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»Wir können von Schwulen lernen«

aus DER SPIEGEL 42/1992

Reinisch, 49, ist ausgebildete Psychologin und Leiterin des Kinsey-Instituts für die Erforschung von Sexualität, Geschlecht und Fortpflanzung an der Indiana University in Bloomington (US-Staat Indiana).

SPIEGEL: Frau Dr. Reinisch, elf Jahre nach den ersten entdeckten Aids-Fällen sind in den USA rund eine Million Menschen HIV-infiziert, über 140 000 sind bereits gestorben. Wie wirkt sich diese Schreckensbilanz auf die sexuellen Beziehungen zwischen den Amerikanern aus?

REINISCH: Da Aids zunächst hauptsächlich unter schwulen Männern wütete, kam die erste Reaktion aus der äußersten rechten Ecke, aus der - bis heute - Stimmen laut wurden, Aids sei die Strafe Gottes für ein sexuelles Verhalten, das nicht der Norm, der ehelichen Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann zum Zwecke der Fortpflanzung, entsprach.

Dies kam nicht überraschend, die Amerikaner tendieren dazu, religiös-moralische Argumente gegen Ereignisse aufzufahren, die nicht in den Mainstream passen. Ähnliches geschieht gerade wieder in der Abtreibungsdiskussion.

SPIEGEL: Aids ist eine sexuell übertragbare Krankheit, die jeden treffen kann.

REINISCH: Die amerikanische Fähigkeit, über Sex zu sprechen, ist nicht sehr ausgeprägt. In der Aids-Diskussion fehlte zudem jede historische Perspektive. Es ist erst 50 Jahre her, daß wir die Syphilis in den Griff bekommen haben, eine Geschlechtskrankheit, die 500 Jahre als unheilbar galt. Auch die Syphilis beginnt mit unscheinbaren Symptomen, hat eine lange Latenzperiode und endet mit schrecklichen Todesfällen.

Aufgeklärt über die Syphilis wurden die Amerikaner erst, als die Krankheit geheilt werden konnte, da wurde den Leuten gesagt, es gebe den Wassermann-Test, mit dem die Krankheit rechtzeitig entdeckt werden konnte. Zuvor hieß es: Nur böse Menschen kriegen Syphilis.

SPIEGEL: Bei Aids heißen diese bösen Menschen nun Schwule, Fixer, Haitianer, Swinger oder Bisexuelle?

REINISCH: Alle, die nicht mit dem Ziel miteinander ins Bett gehen, junge Amerikaner zu zeugen.

SPIEGEL: Demnach hätte sich seit 50 Jahren in der amerikanischen Einstellung zur Sexualität nichts geändert.

REINISCH: Doch. Es gab zwei große Veränderungen, die allerdings nicht revolutionär, sondern evolutionär zustande kamen: Die Zahl der vorehelichen sexuellen Kontakte ist dramatisch angestiegen und zweitens, damit verbunden, die Zahl der Sex-Partner. In den Zeiten von Kinsey, also bis in die fünfziger Jahre, sammelte nur etwa jeder zweite Amerikaner sexuelle Erfahrungen vor der Ehe, heute sind es bis zu 95 Prozent.

SPIEGEL: Wie viele verschiedene Partner haben amerikanische Männer und Frauen durchschnittlich im Verlaufe ihrer sexuell aktiven Lebensjahre?

REINISCH: Für heutige Erwachsene läßt sich das nicht genau sagen. Wir haben im Frühjahr 1988 in einer Kleinstadt im Mittelwesten rund 800 College-Studenten befragt. Sie waren durchweg weiße Amerikaner, durchschnittlich 22 Jahre alt, protestantisch, politisch gemäßigt und - nach eigenen Angaben - überwiegend heterosexuell orientiert. Zum Zeitpunkt der Befragung waren sie zwischen vier und sechs Jahren sexuell aktiv gewesen. In dieser Zeitspanne hatten die jungen Männer durchschnittlich acht, die jungen Frauen sechs verschiedene Partner . . .

SPIEGEL: . . . mit denen sie, um sich gegen Aids zu schützen, die angeratenen Safer-Sex-Vorkehrungen trafen?

REINISCH: Keineswegs. Mehr als 80 Prozent der befragten Heteros verhielten sich, im Hinblick auf übertragbare Geschlechtskrankheiten und HIV-Infektionen, ziemlich riskant, indem sie vaginal und/oder anal miteinander verkehrten. 30 Prozent der Befragten hatten bei ihrem jeweils letzten Sex-Kontakt kein Kondom benutzt. Die Folge war, daß mehr als jeder fünfte der Befragten eine Geschlechtskrankheit hatte. Zudem erklärten 3 Prozent der befragten jungen Männer, die sich als heterosexuell eingestuft hatten, sie hätten auch mit einem Mann anal verkehrt.

