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»Wir haben Angst um unsere Kinder«

SPIEGEL-Report über die Umweltverschmutzung in der DDR (II)/ Von Peter Wensierski *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Ein Sonntag auf dem Lande, in der Mark Brandenburg. Die weiten Felder stehen in frischem Grün, das warme Wetter lockt die Leute nach draußen. Die Familie Schneider wohnt hier seit drei Jahren.

An diesem Sonntagvormittag im April arbeitet Frau Schneider in der Küche, ihr Mann bastelt in der Garage. Der jüngste Sohn, kaum fünf Monate alt, schläft im Kinderwagen im Garten. Das Grundstück grenzt an ein freies Feld, Frau Schneider liebt diese weite Sicht. Aus dem Küchenfenster beobachtet sie in der Ferne die Traktoren der LPG »Vorwärts«. Auch das Brummen des Agrarflugzeuges, das in dieser Jahreszeit ständig über Äckern und Wiesen kurvt, ist ihr vertraut.

Später geht sie in den Garten, um nach dem Kleinen zu sehen. Sie findet ihr Kind blau angelaufen, Erbrochenes mischt sich mit einem merkwürdigen Schaum. Krankenwagen. Blaulicht. Rettungsstation. Dem Säugling geht es erst nach Tagen wieder besser. Woran er sich vergiftet hat, wissen die Ärzte nicht.

Daß es der Giftnebel des Agrarflugzeuges gewesen sein könnte, darauf kommen Schneiders erst später. Sie hören von Bekannten, im Nachbarort seien 27 Kühe auf der Weide verendet, nachdem dort aus der Luft gesprüht wurde. Doch ein Zusammenhang zwischen der akuten Erkrankung des Kindes und dem Flugzeugeinsatz läßt sich jetzt nicht mehr nachweisen.

Derartige Unglücksfälle dringen kaum je an die große Öffentlichkeit. Daß Tiere mal auf der Weide umfallen, ist allenfalls Gesprächsthema im Dorf. Noch. Die Zahl solcher Vergiftungen nimmt zu - eine Folge der ständigen Intensivierung der DDR-Landwirtschaft.

Dazu gehört, daß immer mehr Stickstoffdünger ausgegeben wird. 38 Kilogramm waren es 1960 pro Hektar, Anfang der 80er Jahre schon 145 Kilogramm. Und für 1985 waren sogar 160 Kilogramm geplant.

Um diese Mengen auf die Felder zu bringen, müssen die Agrarflugzeuge von Jahr zu Jahr häufiger in den Einsatz, werden Düngermenge und -konzentration ständig erhöht. 5,2 Millionen Hektar land- und forstwirtschaftlich genutzter Boden wurden 1984 aus der Luft gedüngt, 83 Prozent der gesamten Fläche. »Die Leistungssteigerung der letzten Jahre«, so das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«, »wurde mit dem gleichem Maschinenpark erreicht.«

Die Agrarflieger müßten, so will es das Gesetz, bei einer Windgeschwindigkeit von mehr als drei Metern pro Sekunde eigentlich am Boden bleiben. Um den Plan zu schaffen, sprühen sie trotzdem - oft mit Folgen: In einer LPG im Bezirk Dresden beobachtete eine Bäuerin bei etwa 100 weidenden jungen Kühen plötzlich Durchfall und Erregungszustände. Bei einem notgeschlachteten Tier zeigten sich streifen- und punktförmige Blutungen in der Herzmuskulatur. Die Ursache: eingeatmeter Kalidüngerstaub.

Die Schafherde eines Weidewärters in Weißenfels bei Naumburg begann plötzlich ängstlich zu blöken, die Tiere schwankten und hatten Schaum vor dem Maul. Die ersten verendeten, noch bevor der Tierarzt eintraf. Ursache diesmal: Die Schafe hatten Superphosphat abgekriegt, einen Dünger, der hohe Mengen Fluor enthielt.

Die Flugzeuge oder Hubschrauber verspritzen zudem Herbizide zur Unkrautvertilgung und auch den größten Teil der Pflanzenschutzmittel: ein wachsendes Sortiment immer stärkerer Konzentrate. 1960 bestand das Insektizid-Angebot aus 152 Präparaten auf der Basis von 36 Wirkstoffen. Zehn Jahre später waren es bereits 235 Handelsprodukte und 80 Wirkstoffe, 1980 schließlich 372 verschiedene Pflanzenschutzmittel und 174 Wirkstoffe.

