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»Wir finden dann auch was,was reinkommt«

SPIEGEL-Redakteur Karl Heinz Krüger über die Gründung des Deutschen Historischen Museums in West-Berlin *
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 44/1987

In dieser Woche müssen die Berliner tapfer sein. Am Mittwoch macht Helmut Kohl mit einer Drohung Ernst: Der Bundeskanzler bringt der Stadt sein Geburtstagsgeschenk .

Natürlich hat er es nicht bei sich, und fertig oder nur in Arbeit ist es auch noch nicht. Doch er wird, bei einem Festakt im Reichstagsgebäude, eine Vereinbarung unterzeichnen, die einem Scheck über 380 Millionen Mark gleichkommt. Und er wird, bei einem weiteren Festakt auf dem Gelände des ehemaligen Generalstabsgebäudes vis-a-vis, eine Tafel enthüllen, die das Präsent ankündigt:

»Hier entsteht das Deutsche Historische Museum. Die Bundesrepublik Deutschland schenkt das Museum dem Land Berlin zum 750jährigen Jubiläum der Stadt.«

Zur Zeit weiß niemand, wie der Schaukasten, in dem dereinst die deutsche Vergangenheit ausgestellt werden soll, aussehen wird; der Architektenwettbewerb hat eben erst begonnen. Noch ist auch ungewiß, wie teuer Kohls großzügige Geste an Berlin den Bundesbürger tatsächlich kommen wird, denn die Regierung will nicht nur den Bau des Museums finanzieren, sondern auch für dessen Bestückung sorgen - allein für die unumgänglichen Anschaffungen rechnet der kürzlich ernannte Gründungsdirektor Christoph Stölzl mit mindestens zehn Millionen Mark pro Jahr, und das wenigstens für die Dauer einer Generation.

Eines freilich steht schon fest: Groß wird das Gebäude, größer als alle anderen Bauten beiderseits der museumsnahen Mauer. Zwar soll nach den Vorstellungen der Planer das 40 Meter hohe Reichstagsgebäude auch künftig das Areal beherrschen; doch andererseits sollen »Masse, Stil und Gliederung des Museums »dem Reichstag standhalten«.

Das Grundstück für das Bauwerk ist so groß wie sechs Fußballfelder: vier Hektar - genug, um den Reichstag dreimal unterzubringen. Allein die Vorderfront des Neubaus zum Platz der Republik. so die Ausschreibung, soll einen Viertelkilometer lang sein. Großartig.

Daß Maß und Bescheidenheit bei Kohls Berliner Kraftakt offenbar nicht gefragt sind, entspricht der Großtuerei des westdeutschen Chef-Historikers. Bereits zu Beginn des Jahres hatte der Pfälzer dem West-Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen ins Festbuch geschrieben, daß er »stolz« auf dieses Geschenk sei. Es habe »nationale Dimension«. Es sei »einmalig«.

Das ist natürlich geprahlt. Nur knapp zwei Kilometer entfernt von der geplanten Baustelle, im ehemaligen Zeughaus Unter den Linden, unterhält die DDR seit 35 Jahren ihr »Museum für Deutsche Geschichte«. Vom Mammutzahn aus der Vorgeschichte Teutoniens über die Uniform Friedrichs des Großen und einzigartige Memorabilien aus der Bismarck-Ära bis zu Knef-Kostümen aus den ersten Nachkriegsfilmen reicht der insgesamt 500000 Stücke zählende Fundus - stets so ausgewählt, daß er mit der marxistisch-leninistischen Geschichtsauffassung harmoniert.

Das muß für Helmut Kohl schon immer unerträglich gewesen sein. Dankbar griff er das Verlangen konservativer Kräfte nach einer »Gegendarstellung« auf,wie sie schon vor sechs Jahren die »FAZ« gefordert hatte: »Die Zeit ist reif.« Begierig übernahm er einen Satz Richard von Weizsäckers aus dem Jahre 1981, der sich seither wie ein geflügeltes Wort durch alle Sonntagsreden des

Kanzlers zieht und nun sogar im Auslobungstext für den Architektenwettbewerb auftaucht: Die Deutschen müßten sich klar darüber werden, »woher sie kommen und wohin sie gehen«.

