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Artikel 39 / 84

»Wir haben uns selber verraten«

aus DER SPIEGEL 43/1968

2. Fortsetzung und Schluß

Im Jahre 1962 hat mich ein Korrespondent der amerikanischen Agentur Associated Press besucht. Er wollte von mir einige Informationen über die Entwicklung der Slowakei.

»Sind Sie ständig bei uns akkreditiert?« habe ich ihn gefragt. Er verbarg nicht den Hohn über meine Frage. »Nein. Ich arbeite als Korrespondent in Wien. Bei Ihnen geschieht doch nichts, es wäre ein unpassender Luxus, hier ein Büro zu unterhalten.«

Bei uns ist »nichts geschehen«. Sicher ist bei uns nichts geschehen. Wir haben die an der Oberfläche ruhigen Jahre der bürokratischen Diktatur Novotnýs durchlebt. Wir konnten, nach den Vorstellungen jenes Journalisten und den Vorstellungen Westeuropas überhaupt, über das, was wir denken, weder schreiben noch vertraulich reden. Wir alle waren Lautsprecher der offiziellen Propaganda. Wir waren die festeste Bastion des Stalinismus in Osteuropa.

In der Tschechoslowakei waren jedoch schon Anzeichen einer Demokratisierung bemerkbar. Der Terror hatte fast aufgehört; die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern, auch in der Presse, wurde immer größer. Wenn ich den westlichen Ausländern, mit denen ich zusammentraf, versicherte, daß es kein innenpolitisches Thema gebe, über welches ich nicht schreiben könnte, und daß die Zensur meine Artikel nicht verbieten würde, lächelten sie mitleidig. Sie wußten es doch besser. Sie wußten alles besser, sie wußten, wie es bei uns ist, was bei uns geschieht, nicht wir.

* Im Spanischen Saal der Prager Burg. © 1968 Verlag Fritz Molden, Wien. Der ungekürzte Text erscheint unter dem Titel »Die siebente Nacht« Ende Oktober.

Und schon im Jahre 1964 gab es bei uns ausländische Journalisten wie Fliegen. »Etwas« hatte doch angefangen, bei uns zu geschehen. Ein junger Reporter von der Wiener Zeitung »Die Presse« kam zu mir. Er stellte sich als Musikkritiker vor, aber er fragte mich, ob ich ihm nicht ein Interview gewähren würde. Ich war dazu bereit. Er entnahm der Aktentasche ein Tonbandgerät. Er stellte Fragen und ich antwortete ihm.

Ich hab« mich recht amüsiert über ihn. Ich habe geduldig versucht, ihm das Wesen unserer gesellschaftlichen Wandlung, die Wurzel der »intellektuellen Opposition« zu erklären, aber das hat ihn nicht sehr interessiert. Er schaltete das Tonbandgerät ein und aus und nahm nur auf, was er brauchte. Und er wollte nur das festhalten was seiner Vorstellung über uns und über mich persönlich entsprach. Einige Tage später erschien in der Presse« ein Artikel über mich mit der Überschrift: »Intellektueller Rebell oder Parteispitzel?« ... Selbst durch solche verzerrten Informationen hat die Welt langsam erfahren, was wir wollen und was wir machen. Wir hatten es nötig, daß die Welt etwas darüber weiß.

Für den Westen ganz »unsichtbar« haben wir unsere unsichtbare Revolution des Jahres 1968 vorbereitet. Die Welt wurde aufmerksam: Was ist denn so plötzlich mit der Tschechoslowakei geschehen? Sie war so brav, woher kommt denn so plötzlich dieser Wille. diese Reife, diese Entschlossenheit?

Das macht nichts. Was wir gemacht haben, haben wir nicht für den Westen gemacht, sondern für uns. Aber die Gefühllosigkeit der westlichen Presse hat uns nicht sehr geholfen.

Schließlich, es wäre illusorisch, zu erwarten, daß sie uns hätten helfen können. Das Nichtbegreifen der wirklichen Zusammenhänge, der ständige Hinweis darauf, daß es einer Handvoll Intellektueller gelungen ist, Novotný kaltzustellen und die Entwicklung der Tschechoslowakei in entgegengesetzte Richtung umzuleiten, haben der sowjetischen Propaganda eine wirksame Waffe in die Hand gegeben in ihrem »Kampf gegen den Revisionismus und gegen die konterrevolutionären Elemente, die von einigen Redakteuren, Künstlern und Schriftstellern repräsentiert werden«.

Die Legende der erfolgreichen Rebellion der Intellektuellen gegen Novotný ist bis heute noch in der ganzen westlichen Welt verbreitet und stellt fast die einzige Erklärung des Prager Frühlings dar. Dabei ist diese Behauptung absurd. Nirgends auf der Welt kann eine einzelne Gruppe von Intellektuellen -- möge ihr Programm lauten. wie es will -- ernste politische Änderungen herbeiführen, wenn die Gesellschaft dafür nicht reif ist und wenn dies nicht im Einverständnis mit dem Bewußtsein und den Wünschen der Öffentlichkeit geschieht.

