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SPIEGEL Gespräch »Wir Libanesen haben genug geblutet«

Der libanesische Drusenführer Walid Dschumblat über den Libanon, Syrien und Israel *
Von Adel S. Elias
aus DER SPIEGEL 41/1983

SPIEGEL: Walid Dschumblat, das ist so etwa das 180. Waffenstillstands- und Feuereinstellungsabkommen im Libanon. Wann geht der Krieg weiter?

DSCHUMBLAT: Wir hoffen, daß dieses Abkommen endgültig ist. Es bleibt aber zerbrechlich, solange kein Dialog zwischen allen am Konflikt beteiligten Parteien geführt wird.

SPIEGEL: Was soll dieser Dialog denn noch bringen?

DSCHUMBLAT: Eine Versöhnungskonferenz wäre die beste Grundlage, um das Feuereinstellungsabkommen zu sichern und eine neue Verfassung zu schaffen, die alle Libanesen einigt, damit wir aus dem Teufelskreis des dauernden Bürgerkriegs herauskommen.

SPIEGEL: Glauben Sie denn, daß das noch möglich ist? Ihre Miliz wollte ja schon gegen den Präsidentenpalast in Baabda vorrücken. Warum eigentlich haben Sie ihn nicht erobert?

DSCHUMBLAT: Wir sind in starkes Gegenfeuer der Amerikaner geraten, deren starke Flotte sich direkt in den Konflikt eingemischt hat. Nur durch diese direkte Einmischung wurde die libanesische Armee des Präsidenten Amin Gemayel vor der totalen Niederlage durch unsere Milizen gerettet.

SPIEGEL: Und warum wollten Sie partout gegen Beirut vorrücken?

DSCHUMBLAT: Wir wollten die Armee Gemayels nicht in den Schuf-Bergen haben. Denn als seine Truppen in den Schuf vorrückten, kamen auch die Falange-Milizen seines Vaters Pierre Gemayel mit. Dort veranstalteten diese Milizen und die libanesische Armee ein Massaker unter der Zivilbevölkerung.

SPIEGEL: Sie tun der libanesischen Armee unrecht. Nach unseren Informationen waren an diesem Massaker ausschließlich die Falange-Milizen beteiligt. Außerdem klingt der Vorwurf gerade aus Ihrem Munde sehr merkwürdig.

DSCHUMBLAT: Wieso bitte?

SPIEGEL: Sie sind ein Sozialist und humanistisch erzogen. Ihre Zeitung philosophiert über den »Contrat social« von Rousseau. Sie sind einer der Stellvertreter Willy Brandts, des Vorsitzenden der Sozialistischen Internationalen. Aber Ihre Miliz richtete Massaker unter den Christen an, und diese Massaker sind an Grausamkeit kaum zu übertreffen. Wo bleibt der Einfluß des humanistischen Gedankenguts auf Ihre Miliz?

DSCHUMBLAT: Warum kümmern Sie sich so um die Massaker an den Christen?

SPIEGEL: Ihre Miliz hat unschuldige Zivilisten ermordet.

DSCHUMBLAT: Ja, was da geschah, ist abscheulich. Ich verurteile das aufs schärfste. Diejenigen, die es getan haben, habe ich verhaften lassen. Sie werden ihre Strafe erhalten. Aber warum sprechen Sie nicht von den massakrierten Drusen?

SPIEGEL: Natürlich kennen wir auch die Untaten der Christen. Aber in den Schuf-Bergen haben wir mehr als 40 christliche Dörfer gesehen, die dem Erdboden gleichgemacht worden sind.

DSCHUMBLAT: Das ist richtig. Haben Sie aber diese Dörfer gesehen, bevor sie zerstört wurden? Unter der israelischen Besatzung wurden sie von den Falangisten in Wehrdörfer a la Israel verwandelt. Der Führer der Falangisten-Miliz in diesem Gebiet ist der berüchtigte Mörder, der den Sohn des Ex-Staatspräsidenten Frandschieh getötet hat. Haben Sie denn auch unsere Dörfer angeschaut?