Vorschläge für ein »Forum für Geschichte und Gegenwart« fanden gleichfalls das Ohr des Kanzlers. Schließlich faßte er einen fatalen Doppelbeschluß. Er verordnete dem Land gleich zwei Museen: *___das »Haus der Geschichte der Bundesrepublik ____Deutschland« an der Bonner Adenauerallee, in Sichtweite ____vom Kanzleramt, und *___das »Deutsche Historische Museum« am West-Berliner ____Platz der Republik, in Sichtweite zur Mauer, der ____Staatsgrenze der DDR.

Am liebsten hätte Kohl beide Häuser schon in diesem Jahr eingeweiht. Doch die Vorbereitungen verliefen wenig verheißungsvoll .

Der bundesweite Wettbewerb für die Bonner Staatsvitrine endete mit einem Fiasko: Keiner der 172 eingereichten Entwürfe erschien den Preisrichtern als erstklassig; so wird nun, von 1989 an, für 100 Millionen Mark ein drittrangiger Vorschlag verwirklicht.

Blamabel ging auch der nationale Wettbewerb aus, mit dem Kohls West-Berliner Parteifreunde Vorschläge für den Standort des geplanten Museums besorgen und die Wüstenei zwischen Reichstag, Kongreßhalle und Sowjetehrenmal zum »zentralen Ort deutscher Geschichte« aufwerten sollten: Die Preisrichter sahen sich außerstande, unter 89 Konkurrenten einen möglichen Sieger ausfindig zu machen.

Das sollte sich bei Kohls innigstem Anliegen,dem eigentlichen Berliner Museumsbau,nicht wiederholen dürfen. Die Bundesregierung machte das »Deutsche Historische Museum« zur Jahrhundertsache,der Kanzler erklärte das Vorhaben zur »nationalen Aufgabe von europäischem Rang«.

Anderthalb Jahre hindurch brütete eine 16köpfige Expertenriege über der Konzeption für das Museum. Eine 14köpfige Arbeitsgruppe bereitete den Architektenwettbewerb vor. Mit den Kultusministern der Länder wurde die gesetzlich benötigte Billigung ausgehandelt. Dann, letzten August, kam das Ding in Gang: *___Bonn und Berlin bildeten eine Gründungs-GmbH, die 1990 ____in eine Länder-Stiftung übergehen soll. *___Zum Geschäftsführer und Gründungsdirektor wurde der ____Münchner Historiker und Museumsdirektor Christoph ____Stölzl, 43, berufen. *___Die Bundesregierung startete ihren »bedeutendsten ____Architektenwettbewerb bis zur Jahrhundertwende« ____(Bauminister Oscar Schneider) - mit internationaler ____Beteiligung und ausgelobten Preisgeldern in Höhe von ____660000 Mark. *___Die veranschlagten Baukosten wurden von 250 Millionen ____auf 380 Millionen Mark aufgestockt.

Stölzls Berufung wurde von Minister Schneider als »Glücksfall« gefeiert. Verständlich. Der unbequeme und amüsante Bayer, der sich als »Radikaldemokrat« versteht, kann den Konservativen durchaus als Alibi dienen: Mit seinen Ausstellungen im Münchner Stadtmuseum war der kantige Historiker in den letzten Jahren so beharrlich angeeckt, daß er _(Im ehemaligen Zeughaus in Ost-Berlin. )

unterhalb des Weißwurst-Äquators bald als »Linker« galt.

Mit der CSU bekam er Ärger, weil er das Oktoberfest einen »bayerischen Nationalrausch« nannte. Mit BMW gab''s Zoff, weil er das Auto als »Stadt- und Menschenfeind« präsentierte. Eine kritische Geschichte der Kernkraftwerke an der Isar empörte die Atomlobby. Über eine Darstellung der Verfilzung des Münchner Bürgertums mit dem Nationalsozialismus während der zwanziger Jahre regte sich die halbe Stadt auf.

