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»Wir haben sie Katzenpack getauft«

aus DER SPIEGEL 17/1977

Auf seinem dunklen Treppensockel leuchtet das Metropolitan Museum über der Fifth Avenue wie ein zum Ball gerüstetes Königsschloß.

In schwappendem Samt und flatternder Seide schweben die Feen die Stufen hinauf und durch das Portal. Die Photographen stehen vorm Eingang aufgereiht wie eine Rittergarde. Ihre Blitzlichter sind der Salut.

An der Garderobe zupfen und zögern die Feen noch ein bißchen, bevor sie dann ins wirbelnde Foyer eintauchen. Denn was jetzt kommt, ist wesentlich: der Auftritt, das Ankommen vor und bei der Phalanx der Presse.

Es ist eine kurze heiße Begegnung. Reporterinnen, selbst in feierlicher Verkleidung, schießen vor und fragen nach der Herkunft der Rohen. Die Photographen hüpfen in blitzschnellen Kniebeugen auf und ab, springen vor und zurück. Mit kehligen Verführerstimmen feuern sie an: »Marisa, phantastic, give that smile again, will you?« »Hey, Nancy, great outfit, swing a bit over to the right.« »Super, super, super. I teil ye, super.«

Und die Damen der Gesellschaft knipsen ihr Lächeln an, rollen die Schultern und schütteln die Haare, all dieses nach den Kommandos, die ihnen aus der rauhbeinigen Photographenschar entgegenfliegen.

Die Damen bewahren Fasson in den Gesichtern, aber in den Hinterköpfen wird die Intensität des auf sie verwendeten Blitzlichtgewitters genau vermerkt.

Manche verweilen ein wenig, als warteten sie auf Freunde. Andere drehen sogar eine Extrarunde und kehren für einen zweiten Blitzlichtschauer zurück.

Früher nannte man sie »Beautiful People«. Das ist passe wie der Beatles-Song, aus dem der Ausdruck stammt. Heute spricht man eher von »Quality People«, geläufiger und aktueller ist jedoch, die Schicksten der Schicken als die »A-Leute«. die nur halbwegs Dazugehörigen als die »B-Leute« zu bezeichnen.

Daneben hält sich schon lange der Ausdruck »Cat Pack«, Katzenpack. Er stammt, wie die meisten anderen Termini dieser Art, aus »Women"s Wear Daily«, einem einstigen Schneiderfachblättchen, das in den letzten zehn Jahren wichtigster gesellschaftlicher Punktrichter in New York geworden ist.

John Fairchild, der Herausgeber: .Wir haben sie »Katzenpack« getauft, weil sie sich wie Katzen benehmen: sich aneinander reiben, sich vorsichtig umkreisen. Sie ziehen sich gegenseitig an, Elektrizität knistert zwischen ihnen, zugleich aber versuchen sie, sich gegenseitig auszustechen.«

Die Kerntruppe des Cat Pack ist recht konstant, sie weist seit gut zehn Jahren dieselben Namen auf -- darunter Jacqueline Onassis ("Jackie O."), die Filmschauspielerin Marisa Berenson, Modeschöpfer Oscar de La Renta oder Jackie-Schwester Lee Prinzessin Radziwill.

Geht"s um Musik, könnte man noch Leonard Bernstein dazuzählen, bei politischen Anlässen den konservativen Star-Kolumnisten Bill Buckley und Frau, bei allem nur halbwegs Kultivierten tauchen mit Sicherheit der Polit-Historiker Arthur Schlesinger und Frau auf, dann fehlen auch selten Medienstars wie die Fernsehgrößen Barbara Walters, Walter Cronkite, John Chancellor oder Autor David Halberstam.

Insgesamt geht es dem Pack darum, immer vornweg und immer dabeizusein. Nichts Schlimmeres, als bei spektakulären Anlässen zu fehlen. Als Truman Capote vor zehn Jahren seinen berühmten Maskenball im Plaza-Hotel gab, verbreiteten eine Reihe von Leuten, die nicht eingeladen waren, daß sie am fraglichen Tag verreist seien.