SPIEGEL: Natürlich. Etliche sind ebenfalls dem Erdboden gleichgemacht; _(Mit Redakteur Adel S. Elias in seinem ) _(Haus in Damaskus. )

die Falangisten haben eine Politik der verbrannten Erde praktiziert. Aber: In Deir el-Kamar belagert Ihre Miliz christliche Flüchtlinge, die kaum Medikamente, Essen und Trinkwasser bekommen. Was soll mit ihnen geschehen?

DSCHUMBLAT: Ich will, daß sie alle aus Deir el-Kamar verschwinden, mitsamt den falangistischen Kämpfern. Das ist die Lösung.

SPIEGEL: Meinen Sie, nur die Falangisten sollen verschwinden?

DSCHUMBLAT: Nein, nein, alle. Ich will sie dort nicht mehr haben. Sie sollen einfach verschwinden.

SPIEGEL: Die Leute von Deir el-Kamar haben Ihnen nichts getan. Generationenlang haben dort Drusen und Christen zusammengelebt. Es gab nie ernsthafte Streitigkeiten. Warum wollen sie jetzt ein rein drusisches Gebiet haben?

DSCHUMBLAT: In Deir el-Kamar sind viele christliche Vertriebene, die gehören nicht dorthin. Wir haben sie jetzt umzingelt. Jeder, der von woanders herstammt, soll aus Deir el-Kamar verschwinden. Wenn die christlichen Ureinwohner von Deir el-Kamar bleiben wollen, sind sie willkommen.

SPIEGEL: Aber ohne ihre Miliz wären die Christen von Deir el-Kamar ohne Schutz, wären sie der drusischen Miliz ausgeliefert. Wir glauben nicht, daß die Gnade walten ließe, nachdem soviel Blut vergossen ist.

DSCHUMBLAT: Ich schütze sie und verbürge mich hiermit dafür feierlich durch mein Ehrenwort: Wenn die verdammten Falangisten und deren Sympathisanten verschwunden sind, haben die Bewohner von Deir el-Kamar nichts zu befürchten.

SPIEGEL: In diesem Bürgerkrieg gilt ein Ehrenwort nichts mehr, außerdem nutzt es unbewaffneten Zivilisten sowieso nicht viel. Sie müßten schon Garantien geben. Wie stellen Sie sich das vor?

DSCHUMBLAT: Wir verhandeln mit dem Internationalen Roten Kreuz, und wir reden darüber mit den Amerikanern. Die Falangisten sind Fremdlinge. Sie haben in unserem Gebiet nichts verloren.

SPIEGEL: Die Schuf-Berge waren das beste Beispiel für die Ko-Existenz von Drusen und Christen im Libanon. Der frühere christliche Staatspräsident Camille Schamun stammt aus Deir el-Kamar. Er war lange Zeit mit Kamal Dschumblat, Ihrem Vater, befreundet. Christliche und drusische Familien haben untereinander geheiratet. Und plötzlich dieser teuflische Krieg zwischen Christen und Drusen. Wie konnte es dazu kommen?

DSCHUMBLAT: Das stimmt, unsere Beziehungen waren ausgezeichnet. Aber diese Idylle wurde zerstört, als die Falangisten unter dem Schutz der Israelis in dieses Gebiet einrückten.

SPIEGEL: Schamun ist aber der Präsident der christlichen Libanesischen Front. Warum hat er seinen Verbündeten, den Falangisten, nicht verboten, in die Schuf-Berge vorzudringen?

DSCHUMBLAT: (lacht) Schamun? Daß ich nicht lache. Fragen Sie ihn doch, das lohnt sich. Nach dem Massaker von Safra, wo Schamuns Tiger-Milizen von den Milizen Gemayels geschlachtet wurden, ist Camille Schamun heilfroh, daß er noch am Leben ist.