Die chemische Industrie hat in der DDR Hochkonjunktur. Dieser schon immer bevorzugt geförderte Wirtschaftszweig mit eigenem Ministerium ist eine Säule der gesamten Volkswirtschaft. Auch leitende Chemie-Kader sind - wie ihre kapitalistischen Kollegen - allein am Absatz ihrer Produkte interessiert.

Und sie argumentieren wie Chemiebosse überall auf der Welt: Zum chemischen Pflanzenschutz gibt es, so propagieren sie, keine Alternative. Noch nicht einmal zu einem besonders gefährlichen Gift, das in anderen Ländern seit langem verboten ist: dem DDT.

Wer im vergangenen Herbst in den Wäldern bei Potsdam und Groß Glienicke, vor den Toren West-Berlins, Erholung suchte, hatte einen denkbar schlechten Platz gewählt: Der Wald dort war großflächig mit DDT gesprüht worden.

Die DDR-Schriftstellerin Helga Schütz, zur Sommerfrische in Groß Glienicke, entdeckte immerhin eine Warnung auf einem Zettelchen am Landambulatorium: Das Sammeln von Beeren und Pilzen sei bis auf weiteres verboten. Sie fand im verseuchten Forst eine Menge toter Vögel und recherchierte weiter. Ergebnis: Viele Spaziergänger waren mit Nierenversagen ins Kreiskrankenhaus eingeliefert worden - sie alle hatten Pilze oder Beeren gegessen.

Die Gefahren durch das Schädlingsbekämpfungsmittel DDT standen vor etwa 15 Jahren am Anfang der Umweltdiskussion. Das Gift, das gegen Mücken, Wanzen, Flöhe wirkt, ist außerordentlich langlebig, inzwischen auf der ganzen Erde nachweisbar, sogar im Eis der Antarktis. Über die Nahrungskette gelangt es in den menschlichen Organismus und reichert sich dort an, vor allem in der Muttermilch.

Wegen der ökologischen und gesundheitlichen Risiken erließ die Bundesrepublik 1972 ein DDT-Gesetz, das Herstellung, Vertrieb und Anwendung des Stoffes verbietet. Dazu konnte sich die SED bisher nicht durchringen: Die DDR-Führung glaubt, ihre Wirtschaft könne auf das Mittel nicht verzichten. DDT ist billiger als moderne mikrobiologische Insektizide, die importiert werden müssen, es kann länger gelagert werden und hat durchschlagenden Erfolg.

Die SED beteuert zwar immer wieder, sie wolle das Mittel »schrittweise« ersetzen. Tatsächlich wird es in Kleingärten, in der Landwirtschaft und im Obstbau nicht mehr benutzt.

Doch jeder Heimwerker holt sich DDT ins Haus, wenn er beim Farbenhändler »Hylotox IP« und »Hylotox 59« kauft. Diese gebräuchlichen Holzschutzmittel enthalten obendrein ein zweites Supergift: Pentachlorphenol (PCP). Obwohl im Westen viele Fälle von Dioxin-Vergiftungen durch PCP-haltige Holzschutzmittel bekannt geworden sind, firmieren die beiden Heimwerker-Produkte (Gebrauchsanleitung: »Unverdünnt verstreichen") im amtlichen Verzeichnis unter der Rubrik »wenig oder nicht gesundheitsschädigend«.

Auch in der Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel tauchen nach wie vor DDT-Präparate auf, die unverdrossen von der Forst- und Landwirtschaft eingesetzt werden: getarnt als »Bercema-Aero-Super«, »Bercema-Spritzaktiv-Emulsion« kombiniert mit Lindan, und, praktisch reines DDT, »Bercema-Becosal«. Hersteller ist der »VEB Berlin-Chemie«.

