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SPIEGEL Gespräch »Wir dürfen Nachbarn keine Rätsel aufgeben«

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher über den außenpolitischen Kurs der Koalition
aus DER SPIEGEL 32/1985

SPIEGEL: Herr Genscher, Sie haben gesagt, die Außenpolitik dürfe nicht »zum Schlagwerkzeug innenpolitischer Auseinandersetzungen« gemacht werden. An wen richtet sich diese Warnung?

GENSCHER: An alle, die es angeht. Denn es ist offenkundig, daß bei einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland im Herzen Europas die Wahrnehmung der nationalen Interessen in besonderer Weise mit Verantwortung gehandhabt werden muß.

SPIEGEL: Die SPD-Opposition können Sie mit Ihrer Kritik kaum gemeint haben, die lobt Sie. Egon Bahr sagt sogar, Sie seien ein »richtiger Außenminister« geworden.

GENSCHER: Das ist kein ungeteiltes Lob. Ich ging davon aus, das sei ich von Anfang an gewesen.

SPIEGEL: Die Kritik an Ihrer Außenpolitik kommt nicht nur aus dem zweiten Glied der CDU/CSU. Wir zitieren Franz Josef Strauß: »Wir haben doch nicht umsonst 13 Jahre zum Teil sehr heftig gegen bestimmte Teile der liberal-sozialistischen Außenpolitik gekämpft, um danach das Gedächtnis zu verlieren und zu sagen: Kontinuität auf allen Gebieten.«

GENSCHER: Die Außenpolitik dieser Regierung, wie sie in der Regierungserklärung des Bundeskanzlers formuliert worden ist, hatte auch die Aufgabe, die Kontinuität sicherzustellen, nachdem in einer wichtigen Frage der Sicherheitspolitik die Sozialdemokraten die ursprüngliche Position des Bundeskanzlers Helmut Schmidt verlassen hatten. Ich würde es für falsch halten, wenn man sich als Regierungskoalition gegen die Kontinuität wendet. Wir dürfen unseren Nachbarn keine Rätsel aufgeben. Wenn ich sage »unseren Nachbarn«, dann meine ich sie alle: die im Westen genauso wie die im Osten.

SPIEGEL: Diese Nachbarn rätseln aber, weil es immer widersprüchliche Einlassungen zu zentralen Fragen der Außenpolitik gibt.

GENSCHER: In den Grundlinien unserer Außenpolitik sind die Einlassungen des Bundeskanzlers und des Außenministers - und auf die kommt es an - übereinstimmend.

SPIEGEL: Herr Genscher, Sie werben für eine »neue Phase realistischer Entspannungspolitik«; Strauß, immerhin Parteivorsitzender einer Koalitionspartei, sieht »weit und breit keinen Grund für eine neue Phase der Entspannungspolitik gegenüber Moskau«.

GENSCHER: Ich habe von der Möglichkeit einer neuen Phase realistischer Entspannungspolitik gesprochen. Der Bundeskanzler sprach im März in Moskau gemeinsam mit SED-Generalsekretär Erich Honecker von einer »neuen Phase« der West-Ost-Beziehungen, und der amerikanische Außenminister hat in Helsinki von der Möglichkeit einer »neuen Ära« gesprochen. Da befinde ich mich in der guten Gesellschaft von Realpolitikern aus West und Ost, aus Europa und Amerika.

SPIEGEL: Das sind doch nur schöne Hoffnungen. Wer hat recht, Strauß oder Genscher? War die Jubiläumsveranstaltung der KSZE etwa ein Beleg für eine Entspannungspolitik?

GENSCHER: Es war richtig, 1975 den KSZE-Prozeß einzuleiten. Das haben, bei allen Unterschieden, die Konferenzteilnehmer aus West und Ost bejaht. Und alle haben auch festgestellt, daß es richtig war, diese Außenministerkonferenz abzuhalten. Ich fühle mich hier bestätigt.

SPIEGEL: Eine gemeinsame Erklärung kam nicht zustande.