Als die »New York Times« daraufhin die Liste der geladenen Gäste veröffentlichte, waren die Schwindler entlarvt -- es war der Eklat der Saison.

Daran hat sich nichts geändert. Als in der letzten Woche der Literatur-Agent Irving ("Swifty") Lazar eine Geburtstagsparty gab, müßten die »richtigen Leute«, so seine Frau, »eingeladen sein -- oder sie konnten sich in New York nicht mehr sehen lassen«.

Ein ähnliches gesellschaftliches »Muß« war jenes glänzende Fest im Metropolitan Museum zur Eröffnung der Ausstellung »The Glory of the Russian Costurne«, die russische Prunkgewänder aus zwei Jahrhunderten zeigte.

Diese Ausstellung ist ein Augenschmaus, der bei der Premiere noch mit schweren Schwaden von Chanels »Cuir de Russie« und Rachmaninow angereichert wurde. Doch in ihren nagelneuen, schimmernden Bauernroben von Samt-Laurent (der wohl in Moskauer Museen ein bißchen kopiert haben dürfte) funkelten New Yorks Gala-Damen die russischen Kleider glatt an die Wand.

Zweifellos: Es war das Fest der Saison, vielleicht sogar das Fest der Dekade. So wie Capotes Maskenball ziemlich genau zehn Jahre vorher für die Sixties der Beautiful People stand, zeigte das Fest der Kostüme im Metropolitan Museum die Trends und Tendenzen von New Yorks Society in den späten 70er Jahren.

Geladen waren zwei Kategorien von Gästen: rund 100 Prominente, darunter der harte Kern des Katzenpacks, der für 150 Dollar zugunsten des Museums hier dinieren durfte: Es waren dies, darüber verständigte sich die Presse schnell, »die A-Leute« des Abends.

Die »B-Leute«, so um die tausend, hatten sich für 40 Dollar das Recht auf einen Drink nach dem Essen erkaufen dürfen.

Sie, die Mitglieder der zweiten Garnitur, sammelten sich vor dem verrammelten Portal, hinter dem die Privilegierten speisten, und sie standen ehrfurchtsvoll Spalier, als diese nach vollendetem Mahl in feierlicher Prozession an ihnen vorbeidefilierten: ein Souverän und sein Hofstaat

Voran schritt Jacqueline Kennedy-Onassis, noch immer Königin der Szene, neben ihr Thomas Hoving, der Direktor des Metropolitan Museums, unter dem der ehrwürdige Kulturpalast zugleich schick und populär wurde. Dann kamen als Vertreterin des alten New Yorker Stadtadels Mrs. Vincent Astor, als Vertreterin des neueren die Mode machende Prinzessin Diane von Fürstenberg.

Diana Vreeland war dabei, die berühmte alte Modecäsarin, früher Chefredakteurin von »Vogue«, heute Kostümkuratorin am Met und als solche verantwortlich für die Ausstellung; ebenso Cristina Ford, Ex-Gattin des II. Henry, jetzt mit eigener Modefirma ausgestattet, die Fiat-Magnaten-Gattin Marella Agnelli, die Philippinen-Herrscherin Imelda Marcos, die Modeschöpfer Bill Blass, Mary McFadden und Oscar de La Renta. Ferner: Bianca Jagger, Andy Warhol, Candice Bergen, Lee Radziwill nebst Gefährten Peter Tufo, Photomodell Marisa Berenson nebst frisch angetrautem Ehemann.

Männer sind in der Tat »nebst« im New Yorker Chic-set der siebziger Jahre. Frauen sind die Stars -berufstätige Frauen, nicht etwa hauptamtliche Gattinnen. Als machte der Zeitgeist auch vor den Reichsten und Schönsten nicht halt, ist der Job für New Yorker feine Damen heute ein unerläßliches Positionssignal geworden.