Der Mann war nicht billig zu haben für Bonn und Berlin. Kabinett und Senat mußten ihm »große Freiheiten« und »realistische Etatgrößen« einräumen - und auch für sich selbst holte er ein hinlängliches Auskommen heraus: Stölzl firmiert vom 1. Januar an als »Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums und Professor« und empfängt Bezüge nach der Besoldungsgruppe B V, rund 120000 Mark im Jahr.

Auch beim Realisierungswettbewerb wollte Oscar Schneider seinem Kanzler Bestes bieten, und so ging die Einladung nicht nur an alle selbständigen Architekten in der Bundesrepublik, sondern auch an die erfolgreichsten und bekanntesten Museumsbaumeister in aller Welt.

Aus Deutschland meldeten sich über 500 Architekten. Von den 19 eingeladenen Welt-Meistern gaben elf ihre Bereitschaft zu erkennen.

Zu ihnen gehören der Wiener Hans Hollein (der sich mit dem Abteiberg-Museum in Mönchengladbach empfohlen hat), der Japaner Arata Isozaki (dessen Museum in Los Angeles Aufsehen erregt), der New Yorker Richard Meier (dem Frankfurt das Museum für Kunsthandwerk verdankt), der Brite James Stirling (dessen Staatsgalerie in Stuttgart zum meistbeschriebenen Bau der achtziger Jahre wurde) sowie die Israelis Jizchak Jaschar und Dan Eitan (die durch ihr Museum in Tel Aviv bekannt wurden).

West-Berlins Kultursenator Volker Hassemer freut sich schon auf die Entwürfe, die bis kommenden März abgegeben werden müssen; er hofft, daß dieses Haus »Architekturgeschichte machen« werde .

Fragt sich nur, wie anregend die von der Kanzlerriege und der Bundesbaudirektion verfaßten Ausschreibungstexte auf die Architekten wirken.

In wolkigen Worten, als habe der Kanzler die Feder geführt, wird da die Haus-Aufgabe umrissen: Es gelte, einen »Ort der Besinnung und der Erkenntnis« zu schaffen. Das »Geschichtsbewußtsein« soll »gefördert« werden. Entsprechend müsse die »Geschichte der Deutschen in Europa« erzählt werden, vom römischen Limes bis zur Berliner Mauer und darüber hinaus: Man werde »daran zu erinnern haben«, daß auch Burgund, die Schweiz, die Niederlande und Österreich »lange Zeit Teile des alten Reiches« gewesen seien.

Selbstverständlich wird die DDR nicht geschont - Kernstück der Zeitgeschichte soll ein Vergleich der gegenwärtigen beiden deutschen Staaten sein; in der Konzeption stehen die einschlägigen Vokabeln: »Freiheit«, »Unterdrückung«. Dazu Stölzl: »Wahrheit tut weh und macht frei.«

Die Fragwürdigkeit des Unternehmens ist zu Ende diskutiert. Der Kanzler _(Für das Deutsche Historische Museum. )

blieb uneinsichtig. Sein Wort zur Sache (gelassen): »Das Gebäude wird errichtet. Wir finden dann auch was, was reinkommt.«

Wo''s hinkommt, stand ja spätestens am 12. Juni 1985 fest, als Helmut Kohl am Platz der Republik."fasziniert« von der »beinahe körperlich spürbaren Geschichtlichkeit« des Terrains, den Arm hob und die historische Entscheidung traf:"Hier soll es hin.« Seitdem ist den Gründern Kohl und Diepgen kein Argument zu töricht, um ihre Entschlossenheit zu begründen.

Bürgermeister Diepgen etwa will »die Hauptstadt der deutschen Nation in Gegenwart und Zukunft auch baulich erfahrbar« machen - deshalb seien auf dem toten Acker am Brandenburger Tor »neue Inhalte gefragt«.

Kohl bekam sogar ein Zweites Gesicht, sah Berlin »ohne Mauer und Stacheldraht«, als »Einheit, in deren geographischer Mitte sich der zentrale Bereich mit dem Reichstag befindet«. Der Reichstag und sein Museum seien »die prägenden Bauten und deshalb entsprechend herzustellen«.

Der Historiker Arnulf Baring erinnerte den Kanzler daran, daß auch der Reichstag schon ein Museum sei: Was soll dabei »herauskommen, wenn man zwei Museen an einer ganz toten Ecke gegenüberstellt«? Solle so, um bei Kohls Vision zu bleiben, das Herz der Hauptstadt der deutschen Nation aussehen?