Novotný wurde nicht von den Intellektuellen gestürzt, sondern vom Bewußtsein der Mehrheit des Volkes daß sich die Republik in einer chronischen ökonomischen, politischen und moralischen Krise befindet, daß wir in unserer Entwicklung in eine Sackgasse geraten sind, und daß wir alles anders machen müssen, wenn wir eine vollständige Katastrophe verhindern wollen. Die Intellektuellen haben dieses spontane Bewußtsein der Öffentlichkeit in ihren Artikeln und Werken nur präzisiert.

Das Volk erkannte, daß die Gesellschaft ohne Erweiterung der Initiative des einzelnen nicht vorwärtskommen kann. So eine Initiative kann man nur unter gewissen günstigen Voraussetzungen entwickeln, die bei uns aber fehlten. Es gab keine Freiheit, die ein freies Denken ohne Verzerrung und entgegengesetzte Auslegung hätte garantieren können ohne Risiko einer politischen Verfolgung.

Die Nivellierung der Gehälter und der Löhne führte zu einer Situation, die man in der Tschechoslowakei mit dem schon abgedroschenen Satz bezeichnen konnte, daß man den Angestellten, wo immer er auch angestellt sei, dafür bezahlt, daß er angestellt ist und nicht dafür, daß er arbeitet. Die sozialen »Gummi«-Gesetze dienten eher den Gaunern als den ehrlichen Bürgern.

Es gab, besonders bei den Arbeitern, kein Zur-Verantwortung-Ziehen wegen Schlamperei, wegen schlecht ausgeführter Arbeit, wegen Faulheit, wegen Durchtriebenheit. Der folgende Witz trifft den furchtbar wahren Kern: »Wer nicht den Staat bestiehlt, der bestiehlt seine Familie.« -- Ein weiterer: »Wer zögert, der frißt nicht.«

Auch wenn es möglich gewesen wäre, jemanden wegen schlechter Arbeit, wegen Schlamperei oder Unehrlichkeit zu entlassen, könnte so ein »Betroffener« allen ins Gesicht lachen. Er würde einen besseren, bequemeren, besser bezahlten Arbeitsplatz finden ... Solche Versündigungen gegenüber der Arbeitsmoral hatten nichts zu bedeuten. Das einzige, was zählte, war eine »gute Kaderabstammung«.

Und was war eine »gute Kaderabstammung«? Die Abstammung erster Klasse war die der Arbeiter. Die Abstammung zweiter Klasse die eines Kleinbauern. Die Abstammung dritter Klasse war die der Beamten, Ärzte, Ingenieure, kurz gesagt, der bourgeoisen Intelligenz. Dieser Klassenrassismus hörte in den Fällen der Juden auf, klassenrein zu sein.

Die wichtigste Rolle spielte er bei der Auswahl für die Hochschulen. Erst im Jahre 1964 wurden für die künftigen Hochschüler die Klassenkriterien teilweise abgeschafft. Im Jahre 1963 hatten sie noch volle Gültigkeit.

Aber was war, sagen wir, eine kleinbäuerliche Herkunft? Aus mehr als einem Kleinbauern haben sie einen Kulaken gemacht, weil er sich weigerte, der gleichgeschalteten einheitlichen Bauerngenossenschaft beizutreten.

Und was war eine Arbeiter-Herkunft? Nach dem Februar 1948 emigrierte ein Teil der Bourgeoisie, aber der größere Teil blieb im Lande. Was geschah mit ihnen? Sie wurden »umgeschult« -- in Freiheit oder im Gefängnis. Sie wurden »umgeschult« in Kranführer, Straßenbauarbeiter, Eisendreher, Bergarbeiter, Hüttenarbeiter, Steinbrecher.

Im Jahre 1963 konnte jeder Sohn von ihnen in die Rubrik »Klassenabstammung« des Kaderfragebogens hineinschreiben: »Arbeiter.« Ganz mit Recht. Sein Vater war Arbeiter, egal wer es beurteilte und von welcher Warte aus. Aber nach dem Jahre 1948 ist uns auch eine neue Klasse herangewachsen, eine klassenreine Intelligenz, in Matura-, Ingenieur-, Lehrer-, Offiziersschnellkursen.

Konnte der Sohn eines ehemaligen Arbeiters, der schon zehn Jahre oder auch länger ein hoher Offizier, Universitätsprofessor -- auch solche gab es -, Ingenieur, Techniker, Direktor eines großen Konzerns war, schreiben, daß er von einem Arbeiter abstamme? Die Frage bezog sich schließlich auf die jetzige Beschäftigung des Vaters.

So wurde mehr als einmal dem Sohn eines ehemaligen Fabrikanten der Vorrang vor dem Sohn des Arbeiterdirektors gewährt ...

Mit der »Beförderung« des politischen Verbrechens auf das Niveau oder über das Niveau des Kriminalverbrechens -- und unter politischen Verbrechen darf man nichts Fixes, genau Festgelegtes, und nicht einmal etwas Bewiesenes verstehen -- wurde die Grenze zwischen dem politischen Häftling und dem kriminellen Verbrecher verwischt, beziehungsweise hat sich ihre Priorität umgekehrt.

Während sie Ernest Otto (einen Beamten in der slowakischen Schulbehörde) zum Tode verurteilten, weil er in seiner Bibliothek die Verfassung Tito-Jugoslawiens hatte ..., bekamen überführte Mörder, für die in vielen Ländern, auch in der ehemaligen Tschechoslowakei, nur die Todesstrafe in Betracht kam, zehn bis fünfzehn Jahre Kerker.

