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KASACHSTAN »Wir fühlen uns bedroht«

Der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew über sein Land und die Krise um Afghanistan sowie seine Hoffnung auf die Deutschen
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 39/2001

SPIEGEL: Herr Präsident, von Ihrer schönen Residenz in Almaty bis zur afghanischen Grenze sind es nur 700 Kilometer. Fühlt sich Ihre Bevölkerung bedroht nach dem Angriff auf die USA?

Nasarbajew: Die ganze Welt fühlt sich bedroht. Wir natürlich auch. Was da in Amerika passiert ist, kann sich morgen in Deutschland und übermorgen in Kasachstan wiederholen.

SPIEGEL: Hat Sie die amerikanische Regierung um konkrete Unterstützung beim Kampf gegen den Terrorismus gebeten, der vom afghanischen Territorium ausgeht?

Nasarbajew: Eine solche offizielle Anfrage hat es nicht gegeben. Aber ich habe öffentlich erklärt, dass Kasachstan diesen Kampf unterstützt ...

SPIEGEL: ... mit welchen Mitteln?

Nasarbajew: Das hängt davon ab, welchen Beistand man von uns erwartet. Aber bislang hat uns niemand darum gebeten.

SPIEGEL: Ihre Regierung hat immerhin bereits die Aufnahme von Flüchtlingen in Aussicht gestellt, vornehmlich von in Afghanistan lebenden Kasachen ...

Nasarbajew: ... die können immer zu uns kommen, aus welchem Land auch immer. Da verhalten wir uns wie die Deutschen. Sie nehmen Ihre Landsleute doch auch auf.

SPIEGEL: Aber es werden nicht nur Kasachen kommen wollen.

Nasarbajew: Kommt es zum großen Krieg in Afghanistan, wird es für alle zentralasiatischen Staaten zum Problem werden, wie sie ihre Grenzen dichtmachen können.

SPIEGEL: War der Sekretär des russischen Sicherheitsrats gerade bei Ihnen und anderen Präsidenten der Region, um Moskaus Linie durchzusetzen?

Nasarbajew: So sind die Verhältnisse nicht mehr. Kasachstan ist ein unabhängiger Staat. Wir bestimmen unsere Politik selbst.

SPIEGEL: Worüber haben Sie dann gesprochen?

Nasarbajew: Über unsere gemeinsame Haltung in der Flüchtlingsfrage, über den Einsatz internationaler Hilfsorganisationen. Darüber, wie die Arbeit des gemeinsamen Anti-Terror-Zentrums der GUS jetzt intensiviert werden kann. Und über den koordinierten Einsatz schneller Eingreifkräfte im Rahmen unseres Vertrags über kollektive Sicherheit.

SPIEGEL: Was hören Sie von Ihren Nachbarn Tadschikistan und Usbekistan, die direkt an Afghanistan grenzen und Hilfeersuchen der USA erhalten haben sollen?

Nasarbajew: Auch dort sind solche Bitten nicht eingegangen. Wenn es sie gibt, werden wir darüber nachdenken.

SPIEGEL: Kasachstan ist ein muslimisch geprägtes Land. Haben Sie keine Probleme mit dem islamischen Fundamentalismus?

Nasarbajew: Überhaupt keine.

SPIEGEL: Anfang des Jahres hat das US-Außenministerium die »tief verwurzelte Korruption« in Kasachstan gerügt und eine bessere Beachtung der Menschenrechte gefordert. Trifft Sie diese Kritik?

Nasarbajew: Wir sind doch alle Demokraten: Die kritisieren uns, wir kritisieren sie - beispielsweise wegen ihrer Weigerung, sich dem Klimaabkommen von Kyoto anzuschließen, welches von den USA eine fünfprozentige Reduzierung ihres CO2-Ausstoßes verlangt. Trotz solcher wechselseitigen Kritik haben wir beste Beziehungen zu den USA.

SPIEGEL: Besonders zu den Ölkonzernen.

Nasarbajew: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind unser größter Investor. Wir sind Partner, aber das heißt nicht, dass wir uns beliebige Spielregeln diktieren lassen. Wir passen sehr genau auf, dass die Vertragsverpflichtungen von allen Investoren eingehalten werden.

SPIEGEL: Welchen Platz in der Weltrangliste nimmt Kasachstan gegenwärtig bei der Förderung von Öl und Gas ein - und welchen würden Sie in Zukunft gern belegen?

Nasarbajew: Wir fördern heute schon 40 Millionen Tonnen Erdöl im Jahr - bei einem Eigenbedarf von nur 15 Millionen. Allein durch die gerade fertig gestellte Pipeline nach Noworossiisk am Schwarzen Meer könnten wir demnächst 45 Millionen Tonnen im Jahr schicken. Außerdem wollen wir uns an einer Leitung über Baku in die Türkei beteiligen. Bis 2012 könnten wir unsere Jahresproduktion leicht auf 100 Millionen Tonnen steigern ...

SPIEGEL: ... wenn die dafür erforderlichen Investitionen aus dem Ausland sprudeln.

Nasarbajew: Wir bieten gegenwärtig das beste Investitionsklima in dieser Region. Wir gehören zu den 25 erfolgreichsten Schwellenländern beim Einwerben von Fremdkapital. Von den Republiken der ehemaligen Sowjetunion haben wir eine der höchsten Pro-Kopf-Quoten an Auslandsinvestitionen.

SPIEGEL: Wie weit beteiligt sich die deutsche Wirtschaft?

Nasarbajew: Die Möglichkeiten unserer beiden Länder sind weit größer, als es das bisherige finanzielle Engagement der Deutschen bei uns vermuten lässt. Kasachstan hofft und setzt auf Deutschland als den zentralen Wirtschaftspartner der Zukunft.

SPIEGEL: Wollen Sie in Berlin beim Bundeskanzler für Ihr Partner-Programm werben?

Nasarbajew: Wir möchten, dass die deutschen Großunternehmen nach Kasachstan kommen. Nach dem diesjährigen Besuch von Außenminister Joschka Fischer bei uns stelle ich mit Genugtuung fest: Die deutsche Führung entdeckt Kasachstan.

SPIEGEL: Helfen dabei auch jene 800 000 deutschen Spätaussiedler, die Kasachstan seit 1991 den Rücken gekehrt haben?

Nasarbajew: Ich bedauere sehr, dass die weggegangen sind. Meinen Mitbürgern predige ich immer wieder: Vergesst nicht, dass wir unsere Leute in Deutschland haben. Und unseren ehemaligen Landsleuten möchte ich bei meinem Deutschland-Besuch sagen: Kommt zurück, in Kasachstan könnt ihr heute bessere Geschäfte machen als im Land eurer Väter.

INTERVIEW: JÖRG R. METTKE

Nursultan Nasarbajew

regiert autoritär Kasachstan, den flächengrößten Staat Mittelasiens mit 16 Millionen Einwohnern, jeder zweite ein Muslim. Dort war er KP-Chef, als sich 1990 die Sowjetrepublik Kasachstan für souverän erklärte. Nasarbajew, 61, besucht bald Berlin.

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