Zur Ausgabe
Artikel 11 / 134
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wir hassen, wir leiden, wir meinen es ernst«

In den Schluchten an der Grenze zwischen Albanien und dem Kosovo tobt ein bizarrer Krieg: Banditen, Guerrilleros und Flüchtlinge kämpfen um Freiheit und ums Überleben.
Von Klaus Brinkbäumer und Carolin Emcke
aus DER SPIEGEL 16/1999

Der ehedem weiße, längst verrostete Kahn schleppt sich den Drin hinab, und wenn nicht Krieg wäre, könnten die 200 Menschen an Bord über die atemberaubenden Schluchten staunen. Weil Krieg ist, sitzen die meisten in der stickigen Bar dieser albanischen Fähre und betäuben sich mit Raki; andere sind gleich wie benebelt auf ihren Lastwagen unter Deck geblieben.

Alle auf dem Schiff wollen raus aus dem Grenzgebiet: der Pater, der an keinen Gott mehr glaubt, die Krankenschwester, die einen Verletzten ins Militärkrankenhaus von Tirana bringt, der Kosovare mit deutschem Paß, der 27 Familienmitglieder für jeweils 65 Mark Visa-Gebühren nach Kleve holt.

Nur Naser Ndreca, 27, will wieder zurück. Der Kämpfer der Befreiungsarmee UÇK bringt seine Familie in Sicherheit; übermorgen wird er wieder im Grenzgebiet zwischen Albanien und dem Kosovo sein, in jenem Todesstreifen, wo die Nato auf keinen Fall hin will.

Es ist eine bizarre Gegend, die Fremde einschüchtert, für Zeitsoldaten aus Lüneburg ungefähr so vertraut wie der Dschungel von Vietnam für amerikanische GIs.

Denn hier ragen Felswände senkrecht bis auf 2600 Meter empor. Die Höhlen sind wie gemacht für Scharfschützen; die Schlaglöcher ruinieren selbst Jeeps. Ein paar Hunde und Ziegen streifen durch die menschenleere Landschaft. Alle paar Stunden nur sind Kinder zu sehen, die barfuß mit Fahrzeugen spielen, die sie aus Holzlatten zusammengezimmert haben. Auf den Hügeln, unter Pflaumenbäumen, stehen die Steinhäuser ihrer Eltern.

Dieses Grenzgebiet, vor allem die rund 50 Kilometer lange Strecke zwischen Morinë (bei Kukës) und Kamenicë (bei Tropojë), ist zu einem entscheidenden Territorium im Krieg um das Kosovo geworden. Hier wird die Nato einrücken, wenn sie denn einrückt; hier sollen die ersten »Apache«-Hubschrauber stationiert werden; hier wird der Bodenkrieg zwischen Serben und UÇK gewonnen und verloren werden.

Und das Grenzgebiet ist die einzige Region, in der alle Konflikte und alles Leid dieses Krieges wie unterm Brennglas sichtbar werden.

In diesem Areal morden auf der einen Seite, im Kosovo, die serbischen Polizeitrupps; auf der anderen sammeln sich neue UÇK-Einheiten. Auf der einen Seite verstecken sich Flüchtlinge in den Bergen; gegenüber stehen die Flüchtlingslager, die von Nato-Staaten betreut und deshalb von den Ärzten ohne Grenzen als künftige Angriffsziele der Serben eingeschätzt werden.

Exakt auf der Grenze stehen Abschußrampen, von denen die Serben nicht erst, wie Politiker im Westen glauben, seit wenigen Tagen, sondern schon seit Wochen Raketen, die bis zu 22 Kilometer weit fliegen, auf albanische Dörfer feuern. So fühlt sich auf einmal an der Front, wer sich noch vor Wochen in Sicherheit wähnte. »Hier liegt eine ungeheure Nervosität in der Luft«, sagt Jeffrey Rowland vom World Food Program, »die Soldaten werden immer hektischer.«

Die heftigsten Kämpfe spielen sich ausgerechnet dort ab, wo es keine Telefonverbindung nach Tirana gibt, an einem Ort, wohin sich die albanischen Außenseiter, Gesetzlose wie Gefallene, verzogen haben. Sie sammeln sich in Bajram Curri, einer Stadt im Norden mit wenigen Gesetzen und vielen Verbrechen, wo kaum noch eine Fensterscheibe heil ist, wo sich Autowracks auf sandigen Plätzen stapeln, und hinter jeder Ecke irgendeiner lehnt, der Fremde beäugt.