Bei einer derartigen Rechtsauffassung mußte selbstverständlich ganz die moralische Verantwortung verschwinden. Jeder Defraudant, jeder Dieb am Staatseigentum wurde von der Gesellschaft als »politisches Opfer des Regimes« betrachtet ...

Wer ehrlich arbeitete, der war im Nachteil. Viele Leute in seiner Umgebung mißtrauten ihm. Er »verdirbt« die Normen. Oder er »klettert auf unseren Rücken empor«. Das führte mehr als einmal auch zu einer brachialen »Belehrung«.

Ich habe mich mit dem Fall eines gewissen Geschäftsführers einer Gaststätte befaßt, der ehrlich arbeiten und leben wollte. Das war selbstverständlich nicht nach dem Geschmack der Lieferanten, des Kreisbeauftragten der Gaststättenbetriebe und anderer »angeschlossener« Personen, die in einem nordböhmischen Kreis eine Diebstahlgang organisierten.

Aufgrund der von ihnen gefälschten Verrechnungsbogen wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Mit sehr viel Mühe gelang es, das Urteil aus formalen Gründen zu annullieren. Aber den anderen geschah nichts, auch nachher nicht, sie stahlen weiter.

Solange wir von der Substanz zehrten, solange die Staatskasse imstande war, für alle Dummheiten geradezustehen -- die Produktion wertloser Erzeugnisse, die aus den Werkstätten direkt in die Schrottmühlen wanderten, so wie es in den Tesla-Werken in Königgrätz geschah, in den Brünner Maschinenfabriken, aber nicht nur dort, fast überall -, so lange ging es noch irgendwie.

Aber keine Gesellschaft kann ein derartiges Wirtschaften auf die Dauer aushalten. Im Jahre 1960, im Jahre der Ausrufung der Tschechoslowakei als Sozialistische Republik, haben sich auf dem Markt, bei den Gehältern, bei den Preisen, und auch im Arbeitsverhältnis, tiefe Nichtübereinstimmungen und Spannungen bemerkbar gemacht. Damals begannen die Menschen nachzudenken: Was ist bei uns los, warum geht das so, wer ist daran schuld.

Das System hatte alle Möglichkeiten ausgeschöpft, Sündenböcke zu finden. Es gab keinen feindlichen »Ismus« mehr, auf den man die Verantwortung hätte abwälzen können. Und niemand glaubte mehr, daß so eine riesige Sabotage von einem einzelnen oder von einer kleinen Gruppe ausgeführt werden könnte.

Auf einmal waren die wahren Gründe unserer Stagnation klar und deutlich bekannt. Der Saboteur, ein riesiger, ein gigantischer, das war die Unfähigkeit und Dummheit des herrschenden bürokratischen Systems.

Die lange Zeit unsichtbare Krise ist plötzlich ausgebrochen, so plötzlich, daß dem damaligen Ministerpräsidenten, es war noch Siroký, bei einer Rede eine unbedachte Bemerkung entschlüpfte: »Ich kann nicht begreifen, wie das geschehen konnte, was uns in der Wirtschaft passiert ist ...

Der Ministerpräsident konnte nicht begreifen, er wußte nicht, was damals schon das ganze Volk wußte. Darauf haben die Intellektuellen schon lange Jahre vorher hingewiesen. Während der Prozesse haben sich die Arbeiter für die Intellektuellen nicht engagiert, wenn es sich um die Liquidierung der Intellektuellen handelte, die von der Arbeit der Arbeiter lebten, nun plötzlich konnten sie die Zusammenhänge zwischen dem Terror, der hier herrschte, und der kommenden Wirtschaftskrise erkennen.

Es war die Unzufriedenheit der Arbeiterklasse, die nicht nur umwälzende Änderungen im Führungssystem erzwang, sondern auch Änderungen in der personellen Besetzung der höchsten Partei- und Staatsposten. Das war eine ökonomische Krise, welcher der Novotný-Apparat nicht gewachsen war, eine Krise, die sich nach jedem Versprechen, daß sich die Situation aufgrund der getroffenen Maßnahmen bessern werde, sichtbar und schnell verschärfte. Die Intellektuellen haben diese Wirklichkeit bloß formuliert und kommentiert.

Nach dem 20. Parteitag der KP der UdSSR 1956 kam es in der Tschechoslowakei zu einem leisen, nach außen hin unsichtbaren, dafür aber tiefgreifenden Ringen um eine neue Form der Staats- und Parteiführung. Die Ereignisse in Ungarn haben diesen Kampf verlangsamt und erschwert, aber nicht aufgehalten.

Es entstand eine langjährige, leidenschaftliche, immer breiter, heftiger und offener werdende Diskussion, an der das ganze Volk teilhatte, deren Verlauf und deren Ergebnisse von den Intellektuellen in ihren publizistischen und literarischen Werken, in Theater und Film zusammengefaßt wurden. Das Volk spürte, daß es sich vor allem um eine moralische Krise handelte, deren Folgeerscheinung und nicht deren Ursache die ökonomische Stagnation ist. Das Volk suchte einen Ausweg daraus und eine Erklärung dafür. Die immer offener und kritischer werdende Diskussion auf den Seiten der Zeitungen war nur ein Zehntel, gleichsam der sichtbare Teil des Eisberges.