SPIEGEL: Und warum haben Sie keinen einzigen Schuß abgefeuert, als die Israelis in Ihren Schuf einmarschierten? Ihre Milizen schauten damals zu, als ob ein spannender Kriegsfilm liefe.

DSCHUMBLAT: Das ist ein Vorwurf von Arafat, ich habe ihn im SPIEGEL gelesen. Deshalb antworte ich Arafat im SPIEGEL und frage ihn: »Warum hast du im Süden des Libanon nicht gegen die Israelis gekämpft?«

SPIEGEL: Warum, glauben Sie, hat er nicht?

DSCHUMBLAT: Weil Arafats PLO meinte, es handele sich nur um eine beschränkte Aktion der israelischen Armee. Deshalb zog Arafat seine besten Truppen aus dem Süden ab, um sie zu schonen.

SPIEGEL: Sie haben die Frage noch nicht beantwortet, warum Sie den Israelis in Ihrem Gebiet keinen Widerstand geleistet haben?

DSCHUMBLAT: Der Schuf ist ein kleines Gebiet. Sie kamen mit mehr als _(1982 nach einer Pressekonferenz in ) _(Paris. )

100 000 Soldaten. Ich habe nur eine Miliz. Sie aber haben Panzer, Kanonen, Flugzeuge und ihre Marine. Ich konnte nichts gegen sie ausrichten.

SPIEGEL: Dennoch: Ist es nicht seltsam, daß Sie gegen die Israelis nicht gekämpft haben und nicht kämpfen, aber den Krieg gegen die Falangisten und die libanesische Armee fortsetzen?

DSCHUMBLAT: Es gibt im Süden einen nationalen Widerstand gegen die Israelis, der ihnen dort das Leben zur Hölle macht. Arafat ist daran aber nicht beteiligt. Er soll lieber den Mund halten und nicht noch weiter lügen. Wenn er behauptet, er sei an den Schlägen beteiligt, die den Israelis im Südlibanon versetzt werden, ist er schlicht ein Lügner. Im Süden befindet sich kein einziger Arafat-Kämpfer.

SPIEGEL: Ihre militärischen Erfolge haben Sie - laut Arafat - nur Arafats Kämpfern zu verdanken. Ohne sie hätten Sie den Schuf nicht so leicht stürmen und halten können.

DSCHUMBLAT: Er lügt wieder. Der Mann besteht nur aus Lügen. Kein einziger Palästinenser war in unseren Reihen. Wir wollen auch gar nicht, daß sich seine Kämpfer in die inneren Angelegenheiten des Libanon einmischen. In meinem Kampf gegen die Falangisten und die libanesische Armee brauche ich keine Palästinenser.

SPIEGEL: Die Falangisten behaupten, der Krieg im Libanon sei ein Krieg zwischen Moslems und Christen, die christliche Minderheit müsse sich gegen die moslemische arabische Welt behaupten. Längst hat der Krieg aber ganz andere politische Dimensionen angenommen: US-Kriegsschiffe kreuzen vor der libanesischen Küste, moderne russische Raketen sind in Syrien stationiert, der Libanon liegt dazwischen. Wird der Krieg im Libanon zu einem Ost-West-Konflikt?

DSCHUMBLAT: Die Falangisten haben viele Thesen über den Krieg im Libanon. Eine war - wie Sie sagten -, es sei ein Krieg der Moslems gegen die Christen. Sie wollen damit die Christen zum Kampf gegen die Moslems mobilisieren. Nun kommen sie und behaupten, die Falangisten kämpften gegen die kommunistische Internationale auf der Seite der sogenannten freien Welt.

SPIEGEL: Sie können doch nicht leugnen, daß der Ost-West-Konflikt Auswirkungen auch auf Nahost hat.

DSCHUMBLAT: Hören Sie, der Konflikt im Libanon ist entstanden, weil wir ein bestimmtes System hatten, das man oft den libanesischen »way of life« nannte. Die Falangisten aber versuchten, alle Schlüsselpositionen im Staat zu übernehmen, in Armee, Polizei und Verwaltung. Sie wollten ein faschistisches System etablieren.

