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NAHOST »Wir geben nicht auf«

PLO-Chef Jassir Arafat über den blockierten Friedensprozeß, seine Erwartungen an die Europäer und die wachsende Enttäuschung der Palästinenser
aus DER SPIEGEL 13/1998

SPIEGEL: Herr Präsident, die Verhandlungen mit Israel kommen nicht voran, die Verzweiflung der Palästinenser entlädt sich immer wieder in gewaltsamen Zusammenstößen. Droht Ihr Lebenswerk, die Schaffung eines unabhängigen Staates Palästina, zu scheitern?

Arafat: Völker, die um ihre Freiheit kämpfen, kommen immer zum Ziel. Der unabhängige Palästinenserstaat - Seite an Seite mit Israel - ist keine Fata Morgana, sondern das natürliche Ergebnis unseres Ringens um Freiheit, Gleichberechtigung und Souveränität.

SPIEGEL: Aber dieses Ziel entgleitet Ihnen doch zusehends. Werden Sie die Realisierung noch erleben?

Arafat: Natürlich sehe ich ebenso wie die internationale Staatengemeinschaft, daß die Schwierigkeiten gewaltig sind. Das ändert nichts an unserer Entschlossenheit, wir halten an unserem Endziel fest. Israel kann das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen, die ganze Welt steht uns zur Seite. Wir können es uns nicht erlauben, aufzugeben.

SPIEGEL: Vor wenigen Tagen umarmte Sie demonstrativ der britische Außenminister Robin Cook, Repräsentant der Europäischen Union. Hat Ihnen dieser Besuch Anlaß zu neuer Hoffnung gegeben?

Arafat: Wenn das Anliegen der Palästinenser nur von unseren eigenen Hoffnungen getragen würde, stünden wir schlecht da. Ohne Geheimnisse auszuplaudern, kann ich Ihnen schon jetzt sagen, daß die Europäer eine Initiative bekanntgeben werden, die in der Tat den Friedensprozeß vorantreiben wird.

SPIEGEL: Israel lehnt ein europäisches Engagement im Nahostkonflikt ab und setzt lieber auf die Amerikaner ...

Arafat: ... weil die israelische Regierung in den Amerikanern Verbündete und nicht nur Vermittler sieht. Dagegen haben weder wir noch die Europäer etwas einzuwenden, solange das US-Engagement den Friedensprozeß auch wirklich vorwärtsbringt.

SPIEGEL: Haben Ihnen die Amerikaner konkrete Zusagen gemacht?

Arafat: Außenministerin Madeleine Albright hat sich für eine weittragende Initiative eingesetzt: Es ging um die einstweilige Einstellung des Baus jüdischer Siedlungen, die Festschreibung gegenseitigen Gewaltverzichts, Sicherheitsgarantien und den längst überfälligen Rückzug der israelischen Truppen.

SPIEGEL: Diese Vereinbarungen hätten schon bis zum 20. März erfüllt werden müssen.

Arafat: Ja, Amerika steht noch im Wort.

SPIEGEL: Und wenn Washington nichts erreicht? Auf Europa können Sie doch im Ernst nicht hoffen.

Arafat: Warum sollten wir die Amerikaner als Friedenskoordinatoren denn abschreiben? Immerhin haben drei US-Präsidenten in der jüngeren Geschichte des Nahostkonflikts erfolgreich Druck auf Israel ausgeübt: Eisenhower im Suez-Krieg 1956, Carter in Camp David 1978 und Bush nach dem Golfkrieg 1991. Das ändert aber nichts daran, daß Europa seinen Einfluß nun stärker denn je geltend machen sollte. Das ist kein Wunschdenken, sondern eine Tatsache.

SPIEGEL: Die EU wird schwerlich den Amerikanern in den Arm fallen, und außerdem verweigert Israel den Europäern jede Möglichkeit, Einfluß zu nehmen, wie Cook gerade erfahren hat.

Arafat: Natürlich verlangen wir von den Europäern nicht, amerikanische Friedensinitiativen, wenn sie sich denn abzeichnen, zu ignorieren oder gar zu konterkarieren. Aber je nachhaltiger Israels Regierung bedrängt wird, die eingegangenen Verpflichtungen gegenüber den Palästinensern einzuhalten, um so besser wäre das für die Sache.

SPIEGEL: Was hat Europa denn in der Hand, um Druck auf Israel auszuüben?

