Die Kolonne wartet seit Stunden auf der stählernen Brücke, die sich über die Drina spannt. Nur noch wenige Meter, und die zusammengedrängten Menschen auf den hochbeladenen Traktoren und Fuhrwerken haben sicheren, serbischen Boden erreicht.
»Srbija!« ruft ein Veteran der geschlagenen Krajina-Armee und schwenkt freudig seine schwarze Strickmütze. Doch der erste Willkommensgruß im gelobten Land der Vorväter fällt rüde aus. »Hast du noch Waffen?« fährt ein serbischer Zöllner den Mann an. »Nein«, antwortet der halb irritiert, halb zynisch, »die haben wir ordnungsgemäß den Kroaten hinterlassen.«
Rücksichtslos reißen die Kontrolleure die Plastikplane zur Seite, die um die Ladefläche des Anhängers geschlungen ist. Seine Ehefrau muß sogar das zusammengeschnürte Bündel mit Federbetten und Kissen auf dem schmutzigen Asphalt aufrollen.
Die Zöllner winken ungeduldig, weiter, der nächste. Rotkreuz-Mitarbeiter in blütenweißen Uniformen dirigieren den Konvoi in das nur wenige Kilometer entfernte Aufnahmelager Loznica. »Wo ist Seselj?« ruft ein schmächtiger Mann, der noch immer die scheckige Uniform der Krajina-Armee und zerfetzte Militärstiefel trägt.
Auf der Flucht aus Knin haben sie sich alle immer wieder ausgemalt, wie der serbische Radikalenführer ihnen an der Grenze einen triumphalen Empfang bereiten würde. Hatte Vojislav Seselj bei seinen flammenden Auftritten in der Krajina nicht immer brüderliche Hilfe versprochen? Die Flüchtlinge sind überzeugt, daß er bereits alle Kroaten und Ungarn aus Serbien vertrieben hat und deren Häuser nun für sie zum Einzug geflaggt sind.
Aber der ersehnte Führer ist nicht da, es ist überhaupt kein Politiker da, der die geschlagenen Landsleute begrüßen und aufrichten könnte. Das Aufnahmelager in Loznica ist völlig überfüllt. Daten werden unbeteiligt registriert, einige Lebensmittel verteilt. Eine junge Frau fragt nach einem Stück Schokolade für ihren fünfjährigen Sohn, der seit dem Fluchttag kein Wort mehr von sich gibt.
Ein kahlgeschorener junger Soldat steht wie angewurzelt in dem Durcheinander. Er blickt zu Boden, weigert sich, Hilfe entgegenzunehmen. Ein Brot und zwei Konserven, fragt er bitter - und was dann? Er schämt sich, weil er als Soldat nicht ehrenhaft im Feld unterlag, sondern die Krajina, wie er sagt, »ohne Kugel verkauft« worden sei.
Alle sind sich sicher, daß ihre Heimat verraten wurde, aber die meisten haben Angst, darüber zu reden. Nur Vladimir erzählt von seiner Odyssee: »Das war kein Kampf, das war Karneval.« Obwohl schon 62, diente er in Slunj bis zur letzten Stunde in der serbischen Armee. Als die Kroaten angriffen, schickte das Oberkommando sein Korps mit fast 7000 Mann auf eine sinnlose Irrfahrt. Von Slunj nach Glina fuhr Vladimir mit dem Panzer, von dort ging es nach Petrova Gora und wieder zurück nach Glina - angeblich, um die Ausrüstung in Sicherheit zu bringen. Schließlich mußten die Serben dann doch ihr gesamtes Gerät zurücklassen. Eine organisierte Verteidigung fand nicht statt.
Der Judas, der die Krajina an Tudjman verkauft hat, ist für sie der serbische Präsident. »Milosevic«, prophezeit Vladimir, »hat sich damit das Messer selbst an den Hals gesetzt.« Seit der Niederlage hat Milosevic, der große Schweiger, sich öffentlich nicht blicken lassen.
Die Polizei treibt die Kolonne zur Weiterfahrt. Die Flüchtlinge wissen nicht, wohin die Reise geht. Sie ahnen auch nicht, daß immer mehr Bürgermeister aus allen Landesteilen melden, in ihren Gemeinden keine Vertriebenen mehr aufnehmen zu können. In Vranja und den umliegenden, als wohlhabend bekannten Dörfern weigern sich die Einwohner sogar, Milch oder Maismehl für die Landsleute zu spenden.
Auf dem Autoput, der nach Belgrad führt, sperrt die Polizei alle Ausfahrten. Nur wer von serbischen Freunden oder Verwandten persönlich abgeholt wird, darf aus dem Flüchtlingstreck ausscheren.
Mit jedem zurückgelegten Kilometer wächst die Resignation. Eigentlich, gesteht eine rundliche Frau und wischt sich die Tränen aus den Augen, stünden ihr die früheren kroatischen Nachbarn näher als die Belgrader Serben, mit denen die Krajina-Siedler niemals in der Geschichte zusammenlebten. Sie will heim.
Doch ihr Mann weist sie empört zurecht: Ein Zurück werde es nicht geben, die Häuser seien mittlerweile geplündert und abgebrannt. Menschenrechtsgruppen und Uno-Blauhelme haben seinen Verdacht in der vergangenen Woche erhärtet: Kroatische Truppen sorgten nach der Eroberung der Krajina dafür, daß die Serben keine Lust auf Rückkehr verspüren. In der Umgebung von Knin brandschatzten sie über zwei Drittel der Häuser, zerstörten systematisch serbisches Eigentum. Zurückgebliebene Zivilisten wurden ermordet.