Schon anläßlich des verkorksten Ideenwettbewerbs für den Zentralen Bereich zeigte sich der Architekturprofessor Heinrich Moldenschardt verärgert über seine Kollegen, die stets aufs neue »bereitwillig den fragwürdigsten Prämissen folgen« und unverdrossen wetteifernd »auf erkennbar falsche Fragen richtige Antworten suchen«.

Nichts anderes wird den Architekten auch beim Museumswettbewerb zugemutet. Was ein Preisrichter, der konservative Verleger Wolf Jobst Siedler, den zugereisten Teilnehmern bei einem Ortstermin erzählte, klang schon reichlich abgebrüht. Siedler stellte ihnen die Stadtsteppe zwischen Kongreßhalle und Reichstag als »hochverdichtetes Gelände« mit »eminenter politischer Bedeutung« vor und gab ihnen als »Aufgabe, die Sie sicherlich zu lösen haben«, den Rat mit auf den Weg, _____« hier ein Zentrum zu schaffen, also nicht einen » _____« Solitär hinzustellen, der wie andere Solitäre eigentlich » _____« der Nachbarschaft ermangelt,sondern der gleichzeitig die » _____« Funktion übernimmt, die zerflatternden Teile West-Berlins » _____« aneinander zu binden. »

Zum Haus selbst: Direktor Stölzl will nicht einfach Säle und Stockwerke, er wünscht sich eine »Denk- und Fühlmaschine - Denkebenen zum Durchfahren, Innehalten«. Herzenswunsch des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Werner Knopp: daß auch das »offene Ende« der Geschichte architektonisch Ausdruck finden möge.

Schließlich: die Räume. Da werden »Epochenräume«,"Vertiefungsräume«, »Themenräume« verlangt - und auch über sie gab es Blabla: Die Epochenräume sollen das »Erlebnis der Wanderung durch die Zeit«, die Vertiefungsräume das »Erlebnis des Stehenbleibens gestalterisch stützen«.

Die Kanzler-Kommission hat dem Haus 36000 Quadratmeter Nutzfläche verordnet; 21000 für Ausstellungen (16000 für dauernde, 5000 für wechselnden Präsentationen). Die Kommission nannte die Zahlen »maßvoll«.

Zum Vergleich: Das Ost-Berliner Zeughaus - Berlins größter und eindrucksvollster Barockbau - kommt mit 8000 Quadratmetern aus, auf denen es aus seinem imposanten Fundus jeweils rund 9000 Ausstellungsstücke zeigt.

Als maßvoll lassen sich bislang allenfalls die Ankäufe für des Kanzlers West-Berliner Gegenstück bezeichnen. Direktor Stölzl hat mittlerweile an die 1000 Stücke erworben - überwiegend »Flachware« (Gemälde, Briefe, Plakate), aber auch diverse Flohmarkt-Artikel: so »Napoleon als Pfeifenkopf« (1815) oder einen Humpen mit der Aufschrift »Jeden Feind besiegt der Deutsche, nur nicht den Durst« (1871).

Not macht erfinderisch, meint der Habenichts. Er weiß, daß er sich auf Originale deutscher Kriegserklärungen von 1914 keine Hoffnung machen kann. Aber er erwägt, wenigstens mit einer »frühen Coca-Cola-Flasche« den Auftakt der Amerikanisierung Deutschlands zu symbolisieren. Des weiteren: »Wenn ich die Kaiserkrone nicht kriege, muß ich ihre Geschichte eben über Zigarettenbildchen erzählen.«

[Grafiktext]

Das Geschenk aus Bonn: Planung für das Deutsche Historische Museum in West- Berlin Ost- Berlin, Standort Deutsches Historisches Museum, Generalkonsulat Schweiz, Reichtagsgebäude, Platz der Republik, Kongreßhalle, Carillon, Sowjetisches Ehrenmal

[GrafiktextEnde]

Im ehemaligen Zeughaus in Ost-Berlin.Für das Deutsche Historische Museum.

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