Von Bajram Curri aus wollen der UÇK-Mann Naser Ndreca und seine Kameraden über die Berge ins Kosovo vorstoßen. Aber das ist schwieriger geworden.

Am Anfang hatten die Serben die Minen, die sie morgens eingegraben hatten, abends wieder ausgebuddelt; sie konnten sich die Positionen nicht merken. Doch inzwischen sind auf der anderen Seite Profis am Werk: Die Grenze ist seit vier Wochen lückenlos vermint; auf jedem Pfad, den die 20 Mann starken UÇK-Einheiten zum Durchbruch nutzen, werden sie von serbischer Miliz zum ersten Gefecht begrüßt. Kein Heimatbesuch ohne Opfer.

An deren Gesichter kann sich die Krankenschwester Mehreme, 28, die mit der Fähre von Fierzë in den Süden nach Koman schippert, kaum noch erinnern. Ein paar Minuten in der Sonne gönnt sie sich, dann geht es nach Tirana, in der Nacht gleich wieder zurück.

Seit 96 Stunden arbeitet sie durch, längst verschwimmen Tage und Nächte zu diesem endlosen Film: tote UÇK-Männer, verletzte Bauern, Granatsplitter in Oberschenkeln, Kugeln, Blutlachen, die sie nur mit Bier wegwischen kann, weil das Wasser knapp ist im Gebirge. Und wieder, immer wieder alte Leute: gebeugte Männer in grauen Jacketts und Frauen mit schwarzen Kopftüchern, die nichts mehr sagen und schon lange nicht mehr weinen können.

Frauen wie Mehreme sind die Heldinnen dieses Krieges - wenn sie mal vom Krankenhaus nach Hause kommt, warten dort elf Flüchtlinge aus Djakovica auf ein bißchen Brot. Aber auch Frauen wie Mehreme hassen so sehr, daß sie Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr trennen können. »In vier Wochen haben wir den Krieg gewonnen«, sagt sie, »wir mußten ihn ohne die Nato beginnen und werden ihn ohne die Nato zu Ende bringen.«

Bajram Curri ist eine Metropole des Hasses. Seit dem 15. Jahrhundert gilt hier der Kanon des Freiheitskämpfers Leke Dukagjini, der die Blutrache vorsieht.

Lange Zeit gab es in der 10 000-Einwohner-Stadt pro Tag einen Mord; zuletzt gingen die Zahlen zurück, da von den beiden beteiligten Großfamilien kaum noch jemand lebt. Der Polizeichef trägt eine Handgranate mit »Rambo«-Abziehbild am Gürtel; sein Kollege, der so gern mit Blaulicht über die staubigen Straßen jagt, ist ein überführter Vergewaltiger. Um 20 Uhr, das ist vermutlich ganz gut so, ist Sperrstunde.

Die einzige Organisation, die es hier noch aushält, ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Der OSZE-Flur im einzigen Hotel von Bajram Curri wird nachts von zwei verwegen aussehenden Typen mit Maschinengewehren bewacht.

Und wenn Philip Figgins, der Militär-Experte der OSZE, der schon vor den Falklands für Großbritannien kämpfte, einen Hilfstransport vorbereitet, besticht er zuerst zwei Polizisten und setzt sie in den Jeep, der den Konvoi anführt. Dieser Geländewagen ist dreckig gelb gestrichen -»ein Experiment zwecks Abschreckung«, sagt Figgins. Der letzte Jeep war strahlend weiß und wurde sofort überfallen und geklaut.

In Bajram Curri sind es die Blicke der Dorfbewohner, die verraten, woher Gefahr droht. Bei Detonationen drehen alle den Kopf nach Nordosten. Die Angst macht auch hier solidarisch: Keiner der 2000 Flüchtlinge im Ort muß im Freien schlafen; alle wohnen bei Gastfamilien.

Immer öfter in den letzten Wochen haben die Serben von jenseits der Grenze mit Granaten geschossen. »Kamenicë, Zogaj, Zherkë«, wieder und wieder nennen die Albaner die angegriffenen Bergdörfer.

