgabe
Artikel 33 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wir brauchten sie als Arbeitskräfte«

Albert Speer über die Juden in der deutschen Rüstungsindustrie (I) 1981 Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Wenn ich an das Schicksal der Berliner Juden denke, überkommt mich ein unabweichliches Gefühl des Versagens und der Unzulänglichkeit. Oft sah ich bei der täglichen Fahrt in mein Büro von der Avus aus auf dem nahe gelegenen Bahnhof Nikolassee Menschenmassen auf dem Bahnsteig. Ich wußte, daß es sich um die Evakuierung der Berliner Juden handeln mußte.

Sicher überlief mich für diesen Augenblick des Vorbeifahrens ein bedrückendes Gefühl, vermutlich hatte ich das Bewußtsein düsterer Vorgänge. Aber ich war den Prinzipien des Regimes in einem Maße verhaftet, das mir heute nur noch schwer verständlich ist.

Parolen wie »Führer befiehl, wir folgen!« oder »Der Führer hat immer recht!« hatten einen hypnotischen Inhalt; auch gerade auf uns in der unmittelbaren Umgebung Hitlers.

Zudem wendete man sich gern den Sorgen zu, die einen nahezu überwältigten. Vielleicht war es auch eine unbewußte Betäubung des Gewissens, wenn wir uns ganz und gar in die Arbeit vergruben. Dieses Sich-Stürzen in die Arbeit hatte fast etwas Neurotisches.

Hitler redete in den Tagen von Stalingrad und danach immer öfter mit düsterem Unterton und vieldeutig, daß wir uns keine Illusionen mehr machen sollten: »Es gibt nur ein Vorwärts. Die Brücken sind hinter uns abgebrochen.«

Wir alle ahnten, daß sich Ungeheuerlichkeiten ereigneten und daß für jeden von uns der Weg zurück versperrt sein würde. Gesprochen haben wir nie darüber; auch im Freundeskreis nicht.

Dennoch bemühten sich die meinem Ministerium unterstellten Dienststellen der Rüstungsinspektion Berlin, die in der Rüstung beschäftigten Juden vor der Deportation zu bewahren. Im nachhinein ist es schwer zu sagen, wieviel menschliche Empfindungen hinter dem Argument verborgen waren, daß die Arbeitskräfte dem Produktionsprozeß erhalten werden müßten.

Das wird von Fall zu Fall verschieden gewesen sein. Aus den Akten gehen aber die Versuche hervor, immer mehr Juden in den Berliner Rüstungsfabriken zu beschäftigen, womit sie automatisch aufs erste dem Abtransport in den Osten entzogen waren.

Ich sehe heute bei der Lektüre jener alten Dokumente aber auch, daß Stellungnahmen in jener entschiedenen Sprache fehlen, mit der ich doch sonst selbst in Bagatellangelegenheiten Heinrich Himmler, dem Chef der SS, entgegentrat. Nur vorsichtig versuchte mein Ministerium, die Lage der Juden zu verbessern, und sicherlich geschah das häufig tatsächlich nur, um ihre Arbeitsleistung zu erhalten.

In allen Fragen, die direkt oder indirekt mit dem Schicksal der Juden zu tun hatten, gab es keine Rücksicht. Hier war es kaum einmal möglich, Ausnahmeregelungen durchzusetzen; bei jeder eigenmächtigen Handlung drohten persönliche Gefahren.

Ein führender Parteigenosse konnte durch Unzuverlässigkeit, durch persönliches Versagen, selbst durch Korruption belastet sein -- das nahmen Hitler und Martin Bormann, der Chef der Parteikanzlei, notfalls hin; niemals aber ein offenes Einstehen für die Juden. Jede Regung dieser Art bedeutete augenblicklich Verlust von Rang und Ansehen, den Sturz in das Nichts.

Ich habe nur einen einzigen offenen Widerspruch erlebt -- als Henriette S.109 von Schirach, die Frau des Wiener Reichsstatthalters, sich auf dem Obersalzberg bei Hitler über die Massentransporte von Juden erregte, die sie aus nächster Nähe in Holland erlebt hatte.

Henriette war eine seiner vertrautesten Freundinnen aus der frühen Zeit. Deshalb hatte sie sich bis dahin auch manches unbotmäßige Wort herausnehmen können, das wegen seiner wie selbstverständlich vorgebrachten Kühnheit eine scharfe Reaktion Hitlers hätte erwarten lassen; aber diese blieb regelmäßig aus. Nun hatte sie sich für die Juden eingesetzt. Noch in derselben Nacht mußte sie den Berghof verlassen. Hitler hat beide Schirachs nie wieder empfangen.

Um den Verbleib der Berliner Juden in der Stadt und damit an ihrem Arbeitsplatz war seit dem Herbst 1941 zwischen der Rüstungsinspektion III und den Parteistellen gerungen worden. Propagandaminister und Gauleiter Joseph Goebbels forderte damals einen totalen Abtransport der Juden aus seinem Gau Berlin. Bald begann die Deportation.

»m 15. November 1941 berichtete die Berliner Rüstungsinspektion: » » Die Fortschaffung von rund 75 000 Juden aus Berlin, von denen » » rund 20 000 an wichtigen Arbeitsplätzen eingesetzt sind, » » greift auch in die Frage der Arbeiterersatzbeschaffung ein. » » Eine Ersatzgestellung in Gestalt von deutschen Arbeitskräften » » durch das Arbeitsamt ist ausgeschlossen. Bis zum 4. Dezember » » 1941 sollen weitere 15 000 Juden, und dann ab Februar 1942 » » der Rest evakuiert werden. »

In der Tat begannen die ersten Transporte jüdischer Männer und Frauen am 18. Oktober 1941 und dauerten bis zum 25. Januar 1942. In zehn Zügen wurden in diesen drei Monaten etwa 8000 Juden ihrem Schicksal überliefert.