Das Becosal-DDT soll die Zwiebelfliege bekämpfen, es wird reichlich dem Zwiebelsamen beigemengt. Mit den anderen beiden Giften rücken die Förster dem Borkenkäfer und der Nonne zu Leibe. Die dabei versprühte Giftbrühe rechnet sich nach Tonnen. 1983 wurden in der DDR aus der Luft 135000 Hektar Wald mit Insektiziden behandelt, 1984 waren es schon 600000 Hektar - mit dem Fortschreiten des Waldsterbens wächst auch der Schädlingsbefall.

Wieviel DDT verwendet wurde, ist unbekannt - die Zahlen bleiben nach einer Entscheidung des Ministerrates »zur Sicherung des Geheimschutzes auf dem Gebiet der Umweltdaten« vom November 1982 unter Verschluß. Umweltgruppen in Potsdam und im Erzgebirge bekamen auf ihre besorgten Nachfragen keine Antwort. Mit ihrer Geheimniskrämerei hat es die SED bis heute geschafft, eine breite kritische Diskussion über den Umweltschutz zu unterbinden.

Dabei sind die Spuren des krebsverdächtigen Giftes allgegenwärtig: 1978 ermittelte das Ost-Berliner »Zentralinstitut

für Ernährung« bis zu 0,23 Milligramm DDT pro Kilogramm Muttermilch. 1982 wurden fast doppelt so hohe Werte gemessen. Im Trinkwasser fanden sich 0,25 bis 0,5 Milligramm DDT je Liter. Untersuchungen an Neugeborenen in Ost-Berlin und Leipzig ergaben beängstigend hohe Werte.

Doch das wissen nur einige Wissenschaftler. Experten wie Professor Rudolf Engst vom Ernährungsinstitut fordern denn auch, nicht schrittweise, sondern sofort den Gebrauch von DDT einzustellen.

Solche Warnungen werden überhört. Sie passen nicht in eine Politik, die auch in der Landwirtschaft auf forciertes Wachstum setzt. Und das bedeutet immer mehr Chemie.

Jahr für Jahr werden Millionen Hektar Fläche mit Pflanzenschutzmitteln besprüht. 50000 Tonnen Chemie schütteten die Schädlingsvernichter aufs Land. 428 Millionen Mark kostete das die DDR allein im Jahr 1980.

Beim Umgang mit den giftigen Substanzen sind Schlamperei und Pfusch an der Tagesordnung. Zu den schlimmsten Umweltsündern in der DDR-Landwirtschaft gehören, nach dem »Betrieb Agrarflug der Interflug«, die 258 »Agrochemischen Zentren«. Sie sorgen für die Verteilung der gut sieben Millionen Tonnen Dünge- und Pflanzenschutzmittel.

In ihrem Umkreis werden Wasser und Boden gleich mitbeliefert. Mehr als 100000 Kubikmeter mit Pflanzenschutzmitteln verunreinigte Abwässer fallen hier an. Sie werden zum Beispiel nach dem Säubern der Sprühfahrzeuge bis heute noch zum größten Teil unkontrolliert beseitigt und meist einfach auf einen angrenzenden Acker gekippt.

Hinzu kommen noch 60 Millionen Tonnen Jauche pro Jahr - Abfall der Agrarindustrie, der für die Düngung ungeeignet ist. Mit dem stark stickstoffhaltigen Harn-Kot-Gemisch werden, der Einfachheit halber, die Felder rund um die riesigen Tierkasernen berieselt. Allein eine Anlage zur Zucht und Mast von 20000 Schweinen, eine in der DDR übliche Größenordnung, belastet die Gewässer so sehr wie der Unrat einer Großstadt mit 400000 Einwohnern.

Ökologisches Bewußtsein ist - wie im Gesamtvolk - auch unter den Landarbeitern kaum verbreitet. Sie kümmern sich nicht um den Kahlschlag mit der chemischen Sense.

Kleingewässer, Tümpel, Gräben und Rinnsale am Rande der Felder sind verseucht, sie bieten keinen Lebensraum mehr für nützliches Kleingetier und Pflanzen. Durch die chemische Unkrautbekämpfung ist mittlerweile jede dritte heimische Farn- und Blütenpflanze vom Aussterben bedroht.

Was nicht den Chemietod stirbt, muß spätestens dran glauben, wenn Wiesen und Weiden je nach landwirtschaftlichem Nutzen im großen Stil be- und entwässert oder gleich ganz zu Äckern umgebrochen werden.