In der Tschechoslowakei ist eine sehr komplizierte Beziehung zwischen der Staatsverwaltung und den Staatseinrichtungen auf der einen Seite und dem Volk auf der anderen Seite entstanden. Das Volk wollte den Sozialismus erhalten, das Volk bangte um den Sozialismus, so vieles wurde nur zaghaft und verspätet durchgeführt, weil Eile und Unbesonnenheit den Sozialismus hätten bedrohen können.

Aber das Volk hat die Worte anders verstanden als seine usurpatorischen Repräsentanten. Als das öffentliche Bewußtsein dieses Stadium erreichte, war der Abgang Novotnýs und seines ad absurdum geführten bürokratischen Systems nur eine Frage der Zeit. Einer langen? Einer kurzen? Das ist nicht wichtig. Den Teufel durch Beelzebub auszutreiben hatte keinen Sinn.

Muß man diese Behauptungen, nach allem, was 1968 in der Tschechoslowakei geschah, noch beweisen? Die riesige Begeisterung für Dubcek, die wunderbare, bis dahin nie dagewesene Einheit des ganzen Volkes sind die besten Beweise. Es ging nämlich nicht um Dubcek; es ging um das Demokratisierungsprogramm. Dubcek ist nicht dessen Inspirator, er ist nicht der Urheber, er ist nicht der einzige Garant. Er ist aber sein Symbol.

Die Intellektuellen, die sich als Sieger fühlten, waren sich über eines nicht klar. Sie hatten vor der Reaktion der Arbeiter Angst. Dubcek hat es nicht so ausgesprochen wie Churchill, aber jeder fühlte, daß es Tränen, Schweiß und Blut geben wird. Wird, so fragten sich die Intellektuellen, diese demoralisierte Arbeiterklasse die Opfer aushalten?

Damit bei uns eine Wandlung zum Besseren geschehen konnte, mußte eine plötzliche, heftige, überall, aber besonders im Lebensstandard bemerkbare Verschlechterung eintreten. Wir haben den Staat leergefressen, und die Zeit legt die Rechnung vor. Noch im Februar dieses bemerkenswerten Halbjahrs agitierte Novotný in der größten Prager Fabrik: Seht ihr, das habt ihr davon! Die Verhältnisse verschlechtern sich rapide.

Wenn die Intellektuellen eine bessere Verbindung mit der Arbeiterschaft gehabt hätten, wenn sie ihre wirkliche Denkweise gekannt hätten, hätte vieles schneller und besser gehen können. Ja, ich erlaube mir, das zu behaupten: Bei einer sichtbaren Engagierung der ganzen Arbeiterklasse für ein Regenerationssystem hätte das Ärgste nicht geschehen müssen!

Heute ist es zu spät, nach den Fehlern zu suchen. Es ist passiert. Und heute ist es hauptsächlich die Arbeiterklasse, die hinter der Dubcek-Führung steht, in einer Zeit, in der jede freie Äußerung durch die von den Sowjets diktierte Zensur totgeschwiegen wird und in der sich die Intellektuellen von neuem auf schwere Jahre der inneren Emigration vorbereiten.

Die Gefahr für den Demokratisierungsprozeß lag nicht im Innern. Sie kam von dort, von wo niemand sie erwartet hatte. Auf den Panzern der Sowjetarmee.

In den letzten zehn Jahren hatte ich oftmals die Gelegenheit, über unsere Verhältnisse mit ausländischen Freunden, Feinden, Kritikern zu diskutieren. Über Freiheit. Über Demokratie. Über die Freiheit des künstlerischen Ausdruckes. Über die Pressefreiheit. Über die Verantwortung. In privaten, nächtelangen Gesprächen. Auf öffentlichen Veranstaltungen und Diskussionen. In der westlichen Presse.

Ich hatte es abgelehnt, eine defensive Haltung einzunehmen, in die uns die westlichen Diskussionspartner stets zu manövrieren versuchten. Demokratie? Ja, aber wo ist sie? Wo kann man sie finden? Welches Volk ist so glücklich? Die Konsum-Demokratie in Westdeutschland? Die amerikanische Demokratie, die einen Vernichtungskrieg in Vietnam führt, trotz Widerstandes fast der ganzen amerikanischen Intelligenz? Oder die französische von de Gaulles Gnaden?

Die Demokratie, wendete ich ein, wird nicht von einem System zweier oder mehrerer Parteien, die im Parlament vertreten sind, garantiert. Diese können sich, wann immer, in eine »Große Koalition« zusammenschließen. Die gebundene Kandidatur ins Parlament, die den parteilichen Leidenschatten unterstellt ist, kann nicht die Auswahl der besten Volksvertreter garantieren.

Und wenn sich mein deutscher Freund mit der Freiheit des intellektuellen Ausdrucks brüstete, fragte ich ihn, was diese Freiheit im Leben eines Volkes bedeutet, was für einen Einfluß sie hat. Ob wenigstens so einen, wie bei uns jedes unter den Bedingungen der Unfreiheit gedruckte Wort hat.