»Jeder, der nur irgendwie in Betracht kommen will«, sagt Charlotte Curtis von der »New York Times«, »muß arbeiten oder etwas tun, das wenigstens so aussieht, als würde man dafür bezahlt.«

Der »radical chic« der 60er Jahre, der den Black Panthers Einladungen zu Leonard Bernstein verschaffte, ist dem »working chic« der 70er Jahre gewichen, selbst für Jackie Onassis.

Im unauffälligen Kleinen Grauen und in praktischen Schuhen, die ihr bei Kollegen den Spitznamen »Mutter Erde« eingetragen haben, arbeitet sie als Lektorin im New Yorker Viking-Verlag. Für die Kostüm-Ausstellung erstellte Jackie einen Bildband, den sie höchstpersönlich mit schulmädchenhaft geschriebenen Aufsätzchen über die Zaren anreicherte.

Ihre Schwester, Prinzessin Lee Radziwill, arbeitet als Dekorateurin. Diane von Fürstenberg« die bessere Damen mit ihren betont unauffälligen Blümchenmustern uniformiert, landete vor sieben Jahren als frustrierende Ehefrau in New York und ist nun Millionenunternehmerin.

Cristina Ford hatte ihr Leben als Millionärsgattin satt und eröffnete vor zwei Jahren ein eigenes Modehaus, Yasmin Khan ist Modell und studiert zugleich klassische Musik. Ihre Busenfreundin Margaret Trudeau, 28, die vorige Woche wieder einmal Trennungsgerüchte heraufbeschwor -- sie ließ ihren Mann allein in den Ski-Urlaub reisen und flog mit den Söhnen Justin, 5, Sasha, 3, und Michel, 1, nach Boston -, möchte lieber Photographin in New York sein als Ministerpräsidentengattin in Kanada.

Früher sandten reiche Amerikaner ihre Töchter nach Wien zum »Ball der Silbernen Rose«, damit sie sich dort einen österreichischen Prinzen angeln konnten.

* Bei der Eröffnung der Ausstellung »The Glory of the Russian Costume in New York.

Earl Blackwell, Gründer und Chef des »Celebrity Service«, einer Nachrichtenagentur, die das Kommen und Gehen von Berühmtheiten verfolgt: »Wer heute seine Tochter gut lancieren will, verschafft ihr den »richtigen« Job.«

Was aber ist der richtige Job? Blackwell: »Das kann ein angesehener Verlag sein, eine gute Galerie, ein Museum, eins der führenden Modehäuser. Es geht alles, wenn nur der Name des Hauses stimmt.«

Delphina Rattazzi, Tochter der Fiat-Erbin Suni Agnelli (Schwester des Giovanni), fand eine Stelle als Assistentin im Viking-Verlag. Ihre Chefin: Jackie Kennedy. Prinzessin Nora von und zu Liechtenstein ist Lehrling bei der Weltbank. Prinzessin Diane de Bauveau-Craon, ein pummeliger kleiner Dynamo, wurde kürzlich Assistentin bei Amerikas führendem Modeschöpfer Halston -- ein Name, der überaus »stimmt«.

Die Namen müssen nicht nur stimmen, sie haben auch unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert, der mit dem tatsächlichen Rang der Firma oder Institution nichts zu tun haben muß.

Als Arbeitgeber für die höheren Töchter sind die Verlage Viking, Knopf sowie Farrar, Straus die besten Adressen. Harper & Row ist nicht ganz so chic, Doubleday, ein Verlag, dem der Geruch von Kommerz und Massenproduktion anhaftet, gar undiskutabel.

Dicht überziehen ähnlich unsichtbare, aber für die gesellschaftlich Ambitionierten wichtige Unterscheidungen und Rangordnungen das Feld, auf dem sich die Mitglieder des Cat Pack bewegen. Sie müssen aufpassen, wo sie hintreten. Das Feld ist voller Minen.

