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»Wir lassen uns nicht kaufen«

aus DER SPIEGEL 51/1990

SPIEGEL: Herr Präsident, der Jemen hat im Weltsicherheitsrat gegen das Ultimatum an den Irak gestimmt, das den Abzug aus Kuweit bis zum 15. Januar verlangt - warum?

SALIH: Allen vorherigen Resolutionen des Sicherheitsrats gegen den Irak hatten wir zugestimmt, diese aber konnten wir nicht bejahen. Denn wir möchten keinem Beschluß zustimmen, der zum Krieg führt.

SPIEGEL: Meinten Sie, damit einen Krieg am Golf verhindern zu können?

SALIH: Natürlich wissen wir, daß letztlich nicht unser Nein darüber entscheidet, ob es um Kuweit Krieg geben wird oder nicht. Aber als arabisches Land können wir keine Entscheidung mittragen, die zum Krieg gegen ein anderes arabisches Land führen kann, und wir wollen alles tun, ihn zu verhindern.

SPIEGEL: Kürzlich war US-Außenminister Baker hier in Sanaa, und vom Sowjetpräsidenten Gorbatschow haben Sie einen persönlichen Brief bekommen - haben die beiden versucht, den Jemen auf Kurs zu trimmen, also zu einem Ja zum Ultimatum im Sicherheitsrat zu bewegen?

SALIH: Natürlich haben beide versucht, uns umzustimmen.

SPIEGEL: Offenkundig vergebens - trotz Zuckerbrot-Angeboten?

SALIH: Unsere Politik richtet sich nach den Grundsätzen arabischer Solidarität. Wir lassen uns nicht kaufen.

SPIEGEL: Waren die 25 Millionen Dollar, die Baker Ihnen geboten haben soll, ein zu dürftiges Geschenk?

SALIH: Wir sind für kein Geld käuflich. Selbst wenn man uns jene vier Milliarden Dollar geboten hätte, die ein Nachbar jetzt einer Großmacht in Not spenden will, wären wir nicht bereit gewesen, unseren Standpunkt zu ändern*.

SPIEGEL: Können Sie sich Ihren Stolz denn leisten? Der Jemen hat durch die Golfkrise schon jetzt mehr Schaden erlitten als jedes andere Land, das besetzte Kuweit ausgenommen. Die Hilfsgelder vom Golf bleiben aus, Ihre Raffinerie in Aden bekommt kein Öl mehr, Touristen haben ihre Reisen storniert.

SALIH: Das alles kann uns nicht in unserer festen Überzeugung beirren, daß unsere Politik richtig ist. Wir werden _(* Saudi-Arabien sagte Ende November der ) _(Sowjetunion einen ) _(Vier-Milliarden-Dollar-Kredit zu. ) unsere Prinzipien auch unter diesem massiven Druck nicht aufgeben. Dabei sind wir nicht so blauäugig, auf Gerechtigkeit zu hoffen - die gibt es sowieso nicht in der Politik, nicht in dieser Krise, auch nicht in der Uno, weder Gerechtigkeit noch Moral oder Vernunft.

SPIEGEL: Das klingt bitter.

SALIH: Schauen Sie, seit dem 2. August haben sich alle Beteiligten zusammen diese Golfkrise 78 Milliarden Dollar kosten lassen. Hätten die Ölscheichtümer nur einen Bruchteil dieser Summe, sagen wir 10 Milliarden, den Irakern gegeben, als sie mit ihnen wegen der Ölverluste verhandelten, wäre es gar nicht erst zu dem Konflikt gekommen.

SPIEGEL: Vielleicht läßt sich ein Krieg ja noch vermeiden - wenn der Aggressor nachgibt.

SALIH: Ach, wem geht es denn wirklich um das, was er vorgibt: das internationale Recht oder die Moral? Es handelt sich vielmehr um handfeste Interessen, politische, wirtschaftliche, militärische. Wo bleiben denn Recht und Moral für das palästinensische Volk? Wo blieb da der eiserne Wille, Beschlüsse des Weltsicherheitsrats unter allen Umständen durchzusetzen? Woher kommt diese geballte internationale Solidarität so plötzlich und ausgerechnet für Kuweit? Wer hat sich denn über Zypern aufgeregt - auch eine Aggression wie die derzeitige. Liegt es vielleicht daran, daß Kuweit Öl hat, auf Zypern aber nur Tomaten wachsen?