Was für eine Demokratie? Was für eine Freiheit? Immer, wenn ein Teil der Menschheit auf der einen Hälfte der Erdkugel arbeitet, schläft der andere Teil, die Gegenfüßler. Irgendwo, auf irgendeinem Breitengrad, auf irgendeinem Längengrad, ist irgendein Pentagon.

Dort sitzt eine durch Schweigen verpflichtete Gruppe von Menschen über einer Landkarte der Welt und zieht Linien. Wozu. dienen diese Linien? Zur Vernichtung. Der Feind kann versuchen, dies zu machen, und wir werden auf seinen Zug so antworten. Die Hälfte der Menschheit schläft und hat keine Ahnung, daß man gerade über sie einen Strich gemacht hat, daß sie irgendwo, in streng bewachten Panzerschränken, schon abgeschrieben ist, tot, und daß die Menschheit der Verwirklichung und Vollendung dieses Todes immer näher rückt.

Geheimdiplomatie, Militärgeheimnisse, das unmoralische Abkommen zweier Nuklear-Großmächte über das Verbot der Weitergabe .von Atomwaffen an diejenigen, die sie noch nicht besitzen. Die amerikanische Jugend protestiert, Johnson führt seinen schmutzigen, aggressiven, unmoralischen Vernichtungskrieg in Vietnam weiter. Die Sowjets hetzen die Araber gegen den kleinen israelischen Staat, der ihnen nichts getan hat und der auf gar keinen Fall ihre strategischen Pläne bedrohen kann.

Fragt die Völker, ob sie das wollen, ein donnerndes Nein würde antworten! Niemand will das. Aber die Politiker, geschützt durch die Vertraulichkeit der Diplomatie, der militärischen und der Staatsgeheimnisse, haben weiter ihren Willen. Die Politik ist veraltet. Heute, im gänzlich veränderten 20. Jahrhundert, werden immer noch Methoden angewendet, die einmal für das 19. Jahrhundert einen Sinn hatten. Und kein Mensch denkt daran, sie zu ändern.

Kein einziger Krieg dieser Geschichte war bisher ein totaler Ausrottungskrieg. Die Völker, wenn auch stark betroffen, haben bis jetzt jeden der bisherigen Kriege überlebt und sind wieder zu sich gekommen. Der nächste Krieg droht ein Ausrottungskrieg zu werden, und unser Schicksal ist politischen Systemen überlassen, die tief in der Psychose und in den Erkenntnissen der Vergangenheit stecken.

Eine der Erscheinungen der Unfreiheit in den sozialistischen Staaten war die »Geheimhaltung« fast aller Dinge. Wenn Terror überhaupt einen Sinn hatte, dann diesen verheimlichenden. Wenn eine volle Demokratie ein System ist, das nichts verheimlicht, das keine Geheimnisse hat, dann ist in einem solchen System politischer Terror sinnlos.

Aber wo gibt es ein solches System? Wo gibt es eine solche Regierung? Wo ist ·eine solche Demokratie? Ein Einäugiger hört nicht auf, einäugig zu sein, wenn er anfängt, einen Halbblinden zu beschimpfen, daß er blind ist. Wo ist dieses glückliche Land ohne Geheimnisse und ohne politischen Terror? Wenn jemand unsichtbar ist, heißt das noch nicht, daß es ihn nicht gibt ...

Heute sollte das Wort Demokratie mit dem Wort Menschlichkeit eins werden. Aber weder die Amerikaner noch die Russen versuchen Beweise ihrer Menschlichkeit zu liefern, wodurch sie ihre Vormachtstellung in der Weit mit Recht beanspruchen könnten. Sie beweisen ihre Vormachtstellung mit der Macht ihrer Waffen. Und weil sie Angst vor einem gegenseitigen Kräftemessen haben, beweisen sie es den kleinen Völkern! Israel, Vietnam, der Tschechoslowakei.

Ich glaube, daß die Demokratie dort aufhört, eine Demokratie zu sein, wo man den Bürger eines Landes vor ein Militärgericht stellt, weil er es ablehnt, zu kämpfen, sagen wir in Vietnam, weil der dortige Krieg im Widerspruch zu seiner Überzeugung und zu seinem Gewissen steht, oder dort, wo man den Bürger der Sowjet-Union auf dem Roten Platz niederschlägt und vor ein Gericht bringt, weil er gegen die Okkupation der Tschechoslowakei protestiert*.

* Anspielung auf den Prozeß gegen Pawel Litwinow, Larissa Daniel und drei weitere Demonstranten in Moskau (siehe Seite 132),

Und überall dort, wo jeder Bürger wegen Hochverrats verurteilt wird, weil er es ablehnt, auf die Stadt eines anderen Landes eine Atombombe abzuwerfen. Auf dieser extremen Stufe der Menschlichkeit hat der Mensch keine Wahl mehr, nirgends auf der Welt.

Freiheit im politischen Wörterbuch heißt noch immer vernichten einschränken, die individuelle Eigenheit ganzer Völker unterdrücken, in Santo Domingo im Namen dieser, in der Tschechoslowakei im Namen jener Ideale. Ebenso in Tibet. Und in Biafra. Die Freiheit der Großen besteht in der freien Ausübung der Gewalt gegenüber den Schwachen ...