Von 1800 Pflanzenarten verschwanden in den letzten 100 Jahren 83 Exemplare. Bis zur Jahrhundertwende geht es rapide weiter: Übrig bleiben möglicherweise nur noch ein paar hundert. So war bereits auf einer Pflanzenschutz-Tagung in Leipzig zu hören, es könne heute nicht mehr um die »von Laien oft geforderte Erhaltung eines biologischen Gleichgewichts« gehen, sondern bestenfalls um die »relative Stabilisierung eines biologischen Ungleichgewichtes«.

Die Zeitschrift »Landschaftspflege und Naturschutz in Thüringen« kam zur Erkenntnis, daß »in vielen Fällen Schutzmaßnahmen unmöglich« seien. Man müsse sich vielmehr »Wissen um die wirtschaftlichen Zusammenhänge aneignen« und einen »konstruktiven Standpunkt« beziehen. Wie der auszusehen hat, wurde den Lesern auch erklärt: »Diejenigen, die in einer retrospektiven Betrachtungsweise verharren, erschweren ernsthafte Bemühungen, auch unter den entwickelten sozialistischen Produktionsbedingungen alle sich bietenden Möglichkeiten zum Schutz gefährdeter Pflanzen realistisch einzuschätzen.«

Auch die Liste der durch Umweltgifte gefährdeten Tiere ist lang: Hunderte von Arten, darunter Eule, Haselhuhn, Uferschwalbe, Feldhase, Kranich, Eidechse, Graureiher, Fischotter. Greifvögel wie der Wanderfalke sind längst ausgerottet.

Der Dresdner »Arbeitskreis zum Schutz der vom Aussterben bedrohten

Tiere« versucht zu retten, was zu retten ist. Das geht nur in einzelfällen, mit großem Aufwand. So konnten beispielsweise einige Exemplare des Mittelelbe-Bibers und der Großtrappe wieder angesiedelt werden.

Für viele andere Tierarten kommt die Hilfe zu spät. Oder sie ist letztlich sinnlos, da sich an der Umweltvergiftung nichts ändert.

Die Folgen 25jähriger sozialistischer Produktionsweise, die Ost-Berlin gern als »historisch am fortgeschrittensten« bezeichnet, sind katastrophal: Die Ackerkrume, jene 30 Zentimeter, von denen auch drüben alle leben müssen, ist durch falsche Bewirtschaftung und immens hohe Belastungen irreversibel geschädigt.

80 Prozent der Ackerböden sind ungenügend mit organischer Substanz versorgt. Der Humusgehalt ist vielerorts extrem niedrig. Die Erde wurde ausgelaugt, Analysen ergaben besorgniserregenden Bor- und Kupfermangel in der ganzen DDR.

Nicht die natürliche Fruchtfolge, sondern die zentral geplante mußten die Bauern beachten. Auf den großen Schlägen kann jeder den verheerenden Schaden in Augenschein nehmen, Erosionsfolgen sind allgegenwärtig. Der Wind greift die ungeschützte Krume an, trägt sie ab, weht sie durch Flur und Dörfer. Im Sommer gibt es Trocken-, im Winter Kälteschäden.

Die kleinbäuerliche Struktur ist verschwunden, die SED feierte es als »Sieg des Sozialismus auf dem Lande«. Die Felder wurden immer riesiger: Einst waren Betriebsgrößen von drei bis fünf Hektar die Regel, heute sind 200 Hektar keine Seltenheit, obwohl DDR-Agrarexperten als optimale Größe 72 Hektar empfehlen.

Vermeintlich unnützes Buschwerk, Hecken und Raine mußten verschwinden, die Landschaft wurde im großen Stil ausgeräumt. An die Stelle der natürlichen Schädlingsfeinde wie Vögel oder bestimmte Bakterien traten chemische Verbindungen, dennoch schmälert das Ungeziefer die Erträge wie nie zuvor. Mit dem Verschwinden der Greifvögel wuchs das Heer der Feldmäuse, trotz des scharfen Mittels »Toxaphen«. Immer größere Herden Dam- und Schwarzwild richten verheerenden Flurschaden an.