Es gibt eine Handvoll Restaurants, in denen man speist, überwiegend zu Mittag übrigens. Das gilt zum mindesten für die »La«-Restaurants: »La Grenouille«, »La Côte Basque« oder »La Goulue«; das Restaurant im 107. Stock des World Trade Center hat mittags, mit Ausnahmen, nur für Klubmitglieder geöffnet.

Abends überläßt das Cat Pack seine Futterstellen anderen Besuchern. Man speist dann unter sich, auf privaten Dinnerpartys.

Wichtige Ausnahmen: »Elaine's«, Tagungsort für die literarisch und intellektuell engagierten Mitglieder des Packs, oder »Sardi"s«, das berühmte Theaterrestaurant am Broadway, das allerdings nur zu Premierenfeiern besucht werden kann; neuerdings auch bei »Régine"s«, wo man für viel Geld die halbgekochten Gemüse der französischen Neuen Küche knabbern kann.

Nicht nur, wann man geht, ist wichtig, sondern vor allem: wo man sitzt. In jedem der vom Katzenpack besuchten Restaurants gibt es abgeteilte Zonen für den Plebs, für die Zweitrangigen, die B- oder C-Leute. Gäbe es diese Einteilung nicht, würden die Katzen nicht kommen. Sie brauchen das Publikum, den Hofstaat.

Die Gastwirte halten deshalb streng auf die Segregation ihrer Gäste. Elaine Kaufmann, die fette Wirtin von »Elaines«, ist für ihre Brutalität bekannt, mit der sie Anmaßende aus der Exklusivzone verscheucht, von den drei Tischen gegenüber der Bar.

Vincent Sardi muß sich den Kopf zerbrechen, wenn sich mehrere Zelebritäten um die Nummer-Eins-Plätze an der Stirnseite seines Lokals bewerben. Die Nachtklub-Königin Régine erkannte schnell, wie der Wind in New York weht, und richtete eine silberlamébezogene Prominentensitzbank ein.

Jean, der Maitre d"Hôtel von »La Grenouille«, schickt alle, die er nicht persönlich kennt, in den hinteren, den »Ketchup«-Raum.

Dort landete kürzlich auch Bernadine Morris, Moderedakteurin der »New York Times": Eine französische Freundin von ihr hatte einfach angerufen und einen Tisch für zwei bestellt.

Tische im »La Grenouille« werden natürlich nicht einfach bestellt, und sollte man so rückständig sein, Jean nicht persönlich zu kennen, muß man wenigstens mit dem richtigen Namen winken.

All dieses war im Fall Bernadine Morris nicht geschehen. Und so saß sie denn, gemartert von den mitleidigen Blicken ihrer Gefährten aus dem Pack, im »Ketchup«-Raum.

Am nächsten Tag stand's in der Zeitung: natürlich nicht in der »Times«, sondern in »Women"s Wear Daily«, was den Fall nur dramatisierte.

Selbst für die USA ist das New Yorker Kastensystem ungewöhnlich. Nur im ähnlich prestigebesessenen Washington gibt es in einigen wenigen Restaurants wie dem »SansSouci« die Segregation der besseren von den minderen oder nur minder besseren Gästen.

In New York kann der Zwang zur richtigen Placierung ein Restaurant kaputtmachen. »Das System ist tödlich«, sagt zum Beispiel Marina de Brantes, Schwägerin des französischen Prästdenten Giscard d"Estaing, die im vorigen Jahr ein Restaurant in New York eröffnet hat. »Die guten Leute bleiben nämlich glatt weg, wenn sie nicht ihre bevorzugten Plätze bekommen.«

Auch in ihrem »Coup de fusil« versuchte das anstürmende Katzenpack Exklusivzonen zu schaffen. Die Gräfin jedoch: »Wer bei mir nach einem bestimmten Tisch verlangt, dem sage ich: Bei mir ist jeder Tisch gleich gut.«

Aber solche Gleichheit will das Katzenpack nicht, das es ja nur gibt, wenn welche nicht dazugehören.