SPIEGEL: Die neue Konstellation sieht doch etwa so aus: Auf der einen Seite steht Präsident Amin Gemayel mit Vater, hinter ihm die amerikanische

Flotte. Auf der anderen Seite stehen Sie, hinter Ihnen Syrien und hinter Syrien die Sowjet-Union. Stimmt es so oder nicht?

DSCHUMBLAT: Die direkte amerikanische Einmischung im Konflikt des Libanon gegen uns ermuntert Frankreich ebenfalls, gegen uns vorzugehen. Französische Flugzeuge haben unsere Stellungen bombardiert. Die Italiener und die Engländer halten sich bis heute noch heraus. Die USA aber scheinen bis heute noch entschlossen zu sein, auf der Seite von Amin Gemayel zu kämpfen. Ich wünsche mir, Amerika setzte sich für eine nationale libanesische Versöhnung ein. Das wäre besser für Amerika und für uns.

SPIEGEL: Die USA tun es in gewisser Weise ja: Das letzte Abkommen zur Feuereinstellung wäre nicht zustande gekommen, wenn Washington nicht Druck auf Gemayel ausgeübt hätte.

DSCHUMBLAT: Washington hat keinen Druck ausgeübt, Washington hat nur eine Rolle gespielt.

SPIEGEL: Amin Gemayel sagt, zwischen ihm und Ihnen gebe es kein Problem, das man nicht in fünf Minuten lösen könne. Aber leider stünden eben die Syrer hinter Ihnen.

DSCHUMBLAT: Was er sagt, hat keinerlei Logik. Der Konflikt im Libanon dauert schon acht Jahre. Wie könnten wir ihn in fünf Minuten lösen? Wie will er denn die sozio-ökonomischen und die sozio-politischen Probleme in fünf Minuten lösen? Hat er denn einen Stock wie Mose?

SPIEGEL: Als Gemayel zum Staatspräsidenten gewählt wurde, haben Sie sich mit ihm offenbar noch verstanden. Sie haben sich in Paris getroffen und sich geküßt. Damals sprach man vom libanesischen »way of life«. Nun aber schlagen Sie aufeinander ein.

DSCHUMBLAT: Als Präsident verfolgte Gemayel eine falsche Politik nach

dem Motto »Befreiung vor Versöhnung«. Das war falsch. Weder ist das Land befreit, noch haben wir uns versöhnt.

Zur Versöhnung hat er nichts beigetragen. Denn was er unter Versöhnung versteht, ist die Machtergreifung der Falangisten im Staat. Saib Salam, der frühere sunnitische Premierminister und vor kurzem noch der Verbündete von Gemayel, sagte: »Wir können noch nicht einmal einen Portier oder einen Polizisten in diesem Staat einstellen, denn darüber entscheiden nur die Falangisten.« Die libanesische Armee wurde von den Offizieren und Unteroffizieren bis zum einfachen Soldaten falangisiert.

SPIEGEL: Walid Dschumblat, Sie wirken fast schon surrealistisch: Sie sind ein Druse, Sohn einer feudalen Familie, aber Sozialist. Sie sind ein glühender nationalistischer Araber, aber Sie wollen einen eigenen Libanon. Als die Israelis sich im September ein Stück zurückzogen, rückten Sie mit Ihren Milizen in das Gebiet ein, aber Ihre Miliz feuerte nicht auf die abziehenden Israelis, sondern auf Ihre libanesischen Mitbürger, die Falangisten. Ist das die Kultur des berühmten, zivilisierten Libanon? In diesem Krieg haben eigentlich beide Parteien bewiesen, daß sie dieses Land zerstören wollen.

DSCHUMBLAT: Sie haben recht, dieser Krieg hat bewiesen, daß wir zwar Französisch und Englisch hervorragend sprechen, daß in uns aber eine Bestie steckt. Wir haben in unseren Dörfern friedlich gelebt. Da kamen die Israelis, und unter dem Schutz der Israelis kamen die Falangisten in unser Gebiet. Sie haben uns über ein Jahr lang belagert. Als sich die Israelis zurückzogen, gab es keinen Schutz mehr für die Falangisten ...