GENSCHER: Eine solche gemeinsame Erklärung hätte nur enthalten können, daß wir weitermachen wollen. Das haben alle gesagt.

SPIEGEL: Sie übersehen, daß es in Helsinki einen Schlagabtausch zwischen den beiden Großmächten gegeben hat. Die USA haben den sozialistischen Staaten Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, die Sowjet-Union hat die Amerikaner wegen ihrer Weltraumrüstung angeklagt. Da halfen Ihre schönen Worte nicht.

GENSCHER: Die Bundesrepublik Deutschland handelt aus ihrer geschichtlichen Verantwortung, aus nationaler und europäischer Verantwortung. Wir haben aktiver, ideenreicher, konstruktiver zu sein als andere.

Und wenn Sie zusammennehmen, was die Amerikaner und die Russen nach der Begegnung der beiden Außenminister gesagt haben, so gibt es die gemeinsame Feststellung, daß man mit großem Ernst die Gipfelbegegnung Reagan/Gorbatschow vorbereitet. Beide Seiten sind sich bewußt, welche Verantwortung sie tragen. Vor einem Jahr ging es noch um die Frage, ob es überhaupt ein Gespräch geben würde. Hier hat sich eine Menge getan.

SPIEGEL: Glauben Sie allen Ernstes an ein neues Tauwetter zwischen Washington und Moskau?

GENSCHER: Der Begriff Tauwetter ist verbraucht. Und Tauwetter setzt Eiszeit voraus.

SPIEGEL: Wir waren nahe dran.

GENSCHER: Wir haben einen wesentlichen Anteil daran, daß es nicht zu einer neuen Eiszeit gekommen ist. Wenn wir sagen, mit dem amerikanisch-sowjetischen Gipfel in Genf soll den West-Ost-Verhandlungen ein neuer Impuls gegeben werden, dann bleiben wir auf dem Teppich.

SPIEGEL: Das sagt die sowjetische Seite.

GENSCHER: Deshalb muß es ja nicht falsch sein.

SPIEGEL: Sie haben zum ersten Mal mit dem neuen sowjetischen Außenminister Schewardnadse gesprochen. Wie wirkt der Mann auf Sie?

GENSCHER: Es gibt Leute, die, wenn sie jemandem einmal die Hand gegeben haben, schon wissen, wer er ist, und andere wissen nach einer Stunde genau, was er denkt und was er will. Ich möchte mich weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe rechnen. Aber ich bin davon überzeugt: Das ist ein kompetenter, ernst zu nehmender und mit Recht auch ernstgenommener Gesprächspartner, der in Zukunft für die sowjetische Außenpolitik verantwortlich zeichnen wird.

SPIEGEL: Der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow betont wieder deutlicher die Rolle Europas.

GENSCHER: Das ist realistisch. Europa muß mehr sein als eine Klimaanlage im Verhandlungsraum der Großmächte.

SPIEGEL: Messen die Sowjets den Europäern wirklich eine wichtige Rolle in der großen Ost-West-Politik zu?

GENSCHER: Die haben sie immer wahrgenommen, auch - vielleicht gerade - in der Zeit, als die beiden Großmächte auseinanderzudriften schienen. Die Konferenz hat im übrigen etwas sichtbar gemacht, was sich seit langem entwickelt: ein stärkeres Identitätsbewußtsein Europas.

SPIEGEL: In Ost und West?

GENSCHER: Ja. Ich spreche von ganz Europa. Und rate dringend davon ab, den Begriff Europa zu verbrauchen nur für einen Teil Europas. Dann würden wir selbst in unserem Denken Europa spalten. Und wer in seinem Denken Europa spaltet, spaltet auch Deutschland. Wer das tut, schreibt die Deutschen in der DDR ab.

SPIEGEL: Die Amerikaner haben zum Auftakt der Konferenz in Helsinki den Vorschlag der Russen abgelehnt, einem Moratorium für einen Atomwaffen-Teststopp zuzustimmen. Die Russen sagten nein zu dem Angebot der USA, den nächsten Atomtest der Amerikaner vor Ort zu inspizieren.

