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STRAFVOLLZUG Wir haben die Motten

aus DER SPIEGEL 9/1954

Es war im Vorwährungsjahr 1947, als die Arbeit im überfüllten Flüchtlingsland Schleswig-Holstein knapp und das Essen karg war. Der gelernte Dreher Hans Semmelhaack, damals 23, brach bei anderen Leuten ein und stahl, bis er gefaßt und vor Gericht gestellt wurde. Eine schleswig-holsteinische Strafkammer schickte Hans Semmelhaack für viereinhalb Jahre ins Zuchthaus.

Gefangener Semmelhaack wurde in die Strafanstalt Lübeck-Lauerhof eingewiesen und lag dort in einem Gemeinschaftsraum zusammen mit rund sechzig anderen Häftlingen; denn Einzelzellen gab es in der Brotsuppenzeit nicht genügend.

Hier stieß Semmelhaack auf einen Fachkollegen aus seinem Heimatort Elmshorn. Die beiden tauschten Gedanken diverser Art aus und wohl auch Bazillen. Denn Hans Semmelhaack beachtete die Mahnung nicht, daß sein Kollege tuberkulosekrank sei. Er hatte andere Sorgen.

Die Strafanstalt in Lübeck war voll und die Aufsicht gut. Semmelhaack fühlte sich aber draußen wohler und bewegte in seinem Hirn einen Fluchtplan ("Das tut jeder in den ersten Tagen des Kollers"). Er meldete sich krank und kam nach Kiel ins Gefängnislazarett. Wegen Unterernährung und Eiweißmangels; beides hatte er noch aus der Freiheit mitgebracht.

Der Arzt stellte jedoch zusätzlich am 18. Juni 1948 eine verkapselte Tbc fest, vermerkte diese Tatsache im Krankenblatt des Semmelhaack und wies auf die Notwendigkeit einer besonderen Beaufsichtigung hin. Aber die Mühlen des Staates mahlten in gewohntem Tempo. Semmelhaack kam aus dem Lazarett in die Strafanstalt nach Rendsburg und von dort auf eigenen Wunsch in das Torflager »Himmelmoor« bei Quickborn in Südholstein.

Das Krankenblatt aber blieb in den Akten der Strafanstalt Kiel hängen.

Semmelhaack fühlte sich im »Himmelmoor« in einem zwar moorigen, aber ansonsten ganz passablen Gefangenenhimmel. Eifrig stach er Torf und genoß die dafür ausgesetzte Zusatzverpflegung. Doch eines Tages machte er schlapp, bekam hohes Fieber und machte auf diesem Wege die Bekanntschaft mit Dr. med. Gustav Olshausen ("Mein Vorfahre war der schleswig-holsteinische Revolutionär*)").

Über diese Bekanntschaft ist Hans Semmelhaack heute noch verbittert: »Ich brauchte mich gar nicht auszuziehen; der legte mir nur mal das Ohr an den Rücken.«

Nun kennt sich Dr. Olshausen aber aus langjähriger Erfahrung gerade mit Tbc recht gut aus: »Wenn ich jemandem die Hand gebe, weiß ich schon Bescheid. Ist der Handteller feucht und kommt eine rauhe Stimme hinzu, ist der Mann tbcverdächtig.«

So äußerte denn auch Dr. Olshausen, der neben seiner privaten Praxis in

*) Theodor Olshausen, 1802 bis 1869, Führer der sogenannten Neu-Holsteiner, die sich für den unbedingten Anschluß Holsteins an Deutschland unter Verzicht auf Schleswig einsetzten. 1848 Mitglied der provisorischen Regierung von Schleswig-Holstein. Quickborn Vertragsarzt für das »Himmelmoor« ist, schon am 3. November 1949 zu einem Aufseher, daß bei Semmelhaack Tbc-Verdacht bestehe. Das sicherste Diagnose-Mittel wäre eine Röntgen-Untersuchung gewesen. Eine komplette Anlage hierfür hat Dr. Olshausen in seiner Praxis.

»Der Aufseher zeigte mir aber ein Schreiben von der Strafanstalt Rendsburg, zu der verwaltungsmäßig das Himmelmoor gehört, wodurch

* das Röntgen von Gefangenen verboten worden war«,

erklärte Dr. Olshausen und hielt auch als Zeuge vor Gericht diese Aussage aufrecht.

Am 18. November 1949 wurde Semmelhaack in Olshausens Praxisvilla dennoch durchleuchtet. Eine Aufnahme wurde allerdings nicht angefertigt, denn ohnehin mußte Dr. Olshausen die Kosten für dieses Röntgen aus der eigenen Tasche zahlen.

Zwei Tage vor Neujahr 1950 kam Semmelhaack in ein Rendsburger Krankenhaus. Und im Januar 1950 diagnostizierte man hier: »Offene Tuberkulose.«

»Ich kam dann zurück in eine abgesonderte Abteilung des Rendsburger Gefängnisses«, berichtet Hans Semmelhaack seine Leidensgeschichte weiter. »Die anderen Häftlinge sahen alle ziemlich klapprig aus. Da fragte ich denn mal: ''Was habt ihr denn?''« Daß er offene Tbc hatte, war ihm nämlich immer noch nicht gesagt worden. Seine Frage wurde mit brausendem Gelächter quittiert: »Wir? Mensch, wir haben die Motten.«

Es dauerte länger, bis Semmelhaack mit diesem Ausdruck etwas anfangen konnte, und als er ihn begriffen hatte, eröffnete er einen wochenlangen Ringkampf mit dem Gefängnisarzt um eine Verschickung in eine Heilanstalt.

1951 hatte Semmelhaack seine Strafe abgesessen und damit seine bösen Taten auf dieser Welt gesühnt. Im Mai 1952 wurde ihm bescheinigt, daß er immer noch an offener Tbc leide und zu fünfzig Prozent erwerbsunfähig sei. »Die Tuberkulose habe ich mir aus dem Zuchthaus mitgebracht«, sagt er. Das scheint ihm eine allzu harte Bestrafung seiner 1947er Dinger zu sein. Er ist heute zu fünfzig Prozent arbeitsunfähig.

»400 Mark im Monat muß mir der Staat zahlen«, war für Semmelhaack das Fazit. »Das hätte ich heute als gesunder Dreher leicht verdienen können.« Er hat inzwischen geheiratet und lebt mit seiner jungen Frau von 55 Mark Invalidenversicherung im Monat in einem neun Quadratmeter großen Baracken-Stübchen im Elmshorner Stubbenhuck 79.

Hans Semmelhaack verklagte den Generalstaatsanwalt in Schleswig*) auf Schadenersatz, und die Zweite Zivilkammer des Landgerichts Kiel gab dem tuberkulösen Dreher jetzt in erster Instanz recht. Die Generalstaatsanwaltschaft Schleswig wurde verurteilt, allen entstandenen und noch entstehenden Schaden an Semmelhaack wiedergutzumachen.

»Aber, wer weiß, wie lange es noch dauert, bis der arme Kerl sein Geld bekommt«, fürchtet sein Anwalt Dr. Wacker in Kiel. »Dies war ja nur die Feststellungsklage.« Und das Justizministerium Schleswig-Holstein kündigte an, daß es nicht daran denke, so ohne weiteres für Semmelhaack zu zahlen: »Wenn das Urteil schriftlich abgesetzt vorliegt, wird entschieden werden, ob wir die Revision beim Oberlandesgericht beantragen.«

*) Der Generalstaatsanwalt repräsentiert als die für den Strafvollzug zuständige Instanz das beklagte Land Schleswig-Holstein.

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