»Wegen Mangel an Ersatz eingearbeiteter Kräfte und wegen Mangel an Transportraum wurde die vorgesehene weitere Umsiedlung der Juden Anfang 1942 eingestellt«, heißt es im Bericht der Rüstungsinspektion III. Aber gleichzeitig wurden die verbliebenen »Juden, die früher häufig einzeln in Betrieben gearbeitet hatten, zu geschlossenen Gruppen, Betriebsabteilungen oder Judenschichten zusammengefaßt. Hier arbeiteten sie von der arischen Gefolgschaft getrennt« (so die Rüstungsinspektion).

Als ich am 8. Februar 1942 mein Amt als Rüstungsminister antrat, fand ich einen akuten Mangel an Waffen und Munition aller Art vor, dessen baldige Behebung, wie die Generale mir in aller Kühle mitteilten, über den weiteren Verlauf des Krieges entscheiden würde. Allein diese akute Notlage führte zu einer Verlangsamung der Transporte der jüdischen Arbeiter in den Osten.

Diese Notlage konnte ich auch ins Feld führen, als ich wenige Wochen später meine Gespräche mit Bormann aufnahm. Am 13. März 1942 erließ Bormann »auf Vorschlag von Reichsminister Speer« ein Rundschreiben an die Dienststellen, in dem es unter anderem heißt:

»Wenn Betriebsführer von Rüstungsbetrieben in einzelnen Gauen auch künftig noch Juden beschäftigen, so darf ihnen daraus, zumal sie dies einer Weisung des Reichsministers für Bewaffnung und Munition entsprechend tun, keineswegs ein Vorwurf gemacht werden. Ich bitte die Gauleiter, die Betriebsführer von Rüstungsbetrieben, die weisungsgemäß noch Juden beschäftigen, gegen Angriffe und den Verdacht der Judenfreundlichkeit in Schutz zu nehmen.«

Goebbels, der in vielerlei Hinsicht die treibende Kraft hinter allen judenfeindlichen Maßnahmen war und darin zeitweise sogar Himmler übertraf, nahm das jedoch nicht hin. Am 17. Mai 1942 trug er in sein Tagebuch ein: »Ich strebe eine Aufhebung dieser Verordnung an und werde alle die Juden, die unmittelbar in kriegswichtigen Betrieben beschäftigt sind, aus Berlin herauszubringen versuchen.«

Es dauerte jedoch noch vier Monate, bis am 22. September 1942 Hitler dem für die Arbeitskräfte verantwortlichen Generalbevollmächtigten Fritz Sauckel befahl, die Juden nun endgültig aus allen Rüstungsbetrieben im Reich herauszuziehen.

Ich machte Hitler darauf aufmerksam, daß der Verlust der jüdischen Arbeiter einen folgenschweren Eingriff in die Rüstung bedeutete; aber Sauckel versicherte, er könne vollwertigen Ersatz mit Fremdarbeitern stellen, und so war mein Argument ohne Gewicht.

Triumphierend vermerkte Goebbels am 30. September 1942 in seinem Tagebuch: »Der Führer gibt noch einmal seiner Entschlossenheit Ausdruck, die Juden unter allen Umständen aus Berlin herauszubringen. Auch die Sprüche unserer Wirtschaftssachverständigen und Industriellen, daß sie auf die sogenannte jüdische Feinarbeit nicht verzichten könnten, imponieren ihm nicht.«

Vom 19. Oktober 1942 an wurde die Ernährung der arbeitenden Juden in einem Umfang beschnitten, der ihre Arbeitsfähigkeit bedrohte. Von nun an S.111 erhielten sie überhaupt keine Fleisch- und Eierkarten mehr. Es muß als Zeichen von Resignation gelten, daß aus den Akten der Rüstungsinspektion kein Protestschritt gegen diese Maßnahme mehr feststellbar ist.

Vier Wochen später verkündete Himmler vor SS-Junkern: »Der Jude ist aus Deutschland ausgesiedelt.« Das war voreilig, denn es gab immerhin noch die Berliner jüdischen Arbeiter, die im Produktionsprozeß geduldet wurden, wie auch ein Rundschreiben »auckels ausweist, das er am 26. November versandte: Im » » Einvernehmen mit dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD » » sollen nunmehr auch die noch in Arbeit eingesetzten Juden aus » » dem Reichsgebiet evakuiert und durch Polen, die aus dem » » Generalgouvernement ausgesiedelt werden, ersetzt werden. Die » » sogenannten »qualifizierten« jüdischen Arbeitskräfte werden » » den Betrieben so lange belassen, bis der polnische Ersatz » » durch eine von Fall zu Fall zu bestimmende Anlernzeit mit den » » Arbeitsvorgängen hinreichend vertraut gemacht worden ist. »

Es folgte aus den umfassenden Vollmachten Sauckels und seiner Arbeitsämter, daß ihm die Feststellung überlassen war, wann der gestellte Ersatz als vollwertig angesehen werden konnte. Das war ein Zustand, der von mir und meinen Dienststellen immer wieder kritisiert wurde, weil so außenstehende Nichtfachleute in den Produktionsprozeß eingriffen.

Aber wieder vergingen merkwürdigerweise über drei Monate, in denen nichts geschah. Dann rief mich Goebbels in den letzten Tagen des Februar 1943 an. Er erklärte mit äußerster Entschiedenheit, daß keine Juden noch länger in Berlin verbleiben könnten; Sauckel habe ihm soeben die endgültige Zusage gegeben, für diese jüdischen Arbeitskräfte polnischen Ersatz zu stellen. Auf das Wort Sauckels, eines alten Parteigenossen, sei Verlaß; was er verspreche, werde er auch halten.

Ich war schwach genug, Goebbels zu erklären, daß ich unter diesen Umständen keine Einwände mehr geltend machen könne. Einige Tage später, am 27. Februar, fand die Evakuierung statt, die Sauckel dann in einem Rundschreiben erläuterte.