Da die Bewirtschaftung im großen Stil ökonomischer erschien, wurden auch die Maschinen immer größer. Die technisch rückständigen Ostblock-Traktoren, Erntemaschinen und Lastkraftwagen sind im Schnitt 20 Prozent schwerer als vergleichbare Geräte im Westen, ihr Druck auf den Boden ist höher. Zudem herrscht besonders im Herbst, wenn die Böden feucht sind, Zeitnot und Gerätemangel. Erntemaschinen und Schlepper müssen dann gleichzeitig eingesetzt werden - in einst fruchtbaren Gegenden ist der Acker heute regelrecht versteinert.

Über die Hälfte der DDR-Böden ist so sehr verdichtet, daß die Pflanzen nur noch schwer Wasser und Nährstoffe aufnehmen können. Darum nützt es auch nichts, noch mehr Dünger zu streuen. Die biologisch wichtigen Mikroorganismen der Ackerkrume sterben ab, die Bodenfruchtbarkeit schwindet.

Die Hauptschuld daran tragen die Methoden der industriell betriebenen Landwirtschaft: Mechanisierung, Chemisierung, intensive Düngung und Entwässerung. Die Alternative, Schutz der Natur oder Erhöhung des Lebensstandards, stimmt nicht mehr: Die Mißachtung ökologischer Notwendigkeiten hat schon zu Ertragseinbußen geführt. 1980 deckten die eigenen Ernten nur noch zwei Drittel des Bedarfs. Fast ein Drittel des benötigten Getreides, 4,2 Millionen Tonnen, mußte importiert werden. Bei Hackfrüchten, Kartoffeln oder Zuckerrüben, sah die Bilanz noch schlechter aus. Auch in der Tierzucht gab es erhebliche Verluste.

Erst auf diese sinkenden Produktionszahlen hat das Ost-Berliner Landwirtschaftsministerium reagiert. Die neuesten Direktiven sehen vor, Felder und Ställe zu verkleinern, Windschutzhecken anzupflanzen, wieder organischen Dünger zu verwenden - kurz, zu der guten, alten bäuerlichen Praxis zurückzukehren. Selbst eine vorsichtige Dezentralisierung wird erwogen.

Das alles kann bestenfalls ein paar Einbrüche in der Produktion verhindern, langfristig ändert sich nichts. Zwar sollen allein im Bezirk Erfurt bis Ende dieses Jahrzehnts 400 Kilometer Windschutzhecken neu angepflanzt werden. Aber

das reicht nicht, die Erosion zu stoppen: Die Pflanzen wachsen zu langsam, viele gehen wieder ein. Die neugestaltete Landschaft bleibt eine auf dem Reißbrett geplante Einöde.

Die ökologische Gesamt-Bilanz ist erschreckend. Die DDR-Landwirtschaft hat nicht nur sich selbst geschadet, die Folgen kurzsichtigen Ökonomie-Denkens treffen die ganze Gesellschaft.

Die starke Steigerung des Kunstdünger-Einsatzes hat Flüsse, Seen, Talsperren, schlimmer noch: das Grundwasser verseucht: Dort sammelt sich der überschüssige Dünger-Stickstoff, den die Pflanzen nicht aufnehmen können. Im Trinkwasser taucht das gut lösliche Nitrat wieder auf.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Nitrat-Gehalt im Trinkwasser verfünffacht. Jeder DDR-Bürger nimmt inzwischen mit Lebensmitteln und Getränken mehr Nitrat auf als die meisten Menschen in jedem anderen Land: nach Angaben von Lebensmittelchemikern aus Halle und Ost-Berlin täglich etwa 150 Milligramm. In der Bundesrepublik ist es nur die Hälfte.

Nitrat pur in größeren Mengen führt zu Brechreiz, Durchfall und anderen Vergiftungserscheinungen - harmlos im Vergleich zur Wirkung jener Stoffe, die im Körper aus Nitrat entstehen: Nitrite und krebserzeugende Nitrosamine.

Nitrit ist ein starkes Gift, das schon in geringsten Mengen vor allem bei Säuglingen rasch die Blausucht hervorruft. Die Sauerstoffaufnahme des Blutes wird eingeschränkt, Fachausdruck: Hämiglobinämie. Die Haut verfärbt sich bläulich, die Babies bekommen keine Luft mehr, sie ersticken.