GENSCHER: Im Interesse auch der Europäer liegt es, Bemühungen um einen nachprüfbaren umfassenden Teststopp voranzubringen. Das Ziel ist die Beendigung aller Versuche. Und daß es dazu bis heute nicht gekommen ist, liegt auch am Mißtrauen beider Seiten; hier setzt der amerikanische Vorschlag an, Möglichkeiten der Verifikation an Ort und Stelle zu untersuchen. Er würde die westlichen, aus der mangelnden Transparenz kommenden Bedenken abbauen, deshalb sollte die Sowjet-Union darauf eingehen.

Wir selbst haben in diesem Zusammenhang am 1. August in der Genfer Abrüstungskonferenz ein Arbeitspapier zur Lösung des Verifikationsproblems vorgelegt, das uns dem Ziel eines vertraglich verifizierbaren Teststopps näher bringen soll.

SPIEGEL: Beim Gipfel in Genf wird es darüber keine Einigung geben.

GENSCHER: Genf ist der Beginn eines Dialogs auf höchster Ebene. Diese Begegnung in Genf zwischen Reagan und Gorbatschow wird Klarheit erbringen müssen, wie sich die beiden Großmächte die Gestaltung ihres künftigen Verhältnisses vorstellen.

Die beiden Großmächte haben einen solchen Versuch 1972 unternommen in der Gemeinsamen Erklärung Breschnew/Nixon. Es ist nicht alles verwirklicht worden, was vorgesehen war. Man hat sich zum Beispiel verpflichtet, nicht nach Überlegenheit zu streben und Mäßigung zu üben. Man kann nicht sagen, daß die Sowjet-Union diesem Gebot der Mäßigung in Afghanistan nachgekommen wäre.

SPIEGEL: Die Amerikaner haben sich auch nicht gerade an dieses Gebot gehalten.

GENSCHER: Es wird jetzt darum gehen, daß man sich über eine Art Verhaltenskodex neu verständigt. Abrüstungsverhandlungen gedeihen nicht im luftleeren Raum. Da braucht man ein politisches Klima, eine politische Umwelt. Was die amerikanisch-sowjetischen Abrüstungsverhandlungen in Genf angeht, die am 8. Januar noch zwischen Gromyko und Shultz beschlossen wurden, so soll das Gipfeltreffen zumindest Impulse für Fortschritte geben.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

GENSCHER: Einen Augenblick! Der neue Generalsekretär der KPdSU muß Anfang des Jahres vor seinen Parteitag treten und die sowjetische Politik formulieren. Es gibt überhaupt keinen Zweifel, daß das amerikanisch-sowjetische Verhältnis ein besonderes Gewicht haben wird.

SPIEGEL: Das ist uns zu allgemein.

GENSCHER: Es ist erkennbar, daß die neue Führung in Moskau ihr Verhältnis zu anderen Staaten klären will. Das wird deutlich in der China-Politik, aber auch in den Kontakten zu Israel und in der Anerkennung der politischen Realität der Europäischen Gemeinschaft.

SPIEGEL: Bonn ist, im Verhältnis zur neuen Führung im Kreml, in eine Randrolle geraten. Das außenpolitische Gewicht der Bundesrepublik ist offensichtlich gesunken.

GENSCHER: Ich kann mir dieses Urteil nicht zu eigen machen, jedenfalls nicht unter dem Eindruck der Konferenz, von der ich gerade komme.

SPIEGEL: Gorbatschow fährt zuerst nach Paris und Rom, nicht nach Bonn, Schewardnadse hat Sie als letzten der westlichen Außenminister, noch nach den Italienern, empfangen.