SPIEGEL: Lassen sich die Ergebnisse dieser Umfrage auf die amerikanische Durchschnittsbevölkerung übertragen?

REINISCH: Sicher nicht exakt. Immerhin wissen wir aus anderen Untersuchungen, daß 39 Prozent der erwachsenen Frauen mindestens einmal penilanalen Geschlechtsverkehr, wie wir das nennen, hatten und sich damit hoch riskant verhielten.

SPIEGEL: Was haben, im Jahre zwölf von Aids, die Aufklärungskampagnen bewirkt?

REINISCH: Weder die Aids-Bedrohung selber, über die sich die College-Studenten immerhin besorgt zeigten, noch die bisherige Aufklärung und Erziehung haben die erhofften Ergebnisse erzielt.

SPIEGEL: Sind die Kampagnen falsch konzipiert worden?

REINISCH: Sein sexuelles Verhalten zu ändern fällt dem Menschen ähnlich schwer wie die Änderung seiner Essensgewohnheiten. Man muß nicht rauchen, um zu leben, aber man muß essen. Ebenso ist Sex ein enorm wichtiger Bestandteil unseres Lebens, für Schwule ebenso wie für Heteros.

SPIEGEL: In Aids-Hochburgen wie in San Francisco scheint den Schwulen eine Verhaltensänderung gelungen, dort gingen die Neuinfektionsraten zurück.

REINISCH: Sicher, aber auch nur in den Kerngruppen der Schwulen, die früh und besonders heftig von der Seuche getroffen wurden. Historisch gesehen, hat nicht einmal die Todesstrafe Menschen davon abbringen können, ein sexuelles Verhalten, das von den allgemein akzeptierten Normen abwich, zu ändern.

SPIEGEL: Haben Sie jede Hoffnung verloren, daß die Geschlechtskrankheit Aids über eine umfassende Verhaltensänderung in der Gesellschaft gebremst werden kann?

REINISCH: Noch nicht. Doch so, wie das bisher angegangen wurde, geht es nicht. Wir müssen die Kinder ansprechen, solange sie noch auf uns Erwachsene hören, im Kindergarten und in der Grundschule etwa. Wenn die Kinder erst einmal 13 Jahre alt sind, ist es zu spät, dann richten sie ihr Verhalten an Gleichaltrigen oder Älteren aus. Die Warnungen der Erwachsenen rufen nur Schuldgefühle hervor, aber stoppen lassen sich Heranwachsende dadurch nicht.

SPIEGEL: Die neuesten WHO-Zahlen belegen, daß die Seuche deutlich aus den Risikogruppen ausbricht und auf Heterosexuelle überzuschwappen beginnt. Nicht nur in afrikanischen Städten, auch in New York beispielsweise ist Aids in einigen Bevölkerungsgruppen mittlerweile die Haupttodesursache unter jungen Frauen. Gibt es geeignete Erziehungsmodelle auch für Erwachsene?

REINISCH: Jede Minoritätengruppe muß unterschiedlich angesprochen werden. Ein Afro-Amerikaner ist von der Notwendigkeit einer Kondombenutzung nur zu überzeugen, wenn man ihn auf die Auswirkung seiner möglichen Aids-Erkrankung auf seine Mutter hinweist. Bei einem US-Bürger lateinamerikanischer Herkunft hingegen muß man auf seine Kinder abheben.

SPIEGEL: Wie erreichen Sie den weißen angelsächsischen protestantischen Amerikaner, den typischen Wasp?

REINISCH: Das ist ein großes Problem. Wir können von den Schwulen, beispielsweise aus San Francisco, lernen und ihre Safer-Sex-Erfahrungen vielleicht auf andere Gruppen übertragen. Allerdings: Während die meisten Partner von Schwulengemeinschaften wenigstens über ihre Sexualität zu sprechen bereit sind, findet im US-Heterobereich Kommunikation kaum statt. Sex ist mit vielen Tabus behaftet und eine hochprivate Angelegenheit. Aids hat daran kaum etwas geändert, abgesehen einmal davon, daß die Leute sich mehr Sorgen machen.

SPIEGEL: Wann können Programme zur Eindämmung der Aids-Epidemie in Amerika greifen?

REINISCH: Wenn keine wirksamen Impfstoffe und Medikamente entwickelt werden und wir auf eine Änderung des sexuellen Verhaltens angewiesen bleiben, wird es sicher 50 Jahre dauern.

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