Besorgte Wissenschaftler der Karl-Marx-Universität Leipzig wiesen darauf hin, daß heute nicht mehr allein Kleinstkinder betroffen sind: »Es konnte nachgewiesen werden, daß auch bei größeren Kindern und sogar bei Erwachsenen eine asymptomatische Hämiglobinämie auftreten kann.«

Die Langzeitschäden werden erst erforscht. Denn Nitrat wirkt nicht nur akut auf die Gesundheit: Es beeinflußt die Enzyme der Verdauung, die Aufnahme der Nährstoffe, die Schilddrüsenfunktion und behindert die Funktion des Vitamins A. Die Leipziger Wissenschaftler stellten zudem »Veränderungen im EKG und im zentralen Nervensystem« fest. Sie vermuten auch, daß Nitrate im menschlichen Organismus gespeichert werden.

Besonders betroffen durch nitrathaltiges Trinkwasser sind die Bewohner im Norden der DDR, aber auch im Gebiet um die Magdeburger Börde und in der Mark Brandenburg - Regionen mit besonders viel landwirtschaftlicher Nutzfläche. In ganz Mecklenburg kann Trinkwasser nicht mehr aus Oberflächengewässern entnommen werden. In den vergangenen Jahrzehnten mußten dort Dutzende verseuchter Trinkwasserbrunnen geschlossen werden.

Doch auch in den Städten gibt es Sorgen wegen des Nitrats. So riet das Leipziger Hygiene-Institut den Müttern, für die Zubereitung von Babynahrung nur noch Mineralwasser zu verwenden.

Wie leichtfertig Umweltgifte in der Landwirtschaft eingesetzt werden, zeigt auch die Verwendung von Quecksilber (chemisches Zeichen Hg von Hydrargyrum: flüssiges Silber). Damit wird Saatgut, zum Schutz gegen krankheitserregende Pilze, gebeizt.

Schlimm genug, daß Vögel das giftige Zeug fressen. Kriminell aber ist, daß viele Betriebe gebeiztes Saatgut an Kühe

verfüttern - trotz strengen Verbots. Über die Milch und das Fleisch gelangt das Quecksilber so auch zum Menschen. Was es anrichten kann, zeigte sich in Japan, als 100 Menschen starben und jahrelang Kinder mit geistigen und körperlichen Schäden zur Welt kamen - Grund: Verzehr von quecksilberverseuchten Fischen.

In einem Betrieb im Bezirk Leipzig erhielten Rinder und Schweine über drei Monate lang quecksilbergebeiztes Getreide. Wieviel verseuchtes Fleisch in den Handel geriet, blieb unklar.

1982 wurden allein in Mecklenburg mehr als 200 Tonnen gebeiztes Getreide verfüttert. In nur vier Fällen erhielten LPG-Vorsitzende eine Strafe. Sie verteidigten sich mit dem Argument, daß sie zu wenig normales Getreide zugeteilt bekommen und deswegen auf das giftige Saatgut zurückgegriffen hätten.

Die vier hatten das Pech, erwischt zu werden. Wie oft aber solche Praktiken durchgehen, ist unbekannt. Daß Saatgut verfüttert wird, scheint die Regel, Reste werden nicht zurückgegeben.

Nicht nur Vögel oder Nutztiere, auch die Wildbestände sind quecksilberverseucht und praktisch ungenießbar. In den letzten Jahren warnten DDR-Behörden alle Jagdberechtigten davor, Wildenten und -gänse zu verzehren. Die Waidmänner wurden zudem angewiesen, die Innereien des Haarwildes zu vergraben. Bei einigen Tieren fanden sich 1000fach überhöhte Quecksilberwerte.

Quecksilbergebeiztes Saatgut war die Hauptursache für das Aussterben des Wanderfalken. Zoologen aus Halle beklagten schon vor Jahren, daß die »gesamte Körnerfressernahrungskette betroffen« sei. Systematisch analysierten sie verendete Seeadler und stellten »schlagartig erhöhte Rückstandsspiegel« in den Körpern dieser vom Aussterben bedrohten Vögel fest.