Zensur das strikte Verlangen nach Einführung der Zensur verrät, was die Sowjets am meisten an der tschechoslowakischen Entwicklung wurmt. Warum sie eigentlich gekommen sind, wovor sie Angst haben.

Ein halbes Jahr lang war die tschechoslowakische Presse frei, so frei wie keine andere Presse auf der Welt. Was war daran Besonderes? Es war nur eine Erfüllung des Paragraphen der sozialistischen Verfassung, ähnlich der anderer sozialistischer Länder. Im Absatz dieser Verfassung über die Freiheit der Bürger steht die Garantie der Pressefreiheit. In der Verfassung steht nichts über Einschränkung dieser Freiheit. Die Presse ist frei, die freieste der Welt, so heißt es in der Verfassung, und kein Wort steht darin von Zensur.

Die Zensur hat gesetzlich nie in der Tschechoslowakei existiert. Die Institution, die die Zensur durchführte, nannte sich »Hilfe«. Der Zensor durfte keine Artikel aus der Zeitung entfernen, er durfte nur »beratend« tätig sein, um zu verhindern, daß irgendwelche Artikel erschienen. Erst wenn sein »Rat« nicht befolgt wurde, durfte er den grünen Stempel verweigern, ohne den die Zeitung nicht erscheinen konnte.

Das tschechoslowakische Parlament hat die Zensur für verfassungswidrig erklärt und ein Gesetz verabschiedet, das die Zensur verbietet.

Dubceks Verbrechen bestand darin, daß er versuchte, streng nach der Verfassung und nach dem Recht zu regieren. Zum ersten Male hat die siegreiche Gruppe keine »Säuberungen« durchgeführt. Novotný ist von allein gegangen, als er die Unhaltbarkeit seiner Stellung erkannte. Geduldig haben sie ihn überredet, daß er der Entwicklung im Wege steht, daß er den riesigen Schaden anerkennen soll, den er beging, daß er die Konsequenzen ziehen soll.

Sie konnten ihn mit einem Dekret entmachten, beziehungsweise einen ähnlichen Hinauswurf inszenieren, mit dem er die anderen erledigte, als er im Machtkampf über sie siegte. Novotný ist erst abgetreten, als er erkannte, daß er ganz verlassen dastand und daß sich auch seine Günstlinge gegen ihn stellten. Das Verbrechen Dubceks liegt darin, daß er streng nach den bestehenden Gesetzen handelte. Die gültigen Gesetze waren Gummiparagraphen, elastisch, durchlöchert, es war nicht leicht, sich nach ihnen zu richten, aber es waren Gesetze, und nach Dubcek müssen Gesetze respektiert und eingehalten werden.

Dubceks Verbrechen liegt auch in seiner Idee des Volksdieners zum Unterschied von der des Diktators. Er führt in der Partei geheime Wahlen ein, die als Muster für die Wahlen in die Volksvertretungsorgane gelten sollten. Niemand hatte seiner Ansicht nach Anrecht auf einen ewigen Posten, in führender Position sollte nur der sein, den der Wille des Volkes dazu berief, und das sollte er nur so lange sein, solange er das Vertrauen des Volkes genießt. Eine schreckliche Vorstellung für Breschnew!

Dubceks Verbrechen ist seine Menschlichkeit. Die Symptome waren zu augenscheinlich. Tausende schwergeschädigte Menschen hatten das Recht auf Blutrache, aber niemand hat sie vollzogen. Die Presse brachte von Zeit zu Zeit Gespräche mit abgesetzten Politikern und Funktionären, die sich schreckliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit zuschulden kommen ließen:

Das Gespräch mit dem Hauptankläger im Slánský-Prozeß, Urválek. Das Gespräch mit dem damaligen Sicherheitsminister Bacílek. Das Gespräch mit einem der grausamsten Untersuchungsrichter, Doubek. Das war zu seltsam, ein Redakteur stellte beim Kaffee Fragen -- wie konnten Sie so etwas machen? Wie konnten Sie denken, daß das richtig war? Was denken Sie heute darüber?

Und wenn Doubek antwortet: »Ja, ich habe diese bösen Dinge gemacht, ich war so, wie man mir nachsagt«, dann seufzt das Volk, das so etwas liest, dieser Doubek ist wenigstens Manns genug, er winselt nicht wie ein altes Weib, er redet sich nicht auf andere aus, er versucht nicht vorzutäuschen, daß er nichts dafür kann.

Das Verbrechen Dubceks ist die Rehabilitierung der unschuldig Verfolgten, Verurteilten, Hingerichteten. Das würde gerade passen, wenn das sowjetische Volk dasselbe von Breschnew verlangen würde!

Ach, es war allzu schön! Inmitten der verrohenden, immer zynischer werdenden Welt, einer Zeit zweier schrecklicher politischer Morde in den USA, brutaler Taten revoltierender Studenten in Frankreich, Italien, Westdeutschland und Polen und brutaler Eingriffe der Polizei gegen sie, in der Zeit des vietnamesischen Krieges, der Ausrottung der Bevölkerung Biafras, des Genocids der Kurden, der tagtäglichen Schießereien am Jordan, der Freiheitsberaubung des griechischen Volkes

In der Zeit eines unerhörten, extravaganten gesellschaftlichen Exzesses im gelangweilten Europa, in der Zeit des »dritten Geschlechts«, da der Mann kein Mann sein will und die Frau keine Frau sein wird, in der Zeit des Ersatzlebens, in welchem das Haupterlebnis das Erlebnis eines anderen ist, das auf dem Fernsehschirm abläuft: In dieser Zeit hat sich ein kleiner Staat, haben sich zwei kleine Völkchen in Mitteleuropa, die in einem gemeinsamen Staate leben, vorgenommen, die Revolution der menschlichen Noblesse durchzuführen!