Zwar war die Gleichheit praktisch schon von der Unabhängigkeitserklärung über die amerikanische Gesellschaft verhängt worden. Aber die verstand es bald, das Prinzip zu unterlaufen: mittels Status, der in den USA die Rangordnung nach der Geburt ersetzt.

Deshalb wurden immer neue Bereiche zu Sonnenstränden für die Erfolgreichen erklärt. Und jedesmal, wenn die weniger Glücklichen, die Status-Sucher, mit hängender Zunge den Son-

* US-Designer Oscar de La Renta, »WWD«-Verleger Fairchild mit dem Pariser Couturier Marc Bohan im Restaurant »La Grenouille«.

nenstrand erreichten, zogen die Privilegierten weiter.

Früher war das die Möglichkeit, über Freizeit zu verfügen. Später -- in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts -- brachte es ungewöhnlicher Konsumstatus: das erste Auto, dann das zweite und dritte, das Boot, das Haus, das Ferienhaus, der Farbfernseher.

Das alles liegt inzwischen in der Reichweite selbst der Arbeiterklasse. Materieller Besitz hat seine Bedeutung für die Statuspflege verloren, meint daher der Soziologe Paul Blumberg in einer kürzlich veröffentlichten Titelgeschichte des Magazins »U. S. News & World Report« über den Status in den USA: »Ironischerweise war Amerika mit wachsendem Wohlstand weniger materialistisch, das heißt weniger mit materiellen Dingen als mit Statussymbolen beschäftigt.

Dieser Trend zeigt sich überall in den USA. Auf der In-Liste, die »U. S. News & World Report« druckte, erscheinen so unbedeutende Dinge wie Zimmerpflanzen, Meditation, Töpferei oder Dauerlauf.

Out sind dagegen: große Autos, Swimming-pools, Bastmatten, Sonnenbräune im Winter oder modernistische Häuser in den Vororten.

In all diesem war und ist New York immer eine Nasenlänge voraus: Da das Katzenpack eine Gesellschaft von Gleichgestellten nicht ertragen kann, ist es stets auf der Suche nach Neuem.

So entdeckte das Pack vor ein paar Jahren, daß man neue Filme natürlich nicht erst im Kino, sondern vorher, als geladener Gast, zu sehen habe.

»Niemand, absolut niemand, Darling, zahlt noch fürs Kino«, weiß die Kolumnistin Rosemary Kent. Und: »Filmvorführungen sind die Cocktailpartys der Seventies, und die Drängelei, auf eine der guten Listen zu kommen, hat die Bedeutung eines Tisches bei »Elaine's' überholt.«

Das Katzenpack braucht daher die Katzenpresse -- den Klatschjournalismus, und der ist zur Zeit in New York ganz groß. Die Zeitung »New York Daily News«, für die eine strohblonde »Suzie« seit fast zwei Jahrzehnten aus der herkömmlichen eleganten Welt berichtet, hat sich gerade eine zweite Klatschkolumnistin zugelegt, die etwas anspruchsvoller tratscht.

Und selbst die ehrwürdige »New York Times« hat jetzt angefangen, in der neuen Spalte »New Yorkers, etc« dann und wann Häppchen Klatsch zu servieren, mit aller Zurückhaltung natürlich,

Die zur Zeit Wichtigste ist neben June Weir die pummelige Rosemary Kent, ehemals Star-Reporterin von »Women"s Wear Daily«, jetzt mit einer eigenen Kolumne in »Harper"s Bazaar«. Sie ist flink, und sie schnüffelt mit nicht endender Begeisterung die neuesten Trends, Personalunionen und Treffpunkte des Katzenpacks aus. Sie weiß, daß man den besten Klatsch auf der Damentoilette des Juweliers Cartier oder im Aufzug des Bekleidungshauses Henri Bendel erlauscht.