US-Chefankläger Robert H. Jackson hielt mir im Nürnberger Prozeß den Text vor: »Im Einvernehmen mit mir und dem Herrn Reichsminister für Bewaffnung und Munition hat der Reichsführer-SS aus Gründen der Staatssicherheit die bisher im freien Arbeitsverhältnis tätigen, nicht lagermäßig eingesetzten Juden Ende Februar von ihren Arbeitsplätzen abgezogen und einem geschlossenen Einsatz zugeführt oder zur Fortschaffung zusammengezogen.«

Legationsrat Hermann Bücher, der Vorstandsvorsitzende der AEG, hatte sich in den letzten zwei Jahren mit besonderer Eindringlichkeit dafür eingesetzt, daß möglichst viele der in seinen Werken beschäftigten Juden von den Transporten ausgenommen würden. Sogleich nach der Besprechung mit Goebbels vereinbarte ich daher ein Treffen mit Bücher.

Er war erschüttert über meine Nachrichten. Immer wieder wiederholte er leise: »Das wird uns nie verziehen werden. Diese Schuld müssen wir irgendwann teuer einlösen.«

Vergebens versuchte ich ihm darzustellen, daß es für mich keine Möglichkeit des Widerspruchs gegeben habe. Tief enttäuscht über meine Nachgiebigkeit, verabschiedete sich Bücher von mir.

Mehr als drei Jahre hatten diese Juden in Berliner Fabriken, vornehmlich der Elektroindustrie, Arbeitsplätze gefunden, die ihnen und ihren Familien einige Sicherheit gaben und ihnen sogar ihre Wohnungen erhalten hatten; jetzt war auch ihre Stunde gekommen.

Der Rüstungskommandeur Berlin trug folgende Notiz ein: »Am 27. Februar erfolgte überraschend und schlagartig der Abzug aller noch im Arbeitsprozeß stehenden Juden, ca. S.113 11 000 im Rüstungssektor. Da die Juden vielfach in geschlossenen Abteilungen, teilweise an wichtigen Programmen eingesetzt waren, mußte mit allen Mitteln versucht werden, umgehend Ersatz zu stellen. Dies war nur dadurch möglich, daß alle in der ersten Hälfte des März eintreffenden Westarbeiter ausschließlich hierzu herangezogen wurden.«

Sauckel hatte also sein Versprechen nicht gehalten, der zugesagte vollwertige Ersatz wurde nie gestellt; die Lücken mußten durch Heranziehung von Arbeitskräften geschlossen werden, die für andere Fertigungen eingeteilt gewesen waren. Trotz unserer Notlage wurde von Sauckel auch keine Anlernzeit der Ersatzkräfte berücksichtigt, nach der der Abtransport der Juden erst zulässig sein sollte.

Goebbels war dennoch unzufrieden. Aufgebracht schrieb er wenige Tage später in sein Tagebuch: »Leider hat sich auch hier wieder herausgestellt, daß die besseren Kreise, insbesondere die Intellektuellen, unsere Judenpolitik nicht verstehen und sich zum Teil auf die Seite der Juden stellen. Infolgedessen ist unsere Aktion vorzeitig verraten worden, so daß uns eine ganze Menge von Juden durch die Hände gewischt sind.«

Kurz danach wiederholte er seine Klage: »Daß die Juden an einem Tage verhaftet werden sollten, hat sich infolge des kurzsichtigen Verhaltens von Industriellen, die die Juden rechtzeitig warnten, als Schlag ins Wasser herausgestellt. Im ganzen sind wir 4000 Juden dabei nicht habhaft geworden.«

Viele mögen tatsächlich untergetaucht und von Freunden bis zum Kriegsende versteckt worden sein. Nicht wenige überlebten, wie beispielsweise Dr. Ernst Ludwig Ehrlich, heute Direktor der jüdischen Organisation B''nai B''rith.

Er erzählte mir, daß damals an zahlreiche gefährdete Juden Ausweise meines Ministeriums ausgehändigt wurden, mit denen eigentlich nur meine wichtigen Mitarbeiter versehen waren. Der Ausweis wies die Organe der Wehrmacht, der Polizei und der SS an, den Träger frei passieren zu lassen.

Ehrlich war mit einem solchen Ausweis unbehindert bis zur Schweizer Grenze gelangt, wo ihm der Übertritt gelang. Ich habe nicht mehr feststellen können, wer der mutige Mann in meinem Ministerium gewesen ist, der diese Aktion auf eigene Faust inszenierte.

Die Partei war von der Reaktion der Bevölkerung schockiert. Schon Ende 1941 hatte sich Goebbels in meiner Gegenwart bei Hitler vor allem über die Berliner beklagt: »Die Einführung des Judensterns hat genau das Gegenteil von dem bewirkt, was erreicht werden sollte, mein Führer! Wir wollten die Juden aus der Volksgemeinschaft ausschließen. Aber die einfachen Menschen meiden sie nicht, im Gegenteil! Sie zeigen überall Sympathie für sie. Dieses Volk ist einfach noch nicht reif und steckt voller Gefühlsduseleien!«

Die Eintragungen in Goebbels'' Tagebüchern machen deutlich, daß die Härte des Krieges die Abneigung der Bevölkerung gegen die Judenmaßnahmen eher noch gesteigert hatte. Es waren nicht nur die besseren Kreise, insbesondere die Intellektuellen, die unsere Judenpolitik nicht verstanden und sich zum Teil auf die Seite der Juden stellten, wie Goebbels formuliert hatte.

Genauso deutlich sprach sich Himmler in seiner Posener Rede vor den SS-Gruppenführern am 4. Oktober 1943 aus. Mit sarkastischem Humor, in dem Himmler oft seinem Ärger Ausdruck gab, sagte er: »Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden! Es ist klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude.«

Auch Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, hatte, wie er schon am 4. Oktober 1941 dem Gauleiter Alfred Meyer erklärte, den Verdacht, daß die deutschen Industriellen judenfreundlich seien. Dies erinnerte an die Verdächtigungen von Goebbels und Himmler, die deutsche Wirtschaft sabotiere die klare Judenpolitik des Reiches.

Es bestehe, so sagte Heydrich, in den besetzten Ostgebieten »die Gefahr, daß vor allem von seiten der Wirtschaft in zahlreichen Fällen Juden als unentbehrliche Arbeitskräfte reklamiert würden und daß sich niemand bemühe, anstelle der Juden andere Arbeitskräfte zu bekommen. Dies würde aber den Plan einer totalen Aussiedlung der Juden aus den von uns besetzten Gebieten zunichte machen«.