Die Experten berichteten auch von einem Krähenmassensterben: Hunderte von Saatkrähen verendeten in Feldberg (Kreis Neustrelitz). Auf Wiesen in Neubrandenburg fanden die Wissenschaftler immer wieder schwermetallvergiftete Gänse. Sie fordern die »schnellstmögliche Ablösung der methyl-Hg-haltigen Saatbeizmittel«.

In vielen westlichen Ländern wie Italien, Kanada oder der Bundesrepublik ist die Quecksilber-Beize längst verboten. Auch die DDR will »perspektivisch« davon abkommen. Doch das Verfüttern des verseuchten Getreides, landauf, landab als Kavaliersdelikt üblich, wurde begünstigt durch das Landwirtschaftsministerium selbst. Es ließ ermitteln, wie sich die Kontamination in Eiern, Milch oder Fleisch niederschlägt und bis zu welchem Wert sie geduldet werden kann - eine staatlich tolerierte Grauzone für umweltgefährdendes Verhalten.

Die DDR legte als Grenzwert für Quecksilber in Lebensmitteln 0,05ppm, _(ppm = parts per million; ein Teil von ) _(einer Million Teile. )

in Innereien 0,1 ppm, in Fisch und Wild sogar 0,5 ppm fest.

Bei Trinkwasser, das zu den Lebensmitteln zählt, liegt er damit viel zu hoch. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt nur 0,001 ppm. Hinzu kommt: Die rechtlichen Regelungen existieren bloß auf dem Papier.

»Für die DDR«, so stellten Leipziger Pharmakologen umständlich fest, »ist infolge

subjektiven Verhaltens nicht in jedem Fall mit absoluter Sicherheit eine Schadstoffkontamination mit Grenzwertüberschreitungen für alle pflanzlichen und tierischen Lebens- und auch Futtermittel auszuschließen.«

Sträflich verschlimmert wird die Belastung landwirtschaftlicher Flächen durch die Berieselung mit Abwässern und das Ausbringen von Klärschlamm.

Anfang 1985 wurden in West-Berlin auf derartigen Rieselfeldern Spitzenbelastungen mit Blei und Cadmium gemessen. Zum Jahresende müssen nun die West-Berliner Bauern den Anbau auf diesen Äckern einstellen. Die letzten Ernten - Chinakohl, Spinat, Salat, Rüben und Sellerie - waren durch und durch verseucht.

Auf den ostdeutschen Rieselfeldern rund um Berlin, wohin auch ein Teil der West-Berliner Abwässer geht, wird jedoch munter weiter geerntet. Schließlich handelt es sich um das »volkswirtschaftlich günstigste Verfahren der Schlammbeseitigung«, schreibt eine Wasserwirtschaftsexpertin.

Doch das Dresdner Institut für Wasserwirtschaft stellte in Böden, auf die lange verrieselt wurde, hohe Schwermetallgehalte fest. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluß, die landwirtschaftliche Verwertung kommunaler Abwasserschlämme sei »nicht problemlos«. Sie forderten, neue Bodengrenzwerte festzulegen und die verseuchten Flächen zu kontrollieren.

Das dürfte schwerlich gelingen. Durch den Bau neuer Kläranlagen fallen inzwischen mehr als zehn Millionen Kubikmeter Schlamm an pro Jahr, hochgiftige Substanzen: ob Cobalt, Blei, Strontium, Zyankali, Arsen, Formaldehyd, Phenole oder Cadmium - kaum ein Gift fehlt. Selbst radioaktive Stoffe wurden in den Abwässern ostdeutscher Großstädte entdeckt.

Da in der DDR die »sicheren Deponieplätze« für Klärschlamm bereits gefüllt sind, bleibt nur die Ausbringung auf landwirtschaftliche Nutzflächen - mehr als 50000 Hektar sind dadurch dauernd hochgradig belastet. Eine gefährliche Kette: zunächst der Boden, dann die Pflanzen und über die Nahrungskette schließlich der Mensch.