»Kamenicë wurde mehr als einmal von serbischer Seite aus attackiert«, berichtet Brian Hansen von der OSZE. Ihr Büro dort mußte die Organisation schon vor Wochen aufgeben; am Dienstag wurde die Stadt für ein paar Stunden von den Serben erobert. »Alle Dorfbewohner mußten fliehen. Man findet nicht mal mehr fünf Menschen dort oben.«

Nur ein Name wird in den Schluchten noch häufiger genannt, wenn die Albaner von serbischen Attacken berichten - Tropojë.

Es ist Sonntag, der 11. April, zwölf Uhr, als ein Minibus mit acht Zivilisten durch Tropojë fährt; alle im Wagen fühlen sich sicher, denn sie sind auf der richtigen Seite der Grenze. Zur selben Zeit allerdings bauen Serben, so hat es der OSZE-Experte Figgins rekonstruiert, auf dem acht Kilometer entfernten Hügel Planik im Kosovo ihre Geschütze auf. Sie verwenden Raketen mit Mehrfachsprengkörpern, und sie treffen den Bus.

Es ist 14 Uhr, als Figgins, der sich mit dem OSZE-Konvoi Bajram Curri nähert, aus dem albanischen Polizeifunk die Nachricht vom Raketenangriff abfängt.

Vier Stunden später rennen vor dem Krankenhaus von Bajram Curri, einem zweistöckigen grauen Bau am Rande der Stadt, 150 Menschen vor dem Eingang herum, schreien, beschimpfen die wenigen Ausländer. Und dann werden alle still. Ein Hubschrauber landet, um Schwerverletzte wegzubringen; ein Lastwagen fährt vor und bringt weitere Verwundete.

Die zwei Toten von Tropojë, beide etwa 60 Jahre alt, liegen mit offenen Bäuchen im Hinterhof, niemand deckt sie zu. Die sieben Verletzten werden in den ersten Stock gebracht, drei Patienten liegen in jedem Zimmer, die Türen bleiben geöffnet. Polizisten, Verwandte, Neugierige stehen vor den Feldbetten. Alle reden, keiner hört zu. Schwestern bringen graue Decken und Weißbrot, Ziegenkäse sowie ein Gebräu aus Joghurt und Wasser. Nebenan eine frische Blutlache, gegenüber stapeln die Schwestern die rotgefärbten Hemden der Toten und Verletzten.

Und noch ein Zimmer weiter liegt der UÇK-Soldat Gagi, 32, aus Istok im Kosovo. Er sei gestern, Samstag, gegen 11 Uhr mit seinen Kameraden unterwegs gewesen, erzählt er.

Als das Granatfeuer begann, habe er »nichts mehr gedacht, nur noch: Es ist vorbei«. Als es vorbei war, hatte er nur eine Wunde am Arm, und seine linke Hand war steif. »Wir werden siegen«, sagt Gagi noch, dann werden die Schmerzen zu stark. »Wir stehen alle zusammen«, sagt die Ärztin Yllka Cela, »alle hier geben Blut für unsere Kämpfer.«

Schließlich ist es 20 Uhr, und der freie Journalist Frank, 28, aus Frankreich, für den der Krieg kein Abenteuer mehr ist, wird eingeliefert. Er wollte mit UÇK-Männern über die Grenze, ein irrwitziges Unternehmen. Bei einem Gefecht zwischen seiner UÇK-Einheit und den serbischen Grenzpolizisten wurde der zweifache Vater im Oberschenkel getroffen, die Arterie schwer verletzt. »Wenn er heute nacht nicht ausgeflogen werden kann, verliert er sein Bein«, sagt Figgins um Mitternacht im Hotel. Er ißt ein Stück Schokolade, dann geht er schlafen.

Und am nächsten Morgen wird die Krankenschwester Mehreme auf der Fähre erzählen, daß gestern kein Hubschrauber mehr landen konnte: »Es ist zu spät. Das Bein muß amputiert werden.« Und auch Mehreme weiß, daß das erst der Anfang ist.