Heydrich bestätigte damit nur die Generallinie, die Göring einige Monate zuvor in einem Brief umrissen hatte: »Es ist dafür zu sorgen, daß Juden nur in Produktionen verwendet werden, die keine bemerkenswerte Unterbrechung erfahren, wenn diese Arbeitskräfte schnell abgezogen werden sollten. Es muß jedenfalls vermieden werden, daß jüdische Arbeiter unersetzlich werden in wichtigen Produktionen.«

Dennoch gingen die Pläne weiter, Rüstungsbetriebe mit jüdischen Arbeitern zu betreiben. Die Anweisungen widersprachen S.116 sich fast täglich. So arbeitete in eben diesen Monaten der Rüstungsinspekteur des Generalgouvernements, Generalleutnant Schindler, ungerührt daran, polnische und ukrainische Facharbeiter der Wehrmachtbetriebe im Generalgouvernement durch 100 000 jüdische Facharbeiter zu ersetzen.

Dieses Vorhaben stimmte ja mit den Plänen überein, die nicht nur Himmler, sondern zur gleichen Zeit auch Obergruppenführer Oswald Pohl, der Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, mit mir und meinen Mitarbeitern verfolgte.

Am 20. Juni 1942 bekundete denn auch Schindler die Absicht, mit Pohl direkt zu verhandeln, um Bekleidungs- und Schuhfabriken aus dem Reich nach dem Generalgouvernement zu verlegen und sie dort mit jüdischen Arbeitern zu betreiben.

Längst aber gab es keine klare Linie mehr. Am 21. Juni 1942 meldete eine Dachpappenfabrik in Tarnow den Ausfall ihrer Produktion, weil alle jüdischen Arbeiter abtransportiert worden seien. Zunächst blieb das ein Einzelfall, aber am 19. Juli gab Himmler den entscheidenden Befehl.

Er teilte dem SS-Obergruppenführer Friedrich-Wilhelm Krüger, seinem Vertreter im Generalgouvernement, mit, daß die Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements bis 31. Dezember 1942 durchgeführt und beendet sein müsse; nach dem 31. Dezember 1942 dürften sich keinerlei Personen jüdischer Herkunft mehr im Generalgouvernement aufhalten -- es sei denn, in den Sammellagern Warschau, Krakau, Tschenstochau, Radom, Lublin.

Himmler: »Alle anderen Arbeitsvorkommen, die jüdische Arbeitskräfte beschäftigen, haben bis dorthin beendet, oder, falls ihre Beendigung nicht möglich ist, in eines der Sammellager verlegt zu sein. Alle Gesuche anderer Dienststellen um Abänderung sowie Ausnahmegenehmigungen sind mir persönlich vorzulegen.«

Allerdings bemühte sich im gleichen Monat das Rüstungskommando Warschau, wie er notierte, »fortgesetzt, mit dem SS- und Polizeiführer und anderen Dienststellen die Schwierigkeiten, die entstanden, zu beseitigen und die für die Fertigung notwendigen jüdischen Arbeitskräfte sicherzustellen«.

Ein Teilerfolg schien sichtbar, denn »das Rüstungs-Kommando legte mit der Polizei und anderen zivilen Dienststellen genau fest, welche Betriebe in wirtschaftlichem Interesse im Warschauer Getto mit jüdischen Arbeitskräften weitergeführt werden sollen«.

Himmlers Mißtrauen war berechtigt. Sein Befehl führte in den nächsten Monaten zu ungewöhnlich deutlichen Protesten der Wehrmacht, die mit vielen wichtigen Fertigungen betroffen war. Das zeigt sich am Fall Przemysl.

Aus einem Aktenvermerk des SS-Hauptsturmführers Fellenz vom 27. Juli 1942 wird ersichtlich, daß ein Befehl Krügers »die Altersgrenze der verbleibenden, im Arbeitseinsatz stehenden Juden auf 16 bis 35 Jahre« festlegte. »Die Belange der Ostbahn und der Wehrmacht seien möglichst zu berücksichtigen.«

Er, Fellenz, habe daher als Beauftragter der SS für den Bezirk Krakau »gestattet, daß in tatsächlichen Ausnahmefällen, in denen Juden, die besondere Spezialarbeiter sind, z. B. Werkmeister im Spezialfach, trotz Überschreitung der Altersgrenze einstweilig verbleiben können«.

Es scheint sich um eine den örtlich gegebenen Verhältnissen angepaßte Auflockerung des Himmlerschen Befehls gehandelt zu haben. Der Ortskommandant von Przemysl, Major Lietke, mußte jedoch bereits schlechte Erfahrungen mit solchen Zusagen der SS gemacht haben.

Der Leiter der Sicherheitspolizei in Przemysl, SS-Untersturmführer Benthin, berichtete nämlich am gleichen 27. Juli, Lietke habe in Erfahrung gebracht, »daß etwa 95 Prozent seiner jüdischen Arbeiter für einen Abtransport vorgesehen seien. Er wies auf die von ihm durchzuführenden dringenden Wehrmachtsarbeiten hin. Insbesondere betonte der Ortskommandant, daß hier in Przemysl die Hauptnachschublager für die Südarmeen seien und daß er dringend Arbeiter hierfür benötige. Wenn keine Regelung gefunden würde, so würde er sich beim Militärbefehlshaber im Generalgouvernement, General von Gienanth, beschweren«.

