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»Wir Bruderländer stehen fest«

Bisher geheimgehaltene SED-Akten beweisen: DDR-Staatschef Erich Honecker wollte 1981 die Nationale Volksarmee in Polen einmarschieren lassen, um der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc ein Ende zu bereiten. Nur weil General Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte, kam es nicht zur Intervention.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Fidel Castro sorgte sich um die Lage in Polen. Am Rande des 26. Parteitages der sowjetischen KP, Ende Februar 1981 in Moskau, sondierte der kubanische Staatschef bei einem Insider, was denn die Ostblockländer zu tun gedächten, um der von Streiks und Unruhen geschüttelten Warschauer Bruderpartei zu helfen.

Castros Gesprächspartner, SED-Chef Erich Honecker, malte schwarz in schwarz. In Polen beherrschten der Klerus und die »feindliche Führung« der Solidarnosc die Szene, die CIA wühle, die Nato mische sich ein, und die polnischen Genossen seien lasch: »So ungeschminkt muß ich dir die Lage schildern.«

Dann kam der Staatsratsvorsitzende zur heiklen Sache. »Wir Bruderländer stehen alle fest«, verkündete er, und: »Wenn die polnische Führung das so weiter treiben läßt, können wir nicht zulassen, daß das Schlimmste passiert. Wir sind entsprechend vorbereitet.« Es komme darauf an, »den günstigsten Moment zu wählen und diesen nicht zu verpassen, um mit bewaffneter Kraft, zusammen mit allen gesunden Kräften, die Konterrevolution zu schlagen und die Arbeiter-und-Bauern-Macht in Polen zu stabilisieren«.

Castro wollte dann noch wissen: »Was sagen die Ungarn und Rumänen?« Auch hier kein Wackeln. Honecker: »Genosse Kadar hat in Moskau an Hand der ungarischen Erfahrungen dargelegt, wie man die Konterrevolution 1956/57 liquidiert hat.«

Die markigen Sprüche des SED-Generalsekretärs sind verbürgt. Der Wortlaut des halbstündigen Gesprächs, an dem auch DDR-Ministerpräsident Willi Stoph und Politbüromitglied Hermann Axen teilnahmen, ist in den Parteiakten protokolliert, die bislang im geheimen Archiv der SED unter Verschluß lagen.

Die jetzt zutage geförderten Materialien aus Partei- und Armeeakten geben neue Aufschlüsse über die explosive Lage Polens vor einem Jahrzehnt. Besonders die DDR drängte damals auf gründliche Lösungen. Allein von Januar 1981 bis zur Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember befaßte sich das Politbüro der SED 35mal mit der Zuspitzung im Nachbarland.

In den Politbüropapieren wimmelt es von Verdikten: Die polnischen Genossen hätten »antisowjetische Tendenzen« geduldet, den Begriff »proletarischer Internationalismus« nicht gebührend oft verwendet, die »führende Rolle der Partei« unterbewertet und alle möglichen »klar von Lenin formulierten Gesetzmäßigkeiten« mißachtet.

Bereits auf dem Moskauer Ostblockgipfel im Dezember 1980 hat Honecker eine rasche sowjetische Intervention in Polen befürwortet; vor SED-Funktionären sagte er später, die Erfahrung der DDR mit Konterrevolutionären zeige, »daß man nicht nur politisch, sondern auch militärisch vorgehen muß«.

In bürokratisch rüdem Ton mahnte Honecker im Januar 1981 in Warschau Lieferverpflichtungen im Warenverkehr an. In einem Brief an den polnischen KP-Chef Stanislaw Kania heißt es: _____« Leider sind trotz der umfangreichen Transporthilfe » _____« der Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1980 1,1 » _____« Millionen t Steinkohle und 90 000 t Koks nicht geliefert » _____« worden . . . Deshalb möchte ich vorschlagen, beginnend » _____« mit dem Jahr 1981, zur bewährten Praxis der Einhaltung » _____« der gegenseitig eingegangenen Vereinbarungen zur » _____« Lieferung von Rohstoffen zurückzukehren - » _____« selbstverständlich nach dem Prinzip des äquivalenten » _____« Ausgleichs der gegenseitigen Lieferungen von Roh- und » _____« Brennstoffen. »

Für die kaum verklausulierte Drohung, dem Nachbarn den Benzinhahn abzudrehen, benutzte Honecker ("Werter Genosse Kania!") das distanzierende Sie.