SPIEGEL: Also: Die Israelis kamen mit den Falangisten zu Ihnen, um Sie zu unterwerfen. Plötzlich aber zogen sie wieder ab und ließen die Falangisten allein in den Schuf-Bergen. Was für ein Spiel wurde hier getrieben?

DSCHUMBLAT: Die Israelis und ihre Verbündeten hatten geglaubt, die Falangisten seien nun mächtig genug, uns total zu unterwerfen. Wir ahnten das, und wir haben nicht geschlafen. Seit dem Einmarsch der Israelis haben wir uns auf den Tag X vorbereitet. Wir haben neue Verbündete gesucht und gefunden. Und wenn Sie die Geschichte der sogenannten falangistischen militärischen Siege nachlesen, werden Sie feststellen: Die Falangisten haben noch keine einzige Schlacht gewonnen. Nicht einmal in Tall el-Saatar. Dort hielten sie das palästinensische Flüchtlingslager 55 Tage lang eingeschlossen, erst danach konnten sie es stürmen und das Massaker veranstalten. Die Falangisten sind nur Meister im Veranstalten von Massakern.

SPIEGEL: Wenn das so ist, warum haben Sie dann neue Verbündete gesucht und gefunden, nämlich die Syrer. Die Falangisten sagen, Syrer hätten 1977 Ihren Vater ermordet. Und Sie besäßen keine Ehre, weil Sie mit den Mördern Ihres Vaters zusammenarbeiteten.

DSCHUMBLAT: Ich möchte die Falangisten nur an 1976 erinnern. Damals brachte unsere Front mehr als 80 Prozent des libanesischen Gebietes unter unsere Kontrolle. Die Falangisten liefen wie geprügelte Hunde herum und liefen sogar bis nach Damaskus, um dort um Hilfe zu betteln. Amin Gemayel sollte nicht vergessen, daß damals die syrische Armee kam, um die Falangisten zu retten. Er aber schlief die ganze Nacht. Als die syrischen Panzer an seinem Haus in El-Matten vorbeirollten, hatte er noch nicht einmal Zeit, seinen Schlafanzug auszuziehen. Er lief auf die Straße und streute Reis und Blumen auf die syrischen Panzer. An demselben Tag wurden Massaker an uns verübt.

SPIEGEL: Wenn man Sie so reden hört, hat man den Eindruck, daß der Krieg im Libanon ein Krieg zwischen Feudalherren ist. Jeder will sein Gebiet auf das des anderen ausdehnen.

DSCHUMBLAT: Es ist nicht zu leugnen, daß tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten bestehen.

SPIEGEL: Sie nennen das Meinungsverschiedenheiten? Worin sind sich denn die Libanesen überhaupt einig?

DSCHUMBLAT: Wir streiten im Grunde über die Identität des Libanon. Ist der Libanon ein arabisches Land oder nicht? Wir wollen eine Reform des politischen Systems im Libanon.

SPIEGEL: Was wollen Sie genau? Die Verfassung ändern? Eine neue Verfassung? Eine Föderation der Konfessionen im Libanon?

DSCHUMBLAT: Ja, all das muß geändert werden. Wir betrachten Gemayels Regime als ein Minderheitsregime, eine Art von Apartheids-Regierung. Die Verfassung von 1943 wurde zwischen einem verkalkten Maroniten und einem bürgerlichen Sunniten ausgehandelt und ausgearbeitet. Wir fordern eine politische Reform des Systems im Libanon und die Abschaffung des Konfessionalismus als politisches System. Denn dieser Konfessionalismus hat das Land in religiöse Gemeinschaften zerstückelt und einen nationalen Konsens verhindert.