Manchmal werden giftige Abwässer sogar direkt ab Werk aufs Land gekippt. So verregnet das Gaskombinat »Schwarze Pumpe« in Spremberg südlich von Cottbus stark phenolhaltige Brühe zu einem Teil auf Getreidefeldern. »Zur Entlastung der Spree«, legitimierte die »Lausitzer Rundschau« das Verfahren.

Die Stadt Schwerin ließ für ihre Abwässer eigens eine 14 Kilometer lange Pipeline bis zum Pflanzenproduktionsbetrieb Plate bauen. Bis dahin gingen sie immer in den Schweriner See, doch der drohte umzukippen. Nun wird das Dreckwasser des »Industriekomplexes Schwerin-Süd« auf 1250 Hektar verregnet. Der örtliche Funktionär war bei der Einweihungsfeier ganz stolz auf seine gigantische Giftspritze: »Hier ist beispielhaft gelöst, was wir überall anstreben: höhere Effektivität der Produktion bei gleichzeitiger Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen.«

Die Verunreinigungen kommen noch zu denen hinzu, die ohnehin anfallen. Auf Rüben oder Weidegras, Stroh oder Korn lagern sich die Emissionen der Industrie ab. Allein mit der Braunkohleasche regnen zum Beispiel rund 4000 Tonnen reines Blei aufs Land.

Besonders verhängnisvoll ist das Zusammenwirken von Schwermetallen mit dem gleichzeitig emittierten Schwefeldioxid. Je saurer der Boden, desto besser nehmen die Pflanzen die Schwermetalle auf. Selbst wenn die zulässigen Immissionswerte der Luft eingehalten werden - was längst nicht der Fall ist -, kommt es zu erheblichen Belastungen.

Untersuchungen über den Schwermetallgehalt bei Getreide und Kartoffeln, angestellt von Instituten in Karl-Marx-Stadt, Dresden und Ost-Berlin, ergaben alarmierende Werte: Im Hafer fanden die Wissenschaftler bis zum 30fachen des zulässigen Cadmiumwertes, in Kartoffeln bis zum Vierfachen. Ihre Empfehlung: Hafer sollte besonders im Einwirkungsbereich der Cadmium-speienden Buntmetallurgie nicht mehr angebaut werden oder vor der Verfütterung »im entsprechenden Verhältnis mit nichtbelastetem Hafer vermischt werden«. Der Anbau von Weizen in hochbelasteten Gebieten, fanden sie, kann zwar noch durchgehen, sollte jedoch nicht gefördert oder bevorzugt werden.

Die Verschmutzungen sind inzwischen so schlimm, daß die Industrie den Landwirtschaftsbetrieben Ausgleich bezahlen muß. Für die Entschädigung maßgeblich ist jedoch meist nur die Ertragsminderung. Die mangelnde Qualität der pflanzlichen Erzeugnisse bleibt unberücksichtigt, außerdem muß der Landwirtschaftsbetrieb seinen Verlust nachweisen. Da das oft sehr kompliziert ist, versuchen es die Betriebe gar nicht erst.

Die Belastungen wirken verzögert, aber unaufhaltsam, der Boden kann sich nicht regenerieren. Doch die Verseuchung wird nicht gestoppt, die DDR geht den anderen Weg. Sie propagiert »Anpassungsmaßnahmen an die Immissionssituation« - mit womöglich fatalen Folgen: Wo Gemüseanbau nicht mehr möglich ist, weicht man auf Getreide aus, wo das nicht mehr geht, bleiben Futterrüben, wo die nicht gedeihen, blüht vielleicht noch Klee.

Und eines Tages, wenn die Gifte ackumuliert sind, wächst kein Gras mehr. Der Boden, laut DDR-Wörterbuch das wichtigste »Produktionsmittel«, könnte dann ja - letzte Anpassungsmaßnahme - als Giftmülldeponie dienen.

Im nächsten Heft

Verseuchte Flüsse - 9000 Seen sterben - Tonnenweise tote Fische - Müllhalden voller Gift - 600000 Arbeitsplätze mit unerträglichem Lärm - Grüne im anderen Deutschland _(Quecksilbervergiftung durch verseuchten ) _(Fisch, im japanischen Minamata. )

ppm = parts per million; ein Teil von einer Million Teile.Quecksilbervergiftung durch verseuchten Fisch, im japanischenMinamata.

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