Ein symbiotisches Verhältnis besteht zwischen Pack und Presse. Sie brauchen sich gegenseitig,

Was wäre »Women"s Wear Daily« ohne Beautiful People, was wären die ohne »Women"s Wear Daily«?

Dieses äußerlich eher kärglich aufgemachte Blättchen hat weitaus größeren Einfluß, als seine Auflage von 80 000 vermuten läßt. Jeden Morgen wird es an Tausende von Journalisten ausgeliefert, die weitertragen, was sie an Tips und Trends darin finden. Vor allem studieren es alle, die im Land was mit Mode zu tun haben, und sie folgen -- in der Regel -- dem Verdikt des Blattes.

»Es ist zum Verrücktwerden«, klagte in »Esquire« ein Mann aus der Damenoberbekleidungs-Branche, »all die kleinen Einkäuferinnen aus der Provinz kommen mit »WWD« unter dem Arm an, und was nicht darin gestanden hat, existiert einfach nicht für sie.«

»WWD« hat die berühmten »in«- und »out«-Listen erfunden, die der Lesergemeinde verbindlich mitteilen, was aktuell und was schon wieder passe ist. Quiche Lorraine als Cocktailimbiß, beispielsweise, ist passe, auch Sisalmatten im Schlafzimmer, Perserteppiche, Meditation oder roher Blumenkohl.

»Dank Dir, WWD!«, hieß es in einem (in »Esquire« veröffentlichten) ironischen Leserbrief an das Blatt, »Du hast uns beigebracht, die richtigen Weine auszuwählen und wie man einschenkt, durch Dich wissen wir, welche Restaurants in Frage kommen und wo man darin sitzen muß.«

Das Katzenpack, dessen Tun und Treiben in der Seite »Eye« (Auge) täglich genauestens geschildert wird, hat in diesem Zusammenhang die Funktion von Vorführdamen. Seine Mitglieder tragen die neuen Klamotten zur Schau, sie demonstrieren jede neue Wendung im großen amerikanischen Selbstverbesserungsspiel, sie öffnen, wenn es sein muß, für den »WWD«-Photographen ihre Kühlschranktüren.

Sie sind die Mannequins des Modern Living, und darin ist ihre Wirkung ungleich größer als die der ehemaligen »Kaffeehausgesellschaft«, die in Wien oder Berlin den Geschmack geprägt hat.

Wenn Gloria Vanderbilt in »WWD« ihre Blümchenservietten präsentiert. wird es die bald bei Bloomingdale"s geben. und, in der nächsten Saison. überall im Land, auch bei Woolworth, wenngleich dann aus Papier.

Das Katzenpack wiederum wird für seine Dienste am Publikum mit Positionsbestätigung entlohnt, mit dem gedruckten Nachweis, dazuzugehören.

Niemand mag sich mit »WWD« anlegen, denn das Blatt rügt und rächt sich.

So hatte sich Marie-Hélène de Rothschild geweigert, Mitarbeiter des Blatts zur Hochzeit ihres Stiefsohns David einzuladen -- worauf sie prompt in einer der nächsten Ausgaben als »unbekannte Begleiterin« vorgestellt wurde.

Und manche der Gala-Damen, die bei der Eröffnung der russischen Kostümausstellung mit den »WWD«-Photographen geturtelt hatte, wurde am nächsten Morgen beim eiligen Griff nach dem Blatt bitter enttäuscht.

Denn es hatte den aufgeputzten Damen Zensuren gegeben. Das Klassenziel A hatten kaum mehr als eine Handvoll erreicht -- darunter Jackie 0. und Diana Vreeland. Zu den Bs gehörten unter anderen Jackies Schwester Lee Radziwill und die Fiat-Familienangehörige Marella Agnelli.

Die Mehrheit aber mußte sich in der C-Klasse schämen: zusammen mit der fast barbusigen Schauspielerin Marisa Berenson oder der Schauspielerin Candice Bergen.

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