SPIEGEL: Wie lange können Sie den De-facto-Boykott Ihrer Nachbarn noch aushalten? Wie werden Sie mit der Million unfreiwilliger Heimkehrer fertig, die Saudi-Arabien in diesen Monaten über die Grenze abgeschoben hat?

SALIH: Die Vertreibung der Jemeniten aus Saudi-Arabien hat, wie Sie wissen müssen, mit der Golfkrise eigentlich gar nichts zu tun.

SPIEGEL: Womit denn?

SALIH: Die Saudis haben längst zugegeben, daß die Krise nur ein Vorwand ist, um andere Rechnungen zu begleichen.

SPIEGEL: Welches Interesse haben denn die Saudis, den Nachbarn Jemen derart zu drangsalieren? Riad versuchte sogar, mit Milliarden-Versprechungen die Wiedervereinigung der beiden Jemen zu verhindern, und möchte wohl auch die Stämme im Norden Ihres Landes wieder gegen die Regierung aufwiegeln.

SALIH: Ich würde auf diese Frage nur allzugern antworten, aber wir haben mit den Saudis ein Gentlemen''s Agreement getroffen, die gegenseitige Kampagne einzustellen. Haben Sie bitte dafür Verständnis, fragen Sie nach allem, nur nicht nach Saudi-Arabien.

SPIEGEL: Am 22. Mai hat sich der Jemen nach langer Zeit oft feindseliger Teilung wieder vereint, wie Deutschland. Und gerade jetzt, da Sie alle Ressourcen für die Bewältigung der damit zusammenhängenden Probleme brauchen, stürzen Sie infolge der Golfkrise, mit der Sie eigentlich gar nichts zu tun haben, wirtschaftlich ab - und das bei gut sieben Milliarden Dollar Auslandsschulden.

SALIH: Diese Krise schweißt uns eher noch stärker zusammen. Das jemenitische Volk ist durch die Ereignisse hellwach geworden und beobachtet sehr genau, wer jetzt gegen den Jemen intrigiert und seine Einheit wieder zerstören möchte. Ohne diesen Konflikt wäre die Einheit womöglich brüchiger . . .

SPIEGEL: . . . und Ihre Gegner könnten wie früher versuchen, die beiden Jemen gegeneinander auszuspielen.

SALIH: Genau das. Das hätte zwar auch nichts gebracht, jetzt aber stehen wir geschlossen da. Es stimmt, daß die Gelder vom Golf nicht mehr fließen, daß wir sieben Milliarden Dollar Schulden haben. Aber wir haben noch sehr große, bislang ungenutzte Ressourcen. Internationale Firmen sind endlich dabei, bei uns nach Öl zu bohren, und es gibt bereits vielversprechende Funde. Bis zum Jahr 2000 werden wir täglich zwei Millionen Barrel Öl fördern. Für unsere eigenen Energiebedürfnisse gibt es riesige Gasfelder.

SPIEGEL: Das alles kann noch dauern.

SALIH: Sicher, und deshalb rechnen wir für die nächsten zwei Jahre auch noch mit großen Schwierigkeiten. Aber danach wird es aufwärtsgehen. Wir sind ein armes, bescheidenes Volk, nicht so verwöhnt wie andere. Wir tun auch unsere Arbeit noch selber, brauchen dazu keine Fremden.

SPIEGEL: Könnte die Feindseligkeit Ihrer Nachbarn gegen den wiedervereinigten Jemen mit Furcht vor einem allzu starken Staat hier an der Südspitze Arabiens zu tun haben?

SALIH: Das kann - keine Namen - durchaus so sein, und dazu mögen Intrigen und Interessen gewisser Geheimdienste kommen, die aus dem vereinten Jemen eine Bedrohung für die Region machen. Das Gegenteil ist richtig: Die endlich erreichte jemenitische Einheit ist keine Bedrohung, sondern ein stabilisierender Faktor für die gesamte Region. Wir haben keinerlei Aggressionsgelüste - gegen niemanden.

SPIEGEL: Aber es gibt eine ungelöste Grenzfrage, bei der es immerhin um ein Gebiet so groß wie ein Drittel des heutigen jemenitischen Territoriums geht. Und dieses Problem steht in spätestens vier Jahren zu einer neuerlichen Entscheidung an.