GENSCHER: Was wir übereinstimmend über die Bedeutung der deutschsowjetischen Beziehungen für das West-Ost-Verhältnis festgestellt haben, beweist das Gegenteil. Das war sehr realistisch. Mit seinem Besuch in Paris setzt der sowjetische Generalsekretär einen europäischen Akzent. Und für das Land, das sich als engster Partner Frankreichs betrachtet, ist das kein Anlaß zu Mißtrauen oder Neid, sondern Anlaß zur Befriedigung.

SPIEGEL: Das sind schöne Worte. In Wahrheit sind die außenpolitischen Konturen dieser Koalition verschwommen. So wettert Herr Strauß gegen den »Muff der Doppeldeutigkeit« in der deutschen Außenpolitik und will sich in einem Spitzengespräch der Koalitionsführer mit den »offenen Fragen« befassen. Sind Sie bereit?

GENSCHER: Die von mir vertretene Kontinuität und Berechenbarkeit der deutschen Außenpolitik ist das Gegenteil von Doppeldeutigkeit. Die Außenpolitik ist in der Regierungserklärung definiert. Und wir hatten im Laufe unserer Zusammenarbeit viele Gelegenheiten, unsere Standpunkte zu präzisieren, zum Beispiel in der Afrika-Politik.

SPIEGEL: Das sieht Herr Strauß ganz anders.

GENSCHER: Für mich ist es selbstverständlich, daß man sich über die Fortentwicklung der Außenpolitik, über neu auftauchende Fragen unterhält. Das geschieht laufend.

SPIEGEL: Wo?

GENSCHER: Zwischen dem Bundeskanzler und mir, im Kabinett, im Bundessicherheitsrat, in der Koalitionsspitze ...

SPIEGEL: Strauß ist nirgends dabei.

GENSCHER: Wenn es gewünscht wird, daß ein Gespräch über Außenpolitik mit den Parteivorsitzenden stattfindet, werde ich der letzte sein, der nicht mit Freude einer solchen Einladung Folge leistet. Ich warne aber davor, unsere Außenpolitik Wechselbädern auszusetzen.

SPIEGEL: Sie haben gesagt, die Bundesrepublik dürfe ihren Nachbarn keine Rätsel aufgeben. Genau das tut Ihre Koalition ständig.

GENSCHER: Es kommt immer darauf an, wer die Rätsel aufgibt.

SPIEGEL: Sie, zum Beispiel. Anders als Ihr Bundeskanzler stehen Sie den amerikanischen Plänen für die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) skeptisch gegenüber. Was gilt?

GENSCHER: Wir haben einen verbindlichen Beschluß des Bundessicherheitsrates. Daran halte ich mich. Wir stehen in einem engen Meinungsaustausch mit unseren Partnern in der Europäischen Gemeinschaft und der WEU und bemühen uns um eine gemeinsame europäische Position. SDI ist nicht in erster Linie ein technologisches, sondern ein strategisches Problem, ein Problem der Einheit des Bündnisses, der Stabilität und letztlich auch des West-Ost-Verhältnisses. Der Bundeskanzler hat am 20. Mai in Stuttgart gesagt, SDI bedeute für die Nato Chance und Risiko zugleich.

SPIEGEL: Sie haben bei der Nato-Ratssitzung in Portugal dafür gesorgt, daß gegen den Willen von George Shultz SDI im Abschlußkommuniqué gar nicht erwähnt wurde.

GENSCHER: Keineswegs.

SPIEGEL: Shultz hätte gerne unterstützende, nette Worte gehört.

GENSCHER: SDI war in Lissabon nicht das beherrschende Thema. Vielmehr ging es darum, daß die Salt-II-Vereinbarungen weiterhin eingehalten werden. Und wir haben begrüßt, daß die amerikanische Regierung den Empfehlungen der Europäer gefolgt ist. Das Kommuniqué enthält außerdem noch ein wichtiges Angebot an die Sowjet-Union, das in Moskau sehr ernst genommen werden sollte: Es gibt zum Wettrüsten eine Alternative, eine Option, und die heißt Zusammenarbeit.