SPIEGEL: Geht der Konflikt nicht noch tiefer? Zwischen den westlich beeinflußten Christen und den arabisch orientierten Moslems besteht doch eine so tiefe Kluft, daß von einem nationalen Konsens keine Rede sein kann.

DSCHUMBLAT: Ja, die christlichen Maroniten haben von den westlichen, besonders den französischen Missionaren, von deren Schulen und Universitäten profitiert. Das begann schon, als Napoleon Bonaparte seinen Feldzug gegen Ägypten unternahm. Dadurch wurde einer Gruppe im Libanon eine völlig andere Kultur vermittelt. Das ist um so erstaunlicher, weil es keinen wesentlichen Unterschied gibt in der Mentalität und Denkweise zwischen einem drusischen und einem maronitischen Bauern in den Bergen des Libanon. Beide tragen die Pluderhosen, beide sind von der Zivilisation unverdorben.

SPIEGEL: Aber die Christen sprechen lieber Französisch, die Moslems

Arabisch, was aber kein Grund sein sollte, sich gegenseitig abzuschlachten.

DSCHUMBLAT: Natürlich, philosophisch gesehen ist es kein Grund. Aber diese Exzesse, diese kulturellen Widersprüche wurden in der Tat durch verschiedene Lern- und Erziehungsprozesse verursacht. Bis zum heutigen Tag haben wir kein nationales Erziehungssystem in Schule und Universität. Unsere Zugehörigkeit ist durch die Konfession oder die Familie bestimmt. Wir sind kein Volk im nationalen Sinn. Wir haben das Problem noch nicht gelöst.

SPIEGEL: Wie wollen Sie es lösen?

DSCHUMBLAT: Geben Sie dem Libanon ein nationales Geschichtsbuch, dann werden Sie von mir ein libanesisches Volk bekommen.

SPIEGEL: Mit anderen Worten: Die Lösung des Libanon-Problems steht in den Wolken.

DSCHUMBLAT: Ja, das ist bedauerlich. Wir haben nur provisorische Lösungen, Beruhigungsmittel. Eine grundsätzliche Lösung gibt es nicht.

SPIEGEL: Angenommen, ein Wunder geschähe: Die Politiker des Libanon säßen an einem runden Tisch und versuchten, zu einem Dialog zu kommen, um den Libanon zu retten. Die Falangisten würden doch sogleich zu Ihnen sagen: Wir sind das Volk des Libanon. Wir haben mit den Syrern und Palästinensern nichts zu schaffen. Uns interessiert es nicht, was mit den Arabern geschieht. Wir wollen nur unseren Libanon haben.

DSCHUMBLAT: Dann würde ich sie fragen: Wie können wir wirtschaftlich ohne unsere Nachbarn leben, ohne die Syrer und die anderen Araber? Ohne die Araber und ihre Wirtschaft würden die libanesischen Händler immer noch hartgekochte Eier und Gewürze verkaufen. Keine einzige Bank wäre im Libanon entstanden, kein einziges Hotel, keine einzige Straße.

SPIEGEL: Die Falangisten sagen klar, daß sie keinen Krieg gegen Israel wollen. Sie sagen weiter: Syrer und Israelis sollten ganz einfach den Libanon verlassen.

DSCHUMBLAT: Moment mal, ist Israel in den Libanon nicht unter dem Vorwand eingedrungen, die Sicherheit des israelischen Nordens zu gewährleisten?

SPIEGEL: Ja. Und Israel wird den Südlibanon wohl kaum verlassen, wenn die Regierung in Beirut die Sicherheit der israelischen Grenze nicht garantiert.

DSCHUMBLAT: Wir werden den Israelis anbieten, nach dem Modell der Golan-Höhen zu verfahren. Uno-Truppen sollten im Südlibanon dieselbe Kompetenz haben wie die Uno-Truppen auf den Golan-Höhen. Ich, Walid Dschumblat, sage hier: Ich werde niemals akzeptieren, daß wir im Südlibanon zu den selben unkontrollierbaren Zuständen zurückkehren, die dort vor der Invasion

der Israelis herrschten. Das heißt: Im Südlibanon wird keinerlei palästinensische Präsenz geduldet.