Gleichzeitig wies die Ortskommandantur Benthin auf einen Befehl hin, der in offenem Widerspruch zu den Anweisungen der SS stand und allen Ortskommandanturen durch Sonderkuriere des Militärbefehlshabers »ugestellt worden war: Betrifft Arbeitseinsatz der Juden. Wie » » bereits mündlich durch den Adjutanten mitgeteilt, ist nunmehr » » befohlen, daß die jüdischen Stammarbeiter sofort zu » » kasernieren und militärisch sicherzustellen sind, um » » Störungen im Nachschub an die Front und bei dringlichen » » Arbeiten vorzubeugen. Es wird weiterhin gebeten, soweit » » möglich, weitere jüdische Arbeitskräfte zur Verfügung zu » » stellen, da auf Befehl des Intendanten des » » Militärbefehlshabers Eingang zum Warschauer Getto: »Wir » » ahnten Ungeheuerlichkeiten« im Generalgouvernement, in » » Przemysl sofort ein neues Bauprogramm in Angriff zu nehmen » » ist und das Heeresbauamt wie auch andere Dienststellen » » Anträge auf Erhöhung der Zahl der Arbeitskräfte gestellt » » haben. »

Danach sollten in Zukunft die Kreishauptleute, also die örtlichen zivilen Stellen, »gegenüber den Wehrmachtsjuden kein Weisungsrecht mehr haben. An Stelle des bisher gezahlten Lohnbetrages sind sie von der Wehrmacht zu verpflegen. Die Wehrmacht hat eigene Judenräte zu bestimmen. Diese Sonderbehandlung soll vermeiden, daß sich in Zukunft Übergriffe ziviler Dienststellen gegenüber den Wehrmachtsjuden wiederholen könnten«.

Benthin berichtete seinen Vorgesetzten sofort über diese offenkundig gegen die SS gerichteten Anweisungen, wobei er Details weitergab, die ihm Ortskommandant Lietke mündlich bekanntgegeben hatte.

Sie waren in der Tat explosiv genug: »Die Wehrmachtsjuden würden innerhalb des jetzigen Gettos geschlossen untergebracht werden. Sie würden unter militärischen Schutz gestellt. Der Ortskommandant äußerte wörtlich, daß er im Rahmen seiner Zuständigkeit eine jüdische Gemeinde aufbauen werde, die mustergültig sein wird. Ferner wolle er zunächst eine Kompanie Soldaten zur Bewachung einsetzen, was voraussichtlich jedoch nicht durchgeführt werden wird.«

Mit großer Arroganz, die die Machtstellung der SS selbst auf der untersten Ebene illustriert, teilte Benthin jedoch mit, daß er sich an die Wehrmachtsverfügungen nicht halten werde.

Natürlich werde, so fuhr Benthin fort, »in Parteikreisen die geplante soziale Besserstellung der Wehrmachtsjuden stark kritisiert. Die Behandlung der Judenfrage ist ein Schauspiel deutscher Uneinigkeit. Die Wehrmachtsjuden werden noch einmal mit Sehnsucht an die Zeit zurückdenken, als sie noch unter dem Schutz der deutschen Wehrmacht standen«.

Die SS ging tatsächlich über alle Anweisungen des Militärbefehlshabers einfach zur Tagesordnung über. Eine Woche nach dieser Rebellion der Armee gegen die Verschickungsvorhaben der SS, am 3. August 1942, meldete das Oberfeldkommando Warschau, zwei Tage später das Oberfeldkommando Radom, daß seitens der Polizei bereits die Judentransporte stattfänden. Wichtige Arbeiten für den Nachschub des Heeres könnten nun nicht mehr durchgeführt werden; beispielsweise sei bereits die Frontversorgung mit Lebensmitteln in Gefahr.

General von Gienanth hielt es in dieser sich zuspitzenden Lage für zweckmäßig, nun die mir unterstehende Rüstungsinspektion einzuschalten. Damit umging er seinen Vorgesetzten, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, von dem er ohnedies keine Unterstützung zu erwarten hatte.

Daraufhin fand am 15. August in Krakau eine ergebnislose Besprechung S.120 zwischen Vertretern der Rüstungsinspektion des Generalgouvernements und Vertretern der SS statt.

Nach dem Protokoll der Rüstungsinspektion »erklärten die Vertreter der SS: Nach der Auffassung des Reichsmarschalls (Göring) müsse davon abgegangen werden, daß der Jude unentbehrlich sei. Weder die Rüstungsinspektion noch die sonstigen Dienststellen im Generalgouvernement würden die Juden bis zum Kriegsende behalten. Die ergangenen Befehle seien klar und hart«.

Ferner: »Unter diesen Umständen sei es nicht lohnend, Juden als Facharbeiter anzulernen. Kapitän Gartzke unterstrich demgegenüber, daß die Rüstungsinspektion die Juden brauche, da die Aufträge zunähmen. Er betonte, daß ein Ersatz der Juden, die in Betrieben der Rüstungsinspektion als angelernte Arbeiter tätig seien, von heute auf morgen nicht möglich sei.«

Am Ende wurde ein Kompromiß geschlossen, der zunächst für das Warschauer Getto galt, die wichtigste Arbeitsstätte: »Die in den Betrieben der Rüstungsinspektion beschäftigten Juden werden in einem besonderen rüstungswirtschaftlichen Getto zusammengefaßt, kommen also mit den anderen Juden nicht mehr in Berührung. Eine Sichtung dieser Juden nach Altersklassen wird zunächst zurückgestellt.«

Diese Vereinbarung entsprach jedoch nicht Himmlers Intentionen, denn sie ließ den Heeresbetrieben eine gewisse Selbständigkeit. Sie hatte daher auch nur zwei Tage Gültigkeit.

Am 17. August 1942 bereits wurde Generalleutnant Schindler durch SS-Obergruppenführer Krüger unterrichtet, daß das Warschauer Getto überhaupt aufgelöst werde und alle bisherigen Vereinbarungen als ungültig zu betrachten seien. Alle jüdischen Arbeitskräfte würden in Zukunft von der SS übernommen und erst dann der Rüstung zur Verfügung gestellt -- was genau der Absicht Pohls entsprach, über die Juden seine Konzernbestrebungen zu fördern.

Die entmachtete Rüstungsinspektion sollte allerdings die Baracken stellen, was noch dazu eine wirtschaftliche Verschwendung bedeutete, denn die Juden hatten ja bisher in Häusern gewohnt, die nun leer stehen würden. Zudem war bei dem Mangel an Baracken diese Forderung praktisch unerfüllbar.

Auf jeden Fall lief das alles auf eine monatelange Unterbrechung der Produktion hinaus, denn die Fabriken mußten umziehen, der Betrieb mühsam wieder in Gang gebracht werden.