Die UÇK, sagt einer, der es wissen müßte, wolle in den kommenden Tagen versuchen, einen möglichst breiten Korridor durch die serbische Verteidigung zu schlagen. Dafür rüstet sie auf. An der gesamten Grenze zum Kosovo rücken neue Kämpfer auf überfüllten Lastwagen ein, Schals von Borussia Dortmund hinter der Windschutzscheibe, das UÇK-Wappen am Ärmel.

Zwischen Bajram Curri und Kukës werden sie in Camps registriert und ausgerüstet - meist sind es kleine Wohnungen in brüchigen Gebäuden; manchmal, wie vor Bajram Curri, abbruchreife Häuser mit Gemüsegärtchen; hin und wieder aber auch ganze Dörfer wie das von allen Zivilisten verlassene Kam, das so verfallen ist, daß die OSZE-Männer, die hier vorbeifahren, von »Shit city« sprechen.

Und elf Kilometer hinter Krumë, in der Nähe jener Schotterstraße, die Bajram Curri mit Kukë verbindet, stehen drei Häuser, jeweils zwei Stockwerke hoch, in einem einsamen Tal. Ein Ambulanzwagen parkt im Hof, Hunderte leere Medikamentenpackungen liegen herum. Das alles sieht harmlos aus, idyllisch, aber hier oben ist Krieg.

Die UÇK-Männer, die in dieser Kaserne trainieren, müssen nach zwei Wochen fit für den Nahkampf sein. Dann wird sie ein Kleinbus vor die verschneiten Berge fahren, auf denen die Grenze verläuft. Bis es soweit ist, üben sie das Zusammenbauen von Waffen und vor allem das Schießen damit.

Und sie lernen, wie sie demnächst über die Pfade im Gebirge vorrücken müssen: Mann für Mann im Gänsemarsch im Abstand von zehn Metern, der letzte sprintet an der Schlange der Kameraden vorbei und besetzt die Führungsposition, dann kommt der nächste von hinten. So wird es langsam vorangehen - bis die Serben schießen. Allzuoft ist das erste Gefecht auch das letzte.

Angeführt wird dieser Trupp von Taf Imeri, einem traurigen Mann in schwarzen Stiefeln und Kampfuniform, der sich mittlerweile nur noch an der UÇK festhalten kann: Die Ehefrau, die Eltern, der sechs- und der neunjährige Sohn sind im Kosovo verschollen. »Ich weiß nicht, ob ich noch Kinder habe«, sagt Imeri, der 16 Jahre lang auf Baustellen in Esslingen gearbeitet hat und wie so viele aus Deutschland eingerückt ist.

Natürlich glaubt er noch immer an den Sieg, an die Rückkehr seines Volkes in die befreite Heimat. »Noch«, so Imeri, »ist es für die Nato zu gefährlich, Bodentruppen zu schicken. Die UÇK hat erst 40 Prozent des Kosovo in der Hand, wir brauchen 70 Prozent.«

Es werde gelingen, bestimmt, »wir werden immer mehr«, auch wenn, das gibt er zu, die meisten Kämpfer »frisch vom Strand oder vom Studium kommen«. Und neben Imeri steht ein Mädchen, das aussieht wie 15 - »sie ist 18«, sagt er, denn sie muß 18 sein, weil sie sonst nicht kämpfen dürfte.

Es ist schon richtig, was OSZE-Mann Doran Vienneau sagt: »Die UÇK-Leute haben keine Unterstützung von außen und sind schlecht ausgerüstet.« Das Camp bei Bajram Curri beispielsweise besteht aus drei roten Backsteinhäusern mit durchlöcherten Dächern; viele Soldaten laufen in alten Nike-Turnschuhen herum, weil keine Stiefel mehr da sind; nicht jeder hat ein Gewehr.

Aber der zweite Teil von Vienneaus Analyse ist ebenso richtig: »Sie haben eine Überzeugung und einen Willen wie einstmals die Vietcong.«

In der Kneipe namens Ruja am Ende der Hauptstraße von Krumë sitzt der Mann, der alle UÇK-Leute der Region kommandiert. Er ißt Nudeln und Graupensuppe und wirkt sehr entspannt. »Die serbischen Soldaten wären lieber heute als morgen zurück in Belgrad«, meint er, »und das ist unser Vorteil: Wir hassen, wir leiden, wir meinen es ernst.« Als er das Lokal verläßt, klopft ihm jeder, der nah genug ist, auf die Schulter.