SPIEGEL: Sie werden also den Palästinensern auch nicht erlauben, von libanesischem Gebiet aus gegen Israel zu kämpfen? Haben wir Sie richtig verstanden?

DSCHUMBLAT: Genau, Sie haben mich richtig verstanden. Wir werden nur noch im Rahmen einer global-arabischen Strategie gegen Israel kämpfen. Wir stehen auf der Seite der Palästinenser in ihrem gerechten Kampf. Aber wir Libanesen haben für die palästinensische Sache genug geblutet. Der Libanon liegt im Sterben. Wir brauchen Versöhnung, wir müssen das Land wiederaufbauen.

SPIEGEL: Da gibt es doch ein Abkommen zwischen Israel und dem Libanon. Warum erkennen Sie es nicht an?

DSCHUMBLAT: Dieses unglückliche Abkommen, das Amin Gemayel und die Amerikaner ausgehandelt haben, teilt den Libanon, anstatt ihn zu einen. Deshalb sage ich eindeutig: Dieses Abkommen muß widerrufen werden.

SPIEGEL: Und warum?

DSCHUMBLAT: Weil es den Israelis erlaubt, einen großen Teil des Libanon unter ihre Kontrolle zu bringen, weil es Israel das Recht gibt, bewaffnete Elemente auf libanesisches Gebiet zu verfolgen. Das ist die Zerstörung der libanesischen Souveränität. Denn damit räumt man wiederum Syrien indirekt ein, seine eigenen Sicherheitsinteressen im Libanon wahrzunehmen. Wenn das Abkommen in Kraft tritt, bleibt vom Libanon nicht mehr viel übrig. Das aber wäre eine Bedrohung auch für Syrien und dessen Sicherheit. Und Syrien hat ein Recht auf seine Sicherheit.

SPIEGEL: Aber ohne ein Abkommen wird Israel den Südlibanon nie räumen. Wie wollen Sie die Israelis denn sonst aus dem Libanon bringen?

DSCHUMBLAT: Na und? Israel hat nicht zum erstenmal ein Land besetzt und sich nicht mehr daraus zurückgezogen. Wichtig für uns ist, daß wir zu einem nationalen Konsens für unser Volk kommen, das in Frieden und Sicherheit leben will.

SPIEGEL: Bis Sie das erreichen, brauchen Sie Generationen. Unterdessen bleibt der Südlibanon abgetrennt.

DSCHUMBLAT: Der Süden des Libanon ist so oder so verloren. Man soll ja nicht denken, wir brauchten nur ein Papier zu unterschreiben, und wie durch Aladins Wunderlampe wäre der Süden zum Libanon zurückgekehrt. Wenn Israel mit der Judaisierung des Jordan-Westufers und des Gazastreifens fertig ist, wird es sofort mit dem Bau von Siedlungen im Südlibanon beginnen. Und dann wird das Problem des Libanon ein Teil des größeren Nahostproblems.

SPIEGEL: Angenommen, die Regierung würde das Abkommen zwischen Israel und dem Libanon widerrufen,

aber mit dem gleichen Atemzug auch den Abzug der Syrer verlangen. Wären Sie mit einem Abzug Ihrer syrischen Freunde einverstanden?

DSCHUMBLAT: Wenn das Abkommen zwischen Israel und dem Libanon widerrufen ist und die Israelis sich aus dem Libanon zurückziehen, gibt es keinen Grund mehr, daß die Syrer im Libanon bleiben. Dann werde ich die Syrer auffordern, den Libanon zu verlassen. Auch die multinationalen Streitkräfte sollen sich aus dem Libanon zurückziehen, weil sie Partei ergriffen haben. Das akzeptieren wir nicht. Sie sollen aus dem Libanon verschwinden.