Auch in der Tschechoslowakei, auch in Prag und Preßburg gingen die Studenten auf die Straße. Auch dort demonstrierten sie für ihr Recht und für die Durchsetzung ihrer Forderungen, auch dort wurde die Solidarität mit den leidenden Völkern der Welt bekundet. Aber als sie abends durch die Straßen Prags zogen, fuhr ihnen im Auto der Parlamentspräsident Smrkovský nach und sagte ihnen: Schreit, sagt, was ihr wollt, ich werde mit euch zusammen schreien, aber zerstört nicht Werte, die euch gehören!

Und als sie zur Diskussion in die große Prager Halle strömten und im

* Mit Schriftsteller Friedrich Torberg (l.) und Verleger Fritz Molden.

Gedränge ein eisernes Tor aufbrachen, wurde sofort eine Sammlung zum Ersatz der Reparaturkosten veranstaltet.

Und als sie vor der amerikanischen Botschaft gegen den Vietnamkrieg demonstrierten, als vietnamesische Studenten, die in Prag studieren, mit Steinen die Fenster einwarfen und die amerikanische Flagge herunterrissen, waren es die tschechischen Kommunisten, die sich gegen sie stellten. Sie drängten sie vom Gebäude weg, hoben die schmutzigen Fahnen von der Erde auf, trugen sie in das Gesandtschaftsgebäude und erklärten: Wir sind nicht mit eurer Aggression in Vietnam einverstanden, wir sind unter eure Fenster gekommen, um es euch mit Donnerstimme zuzuschreien, damit ihr es gut hört. Aber wir erlauben niemandem, daß er die Fahnen eurer großen Nation entehrt. Wir sind gekommen, um zu protestieren, nicht, um barbarisch zu vernichten!

Ach nein, das war zu schön! Es war viel zu schön, daß der Innenminister empört über den Fall des enterbten Schriftstellers Mnackos schrie: »Wir haben eine Schweinerei zugelassen, das müssen wir wiedergutmachen! Es liegt in meiner Kompetenz, ihm die Staatsbürgerschaft wieder zurückzugeben! Wenn mich jemand daran hindern will, so habe ich hier nichts mehr zu suchen und reiche meinen Rücktritt ein! Solange ich hier auf diesem Posten bin, so lange wird hier das Recht herrschen! Sonst will ich hier nicht bleiben!«

Ich habe die Bedrohung unserer Revolution von einer anderen Seite erwartet. Ich sagte mir: Es ist viel zu schön, aber wozu? Wozu so viel Begeisterung, so viele Bemühungen, Bestrebungen? Es ist zu spät, die Welt geht der unabwendbaren Vernichtung entgegen. Wir werden dem nicht entgehen. Den Wasserstoffbomben ist es egal, wohin sie fallen, ob auf Schuldige oder auf Unschuldige. Wenn, die Verzynisierung der Welt im selben Tempo

* Dem Autor Mnacko war 1967 während seines Aufenthaltes in Israel die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft aberkannt worden, weil er die Nahost-Politik des Novotný-Regimes kritisiert hatte.

weitergeht wie bisher, wird das Ende nicht lange auf sich warten lassen.

*

Ich ging durch die abendliche Stadt, und wo ich ging, fragte ich mich -- wo war es? Wo haben wir den Fehler gemacht? Wo, wann, in welchem Moment ist uns das passiert? In München?

Ich mußte gezwungen lachen. Wir waren naiv und blind, wir Kommunisten, und alle, die mit uns gingen. Diejenigen, die wir schlugen, denen wir auf die Köpfe droschen, haben weiter vorausgesehen als wir.

Wieviel kämpferische Artikel habe ich zur Verteidigung der Sowjet-Union gegen sie geschrieben: Ihr dort, auf dem Misthaufen der Geschichte, ihr Ehemaligen, ihr Fälscher der Geschichte, was steht ihr noch im Wege, was taumelt ihr noch unter den Füßen des Fortschritts, warum verkriecht ihr euch nicht in eure Rattenlöcher?

Aber sie waren es, die klarer sahen, nur wir haben uns blind und taub gestellt gegenüber der mehr als einmal unbegreiflichen, grausamen Wirklichkeit. Das heißt nicht, daß sie recht hatten, sie waren gleichfalls einseitig orientiert und blind auf eine andere Art als wir. Wir haben ihre Fehler gesehen, sie unsere.

Hätte uns das aber geholfen, wenn wir klargesehen hätten? Vielleicht. Vielleicht im Jahre 1948. Damals hätte sich die Tschechoslowakei noch zu einer selbständigeren Politik entschließen können. Tito ist es gelungen, wenigstens auf 20 Jahre, Und Tito, darüber gibt es keinen Zweifel, wird im Falle des Versuches einer Invasion Jugoslawiens kämpfen. Die Sowjets können die Selbständigkeit der Politik Jugoslawiens nur durch Krieg liquidieren, nicht durch eine reibungslose Invasion, die nirgends auf bewaffneten Widerstand stößt.