SPIEGEL: In dem Kommuniqué steckt auch als Vorbehalt gegen SDI die Willenserklärung der Nato, an der Strategie der Abschreckung festzuhalten. Wenn aber SDI eines Tages verwirklicht werden sollte - mit oder ohne deutsche Beteiligung -, dann ist diese Strategie dahin; Amerika wäre womöglich unverwundbar.

GENSCHER: Das Kommuniqué bestätigt, daß alle Bündnispartner an der Strategie der Abschreckung festhalten. Solange es nichts Besseres gibt zur Kriegsverhinderung, stehen wir zur Strategie der flexiblen Reaktion. Ziel ist die Verhinderung eines Krieges. Es bleibt dabei: Der Fall darf nicht eintreten, daß Kriege in Europa wieder führbar werden oder für führbar gehalten werden.

SPIEGEL: In welcher Form würde sich denn Bonn am SDI-Programm beteiligen? Soll es nur ein Rahmenabkommen geben, das der deutschen Industrie einen angeblich fairen Technologieaustausch sichert, oder denken Sie - wie Ihr Planungschef Konrad Seitz - an ein gemeinsames europäisches Raketenabwehrsystem?

GENSCHER: Ob sich nur Firmen beteiligen, oder ob es zusätzliche Regelungen für den Technologietransfer geben wird, ist alles Gegenstand der Prüfung bei uns und auch der Beratung mit unseren europäischen Partnern. Wir suchen eine gemeinsame europäische Antwort. Herr Seitz hat auf mögliche Probleme für die europäische Sicherheit hingewiesen.

SPIEGEL: Strauß hat sich das zu eigen gemacht.

GENSCHER: Es geht um die Frage, was geschieht gegen die atomaren und nichtatomaren Waffen, die, falls SDI Wirklichkeit werden würde ...

SPIEGEL: ... woran Sie offenbar zweifeln ...

GENSCHER: ... von SDI nicht erfaßt würden; denn die Bedrohung der Bundesrepublik Deutschland würde ja auch bei einem hundertprozentigen Gelingen von SDI fortbestehen mit einer Reihe von Waffensystemen, die schrecklich genug sind - nukleare Raketen kürzerer Reichweite, Marschflugkörper mit nuklearen Sprengköpfen, Atomartillerie.

Ich warne auch vor einer Verharmlosung eines nichtnuklearen Krieges. Ein mit modernsten konventionellen Waffen geführter Krieg wäre tausendmal schrecklicher, als der Zweite Weltkrieg es gewesen ist. Ich habe nur mit Erstaunen sehen können, daß es Leute gegeben hat, die das Wort SDI zum ersten Male hörten und sofort jubelnd verkündeten, nun sei die atomare Geißel sozusagen beseitigt.

SPIEGEL: Herr Dregger und Herr Todenhöfer zum Beispiel.

GENSCHER: So habe ich das bei den beiden Herren nicht gehört. Ich empfehle allen, darüber nachzudenken, wie viele Atomsprengköpfe es unterhalb der Ebene der Interkontinental- und der Mittelstreckenraketen gibt und wie groß deren Vernichtungskraft ist. Ein anderer wichtiger Gesichtspunkt: Der Bundeskanzler hat in seiner Parteitagsrede vor der CDU zum Ausdruck gebracht »Je mehr es in Genf gelingen wird, die nuklearen Offensivwaffen in Ost und West einschneidend zu reduzieren, desto überflüssiger könnte es werden, weltraumgestützte Systeme zu stationieren.« Und nicht ohne Grund haben der amerikanische und der sowjetische Außenminister am 8. Januar 1985 in Genf erklärt, daß es ihr Ziel ist, einen Rüstungswettlauf im Weltraum zu verhindern und ihn auf Erden zu beenden. Jetzt kommt es darauf an, daß beide Staaten darauf hinarbeiten, dieses Verhandlungsziel durch kooperative Lösungen zu erreichen.

SPIEGEL: Die Falken in Amerika werfen Shultz vor, er habe sich von Gromyko bei dieser Erklärung über den Tisch ziehen lassen.