Frankreich etwa führt gegen uns Drusen und gegen mich einen Kreuzzug. Mir scheint, daß Frankreich die schmähliche Niederlage in Syrien nicht vergessen kann, die es gegen uns Drusen 1925 erlitten hat.

SPIEGEL: Vor kurzem haben Sie eine Zivilverwaltung in Ihrem Gebiet ausgerufen. Ist das nicht der erste Schritt zur endgültigen Teilung des Libanon? Wollen Sie Ihr Gebiet für sich allein haben?

DSCHUMBLAT: Unsinn. Wir haben keine Schulen, sie sind im Bürgerkrieg zerstört. Wir haben keine Straßen, wir haben kein Wasser und keinen Strom. Was wir gemacht haben, geschah nur, um die Menschen in diesem Gebiet zu versorgen.

SPIEGEL: Präsident Gemayel sagt, das sei nichts anderes als Spaltung. Sie wollten der absolute Herrscher in diesem Gebiet sein.

DSCHUMBLAT: Amin Gemayel hat Angst. Bevor er aber mir solche Vorwürfe macht, sollte er sich gefälligst im Gebiet der Miliz seines Vaters umschauen. Die rekrutiert junge Leute mit Gewalt. Die Falangisten erheben Steuern, üben die Rechtsprechung und Polizeihoheit aus, verwalten Häfen und Zölle, kontrollieren die Straßen, die Presse und den Rundfunk. Sie verfügen über eine eigene Miliz und lehnen es strikt ab, die libanesische Armee zuzulassen. Sie führen die Zivilverwaltung ganz allein, sie sind ein Staat im Staate geworden. Was ich gemacht habe, ist weit entfernt von dem, was in den Gebieten der Falangisten praktiziert wird.

SPIEGEL: Sie waren in der Kaserne Hammana, zusammen mit rund 600 rebellierenden drusischen Offizieren und Soldaten der libanesischen Armee. Wollen Sie auch noch die libanesische Armee spalten?

DSCHUMBLAT: Das stimmt nicht. Die Soldaten und Offiziere weigern sich nur, Befehle entgegenzunehmen, die eindeutig gegen libanesische Bürger gerichtet sind. Diese Soldaten und Offiziere wollen nicht mehr auf uns schießen. Sie sind weder eine Vorhut für meine Armee, wie Präsident Gemayel behauptete, noch meine Sympathisanten. Weitere Offiziere und Soldaten werden meutern, wenn Gemayel versuchen sollte, die libanesiche Armee abermals gegen uns einzusetzen.

SPIEGEL: Das Abkommen über die Feuereinstellung ist also doch zerbrechlich?

DSCHUMBLAT: Von meiner Seite werde ich mich an die Feuereinstellung halten. Wenn Präsident Gemayel aber noch einmal versucht, mit Gewalt in die Schuf-Berge einzudringen, ist die Feuereinstellung zum Teufel.

SPIEGEL: Walid Dschumblat, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*KASTEN

Walid Dschumblat *

ist Bey (Fürst) der Drusen im Libanon, der einzige Araberführer des Landes, der auf Syrien setzt, zugleich aber auch gute Beziehungen zu Israel unterhält. Mit Widersprüchlichem pflegte Dschumblat, 36, stets zu verblüffen. Als Amerikas Flotte die Stellungen seiner Drusen im Schuf-Bergland beschoß, schickte er Frau und Kind zu einem Krankenhausaufenthalt in die USA. Obwohl er der Behauptung nie widersprach, daß es Syrer waren, die 1977 seinen Vater Kamal Dschumblat ermorden ließen, lebt er zeitweise in einer feudalen Villa in Damaskus. Walid Dschumblat, früher als Lebemann in Verruf, baut sich zu einer der wichtigsten politischen Figuren des Libanon auf. Sein Vater half 1943 den libanesischen Staat aufzubauen, der Sohn könnte jene anführen, die ihn zerschlagen.

Mit Redakteur Adel S. Elias in seinem Haus in Damaskus.1982 nach einer Pressekonferenz in Paris.

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