Für mich ist das, was die Sowjets uns angetan haben, kein großer, überraschender Schock mehr. Aber was fühlen diese Hunderttausende tschechoslowakischer Kommunisten, die sich bis zum Schluß auf die Korrektheit der sowjetischen Politik verließen, wie fühlen sie sich heute?

Uns Kommunisten ist es immer schlecht ergangen. Die fremde Welt traute uns nicht, und die eigene behandelte uns wie Aussätzige. Was interessieren schon Breschnew die Gefühle von fast zwei Millionen tschechoslowakischer Kommunisten! Und die Gefühle von Millionen anderer Kommunisten in Europa!

Ich ging durch die abendliche, voll beleuchtete, aber ganz leere Stadt. In dieser siebenten Nacht waren nur noch wenige Panzer auf den Preßburger Plätzen und Straßen. Sie haben sich außerhalb der Stadt zurückgezogen. Den wenigen, die noch an den strategisch wichtigen Punkten zurückblieben -- ich konnte sie schon von weitem sehen -, habe ich mich nicht genähert, ich machte einen großen Bogen um sie.

Wenn ich irgendwo ein Motorengeräusch hörte, versteckte ich mich hinter dem nächsten Tor. Es konnte nur eine sowjetische Patrouille auf einem Panzerwagen sein. In dieser Nacht fuhr kein einziges Privatauto durch die Straßen.

Nur selten bin ich einem Menschen begegnet. Hie und da standen Menschen vor den Häusern, sie sprachen halblaut miteinander, wahrscheinlich über das, was sein wird. Als ich an ihnen vorbeiging, sahen sie mich mißtrauisch an. Schon ist hier wieder die alte Psychose, daß jeder sich vor jedem fürchtet.

Die Russen sind hier. Sie werden nicht mehr weggehen. Auf ihren Abzug hoffen ist sinnlos. Sie sind hier und bleiben hier. Vielleicht wird sie der nächste Krieg hinaustreiben, aber dieser zukünftige Krieg bedeutet das Ende dieses Landes, das Ende dieses Volkes. Durch ihre Anwesenheit wurde die Tschechoslowakei zu einem wichtigen strategischen Gebiet, auf das sich die Interessen und Raketen eines künftigen möglichen Feindes richten werden.

Mit der Okkupation der Tschechoslowakei wurde ein gefährlicher Keil in das Sicherheitssystem von Westeuropa hineingetrieben. Danach müssen die westlichen Strategen ihre Verteidigungs- und Angriffspläne ändern. In diesen wird die Tschechoslowakei als Gebiet des ersten Angriffs- oder Vergeltungsschlages fungieren.

Als ich tagsüber hier ging, begegnete ich Bekannten. Einige taten so, als würden sie mich nicht sehen. Andere schauten entsetzt auf mich. Du bist noch hier? Verschwinde, solange es Zeit ist, schon in einer Stunde kann es zu spät sein. Und andere schauten mich an wie eine Leiche, wie einen Spuk ...

Sie haben mich schon abgeschrieben. Eigentlich nicht sie, die Zeit hat mich abgeschrieben. Es gibt für mich in diesem Land kein sicheres Plätzchen mehr, keine Hoffnung für mich. Wenn ich mir auch irgendwelche Illusionen machen würde, die Augen meiner Freunde, Bekannten, besonders aber derer, die mich gern haben, sagen es mit ganz klarer Sprache. Sie müssen nicht. Ich gehe. Ich wollte nur dieses Ende abwarten, ich wollte es sehen, fühlen, erleben ...

Ich setzte mich auf eine Bank in einem kleinen Park in die Nähe des Sockels, auf welchem einst der bronzene Stalin stand.

Na, Josip Wissarionowitsch, wie schmeckt die Unsterblichkeit? Sie haben dich heruntergeholt, haben dich geschändet, haben dich aus dem Mausoleum herausgeworfen, deswegen, weil du grausam, schlimm warst, deswegen, weil du das Recht getreten hast, deswegen, weil du deinen Weg gegangen bist, ohne nach rechts oder links zu schauen, die Glorie deiner Ewigkeit hat keine zehn Jahre überlebt, sie haben die ganze Schuld auf dich geworfen, auch ihre eigene, sie schworen, daß sie niemals so etwas zulassen werden, eine Entwicklungsperiode haben sie nach dir benannt, Stalinismus, Personenkult.

Er war nicht dort auf dem Sockel, aber es schien mir, als hörte ich sein sarkastisches Lachen, das über die ganze Stadt gellte, über das Land, über einen ganzen, fast unendlichen Kontinent. Auf dem Sockel stand mit Kreide geschrieben: Proletarier der ganzen Welt, vereinigt euch, oder ich schieße!

In der Frühe nach dieser siebenten Nacht erfaßte mich Panik. Ich setzte mich in ein Taxi. »Zur österreichischen Grenze ...«

Ich dachte, daß er nicht fahren würde. Aber er fuhr. Während des ganzen Weges sagte er kein Wort. Ende

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