Arafat: Sehr viel. Immerhin wickelt Israel über die Hälfte seines Handels mit Europa ab.

SPIEGEL: Können Sie sich wirklich vorstellen, daß die Europäer Israel wirtschaftlich unter Druck setzen werden, um den Palästinensern beizuspringen?

Arafat: Ich könnte Ihnen eine ganze Liste von Fällen erstellen, in denen sich Europas ökonomischer Druck auf Israel politisch ausgezahlt hat, manchmal schon nach wenigen Tagen.

SPIEGEL: Europa wird sich mit Israel nicht überwerfen wollen, dafür sind die europäisch-israelischen Beziehungen viel zu eng, schon aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen.

Arafat: Ich bin Realist und erwarte nicht das Unmögliche. Doch selbst ein Blinder sieht, daß die Europäische Union immer deutlicher als selbstbewußter Block auftritt, dessen Meinung an Bedeutung gewinnt. Wenn sich Benjamin Netanjahu dann erlaubt, den britischen Außenminister zu brüskieren, wird das Folgen haben.

SPIEGEL: Wenn aber weder die USA noch die EU Israel dazu bringen können, sich zu bewegen, wer kann dann den Friedensprozeß noch retten? Doch sicher nicht Ihre arabischen Freunde.

Arafat: Auch unsere Freunde in der arabischen und islamischen Welt sind hilfreich. Ich erwarte schon bald von den Mitgliedstaaten der Arabischen Liga eine weittragende politische Initiative. Noch nie erfuhren wir Palästinenser so viel Unterstützung. Die Welt wird nicht zulassen, daß der Friedensprozeß, der nach Jahrzehnten Krieg und Haß große Hoffnungen zu nähren begann, wieder zerrinnt und der Nahe Osten, womöglich sogar die ganze Welt, dadurch direkt oder indirekt in eine Katastrophe gerissen wird.

SPIEGEL: Als 1993 die Oslo-Vereinbarungen unterzeichnet wurden, jubelten die Palästinenser und schöpften zum erstenmal Hoffnung ...

Arafat: ... auf einen eigenen Staat mit dem arabischen Ost-Jerusalem als Hauptstadt und auf den lang ersehnten Frieden, ja.

SPIEGEL: Deshalb gaben damals auch über 80 Prozent der Palästinenser Ihnen in den allgemeinen Wahlen ihre Stimme. Heute ist die Begeisterung verflogen. Oslo ist für viele Ihrer Landsleute Symbol eines gran-

* Am 11. März in Hebron.

diosen Fehlschlags geworden. Ihre politischen Widersacher, etwa die Islamistenpartei Hamas oder die linksextremen Nationalisten, die Oslo von Anfang an ablehnten, gewinnen immer mehr Anhänger.

Arafat: Ich verstehe die Enttäuschung, ich teile sie selbst. Doch alle wissen, daß Netanjahu die Schuld an der unhaltbaren Situation und an den Rückschlägen trägt.

SPIEGEL: Wird es wieder zu einer Intifada, einem gewaltsamen Aufstand der Palästinenser kommen?

Arafat: Die Intifada war gegen die israelischen Besatzer gerichtet, die es heute in unseren Städten und Dörfern nicht mehr gibt - jedenfalls nicht mehr in den meisten palästinensischen Siedlungszentren.

SPIEGEL: Und wenn Hamas oder der Islamische Dschihad zu neuen Anschlägen in Israel aufruft?

Arafat: Das würde ich aufs schärfste verurteilen. Wir haben uns endgültig auf Frieden und Verhandlungen festgelegt.

SPIEGEL: Aber Sie stecken doch in der Sackgasse. Wenn der Frieden ausbleibt, wenn der Druck des Auslands keinen Fortschritt bringt, wenn Israel die jüdischen Siedlungen weiter ausbaut, werden Sie dann nicht gezwungen sein, den Friedensprozeß aufzukündigen? Ihr enttäuschtes Volk könnte sonst Ihnen die Gefolgschaft kündigen.

Arafat: Wir Palästinenser werden den Friedensprozeß niemals aufkündigen, dazu werden wir uns nicht hinreißen lassen. Außerdem bin ich fest überzeugt, daß die überwiegende Mehrheit der Israelis den friedlichen Ausgleich mit uns will und einen palästinensischen Staat als Nachbarn akzeptieren wird. Glauben Sie mir: Langfristig arbeitet die Zeit für uns.

* Am 11. März in Hebron.

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