GENSCHER: Der amerikanische Außenminister - wie ich ihn kenne - läßt sich nicht über den Tisch ziehen. Er hat die Genfer Erklärung ganz sicher nicht ohne die Zustimmung des amerikanischen Präsidenten abgegeben.

SPIEGEL: In der letzten Woche hat Staatssekretär Richard Perle vom US-Verteidigungsministerium in Bonn gesagt, was SDI sei, wisse er, was Eureka bedeute, könne er nur raten. Er wolle erst einmal Zahlen und Fakten sehen. Was soll Eureka?

GENSCHER: Eureka ist die Antwort der europäischen Demokratien auf die technologische Herausforderung der USA und Japans: Nur wenn wir in den technologischen Entwicklungen der 90er Jahre und des neuen Jahrtausends Spitze sind, werden wir Beschäftigung und Lebensstandard in Europa garantieren können.

SPIEGEL: Und was heißt das auf deutsch?

GENSCHER: Wir wollen nicht von oben nach unten die Entwicklung voranbringen, sondern von unten nach oben, aus der Wirtschaft, aus dem Forschungsbereich. Und dort, wo es notwendig ist, werden wir auch finanzielle Mittel einsetzen.

SPIEGEL: Wozu brauchen wir Eureka? Wenn die Industrie gewinnträchtige Chancen auf dem Markt sieht, nutzt sie die.

GENSCHER: Marktnahe Projekte werden stärker von der Wirtschaft zu finanzieren sein; marktferne, möglicherweise gar nicht marktgängige Projekte sind von den Staaten zu finanzieren.

SPIEGEL: Und wer soll das bezahlen? Nirgendwo gibt es Geld im Etat.

GENSCHER: Für das erste Jahr hat der französische Präsident einen Eureka-Betrag von etwa 330 Millionen Mark angekündigt. Und der Kollege Riesenhuber hat in Paris gesagt, soviel halte er auch bereit. Wir sind eine Koalition, die sich das Ziel gesetzt hat, Subventionen abzubauen und innovative Prozesse und neue Technologien zu fördern. Das ist eine Überlebensfrage für unser Land und Europa. Nur so werden wir unsere internationale Konkurrenzfähigkeit aufrechterhalten können.

SPIEGEL: Haben Sie schon mal mit dem Finanzminister über Geld gesprochen?

GENSCHER: Das, was als Erstausstattung notwendig ist, kann der Forschungsminister, wie er gesagt hat, bedienen. Dann werden wir weitersehen.

SPIEGEL: Hier stellen wir Einigkeit zwischen Hans-Dietrich Genscher und Franz Josef Strauß fest: Auch er hält Stoltenberg für einen »Korinthen zählenden Buchhalter«.

GENSCHER: Ich hoffe, die Einigkeit in dieser Sache irritiert Sie nicht. Sie besteht in der Frage der Technologieförderung, nicht in der Beurteilung des von mir hochgeschätzten Kollegen Stoltenberg, falls Herr Strauß das wirklich gesagt haben sollte, was ich mir nicht vorstellen kann.

SPIEGEL: Hat er. Außenpolitische Streitpunkte gibt es in dieser Koalition genug.

GENSCHER: Das war ja keiner.

SPIEGEL: Ausnahmsweise. Doch nehmen wir das Thema Südafrika. Strauß hat die »mutige Politik Bothas« gerade wieder gelobt. Sie haben das »unmenschliche rassistische Regime« in Südafrika verurteilt.

GENSCHER: Ich fühle mich leider in meinen Befürchtungen bestätigt, daß die zu geringen Fortschritte bei der Überwindung des Apartheidsystems zu einer immer stärkeren Eskalation der Gewalt führen. Wenn nicht schnell eindeutige, klare Schritte von der südafrikanischen Regierung getan werden, wird die Entwicklung außer Kontrolle geraten. In dieser Einschätzung sind sich die Europäische Gemeinschaft und die amerikanische Regierung einig. Ich warne vor der Illusion, daß die schwarze Mehrheit in Südafrika deshalb gegen den Rassismus sei, weil sie von den Kommunisten aufgeputscht wird.

