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»Wir dürfen das Mittelmeer nicht aufgeben«

Wie US-Präsident Thomas Jefferson vor 180 Jahren Piraten vor Tripolis bekämpfte Den durch die Große Syrte verlaufenden Breitengrad von 32 Grad, 30 Minuten hat Libyens Führer Muammar el-Gaddafi zur »Todeslinie« und zur »libyschen Grenze« erklärt. Die US-Regierung hingegen erkennt nur eine Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste als libysches Hoheitsgebiet an. Diese Woche werden, so die Navy-Planung, die Flugzeugträger »Coral Sea« und »Saratoga« einschließlich ihrer Begleitflotten erneut vor Libyen manövrieren - Provokation einer Weltmacht, die Gaddafi in eine kriegerische Konfrontation zu verwickeln sucht? *
aus DER SPIEGEL 7/1986

In »diesen so gefährlichen Zeiten«, verkündete der Präsident seinen »Mitbürgern in Senat und Repräsentantenhaus«, habe das Land in Frieden leben und den Handel mit befreundeten Nationen ausdehnen können.

Nur eine Affäre gelte es zu vermelden, die den »allgemeinen Zustand des Friedens« überschatte. Ausgelöst habe sie der Mann in Tripolis, der den »Krieg erklärt« habe, nachdem Amerika »die Forderungen dieses Gesindels« nicht erfüllt, sondern »mit der einzig möglichen Antwort reagiert« habe - durch die Entsendung der amerikanischen Flotte. Denn, so der Präsident: »Wir dürfen das Mittelmeer nicht aufgeben.«

Nicht Ronald Reagan sprach so, obwohl es bei dem durchaus so ähnlich klingen könnte. Die Sätze stammen vielmehr von Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten, als er dem Kongreß 1801 die Lage der gerade 25 Jahre alten US-Nation erläuterte.

Es galt damals, Amerikas Handelsinteressen und die Freiheit der Meere gegen Piraten zu sichern. An den wertvollen Weizen-, Baumwoll- und Tabakladungen aus der Neuen Welt wollte sich vor allem der Herrscher von Tripolitanien, dem heutigen Libyen, bereichern.

Pascha Jussuf Karamanli ließ den Fahnenmast vor dem US-Konsulat kappen und erklärte wenige Wochen später, am 10. Juni 1801, Amerika formell den Krieg.

Präsident Jefferson schickte daraufhin zwei kleine Geschwader, die zwar zwei Piratenschiffe kaperten und auch für kurze Zeit den Hafen von Tripolis blockierten, Pascha Jussuf jedoch nicht zum Einlenken bewegten. Im Gegenteil: Der Mann aus Tripolis wurde eher dreister, er forderte 225000 Dollar Entschädigung für die aufgelaufenen Kriegskosten und zusätzlich ein Jahres-Tribut in Höhe von 25000 Dollar.

Jefferson nahm die Herausforderung an: Im Sommer 1803 liefen die Fregatten »Constitution« und »Philadelphia« mit fünf Begleitfahrzeugen durch die Straße von Gibraltar.

Geschwaderchef Edward Preble, an Bord der »Constitution«, hatte vom Marineminister Samuel Smith den Befehl bekommen, den Hafen von Tripolis zu blockieren und »dem Feind einen wahren Eindruck unseres Volkscharakters zu vermitteln«.

Pech für die Amerikaner: Die »Philadelphia« lief vor Tripolis in voller Fahrt auf Grund und bekam so viel Schlagseite, daß die Bordkanonen nur noch ins Wasser oder in den Himmel abgefeuert werden konnten. Kapitän William Bainbridge begab sich mit 305 Mann Besatzung in Gefangenschaft. Jussuf und seine Piraten schleppten die »Philadelphia« frei, verankerten sie im Hafen von Tripolis und mehrten so die Feuerkraft des Paschas um drei Dutzend Kanonen.

Commodore Preble aber gab seine gerechte Sache nicht verloren. In der Nacht des 16. Februar 1804 stieß das von den Amerikanern gekaperte Piratenschiff »Mastico« unentdeckt bis zur »Philadelphia« vor. Unter dem Befehl von Oberleutnant Stephen Decatur enterten 60 freiwillige US-Marines die »Philadelphia« und hieben mit ihren Säbeln und Tomahawks 20 Tripolitaner nieder. Dann legten die Amerikaner Brandfackeln an die Fregatte und machten sich, noch ehe die Kanoniere im Hafen sich eingeschossen hatten, davon.

Die »keckste und kühnste Tat unserer Zeit« nannte Britanniens Lord Nelson den Überrumpelungsschlag, dessen sich die US-Marines noch heute in ihrer Hymne ("From the Halls of Montezuma to the Shores of Tripoli...") rühmen. Auch Decatur ging in die amerikanische Geschichte ein. Von ihm stammt der inzwischen legendäre Toast: »Unser Land! Möge es im Umgang mit anderen Nationen immer rechtens handeln; und wenn nicht, egal: Our country, right or wrong.«

Die Amerikaner spürten Hamid, den Amtsvorgänger und Bruder von Pascha Jussuf, in Ägypten auf und überredeten ihn, die Macht in Tripolis zurückzuerobern - mit Hilfe einer Befreiungsarmee aus rund 700 Kämpfern, darunter zehn US-Militärberater.

Das stimmte den Pascha verhandlungswillig: Er verzichtete auf Tributzahlungen und ließ die »Philadelphia«-Geiseln gegen 60000 Dollar Lösegeld frei.

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