Als wäre es seine ureigenste Angelegenheit, übertrumpfte am 5. September Feldmarschall Keitel noch Himmler, der wenigstens die Erhaltung der bereits für die Rüstung arbeitenden Juden zugestanden hatte. Obwohl Keitel seit der Übergabe der Rüstungsinspektionen an mich im März 1942 gar nicht mehr für die Rüstung zuständig war, »efahl er dem Militärbefehlshaber Gienanth: Die im » » Generalgouvernement von der Wehrmacht für militärische » » Hilfsdienste und in der Rüstungswirtschaft beschäftigten » » Juden sind sofort durch Polen, das heißt Nichtjuden, zu » » ersetzen. Durchführung ist zu melden. »

Natürlich wußte Keitel, daß sein Erlaß die größten Schwierigkeiten hervorrufen mußte, weil ein Ersatz der jüdischen Arbeitskräfte durch Polen gar nicht möglich war. So handelt es sich denn auch um nichts anderes als um eines jener berüchtigten »Deckungsschreiben«, mit denen Keitel sich vor möglichen Vorwürfen Hitlers abzusichern pflegte.

Falls Himmler den »Führer« gegen die in Judenfragen widerspenstigen S.123 Heeresdienststellen mobilisieren würde, so konnte er, Keitel, wie in solchen Fällen üblich, das dem Inhalt nach unnütze Schreiben hervorziehen und eines Lobes Hitlers sicher sein.

Mit dieser Rückendeckung führte Himmler vier Tage später, am 9. September, ein Telephongespräch mit SS-Obergruppenführer Wolf, der sich im Hauptquartier aufhielt, in dem er ohne große Umschweife forderte: »Militär-Befehlshaber im Generalgouvernement muß abgesetzt werden.«

Vermutlich waren zahlreiche Berichte, ähnlich dem des lokalen SS-Führers Benthin, auf Himmlers Schreibtisch gelandet. Nach der Vorgeschichte konnte er sicher sein, daß Keitel seiner Forderung nach einer Ablösung des widerspenstigen Generals nachgeben werde.

Am 18. September wandte sich General von Gienanth nun ganz offen gegen die Durchführung der Anordnung seines höchsten militärischen Chefs; er verweigerte trotz des Keitelschen Befehls die sofortige Freigabe der Juden an die SS.

In einem langen Schreiben wies er in kühler Objektivität das Führungsorgan Keitels, den Wehrmachtsführungsstab, auf die unvermeidlichen Produktionsverluste hin, wenn die Juden aus der Wehrmachtsfertigung entfernt würden.

Dieses Schreiben mußte, selbst wenn es keine Himmlersche Absetzungsforderung gegeben hätte, zur sofortigen Ablösung Gienanths führen, vor allem, da er sich noch nicht einmal in der Sprache Zurückhaltung auferlegte.

Gienanth, nun gegen Himmler und Keitel gleicherweise kämpfend, machte ungerührt deutlich, daß »bis jetzt für das Generalgouvernement angeordnet war, die polnischen und ukrainischen Arbeiter zwecks Freimachung für das Reich durch jüdische Arbeiter zu ersetzen.

Zur Ausnutzung der jüdischen Arbeitskräfte für den Krieg wurden rein jüdische Betriebe oder Teilbetriebe gebildet und Judenlager zum Einsatz bei den Betrieben aufgestellt. Nach den Unterlagen der Regierung -- Hauptabteilung Arbeit -- beträgt die Gesamtzahl der gewerblichen Arbeiter im Generalgouvernement etwas mehr als eine Million, hiervon über 300 000 Juden. Unter diesen sind etwa 100 000 Facharbeiter«.

Weiter hieß es: »In den einzelnen, für die Wehrmacht arbeitenden Betrieben schwankt die Zahl der Juden unter den Facharbeitern zwischen 25--100 Prozent; sie beträgt 100 Prozent bei den für die Winterbekleidung arbeitenden Textilbetrieben. In anderen Betrieben, zum Beispiel in der wichtigen Fahrzeugfabrikation Typ ''Fuhrmann'' und ''Pleskau'', sind die Schlüsselkräfte, die Stellmacher, hauptsächlich Juden. Sattler sind mit geringen Ausnahmen Juden.«

Und: »Für die Uniform-Instandsetzung sind bei Privatfirmen zur Zeit insgesamt 22 700 Arbeiter tätig, davon sind 22 000, das heißt 97 Prozent, Juden, darunter rund 16 000 Fachkräfte in den Textil- und Lederwerken. Ein rein jüdischer Betrieb mit 168 Arbeitern fertigt Geschirrbeschläge. Hiervon ist abhängig die gesamte Fertigung von Geschirren im Generalgouvernement, in der Ukraine und zum Teil im Reich.«

Die zumeist ohne Benachrichtigung der Wehrmachtdienststellen einsetzende Aussiedlung der Juden habe »starke Erschwerungen im Nachschub und Verzögerungen in der kriegswirtschaftlichen Sofortproduktion gebracht. Arbeiten der höchsten Dringlichkeitsstufe ''Winter'' können nicht fristgemäß erledigt werden. Sofortige Entfernung der Juden hätte zur Folge, daß das Kriegspotential des Reiches erheblich gedrückt und die Versorgung der Front sowie der Truppen im Generalgouvernement augenblicklich stocken würde«.

Daß der Befehl Keitels nicht durchführbar sei, bestätigte auch der Direktor des Hauptarbeitsamtes Warschau, zu dessen oberstem Chef Gauleiter Sauckel bestellt worden war. Der Direktor erklärte bei einer Besprechung am 15. September, daß er nicht in der Lage sei, auch nur einen Polen zum Ersatz der Juden zu stellen.

Sauckel müsse »auf die bis Ende dieses Jahres durchzuführende Abgabe von 140 000 Polen an das Reich verzichten«, schrieb General Gienanth an den Wehrmachtsführungsstab, wenn die Katastrophe eines Zusammenbruchs der Rüstungsfertigung im Generalgouvernement durch Entzug der Juden auch nur teilweise aufgefangen werden solle.