Es kommt fast zu Handgreiflichkeiten zwischen erbitterten Rückkehrverweigerern und jenen, die - wie der ehemalige Kellner Danko - sagen: »Meine Heimat ist dort, wo mein Großvater begraben ist.« Nichts in der Welt könne ihn davon abbringen, an der Krajina festzuhalten, gewaltsam oder friedlich. Vom Autonomieplan, den die Uno im Januar für die Krajina vorgeschlagen hatte, haben sie nichts gehört. Danach würde den Serben ihr eigenes Geld, eine eigene Polizei und eine nahezu vollständige Selbstverwaltung zugestanden, falls sie die kroatische Oberhoheit anerkennen. »Wenn die Welt dafür Garantien gäbe«, sagt Danko, »sollte man akzeptieren.«
Flüchtling Milorad findet bei Verwandten in Nova Pazova Unterschlupf. Über ein Dutzend seiner Familienangehörigen sind bereits vor ihm eingetroffen. Tochter Rada hat sieben Tage Serbienerfahrung hinter sich, die nichts Gutes verheißen: »Ich bin schockiert. Auf der Straße beschimpft man mich und mein Baby als Zigeunerpack, beim Einkaufen maulte eine Serbin: ,Woher hast du so viel Geld, dir Schinken zu leisten?'«
Die Krajina-Serben werden am Dialekt sofort erkannt. Immer wieder bekommen sie zu hören: »Wir haben euch nicht gerufen.« Seit Hunderttausende von Landsleuten aus Kroatien und Bosnien im Mutterland Zuflucht suchen, schmilzt die nationale Solidarität dahin. Daß Belgrad zu einer Art Chicago geworden ist, in der Mafiosi die Bevölkerung verängstigen, wird den bosnischen Einwanderern angelastet. Kriegsprofiteure, die mit ihnen einsickerten, liefern einander fast täglich tödliche Auseinandersetzungen.
Die Mafia hält das Monopol über den Zigaretten- und Benzinschwarzmarkt, und sie kontrolliert zahlreiche Belgrader Gemüsemärkte, deren Preise von Bossen diktiert werden, die in gepanzerten schwarzen Jeeps oder silberfarbenen Porsches vorfahren. Restaurants und Cafes müssen Schutzgebühren entrichten.
Die aufgestaute Wut über den wirtschaftlichen Zusammenbruch entlädt sich nun auf die Zuzügler. Alle Serben in einem Staat: Damit meinte man Großserbien, nicht das enge Zusammenrücken in der eigenen Republik.
Acht Verwandte einer Flüchtlingsfamilie aus Benkovac habe sie angerufen, erzählt Danica Draskovic, alle lehnten deren Aufnahme ab. Die Ehefrau von Oppositionsführer Vuk Draskovic leitet seit Jahren die Hilfsorganisation Spona. Mehrmals am Tag fährt sie die Flüchtlingskolonnen ab, verteilt Lebensmittel und Kleidung und schleust einige Hilfsbedürftige an den Polizeikontrollen vorbei nach Belgrad in die Räume ihrer Organisation.
Eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie aus Dvor hofft, in Belgrad Fuß fassen zu können. Vater Zoran, der bis zuletzt in der ersten Linie kämpfte, verweist auf ein Zeitungsinserat: »Automechaniker gesucht«. Aber als er anruft, winkt der Werkstattbesitzer sofort ab: »Sie werden so schnell die serbische Staatsbürgerschaft nicht erhalten. Da bekomme ich nur Ärger.«
Die Medien vertuschen die trostlose Lage. Das von Milosevic beherrschte serbische Fernsehen schrieb seinen Regionalzentren neue Richtlinien für den Umgang mit den Flüchtlingen vor: Das Wort »Vertriebene« dürfe nicht mehr verwendet werden, in den Beiträgen müsse die humanitäre Hilfe gewürdigt werden, etwa die Aufforderung an alle privaten Bäcker, sofort aus dem Urlaub zurückzukehren. Kein Aufnahmelager darf gefilmt, kein kritisches Interview mit den »Aussiedlern« gesendet werden.
Nur wer die unabhängigen Zeitungen Nasa Borba oder Vreme liest, erfährt von schrecklichen Szenen, die sich gelegentlich abspielen, wenn die Flüchtlinge ihre ausweglose Situation erkennen. In Kragujevac blockierten Krajina-Serben die Eisenbahnschienen, als sie erfuhren, daß sie ins Kosovo abgeschoben werden sollten - wo sie wieder als Minderheit in einer feindseligen, mehrheitlich albanischen Umgebung hätten leben müssen.
Viele glauben, daß Serbenpräsident Milosevic den Zorn der mittellosen Landsleute auf die Minderheiten in seinem Reich umlenken möchte. Militante Krajina-Serben könnten helfen, die störenden Albaner aus dem Kosovo zu vertreiben. Kroaten und Ungarn in der Vojvodina ließen sich schon einschüchtern und zur Aussiedlung zwingen. Nur wenn sie dazu beitragen, den Vielvölkerstaat Restjugoslawien ethnisch rein zu machen, sind die Umsiedler für Milosevic politisch nützlich.
Schon verschaffte sich eine Gruppe radikaler Krajina-Flüchtlinge mit Äxten und Revolvern in den Orten Kukujevci, Sid, Ruma und Apatin ein neues Zuhause: Den dort lebenden Kroaten und Ungarn drohten sie die Ermordung an.
Mit einem Stapel grauer Herrenhosen fährt Danica Draskovic wieder den Kolonnen entgegen. Sie rät, die Uniformen gegen Zivilkleidung zu tauschen. Denn Häscher sollen bereits in ganz Serbien Jagd auf Krajina-Flüchtlinge im wehrpflichtigen Alter machen, um sie erneut an die Frontlinien in Bosnien oder Ostslawonien zu bringen.
Krajina-Serben sollen helfen, störende Albaner zu vertreiben