SPIEGEL: Das hat Strauß gesagt.

GENSCHER: Ich weiß das nicht, aber wir sollten nicht den Eindruck erwecken, der Kampf gegen den Rassismus sei nur ein Anliegen der Kommunisten. Ich bin der Meinung, daß es gerade der freiheitlichen Demokratie besonders gut ansteht, sich dafür einzusetzen, daß die Hautfarbe keine Rolle spielt, wenn es darum geht, ob Menschen ihre staatsbürgerlichen und ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rechte wahrnehmen können. Die Verteidigung der Apartheid spielt in Wahrheit dem Kommunismus in die Hände.

SPIEGEL: Muß nicht mehr äußerer Druck auf das Regime in Pretoria ausgeübt werden?

GENSCHER: In der Verurteilung sind wir uns einig.

SPIEGEL: Aber nicht in den Konsequenzen.

GENSCHER: Es gibt eine Diskussion darüber, wie am zweckmäßigsten eingewirkt werden kann auf die weiße Minderheit und ihre Verantwortlichen, um zu einem inneren Dialog und damit zur Überwindung der Apartheid zu kommen. Ich finde, daß die vorgeschlagenen Maßnahmen, zum Beispiel vom Uno-Sicherheitsrat, ja letztlich alle einer Grundvorstellung von uns folgen, nämlich daß durchgreifende wirtschaftliche Maßnahmen der schwarzen Mehrheit am meisten schaden. Es gibt nicht ein Land in der Europäischen Gemeinschaft, das auf die Idee kommt, seine Handelsbeziehungen mit Südafrika zu unterbinden.

SPIEGEL: Frankreich unterbindet Investitionen.

GENSCHER: Ich sagte Handelsbeziehungen. Die französischen Investitionen haben, wenn ich mich richtig erinnere, in den letzten Jahren durchschnittlich etwa 32 Millionen Mark betragen.

SPIEGEL: Die deutschen beliefen sich im letzten Jahr auf über 170 Millionen Mark, das Bankengeschäft wurde ausgeweitet.

GENSCHER: Wir wollen uns das nicht gegenseitig vorrechnen. Wir sollten sehr nüchtern in der EG eine politische Strategie entwickeln und uns dann die Instrumente ansehen. Die Erfahrung zeigt, daß der Einsatz wirtschaftlicher Sanktionen nirgends wirkliche Wirkungen gehabt hat.

Wichtig ist jetzt, daß ein Dialog geführt wird. Und da wird Bischof Tutu eine entscheidende Rolle zu spielen haben. Erforderlich ist allerdings auch, daß die Führer der weißen Minderheit endlich die Führer der schwarzen Mehrheit auf freien Fuß und sich mit ihnen an einen Tisch setzen.

SPIEGEL: Aber insgesamt scheint die Haltung der Koalition zu Südafrika widersprüchlich.

GENSCHER: Es kann sehr wohl sein, daß diese oder jene Erklärung, die hier abgegeben wurde, für die Regierungsmeinung gehalten wurde.

SPIEGEL: Herr Minister, Andrej Gromyko, der dienstälteste Außenminister der Welt, ist in den Olymp der Staatsoberhäupter entschwunden. Was hat Hans-Dietrich Genscher vor, der dienstälteste Außenminister der westlichen Allianz?

GENSCHER: Er will seine Aufgabe als Außenminister weiter erfüllen.

SPIEGEL: Ihr Rücktritt vom Vorsitz der FDP war für viele ein Überraschungscoup.

GENSCHER: Der Überraschungscoup, was das Amt des Außenministers angeht, besteht darin, daß ich mich mit noch mehr Kraft und noch mehr Freude der Außenpolitik widme.

SPIEGEL: Auch über 1987 hinaus?

GENSCHER: Ja.

SPIEGEL: Herr Genscher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

R. Kiessler, D. Schröder
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