Immer argwöhnischer beobachteten die SED-Oberen die Entwicklung im Osten. Ende 1980 wurden DDR-Studenten, die an den Hochschulen in Danzig und Stettin lernten, zurückgerufen. Die Staatssicherheit eröffnete im Solidarnosc-Land sogar eine »geheime Ostfront«, wie die ehemaligen Stasi-Oberstleutnants Günter Bohnsack und Herbert Brehmer in ihrem gerade erschienen Buch** berichten.

Danach startete die für Spionageabwehr zuständige Hauptabteilung II des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ohne Absprache mit den polnischen Kollegen Desinformationskampagnen gegen polnische Bürgerrechtler. Die Stasi zog in Polen Agentennetze auf, hörte ab und gründete Stützpunkte.

Daheim trommelten währenddessen die DDR-Medien. Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland (ND) veröffentlichte reihenweise Katastrophenberichte über »Chaos« und »Anarchie« beim Nachbarn, schrieb von »zügelloser Hetze« gegen Staatsorgane und vom Treiben »paramilitärischer Banden«.

Aufsätze über sowjetisch-polnische Manöver stimmten den DDR-Leser auf mögliche Disziplinierungsmaßnahmen ein. Am 14. Oktober 1981 druckte das ND einen Drohartikel der Moskauer Prawda nach. Tenor: »Die Erhaltung der revolutionären Errungenschaften des polnischen Volkes ist nicht nur dessen innere Frage.«

Für das SED-Politbüro sammelten die Stasi und der Nachrichtendienst der Nationalen Volksarmee (NVA) Material zur Einschätzung westlicher Reaktionen auf mögliche Zuspitzungen in Polen. In bombastisch aufgemachten Aufklärungsmeldungen ("Geheime Verschlußsache!") verdichteten die NVA-Agenten Hörensagen, anonyme Politikerzitate ** Günter Bohnsack, Herbert Brehmer: »Auf- _(trag: Irreführung. Wie die Stasi Politik ) _(im Westen machte«. Carlsen Verlag, ) _(Hamburg; 254 Seiten; 39,80 Mark. * Am ) _(30. August 1980 auf der Danziger ) _(Lenin-Werft nach Unterzeichnung einer ) _(Vereinbarung über die Gründung einer ) _(unabhängigen Gewerkschaft. ) und Diplomatentratsch zu der kühnen These, es herrsche allseits günstige Stimmung für einen Einmarsch.

Zwar sei die Reaktion der polnischen Armee auf eine Invasion schlecht absehbar und die Beteiligung der DDR besonders heikel. »Es gäbe keine Garantie, daß bei einem Einmarsch der Sowjetarmee nicht zurückgeschossen würde«, meldete der NVA-Dienst im Juli. »Trotz guter Beziehungen«, so sei von polnischen Militärs zu hören, seien »Schießereien unvermeidlich«.

Doch die Genossen von der Polnischen Arbeiterpartei (PVAP) stünden einer Invasion positiv gegenüber. »Ein im zentralen Parteiapparat tätiges Mitglied des Zentralkomitees« der PVAP habe ostdeutschen Konfidenten gesteckt, »die Sicherung des wahrhaften Sozialismus in der VR Polen sei nur durch Kräfte von außen möglich«.

Westliche Militärattaches, berichteten die Geheimdienstler am 29. April 1981, hätten sich damit abgefunden, daß »die Russen eingreifen müßten. Es bestände nur noch die Frage, wann sie dieses Risiko eingehen, ein Einmarsch sei aber unvermeidbar«. Der Westen werde »keine militärischen Aktionen unternehmen können«.

Die Stasi indes war skeptischer, dank einer Quelle, die im MfS als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) »Sekretär«, alias Manfred Stolpe, geführt wurde.

Als am 16. Juli 1981 eine kleine DDR-Kirchendelegation unter Leitung von Bischof Albrecht Schönherr nach Bonn reiste und dort Bundeskanzler Helmut Schmidt und Außenminister Hans-Dietrich Genscher besuchte, war auch der Oberkonsistorialrat Manfred Stolpe dabei.