SALIH: Das ist so, und ich scheue mich jetzt auch nicht, Namen zu nennen: Es geht um die umstrittene Grenze zu Saudi-Arabien*. Die Regierung des vereinten Jemen hat bereits offiziell erklärt, daß sie dieses Problem nicht nur mit Saudi-Arabien allein erörtern, sondern notfalls vor alle geeigneten internationalen Gremien bringen will. Wir haben rechtlich wie historisch begründete Ansprüche auf dieses Territorium, und darüber muß verhandelt werden.

SPIEGEL: Wie ist es so schnell zu der überraschenden Wiedervereinigung des Jemen gekommen? Das schien glatter zu gehen als in Deutschland, obwohl Nord- und Südjemen einander nicht weniger verfeindet gegenüberstanden als Ost- und Westdeutschland.

SALIH: Jedes Land hat seinen eigenen Weg. Wir sind den des Dialogs zwischen Gleichberechtigten gegangen. Ihr habt es anders gemacht, seid mit eurem Geld gekommen und habt den Ostdeutschen gesagt: Jetzt kaufen wir euch, basta. Wir Jemeniten dagegen, im Norden wie im Süden, waren bettelarm.

SPIEGEL: Die Menschen scheinen hier insgesamt zufriedener mit der wiedergewonnenen Einheit als in Deutschland. Hier jammert niemand, was das kostet.

SALIH: Ihr denkt wohl generell mehr ans Geld. Jede Sache hat ihren Preis. Aber welchen Grund sollten die Westdeutschen haben, traurig zu sein? Ihr habt doch für euer Geld ganz Ostdeutschland bekommen. Ist das nicht ein gutes Geschäft?

SPIEGEL: Zurück zum Golfkonflikt - erwarten Sie positive Ergebnisse von den vorgesehenen direkten Gesprächen zwischen den USA und dem Irak?

SALIH: Ich bin sicher, daß sie zu einer Entspannung der Lage beitragen können. Mein Stellvertreter und unser Außenminister sind nach Bagdad geflogen, um mit der irakischen Regierung zu beraten, wie man diese Kontakte zum Erfolg führen könnte. Wir werden, sei es im Sicherheitsrat, sei es in zweiseitigen Gesprächen, dazu beitragen, was wir können.

SPIEGEL: Was glauben Sie zu können?

SALIH: Wir könnten mehr tun, wenn es noch ein arabischer Konflikt wäre, aber es ist längst ein amerikanisch-irakischer geworden. So können wir nur diese beiden Staaten immer wieder drängen, nach einer friedlichen Lösung zu suchen.

SPIEGEL: Und wenn das nicht gelingt?

SALIH: Dann käme es zu einer Katastrophe, für alle. Denn einen Sieger kann es dabei nicht geben. _(* Saudi-Staatsgründer Abd el-Asis hatte ) _(Ende der zwanziger Jahre die ) _(nordjemenitischen Gebiete Dschisan, ) _(Nadschran und Asir besetzt. Seit 1934 ) _(wurde darüber zweimal ein provisorischer ) _(Vertrag mit je 20 Jahren Laufzeit ) _(geschlossen, über den bis 1994 neu ) _(verhandelt werden muß. )

Präsident Salih »Nicht auf Gerechtigkeit hoffen«

Jemenitische Rückkehrer aus Saudi-Arabien: »Alte Rechnungen begleichen«
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Ali Abdallah Salih *

war seit 1978 Präsident der Republik (Nord-)Jemen, seit Mai dieses Jahres herrscht er über den wiedervereinigten Gesamt-Jemen, dem mit 14 Millionen Einwohnern volkreichsten Staat auf der Arabischen Halbinsel. Berufssoldat Salih, 48, in dessen Land es Parteienvielfalt und Pressefreiheit gibt, hat sich den Zorn des feudalistischen Nachbarn Saudi-Arabien zugezogen, der fürchtet, daß die jemenitischen Freiheiten die strengen saudischen Sitten verderben könnten. Zudem weigert sich der Jemen, in die Einheitsfront gegen den Irak einzurücken, und wird deshalb, wie Jordanien, von den Golf-Arabern boykottiert.

* Saudi-Arabien sagte Ende November der Sowjetunion einenVier-Milliarden-Dollar-Kredit zu.* Saudi-Staatsgründer Abd el-Asis hatte Ende der zwanziger Jahre dienordjemenitischen Gebiete Dschisan, Nadschran und Asir besetzt. Seit1934 wurde darüber zweimal ein provisorischer Vertrag mit je 20Jahren Laufzeit geschlossen, über den bis 1994 neu verhandelt werdenmuß.

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