Angesichts dieses offenen Konflikts fand am 22. September 1942 bei Hitler eine Rüstungsbesprechung statt, zu der auf meinen Wunsch auch Sauckel hinzugezogen wurde. Sauckel stellte sich offen auf meine Seite, wobei er wie ich die Argumente unserer Dienststellen nutzte.

Vor die Entscheidung gestellt, entweder auf wertvolle Nachschubproduktionen oder auf 140 000 Polen zu verzichten, die in der deutschen Landwirtschaft dringend benötigt wurden, legte Hitler kurz und bündig fest: »Der Führer stimmt dem Vorschlag von Gauleiter Sauckel zu, nach dem die jüdischen Facharbeiter im Generalgouvernement bleiben müssen.«

Hitler hatte dem wirtschaftlichen Zwang nachgegeben; Keitels Deckungsschreiben war zu früh verfaßt worden, Hitler hatte gegen seinen voreiligen Befehl entschieden.

Zwar modifizierte Himmler zehn Tage nach dieser Entscheidung Hitlers, am 9. Oktober, seine Verfügung, nach der bis zum 31. Dezember 1942 die Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements beendet sein solle; im übrigen aber hielt er unnachgiebig an seinen wirtschaftspolitischen Zielen fest.

Er ordnete erneut an, daß »die ganzen sogenannten Rüstungsarbeiter, die lediglich in Schneider-, Pelz- und Schusterwerkstätten arbeiten, an Ort und Stelle, d. h. also in Warschau oder Lublin in Konzentrationslagern« zusammengefaßt werden müßten.

Seine Wut über die Einmischung in seine Angelegenheiten kam zum S.125 Durchbruch, als er in seinem Schreiben fortfuhr, daß er »gegen alle diejenigen jedoch, die glauben, hier mit angeblichen Rüstungsinteressen entgegentreten zu müssen, die in Wirklichkeit lediglich die Juden und ihre Geschäfte unterstützen wollen, Anweisung gegeben habe, unnachsichtig vorzugehen«.

Das Ziel der radikalen Ausrottung der polnischen Judenschaft war aber lediglich aufgeschoben. Himmler: »Es wird dann unser Bestreben sein, diese jüdischen Arbeitskräfte durch Polen zu ersetzen und die größere Anzahl dieser jüdischen Konzentrationslager-Betriebe in ein paar wenige jüdische KL-Großbetriebe tunlichst im Osten des Generalgouvernements zusammenzufassen. Jedoch auch dort sollen eines Tages dem Wunsche des Führers entsprechend die Juden verschwinden.«

Diese Formulierung zählt zu den Beweisen dafür, daß Hitler die Ermordung aller Juden nicht nur gebilligt, sondern selber angeordnet hat. Ein »Wunsch« Hitlers galt allgemein in der Hierarchie lediglich als ein in freundliche Form gekleideter Befehl.

Über seine vollkommene Machtlosigkeit angesichts dieser Lage hatte mir Schindler in Berlin berichtet, als er »über die geduldete Stellung des Rüstungsinspekteurs im Generalgouvernement« sprach. Er meldete mir, daß er Himmlers Räumungsbefehl nicht verhindern könne, obwohl er doch der zuständige General sei.

»Der Minister wünschte«, fährt die Chronik meines Ministeriums fort, »eine energische Vertretung seiner Interessen gegenüber der Regierung des Generalgouvernements.« Das war jedoch eine unbillige Forderung, die angesichts der Machtverhältnisse bloße Theorie bleiben mußte. Längst war entschieden worden, daß in der Judenfrage Himmler auch im Generalgouvernement allein zu befehlen hatte.

Wenige Tage später, am 4. Oktober 1942, wurde General Gienanth abgelöst. Hitlers Sinneswandel hatte nichts bewirkt.

Am 10. Oktober wurde dem Nachfolger Gienanths, General Haenicke, vom Wehrmachtsführungsstab, also aus Keitels unmittelbarem Befehlsbereich, mitgeteilt: »Das Oberkommando der Wehrmacht hält im Einvernehmen mit dem Reichsführer-SS an dem Grundsatz fest, daß die von der Wehrmacht zum militärischen Hilfsdienst und in der Rüstungswirtschaft beschäftigten Juden sofort durch arische Arbeitskräfte zu ersetzen sind.«

Diesem Schreiben war der neueste, oben zitierte Befehl Himmlers vom Vortage beigefügt, der den Juden lediglich eine Gnadenfrist setzte, um für den Krieg zu arbeiten. Keitel aber entschied überflüssigerweise noch einmal, daß sein ursprünglicher Rüstungsbefehl weiter gelte -- geradeso, als ob die Besprechung bei Hitler niemals stattgefunden hätte.

Die Ablösung Gienanths, der Befehl Himmlers und das neue Schreiben Keitels mußten auf Schindler deprimierend wirken. In seinem Tätigkeitsbericht über das dritte Quartal 1942 ging er denn auch von der Möglichkeit aus, daß in absehbarer Zeit jene 50 000 Juden, die noch in Betrieben der Rüstungsinspektion beschäftigt waren, durch Polen ersetzt werden müßten.

Trotz des eben erfolgten Sieges waren in den Augen Himmlers die Offiziere S.127 der Schindler unterstehenden Rüstungsinspektion nahezu Saboteure, die seine Befehle durchkreuzten. Vier Monate später ließ Himmler sich in Warschau »den örtlichen Mann der Heeresrüstungsinspektion, einen Oberst Freter, kommen«.

In Warschau befänden sich, so habe er Freter klargemacht, »noch rund 40 000 Juden. Davon sind rund 24 110 in Textil- und Pelzbetrieben. Ich habe dem Oberst Freter den Auftrag gegeben, dem Rüstungsinspekteur Generalleutnant Schindler mitzuteilen, daß ich erstaunt sei, daß meine Anweisungen bezüglich der Juden nicht befolgt würden. Ich habe nunmehr noch einmal eine Frist bis zum 15. Februar 1943 gestellt, in der folgende Dinge zu erfüllen sind: Sofortige Ausschaltung der privaten Firmen ... Die sofortige Übernahme der ganzen 16 000 Juden in ein KZ, am besten nach Lublin«.