Offiziell sollte er hinterher dem DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen, Klaus Gysi, berichten; unterderhand aber hatte Stolpe noch einen Nebenauftrag zu erledigen - MfS-Kontaktoffizier Oberstleutnant Joachim Wiegand von der Hauptabteilung XX/4 wollte Bonner Ansichten zur Polenlage hören.

Vier Tage nach dem Besuch, am 20. Juli 1981, informierte Stolpe den Ost-Berliner Staatssekretär in einem zweistündigen Treff über die Gespräche beim Kanzler, die sich vorwiegend um Polen gedreht hatten. Klaus Gysi protokollierte im Auftrag der Parteispitze, was Stolpe zu berichten wußte.

»Schmidtsche Monologe« (so Gysis Fassung des Reiseberichts) hätten zunächst der desolaten Lage Warschaus gegolten; die DDR-Politiker täten recht daran, der polnischen Seite gegenüber »herauszustellen, wie man bei uns arbeitet. Das müßten die Polen mal zur Kenntnis nehmen«. Den Ex-Parteichef Edward Gierek nannte Schmidt laut Stolpe »einen gestandenen Politiker, der aber leider von Ökonomie nichts verstanden habe«.

Des Kanzlers Hauptsorge, so die Stolpe-Botschaft, sei aber, daß er nach einem »Eingreifen« der UdSSR und der DDR in Polen handlungsunfähig werde und »danach keine Ostpolitik mehr möglich sei«. Dabei sei eine Intervention der Sowjets ohne DDR-Beteiligung noch »eher zu verkraften«. Fazit des Stolpe-Berichts: »Schmidt zittert um seine Politik und nicht um Polen.«

Mindestens zwei Tage vor dem Rapport bei Gysi muß Stolpe schon von seinen MfS-Vertrauten vernommen worden sein. Resultat: ein am 18. Juli auf fünf Schreibmaschinenseiten verfaßtes Resümee der Hauptabteilung XX/4 über den Rapport des IM »Sekretär«.

In der Stasi-Version klingen die Schmidt-Zitate weitaus kräftiger. Laut IM-Bericht sagte der Kanzler über Polens Ex-Parteichef, »daß Gierek keine Ahnung von ökonomischen Problemen habe und daß seine Naivität beängstigend« gewesen sei. Er, Schmidt, sei in Sorge, was geschehe, wenn in Polen die Ordnung zerbreche und »marschiert werden muß«.

Der westdeutsche Kanzler, berichtete IM »Sekretär« weiter, könne verstehen, »wenn sich die Sowjetunion engagiert, denn sie muß als Ordnungsmacht ihren Laden reinhalten. Aber wenn sich die DDR einmischt, wenn sich Deutsche einmischten, dann gäbe es absolutes Unverständnis«.

»Sollten alle Töpfe aus dem Schrank fallen«, warnte Schmidt laut IM »Sekretär«, müsse »die Frage der Vertragspolitik gestellt werden«.

Ob die SED-Führung von Helmut Schmidts Warnungen beeindruckt war, geht aus den Akten nicht hervor. Die polnischen Kommunisten jedenfalls hatten diesen Eindruck nicht.

»Die Herren Husak und Honecker«, so erinnerte sich Polens Ex-Präsident Wojciech Jaruzelski gegenüber dem SPIEGEL, »drängten aus Prag und Ost-Berlin immer unverhohlener Moskau zu radikalen Schritten.« In einem kürzlich auf polnisch erschienenen Erinnerungsbuch schreibt der ehemalige General, bei Honeckers Prag-Besuch im Dezember 1981 sei Hilfe zur Bekämpfung der Konterrevolution verabredet worden. Jaruzelski: »Eine gemeinsame Front der Alliierten war konsolidiert und zur Tat bereit.«

Jaruzelski gab nach. Er richtete am 13. Dezember einen »Militärrat der Nationalen Rettung« ein und verhängte das Kriegsrecht. Zwei Tage später beauftragte das SED-Politbüro Ministerpräsident Willi Stoph, Hilfsmaßnahmen für das Bruderland zu erarbeiten.

** Günter Bohnsack, Herbert Brehmer: »Auftrag: Irreführung. Wie dieStasi Politik im Westen machte«. Carlsen Verlag, Hamburg; 254Seiten; 39,80 Mark. * Am 30. August 1980 auf der DanzigerLenin-Werft nach Unterzeichnung einer Vereinbarung über die Gründungeiner unabhängigen Gewerkschaft.

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