Weiter unten in Kukës, Metropole für Flüchtlinge im Norden Albaniens und deshalb Stadt der Trauernden, hat die UÇK ihre Zentrale in einer ehemaligen Werkzeugfabrik. Wenn ein Lkw mit frischen Kräften Richtung Front rollt, stehen die Zurückgelassenen sehnsüchtig da, brüllen wie Fußballfans: »U-Ç-K, U-Ç-K.«

Der Krieg im Kosovo hat manche zu Kämpfern gemacht und viele zu Flüchtlingen. In Kukës sammeln sich Vertriebene, Helfer, Glücksritter, Freiheitskämpfer und Reporter. An jeder Ecke hocken Kinder im Dreck, überall fragen Neuankömmlinge nach verschollenen Angehörigen, auf jedem freien Platz stehen die Trecker mit den überfüllten Anhängern, auf dem Friedhof schaufeln die Totengräber Ruhestätten auf Vorrat. Und auf den Straßen verkaufen Händler Waschschüsseln an die geflohenen Frauen.

Alle organisieren das Chaos. Der Direktor des Krankenhauses, Bajram Cenaj, bemüht sich um Ordnung, indem er die Zahlen der gestorbenen Kinder, der Erschossenen und der traumatisierten Frauen mit einem Kugelschreiber auf kariertem DIN-A4-Papier vermerkt.

Unberührt hat das Elend hier niemanden gelassen: den Studenten der klassischen Musik, Illir Baxhaku, nicht, der alles verlor, was ihm wichtig war, und nur noch das Ziel hat, seinen Bruder von der UÇK fernzuhalten; den jungen Kosovo-Albaner Martin aus Bad Wörishofen nicht, der viele Tage in seinem Opel unterwegs war, um seine verschollene Familie entlang der Grenze zu suchen; und auch nicht den amerikanischen Helfer Jeffrey Rowland vom World Food Program, dessen Unterarme voller Prellungen von den um Nahrung kämpfenden Flüchtlingen sind. Die Bilder der Gewalt und ihrer Opfer lassen keinen mehr los.

»Ich war lange im Kosovo, verstehen Sie?« Mit dieser Frage beginnen die OSZE-Mitarbeiter in Kukës Gespräche. Auch Doran Vienneau. Der Kanadier sitzt erschöpft in seinem dunklen Büro. Um ihn herum hängen Karten von der Krisenregion, die Vienneau an jedes Verbrechen, jedes Massaker erinnern sollen.

Denn der Mann mit den müden Augen will nichts vergessen, und er will nicht verzeihen. Er kann noch immer nicht glauben, daß jene Serben, die er aus seiner Zeit in Pristina kannte, dieselben Menschen sind, die sich in Monster verwandelt haben. »Ich war lange im Kosovo« heißt für ihn: Ich kenne die Opfer und die Täter. »Wenn du damals da warst, fühlst du dich heute schuldig«, sagt Doran Vienneau.

Mit Tränen in den Augen hatte sich der Leiter der OSZE-Mission William Walker am 19. März von seinen lokalen Mitarbeitern verabschiedet, bevor sich die 1380 ausländischen Beobachter auf seine Anweisung hin nachts auf den 50 Kilometer langen Weg zum Übergang »Djeneral Jankovic« nach Mazedonien begaben. Nach dem Scheitern der Verhandlungen in Paris machte der Abzug der OSZE-Mission den Weg frei für die Intervention der Nato im Kosovo.

Vielleicht machte sie aber auch den Weg frei für die Vertreibung der Kosovo-Albaner vom serbischen Terror in die albanische Armut. Die Tragödie, sagt Figgins, sei, »daß die Flüchtlinge von einem Katastrophengebiet ins nächste kommen«.

In Vienneaus Büro hängt neben den Karten mit den vielen Punkten, die Verbrechen bedeuten, ein weißes Blatt Papier. Darauf steht der einzige Wunsch, dessen Erfüllung den OSZE-Mann beruhigen könnte: »Somebody's got to pay for this« - irgend jemand muß hierfür bezahlen. KLAUS BRINKBÄUMER, CAROLIN EMCKE

Zur Ausgabe
Artikel 11 / 134
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.