Eine Vollzugsmeldung ließ nicht lange auf sich warten. Am 2. Februar 1943 meldete der für Warschau zuständige SS-Oberführer: »Die Vorbereitungen für die Verlagerung sämtlicher textilverarbeitender Betriebe, soweit sie Juden beschäftigen, sind in vollem Gange. Es werden insgesamt acht Betriebe mit etwa 20 000 jüdischen Arbeitskräften in das Konzentrationslager nach Lublin verbracht.«

Es läßt sich heute nicht mehr nachprüfen, ob die Vorbereitungen Himmlers zum Abtransport der Juden aus dem Warschauer Getto zum Ausbruch des Warschauer Getto-Aufstandes führten. Die Niederschlagung des Aufstandes jedenfalls förderte auf brutalste Weise die von Himmler geforderte Verlagerung der Gettobetriebe.

Am 21. April 1943 wird im Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion lapidar vermerkt: »Infolge zunehmender Unsicherheit im Warschauer Getto Verlegung sämtlicher jüdischer Arbeitskräfte der im Getto liegenden Bekleidungs- und Instandsetzungsbetriebe.«

Einige Tage danach meldete das »Rüstungskommando Warschau mit Funkspruch vom 26. April 1943, daß sich die Lage im Warschauer Getto verschärft und daß in Kürze Bekämpfung der dort befindlichen Widerstandsnester mit allen Mitteln erfolgt«.

Am 4. Mai 1943 heißt es: »Abzug der restlichen Juden aus den W-Betrieben (Wehrmachtbetriebe, im Gegensatz zu Rüstungsbetrieben) in der Nacht zum 4. Mai 1943.« Am nächsten Tag: »Die Gettobetriebe müssen in drei Tagen von allen Einrichtungen geräumt werden, da sie gesprengt werden.«

Gleichzeitig wurden auch in anderen Teilen des Generalgouvernements von der SS radikale Maßnahmen ergriffen. Am 30. April 1943 meldet »Rüstungskommando Lemberg, daß der Firma Schwarz u. Co. Lemberg auf Grund verschiedener dort vorgekommener Unregelmäßigkeiten sämtlich jüdischen Arbeitskräfte sowie die aus jüdischem Besitz stammenden Maschinen und Gerätschaften entzogen werden«.

Einen Monat später erklärte Generalgouverneur Hans Frank in einer Arbeitssitzung der Regierung seines Generalgouvernements, »er habe neulich erst wieder den Befehl erhalten, in ganz kurzer Zeit die Entjudung durchzuführen. Die Juden seien in großen Lagern zusammengefaßt worden und würden von dort für die Tagesarbeit an die Rüstungsbetriebe abgegeben. Der Reichsführer-SS wünsche aber, daß auch die Beschäftigung dieser Juden aufhöre. Er (Frank) glaube, daß dieser Wunsch des Reichsführers-SS wohl im Endeffekt nicht erfüllt werden könne. Er bitte, ihn zu ersuchen, von der Wegnahme dieser jüdischen Arbeitskräfte Abstand zu nehmen«.

Die in der Rede Franks sichtbare Tendenz zum Schutz seiner Betriebe war nicht neu, wie jetzt aus den Akten hervorgeht. Damals war ich schlecht unterrichtet und sah in ihm meinen Gegner. Ich wußte nicht, daß der Generalgouverneur eigentlich mein Bundesgenosse im Kampf um den ungestörten Einsatz der Juden in unseren Rüstungsbetrieben war.

Aber auch Frank war letzten Endes ohnmächtig. Himmlers Befehl wurde durchgeführt; wir alle standen dieser Entwicklung hilflos gegenüber. Aber selbst wenn Hitler noch einmal einer Ausnahmeregelung zugestimmt hätte, wäre der Warschauer Aufstand das Ende der Gettobetriebe gewesen.

Im nächsten Heft

Speer bittet Himmler um KZ-Häftlinge für die Rüstung

S.109

Die Fortschaffung von rund 75 000 Juden aus Berlin, von denen rund

20 000 an wichtigen Arbeitsplätzen eingesetzt sind, greift auch in

die Frage der Arbeiterersatzbeschaffung ein. Eine Ersatzgestellung

in Gestalt von deutschen Arbeitskräften durch das Arbeitsamt ist

ausgeschlossen. Bis zum 4. Dezember 1941 sollen weitere 15 000

Juden, und dann ab Februar 1942 der Rest evakuiert werden.

*

S.111

Im Einvernehmen mit dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD

sollen nunmehr auch die noch in Arbeit eingesetzten Juden aus dem

Reichsgebiet evakuiert und durch Polen, die aus dem

Generalgouvernement ausgesiedelt werden, ersetzt werden. Die

sogenannten »qualifizierten« jüdischen Arbeitskräfte werden den

Betrieben so lange belassen, bis der polnische Ersatz durch eine von

Fall zu Fall zu bestimmende Anlernzeit mit den Arbeitsvorgängen

hinreichend vertraut gemacht worden ist.

*

S.116

Betrifft Arbeitseinsatz der Juden. Wie bereits mündlich durch den

Adjutanten mitgeteilt, ist nunmehr befohlen, daß die jüdischen

Stammarbeiter sofort zu kasernieren und militärisch sicherzustellen

sind, um Störungen im Nachschub an die Front und bei dringlichen

Arbeiten vorzubeugen. Es wird weiterhin gebeten, soweit möglich,

weitere jüdische Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, da auf

Befehl des Intendanten des Militärbefehlshabers Eingang zum

Warschauer Getto: »Wir ahnten Ungeheuerlichkeiten« im

Generalgouvernement, in Przemysl sofort ein neues Bauprogramm in

Angriff zu nehmen ist und das Heeresbauamt wie auch andere

Dienststellen Anträge auf Erhöhung der Zahl der Arbeitskräfte

gestellt haben.

*

S.120

Die im Generalgouvernement von der Wehrmacht für militärische

Hilfsdienste und in der Rüstungswirtschaft beschäftigten Juden sind

sofort durch Polen, das heißt Nichtjuden, zu ersetzen. Durchführung

ist zu melden.

*

S.109Mit der Hitler-Geliebten Eva Braun.*

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.